Von Opium & Tight-Lacing: 5 viktorianische Mythen

"Die Haschischraucher" - Gaetano Previati, 1887
Es gibt sie in allen Ausführungen, Formen und Farben: Mythen zum viktorianischen Zeitalter. Und, wie ihr vielleicht wisst, räume ich genau mit denen liebend gern auf. Das war meine Motivation hinter "Gaiety Girl", ganz am Anfang, und ich mache es immer noch gern. Denn diese Mythen sind nicht etwa etwas, das nur von Laien weitergetragen wird. Sie begegnen uns unter anderem in doch ordentlich recherchierten Romanen und Filmen, manchmal sogar in Literatur von Historikern, aber eben doch am Allerhäufigsten im Internet. Die Sache ist die: Manche Mythen gibt es bereits so lange, dass sie schwer vom historischen Fakt zu unterscheiden sind. Auf manche bin ich auch selbst schon reingefallen, besonders zum Anfang meiner Zeit als "Gaiety Girl". Das ist ja das Gemeine an ihnen. Man kann sie oft nicht direkt als Mythen erkennen. Da das "Gaiety Girl" jetzt eine sehr lange Pause gemacht hat, dachte ich, es wäre nett zum Wiedereinstieg noch einmal ganz kompakt und übersichtlich mit den hartnäckigsten Mythen zum langen viktorianischen Zeitalter aufzuräumen. Ein paar meiner Punkte habe ich schon ausführlicher besprochen, andere Punkte auf der Liste sind neu. Aber ich möchte jetzt gar nicht zu lang um den Kern der Sache herumreden. Los geht's! 

"Viktorianische Frauen haben sich für eine schmalere Taille Rippen entfernen lassen"

Das ist einer dieser Mythen, die sich bereits besonders lange halten und die immer wieder aufkommen, wenn viktorianische Korsettmode besprochen wird. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil es so schön schockierend ist. Oder, weil es sich so gut benutzen lässt, um das Korsett als böses Folterinstrument zu charakterisieren - das es aber nicht war. Der Mythos ist tatsächlich zeitgenössisch: Im frühen zwanzigsten Jahrhundert behauptete die Korsettschneiderin Rosa Binner, die für ihre Wespentaille berühmte Polaire hätte sich eine Rippe entfernen lassen, um ihre extrem schmale Taille zu erreichen. Ähnliches wurde über Anna Held gesagt. Dafür gibt es allerdings überhaupt keine Beweise und wir sollten diese Gerüchte wohl so betrachten, wie moderne Lästereien darüber, ob bestimmte Schauspielerinnen und Sängerinnen etwas "haben machen" lassen (Cher hat übrigens auch noch alle Rippen, nur mal so am Rande). Weitergetragen wurde der Mythos der entfernten Rippen dann über moderne Frauen, die das Entfernen der Rippen als Ausdruck der die Frau unterdrückenden viktorianischen Gesellschaft sahen: Die Frauen hätten sich, laut dieser beliebten These, unter dem Druck der von Männern gemachten Schönheitsideale des späten 19. Jahrhunderts, Rippen entfernen lassen, um dem Ideal zu entsprechen.

Anna Held, ca. 1900, berühmt für
ihre 45cm schmale Taille 
Das ist aber - wie sollte es anders sein - ausgemachter Blödsinn. Zu erst einmal gab es im 19. Jahrhundert durchaus viele Bereiche, in denen Frauen ganz klar benachteiligt waren. Auch die extremen Schönheitsideale sind einen kritischen Blick wert. Das Korsett aber ist kein von Männern gemachtes Folterinstrument. Es ist schlicht und ergreifend ein Stück Unterwäsche. Es mag besonders gegen Ende des Jahrhunderts einige Frauen gegeben haben, die das Korsett getragen haben, um eine extrem schmale Taille zu erreichen, unter anderem die oben genannte Anna Held. Das sogenannte Tight-Lacing war aber durchaus kein Massensport - und es unterlag der freien Entscheidung jeder einzelnen Frau. Großteils war es allerdings etwas für Schauspielerinnen und frühe It-Girls. Die ganz gewöhnliche spätviktorianische Frau hat ihre Taille mit Hilfe des Korsetts nur ein wenig reduziert - und das ist auch vollkommen schmerzlos und ungefährlich. Und es ist schon gar nicht ein männergemachter Zwang, dem sich Frauen ergeben mussten. Die schmale Taille im Kontrast zu breiten Hüften war ein viktorianischer Trend - den viele Männer noch dazu abgelehnt haben, weil er die natürliche Form des weiblichen Körpers veränderte, was besonders in extremer Form als unmoralisch angesehen wurde. 

