Die problematischen Viktorianer & wie wir mit ihnen umgehen

"Hylas und die Nymphen - John William Waterhouse, 1896
Bis vor Kurzem hing "Hylas und die Nymphen" von John William Waterhouse, entstanden im Jahr 1896, in der Manchester Art Gallery. Jetzt ist das Bild weg. Stattdessen wird Platz für Kommentare der Museumsbesucher gelassen, denn mit der Aktion soll eine Diskussion über die Darstellung des weiblichen Körpers in der Kunst angeregt werden. Kuratorin Clare Gannaway möchte, dass wir uns Gedanken machen: Wie sollen solche Bilder heutzutage rezipiert und ausgestellt werden? Sollte man dem Betrachter nicht bewusst machen, dass sich auch in viktorianischer Kunst das zweischneidige viktorianische Frauenbild finden lässt, das man nicht einfach so hinnehmen darf? Sie will "die viktorianische Fantasie herausfordern" (x) - und tut das auf eine Weise, die viele Menschen für sehr fragwürdig halten. Es ist nicht das erste Mal in den letzten Monaten, dass wir darüber diskutieren, was Kunst eigentlich darf und nicht darf, denn laut eigener Aussage ist das Abhängen des Waterhousegemäldes selbst Teil einer Kunstaktion der Künstlerin Sonia Boyce, die in Verbindung mit der #metoo-Bewegung steht. Man will Aufmerksamkeit schaffen für soziale Missstände, Misogynie in moderner und viktorianischer Kunst, bis heute andauernde Ungleichheiten in unserer Gesellschaft. Und das ist auch längst überfällig. Aber diesen Ansatz halte ich - als Historikerin und Feministin - für falsch.

MÄRCHENKUNST & SPÄTROMANTISCHE FANTASIEN

Was ist jetzt überhaupt so schlimm an Waterhouses "Hylas und die Nymphen"? Für Gannaway liegt das Problem in der Darstellung von (nackten) Frauenkörpern als bloße dekorative Elemente, oder als verführerische femme fatale - sie kreidet das viktorianische Frauenbild an, die Darstellung der Frau als entweder liebevolle und vor allem reine, beinahe engelsgleiche Kreatur - oder eben als hinterhältige Bösewichtin, deren Sexualität gefährlich ist. Über diese Problematik habe ich hier auf dem Blog auch schon oft gesprochen. Ich widerspreche Gannaway also keinesfalls, ihre Intentionen mögen gut gewesen sein. Aber ihre Herangehensweise halte ich für den falschen Weg, viktorianische Problematiken zu thematisieren. Sie möchte nicht zensieren, das stellte die Galerie bereits richtig, sie möchte einen Diskurs anregen und das glaube ich ihr auch. Aber ein richtiger Diskurs kann nur entstehen, wenn man offen mit diesen Problematiken umgeht. Wenn man sie anspricht, offen diskutiert und den Menschen, die man erreichen möchte, Informationen an die Hand gibt. Und vor allem darf man das, worüber man spricht, nicht einfach verstecken. "Hylas und die Nymphen" wurde schließlich nicht einfach abgehängt. Es ist auch als Postkartenmotiv aus der Manchester Art Gallery verschwunden, als hätte man alle Spuren tilgen wollen. Und das ist kein Umgang mit Kunst und kein Umgang mit dem Diskurs um viktorianische und moderne Frauenbilder.