Aber mal zurück zu den angeblich fehlenden Rippen und einem weiteren Grund, warum das Unsinn ist. In der Zeit, in der wir uns befinden, waren Operationen noch eine sehr viel gefährlichere Angelegenheit als heute und wurden nur im Notfall durchgeführt. Ein so großer Eingriff wie das Entfernen einer Rippe - also das Herumfuhrwerken in der Nähe von Herz und Lunge - hätte ein sehr hohes Todesrisiko mit sich gebracht und das wäre keine Frau eingegangen. Noch dazu hätte kein Arzt sich bereit erklärt, eine solche Operation durchzuführen. Das ist heute übrigens immer noch so. Die entfernte Rippe ist - genauso wie das lebensgefährliche Korsett und der Schönheitswahn bis in den Tod - ein Mythos. Ja, extrem schmale Wespentaillen hat es gegeben. Sie entstehen durch geduldiges Reduzieren der Taille über mehere Jahre hinweg. Der Brustkorb ist flexibel und passt sich nach und nach an die neue Form an. Aber nein, nicht jede viktorianische Frau hat sich auf eine Wespentaille geschnürt. Ganz im Gegenteil: Die allermeisten haben es nicht getan. Ich weiß nicht, warum wir uns viktorianische Frauen heute so gern als so übermäßig eitel vorstellen. Vielleicht ist auch das ein Mythos, der sich einfach schon viel zu lange hält. Genau wie die fehlenden Rippen. 

"Die Viktorianer waren prüde und verklemmt"

Dieser Fehler wird immer wieder gern gemacht, ohne, dass eine sehr wichtige Unterscheidung beachtet wird: Die Viktorianer erschienen nach außen hin prüde und anständig. Ein guter Ruf, der nicht von Skandalen beschädigt werden durfte, war ihnen wichtig. Aber verwechselt ein nach außen hin anständiges Auftreten niemals mit echter Prüderie. Zu erst einmal muss natürlich gesagt werden, dass die Viktorianer keine einheitlich denkende Masse waren. Sicherlich gab es prüde Viktorianer und vollkommen schamlose und eine ganze Menge Menschen irgendwo dazwischen, genauso wie heute. Die Viktorianer als eine gesamte Generation prüder und verklemmter Menschen abzustempeln, ist daher schlicht und ergreifend falsch - und man macht es sich auch ziemlich einfach. Viel eher muss man die Thematik unter dem Blickwinkel angehen, dass die Viktorianer ein anderes Verständnis davon hatten, was öffentlich passieren durfte und was nicht und was moralisch verwerflich war, und was eben nicht. Die Rollenbilder und das Moralempfinden, die den öffentlichen Umgang miteinander prägten, waren sehr streng und kaum jemand wird wirklich hineingepasst haben - aber das war auch nicht das Ziel. Das Ziel war, es nach außen so aussehen zu lassen, als ob. 