Was genau zeigt "Hylas und die Nymphen" denn jetzt, das so anstößig sein soll? Und wer war dieser John William Waterhouse, der das Gemälde geschaffen hat? Waterhouse war, kurz gesagt, ein wichtiger Vertreter der viktorianischen Spätromantik. Sein Markenzeichen waren romantische, märchenhafte Bilder, die Motive aus verschiedenen Mythologien zeigen. "Hylas und die Nymphen" ist ein seit Jahrhunderten beliebtes Motiv aus der griechischen Mythologie. Waterhouses Gemälde ist eins von vielen, das den Moment zeigt, in dem eine Gruppe Wassernymphen den jungen Hylas, seines Zeichens Geliebter des Heracles, entführt. Waterhouse stellt die Nymphen als schöne junge Frauen da, die alles in allem dem Schönheitsideal der späten viktorianischen Ära entsprechen. Und natürlich dem Inbild der femme fatale, der Frau, die einen Mann ins Unglück führt. Es ist nicht abzustreiten, dass das ein beliebtes Motiv Waterhouses war - ich habe hier auf dem Blog selbst schon darüber berichtet - und ja, darüber sollten wir reden. Wir sollten generell mehr über viktorianische Frauenbilder in der Kunst, die wir so lieben, sprechen. Aber der Diskurs, der jetzt um "Hylas und die Nymphen" entsteht, geht am Kern dieser Problematik vorbei, denn viele Befürworter der Aktion stützen sich eben nicht auf das problematische Bild der Frau als Verführerin und Bösewichtin (das auch heute noch durch Kinofilme und Romane geistert), sondern auf die wahrgenommene Sexualisierung dieses Archetyps in viktorianischer Kunst. Die Nymphen in Waterhouses Gemälde sind nackt. Und der Begriff "viktorianische Sexfantasien" fällt im Moment links und rechts.

Ist "Hylas und die Wassernymphen" das? Eine viktorianische Sexfantasie? Eine erotische Objektifizierung junger Frauen? Das finde ich einen sehr zweifelhaften Ansatz und das ist auch ein Grund, warum die Aktion in meinen Augen nach hinten losgegangen ist. Es reicht nicht, ein Bild abzuhängen und zu sagen "Dieses Bild stellt zweifelhafte viktorianische Werte dar, deshalb ist es jetzt erstmal weg", denn der Laie, und das sind die meisten Museumsbesucher ja, wird nicht verstehen, was genau denn jetzt das Problem sein soll. Er weiß nicht, dass die mit "Hylas und die Wassernymphen" dargestellte Nacktheit im viktorianischen Zeitgeist keine allzu sexuelle Natur hatte. Eine sinnliche vielleicht, aber keine explizit erotische. Sie ist sauber, makellos, im viktorianischen Kontext beinahe unerotisch, während für das moderne Auge gerade diese haarlose und makellose Nacktheit ansprechend ist. Aber das ist eben einer dieser kulturellen Unterschiede, die uns von den Viktorianern unterscheiden - und die wir im Kopf behalten müssen, wenn wir über den historischen Kontext viktorianischer Kunst sprechen. Wir können nicht davon ausgehen, dass ein Bild wie "Hylas und die Wassernymphen" für den Viktorianer, der mit viktorianischem Schönheitsideal und viktorianischer Sexualmoral aufgewachsen ist, dieselbe Bedeutung hat, wie für den modernen Betrachter. Und wenn wir diskutieren wollen, welche kulturelle und gesellschaftliche Kraft so ein Bild damals und heute hatte und hat, dann müssen wir den Kontext kennen - und an Betrachter, die ihn nicht kennen, weitergeben.