Und das ist wichtig, wenn man in die geheime Welt der Viktorianer eintaucht, denn die kann ein ganz schöner Schock sein. Viktorianische Pornografie, damals meist in literarischer Form erhältich, ist heftig. Sie bedient nicht selten grausame Gewaltfantasien und spielt mit allem Ungesagten und Ungesehenem. Und das ist ganz sicher eine direkte Folge des extremen viktorianischen Ideals, in das man sich im öffentlichen Rahmen pressen musste. Je mehr man nicht offen sagen und zeigen darf, umso mehr muss man dann im Geheimen ausleben. Und natürlich ist das ein Problem, denn was geheim passieren muss, kann niemand regulieren, weshalb sexuelle Gewalt hinter verschlossenen Türen keine Seltenheit war. Dazu kommt natürlich das viktorianische Verständnis von Sexualität an sich. Das ist schwer zu erklären und zu verstehen, versucht habe ich es vor einigen Jahren bereits in einem Artikel zum viktorianischen Idealbild und der Wirklichkeit, die dahinter steckt. Knapp gesagt sind die Viktorianer mit ihrer Sexualität alles andere als gesund umgegangen. Sexualität und das, was als moralisch verwerflich eingestuft wurde, waren etwas, das es einzudämmen und zu unterdrücken galt. Öffentlich darüber geredet wurde generell wenig. Aber das macht die Viktorianer als Individuen nicht prüde. Es macht sie auch nicht naiv.

Es gibt da zwei Mythen, die nicht totzukriegen sind: Einmal den berühmten Frauenknöchel, dessen Anblick Männer angeblich direkt in Wallungen gebracht hätte, und einmal die versteckten Stuhlbeine. Beine waren im viktorianischen Zeitalter tatsächlich etwas sexuell Konnotiertes: Man hat sie selten gesehen, sie waren die meiste Zeit versteckt. Das bedeutet aber nicht, dass der bloße Anblick eines Frauenknöchels die Menschen reihenweise in Ohnmacht hätte fallen lassen. Und, dass selbst Tischbeine verdeckt wurden, weil sie eben Beine waren, ist ein selten lächerlicher Mythos, hält sich aber trotzdem sehr wacker, seit er in den 1840er Jahren entstanden ist - damals hieß es in England, die Amerikaner wären so prüde, dass sie jegliche Art von Bein verstecken müssten. Weder für Amerika noch England entspricht das jedoch der Wahrheit. Und obwohl Beine im alltäglichen Leben sicherlich etwas waren, das man nicht oft gesehen hat, konnte man sie doch hin und wieder im Theater bewundern. Generell galt: Was auf der Bühne passierte, war in Ordnung, auch, wenn es unmoralisch war. Derbe Burlesquen waren beliebt in allen gesellschaftlichen Schichten und je weiter das Jahrhundert voranschritt, umso beliebter wurden sexuelle Anspielungen und Witze, freizügige Kostüme, Crossdressing und gewagte Lieder auf der Bühne. Natürlich gab es Bewegungen, die sich gegen diese Form des Theaters stellten, doch für den Großteil der Viktorianer war das vollkommen in Ordnung - solang es nicht echt war und nur der Unterhaltung diente.

Jennie Lee im Kostüm, Schauspielerin, ca. 1890
Foto: Sarony  
Ganz ehrlich? Ich glaube, der Grund, warum solche Mythen sich immer weiter verbreiten ist, dass es so eben einfacher ist. Wenn man hört, dass die Viktorianer ausgesprochen prüde waren, dann ist es einfacher sie für naiv genug zu halten, beim Anblick eines Knöchels rot zu werden, als zu verstehen, dass nach außen hin aufgesetzte Respektabilität und, ja, auch Prüderie eben nichts weiter sind als das: Nach außen hin aufgesetzt. Natürlich wird es Viktorianer gegeben haben, die tatsächlich prüde waren oder von Sex aus anderen Gründen nichts wissen wollten. Und es gab auf jeden Fall reihenweise Viktorianer, die sich respektabel gegeben und hinter verschlossenen Türen die wildesten Orgien gefeiert haben. Aber eins muss klar sein: Naiv und unwissend waren auch damals die allerwenigsten Menschen. Die Leute wussten was Sex ist, sie haben pornografische Texte gelesen, sie haben Bordelle besucht und Affären gehabt, sie haben sich Burlesquen angesehen und bei britischen Adeligen gehörte es sozusagen zum guten Ton, ins Moulin Rouge zu gehen, wenn man in Paris war - aber über all das Geheime wurden eben einfach nicht öffentlich gesprochen. Das ist der springende Punkt. 

"Die Viktorianer haben extrem jung geheiratet"

In Romanen, Filmen und Serien sehen wir ständig junge viktorianische Frauen, manchmal noch Mädchen, die an deutlich ältere Männer verheiratet werden. Und auch das ist ein Mythos, den Histoschreiber von ihrer Liste streichen sollten. Denn die allermeisten viktorianischen Frauen haben mit Anfang oder Mitte Zwanzig geheiratet. Die Männer waren meist ein wenig älter. Tatsächlich galt 20-30 als ideales Heiratsalter für Frauen und 25-35 für Männer. Aber wieso dann dieser Irrglaube?

Das ist leicht erklärt: Man hat sich oft jung verlobt. Junge Mädchen sollten oft während ihrer ersten Saison nach ihrem Debut einen Verlobten an Land ziehen: Also mit sechzehn, siebzehn oder achtzehn Jahren. Das heißt aber nicht, dass man direkt geheiratet hätte. Verlobungen konnten sich jahrelang hinziehen, das war durchaus normal und gab den Verlobten Zeit, sich gut kennenzulernen, bevor es ans Eingemachte ging - ein halbes Jahr sollte man mindestens verlobt sein, bevor man heiratete, längere Verlobungen waren aber Gang und Gäbe und das hat auch seinen Sinn. Im viktorianischen England hielten Ehen meist für immer. Sich scheiden zu lassen war zwar möglich, aber ein aufreibender und langwieriger Prozess. Deshalb wurde selten überstürzt geheiratet. Man wollte sichergehen, dass man keinen riesigen Fehler machte, den man nicht so leicht - oder sogar gar nicht - rückgängig machen konnte. Und natürlich hat auch nicht jedes Mädchen direkt in ihrer ersten Saison einen passenden Ehemann gefunden. Außerhalb der Oberschicht verliefen Verlobungen sowieso mit sehr viel weniger Pomp ab. Man lernte sich kennen, man verlobte sich, man heiratete. Ebenfalls oft mit Anfang oder Mitte Zwanzig.

Das junge Mädchen, das den alten Mann heiraten muss, ist auch eher ein Mythos, wenn auch keine komplett fiktive Erfindung. Es ist vorgekommen, natürlich, aber längst nicht so häufig, wie man denken mag. Besonders in der ersten Hälfte der Epoche war die Heirat in den oberen Gesellschaftsschichten eine pragmatische Entscheidung, die oft nicht einmal den Ehepartnern selbst überlassen wurde. Geheiratet wurde aus den verschiedensten Gründen. Finanzielle Absicherung oder sozialer Aufstieg waren eine häufige Motivation und am zukünftigen Ehemann interessierte zuerst einmal nicht sein Alter, sondern sein sozialer Stand, sein Vermögen und nicht zuletzt sein Charakter. Trotzdem wurden die meisten Frauen mit Männern in ihrem eigenen Alter verheiratet. Der Altersunterschied zwischen den Ehepartnern betrug meistens nicht mehr als zehn Jahre, konnte aber auch größer sein. Viktorianische Frauen haben also teilweise tatsächlich deutlich ältere Männer geheiratet - doch das ist bei Weitem nicht so oft vorgekommen, wie man annehmen könnte. Und es funktionierte auch anders herum: Ältere Frauen haben nicht selten auch jüngere Männer geheiratet, wenn sozialer Stand und die finanzielle Situation passten. Vergesst nicht: Für eine viktorianische Frau war die Ehe keine Option, sondern ein Muss. Und ein deutlich älterer oder jüngerer Ehemann war den meisten Frauen um Längen angenehmer, als gar keiner.