SCHÖNHEIT & IDEALBILDER - WAS WATERHOUSE IST UND NICHT IST

"Hylas und die Wassernymphen" - Henrietta Rae, 1909
Nicht umsonst hing Waterhouses "Hylas und die Nymphen" bis vor ein paar Tagen in einem Ausstellungsraum mit dem Namen "In Pursuit of Beauty" - "Das Streben nach Schönheit". Waterhouses Nymphen sind das Inbild des viktorianischen Schönheitsideals, sie sind das Inbild des viktorianischen Archetyps der femme fatale und das kann und muss man kritisieren und besprechen - was sie nicht sind, sind viktorianische Sexfantasien oder gar viktorianischer soft porn, wie ich es in vielen Kommentaren gelesen habe. Das sah ganz anders aus. Und da liegt für mich der Punkt, warum es nicht ausreicht - sogar schädlich ist - ein Gemälde einfach abzuhängen und es mit einem "Das machen wir im Namen von Antidiskriminierung, damit ihr über die Darstellung weiblicher Körper in der Kunst nachdenkt" gut sein zu lassen. Denn den allermeisten Menschen fehlt hier der Kontext. Also, ja, sprecht über problematische Darstellungen von Weiblichkeit und weiblicher Sexualität in viktorianischer Kunst. Aber gebt den Leuten den Kontext, den sie brauchen, um überhaupt zu verstehen, was genau ihr anprangert. Die Aktion der Manchester Art Gallery erreicht viele Leute. Und sie hinterlässt bei diesen Leuten den Eindruck, dass "Hylas und die Nymphen" wegen der dargestellten Nacktheit problematisch ist. Dass das Gemälde eine viktorianische, erotische Fantasie ist und deshalb "schmutzig" - über das problematische viktorianische Frauenbild nehmen sie nichts mit. Auch nicht über die strikte viktorianische Trennung von erotischer, sexueller Nacktheit und sinnlicher, als schön verstandender Nacktheit, die mit Sex nicht viel zu tun hat. Ich zitiere mich an dieser Stelle einfach kurz selbst:
Darüber hinaus war ästhetische Nacktheit schon lange kein Tabu mehr. Der Viktorianer an sich erschrickt nicht beim Anblick eines nackten Körpers. Künstlerische Nacktheit ist makellos: Sie zeigt Menschen, die dem Schönheitsideal der Epoche entsprechen. Deshalb wirken nackte Menschen in der Malerei des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts nicht selten künstlich: Sie sind makellos schön, haben keine Körperbehaarung und oft auch keine Geschlechtsmerkmale. Diese Art der Nacktheit kann öffentlich ausgestellt werden, sie ist nicht anstößig. Anstößig hingegen, zumindest im öffentlichen Raum, ist menschliche, reale Nacktheit. Hieraus resultiert zum Beispiel, dass Körperbehaarung für die Viktorianer etwas Erotisches, Anziehendes war. Etwas, das in der Kunst nicht gezeigt werden durfte und zur echten, anstößigen Nacktheit gehörte. (x)

Denn auch Henrietta Rae hat einige Jahre nach Waterhouse "Hylas und die Nymphen" gemalt. Auch ihre Nymphen sind schöne junge Frauen, nackt, nach viktorianischem Frauenbild ideale Schönheiten. Auch sie bedienen das Bild der femme fatale, locken den jungen, ahnungslosen Hylas ins Wasser. Und trotzdem war die englische Malerin viktorianische Feministin, hat andere Künstlerinnen gefördert und es sicherlich nicht auf eine Sexualisierung des weiblichen Körpers angelegt. Auch ihre Nymphen sind durch viktorianische Augen betrachtet keine erotisch-sexuelle Darstellung junger Frauen, keine sexuelle Objektifizierung. Sie sind ein Ausdruck des viktorianischen Verständnisses für Schönheit, genauso wie Waterhouses Nymphen. Und das ist es, was die Spätromantik des ausgehenden Jahrhunderts ausmacht. Das ist es, was Waterhouse, Rae und Kollegen uns zeigen wollten. Und so wurden diese Bilder von ihren Zeitgenossen auch verstanden. Diese Art der künstlerischen Nacktheit war nicht erotisch oder gar pornografisch - erotische Kunst hätte es auch in den wilden 1890ern nicht zur Salonfähigkeit gebracht. Diskutiert viktorianische Frauenbilder und Problematiken, natürlich. Aber tut das nicht mit einem modernen Blick auf viktorianische Kunst, denn das bringt uns nicht weiter. Nehmt viktorianische Kunst als das hin, was sie ist, macht euch mit ihrem historischen Kontext bekannt, klärt über diese Problematiken und darüber, wie sie uns heute noch beeinflussen, auf - aber nicht so.

DAS NACHHINEIN - WAS MAN TUN KANN

"Najade mit schlafendem Hylas" - John William Waterhouse, 1893
Man hätte so viel tun können: Man hätte das Ausstellen von weiblichen viktorianischen Malerinnen, wie Rae, fördern können. Man hätte eine Ausstellung zum Thema gestalten können, die über diese Problematiken und den historischen Kontext aufklärt. Man hätte beliebte, misogyne Thematiken in der viktorianischen Kunst anprangern können, nicht nur die femme fatale, sondern auch die Romantisierung von Motiven wie der Entführung der Helena oder dem Raub der Sabinerinnen. Aber beinahe wahllos eins von vielen ähnlichen Bildern aus der Ausstellung "In Pursuit of Beauty" zu entfernen, das geht nach hinten los. Aus den oben genannten Gründen. Weil es moderne Betrachter beinahe zwingt, den historischen Kontext zu ignorieren. Weil es, trotz gut gemeinter und richtiger Motivation der Kuratorin und der Künstlerin dazu führt, dass viele Menschen den Fokus falsch setzen, nicht verstehen, was genau denn jetzt das Problem sein soll. Und weil es nie die Antwort sein kann, ein Gemälde, das einem aus welchen Gründen auch immer nicht ins Weltbild passt, einfach aus der Sammlung zu entfernen. Das inspiriert keine Debatte - es erstickt jede Debatte im Keim, denn was ich nicht sehen kann, was vor mir versteckt wird, kann ich auch nicht diskutieren. Wir können nicht so tun, als hätte es Waterhouses "Hylas und die Nymphen" nie gegeben. Denn dadurch verschwinden die modernen Auswirkungen des viktorianischen Frauenbildes nicht aus den Köpfen moderner Menschen. Das tun sie nur durch richtige Aufklärungsarbeit.