"London war voller Opiumhöhlen und fast alle Viktorianer waren drogensüchtig"

Auch dieses Klischee hält sich wacker, ist aber beinahe komplett fiktiv. Denn die berühmte viktorianische Londoner Opiumhöhle, in der verkrachte Existenzen ihr Geld verrauchen, gibt es zwar in viktorianischer Literatur, aber historisch belegbar ist sie so gut wie überhaupt nicht. Genau genommen ist die Londoner Opiumhöhle ein alternativer Fakt, wie er im Buche steht: Die Presse hat London, besonders Limehouse, gern als verkommenes Opiumparadies beschrieben und Autoren wie Charles Dickens spielten gern mit dem Klischee. Ein paar Opiumhöhlen soll es in London zwar gegeben haben, aber nicht in dem Ausmaß, das historische Fiktion uns heute vorgaukeln will und sie werden auch nicht so ausgesehen haben, wie wir sie uns vorstellen. 

Opiumhöhle in Frankreich, ca. 1903
Quelle: Le Petit Journal 
In Frankreich sieht das jedoch schon wieder ganz anders aus. Hier gab es besonders in den Hafenstädten durchaus viele Opiumhöhlen, geführt und frequentiert von Seemännern, die sich das Opiumrauchen in den Kolonien in Indochina angewöhnt hatten. Auch in amerikanischen Großstädten gibt es einige belegbare Opiumhöhlen, besonders in den China Towns, die von chinesischen Einwanderen bevölkert wurden, die das Opiumrauchen aus China mitgebracht hatten. Das wird auch damit zusammenhängen, dass es gerade in London eben so gut wie keine Opiumhöhlen gab: Besonders in Limehouse gab es durchaus einige chinesische Einwanderer, allerdings bei Weitem nicht so viele, wie in anderen Teilen der Welt, was großteils wirtschaftliche und politische Gründe hat, die zu erklären jetzt zu weit führen würde. Ein anderes Mal vielleicht. Aber essentiell ist hier, dass die ausufernden China Towns im viktorianischen London, die zahlreichen Opiumhöhlen und die chinesische Mafia, die Limehouse kontrolliert, zwar immer wieder in historischer Fiktion (und in reißerischen zeitgenössischen Nachrichten) auftauchen, aber niemals wirklich existiert haben.

Hatte das viktorianische London darüber hinaus ein Drogenproblem? Ja. Süchtigmachende Drogen waren vor den Regulierungsmaßnahmen tatsächlich sehr viel einfacher zu bekommen, als man denken mag. Laudanum und ab 1898 auch Heroin konnte man problemlos in Drogerien erstehen und der private Missbrauch, zuhause und nicht etwa in Opiumhöhlen, wurde bald zum riesigen Problem. Tatsächlich wird es viele Mitglieder der viktorianischen Oberschicht gegeben haben, die süchtig nach Laudanum waren, denn Laudanum galt als Allheilmittel und wurde für jedes kleine Gebrechen genommen. Dabei ist Laudanum nichts anderes als eine Mischung aus Opium und Alkohol und kann somit natürlich süchtig machen - und töten. Opiumtode durch versehentliche Überdosen waren leider keine Seltenheit. Was schließen wir daraus? Wie hoch die Zahl der drogenabhängigen Viktorianer wirklich war, lässt sich so leicht wahrscheinlich nicht bestimmen, denn Drogen waren durchaus salonfähig und viele Abhänigkeiten wurden zwar durchaus als solche erkannt, aber nicht festgehalten. Auch wird wohl Drogenmissbrauch ohne resultierende Abhängigkeit keine Seltenheit gewesen sein. Wir können zumindest davon ausgehen, dass nicht der Absinth selbst die berühmten Halluzinationen von der grünen Fee hervorgerufen hat, sondern das, was die Absinthtrinker dazugemischt haben. 

"Männer durften alles und Frauen durften gar nichts!"

Für den Schluss habe ich mir das Klischee aufgehoben, das mich am allermeisten ärgert, weil es sehr schwarzweißmalerisch daherkommt, ignorant ist und ein sowieso sehr kompliziertes Feld unnötig vereinfacht und falsch darstellt. Wir kennen das doch alle: In historischen Romanen dürfen sich Männer einfach alles erlauben, während die Frauen zu Hause sitzen müssen, Taschentücher besticken und zu allem Ja und Amen zu sagen haben. Diese Darstellung der viktorianischen Gesellschaft ist nicht nur sehr stark versimpelt, sie ist auch einfach falsch. Vorweg muss ich natürlich sagen, dass Frauen im viktorianischen Zeitalter politisch und gesellschaftlich auf jeden Fall stark unterdrückt wurden und es da auch nichts zu schönen gibt. Es aber noch trostloser erscheinen zu lassen, als es wirklich war, ist auch nicht die Lösung. Die Sache ist die: Für Frauen, so wie für Männer, galten sehr strenge gesellschaftliche Regeln, an die man sich zu halten hatte. Tat man das nicht, konnte man seinen guten Ruf und somit seinen sozialen Stand verlieren. Für Frauen waren die schmalen Rollenbilder, in die man zu passen hatte, noch um einiges enger und unbequemer als für Männer, doch für Männer existierten sie trotzdem genauso. Männer durften nicht alles. Und Frauen durften eben auch nicht nichts. Tatsächlich ist das neunzehnte Jahrhundert eine Zeit großen Fortschritts, was die Rechte der Frau betrifft und je näher wir der Jahrhundertwende kommen, umso länger wird die Liste an Freiheiten, die Frauen endlich auch zugestanden wurden. 

Leider werden viktorianische Frauen in historischer Fiktion aber gern als völlig machtlos, rechtlos und den Launen ihrer Väter, Brüder oder Ehemänner ausgesetzt dargestellt. Und das finde ich gelinde gesagt bescheiden. Besonders sexueller Missbrauch wird oft als komplett folgenlos für den Täter gezeigt und das ist falsch. Die Viktorianer haben sexuellen Missbrauch nicht geduldet - es war nur leider sehr schwer zu beweisen, dass man missbraucht worden war, wenn es Wort gegen Wort stand und der Angeklagte von höherem Rang war, als man selbst. Trotzdem hat im Jahr 1870 eine einfache Barfrau einen Mann aus der gehobenen Mittelklasse wegen Vergewaltigung angezeigt - und den Prozess gewonnen. Und das ist keine Ausnahme. Die Viktorianer haben sexuellen Missbrauch nicht geduldet. Ganz im Gegenteil. Ein Mann, der sich so wenig beherrschen konnte, dass er andere Menschen sexuell missbrauchte, wurde als Monster angesehen und sozial geächtet. Ich persönlich würde mir wünschen, dass sich AutorInnen von historischen Romanen trauen, in die Materie etwas tiefer einzutauchen und diese Konflikte nuancierter darzustellen. 

Was man aber unbedingt im Kopf behalten muss, wenn man über diese Problematiken nachdenkt ist, in welcher Zeit genau man sich überhaupt bewegt. Die 1840er sind ein Albtraum, was Frauenrechte angeht, die 1890er sind bereits sehr viel freier und angenehmer. Das viktorianische Zeitalter ist lang: Zu Anfang der Epoche ist der verheirateten Frau nicht einmal eigener Besitz erlaubt, sie darf sich nicht scheiden lassen, sie darf keine Verträge unterschreiben und sie darf nicht klagen. Zum Ende der Epoche gehen viele Frauen der Mittelschicht arbeiten und verdienen ihr eigenes Geld, Frauen können sich scheiden lassen, sie sind geschäftsfähig, ihr Besitz ist vor gierigen Ehemännern sicher, sie leben teilweise allein und die Suffragettenbewegung steht vor der Tür. Aber egal in welchem Jahrzehnt des viktorianischen Zeitalters wir uns befinden: "Männer durften alles und Frauen durften nichts!" ist Unsinn, denn es war sehr viel komplizierter als das. 

1 Kommentar

  1. Hallo Gaiety,
    deine Beiträge haben mir sehr bei meinem Blogbeitrag zum viktorianischen Krimi geholfen, vielen Dank für deine gut recherchierten und zu lesenden Beiträge, die sehr viel Spaß machen und lehrreich sind.
    Ich hab auf dich verlinkt und dich auch in meine Blogroll aufgenommen.
    Liebe Grüße
    Daniela

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