Nicht aber durch Kunstaktionen, die ein über hundert Jahre altes Gemälde und seine Darstellung von Weiblichkeit mit der #metoo-Bewegung verbinden wollen, was auf so vielen Ebenen einfach nicht funktioniert. Denn am Ende ignoriert dieser Ansatz, dieses "Wir nehmen den Waterhouse aus der Sammlung, weil ein Mann hier nackte Frauen als Symbol für böse weibliche Sexualität gemalt hat" einfach so viel Kontext. Es ignoriert, dass Waterhouse auch junge Männer als schönes, nacktes viktorianisches Idealbild gemalt hat, genauso wie seine Kollegen. Es ignoriert den Ausdruck queerer Thematiken, die sich in vielen spätromantischen Gemälden finden lassen. Es ignoriert den historischen Kontext seiner Entstehung als Teil eines viktorianischen Trends hin zu antiken Mythologien und Thematiken - eine Märchenwelt auf der Leinwand als Reaktion auf die krasse Realität der Industriellen Revolution. Es ignoriert den Kontext der Fixierung auf Schönheit und der Ästhetikbewegung des späten neunzehnten Jahrhunderts.

Und das sind keine Entschuldigungen meinerseits für schädliche Frauenbilder in spätromantischer Kunst. Aber historischer und kultureller Kontext, den Gannaway ja selbst anspricht, ist wichtig. Sie möchte, dass viktorianische Kunst in neuem Licht betrachtet wird, möchte auf Problematiken und schädliche Frauenbilder aufmerksam machen. Das finde ich großartig, all the power to her. Aber ihr Ansatz ist einfach nicht der Richtige. Problematisches verstecken ist niemals ein Weg, um damit umgehen zu lernen. Und ein Publicity Stunt wie dieser, der doch eher Sonia Boyces kommende Ausstellung bewirbt, als eine Diskussion rund um viktorianische Frauenbilder auszulösen, auch nicht.

Was wir mitnehmen können, und weshalb ich diesen Artikel für das Gaiety Girl geschrieben habe, ist vielleicht ein gesünderer Umgang mit den problematischen Viktorianern. Wir müssen offen darüber sprechen, was in viktorianischer Kunst, in viktorianischen Romanen, an viktorianischen Weltbildern problematisch ist. Wir müssen historischen Kontext vermitteln und den Menschen die Chance geben, sich ein informiertes Bild von diesen problematischen Medien zu machen. Wenn wir sie wegschließen und über sie hinwegsehen, wird es uns jedoch nicht gelingen, den Nachhall, den sie bis heute haben, abklingen zu lassen. Was die meisten Menschen aus dem Stunt der Manchester Art Gallery mitnehmen ist, dass Waterhouses Nymphen problematisch sind, weil nackt. Dass problematische Frauenbild, den Archetyp der femme fatale, vielleicht auch die Romantisierung dessen, werden sie jedoch nicht ankreiden. Auch nicht, wenn er ihnen in einem modernen Kinofilm begegnet, wo er noch oft genug auftaucht. Kritisiert viktorianische Kunst und Weltbilder. Aber tut das durch die Linse ihres historischen Kontexts. Es wird uns nicht voranbringen, unsere modernen Ideen und Betrachtungsweisen auf historische Gemälde zu zwingen. Aber wir können versuchen zu verstehen, wieso sie auch im Kontext ihrer eigenen Zeit Problematiken beinhalten. Und das ist ein viel besserer Ansatz.


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