Der Fall Gouffé - Ein Medienspektakel der Belle Époque

Darstellung der Ereignisse im Petit Journal vom
20. Dezember 1890, Henri Meyer
Am 26. Juli 1889 wird der Gerichtsdiener Toussaint-Augustin Gouffé aus Montmartre vermisst gemeldet. Am 15. August desselben Jahres wird weit weg von Paris, in Vernaison bei Lyon, ein großer Stoffbeutel unter einem Busch am Straßenrand gefunden. Darin befindet sich die Leiche eines Mannes. Im November kann der Arzt Alexandre Lacassagne mithilfe von Haarproben und eines brandneuen forensischen Vorgehens mit Sicherheit feststellen, dass es sich bei dem Toten um den vermissten Gouffé handelt. Der Mann aus Paris wurde erdrosselt. Doch was ist passiert? Wer hat Gouffé ermordet und wie kam seine Leiche von Paris bis nach Lyon?

Aus dem Mord an Toussaint-Augustin Gouffé wird das wohl größte französische Medienspektakel der Belle Époque. Dass der Tote aus Paris stammte und im Juli ermordet worden sein musste, ließ sich anhand einer großen Holzkiste feststellen, die zwei Tage nach dem Toten in der Nähe des Fundorts gefunden wurde: Ein Zettel an der Kiste bewies, dass die Kiste am 27. Juni 1889 mit der Bahn von Paris nach Lyon gelangt war - und der tote Gouffé mit ihr. Befragungen der Nachbarn und möglicher Zeugen ergaben, dass zwei bekannte Betrüger in der Nähe des Gerichtsdieners gesehen worden waren: Michel Eyraud und die erst 21-jährige Gabrielle Bompard. Noch verdächtiger war, dass das Paar am 27. Juli Hals über Kopf die Stadt verlassen hatte. Nach den Untersuchungen im November wurde aus dem Verdacht Gewissheit: Ein Londoner Schreiner gab an, die Holzkiste früher im Jahr an Eyraud und Bompard verkauft zu haben. 

Tathergang: Was geschah Ende Juli? 

Michel Eyraud, Mitte 50, war in Paris als großer Schwindler bekannt. Er brachte eine Vergangenheit als gewalttätiger Ehemann, Armeedeserteur und Abenteurer in Amerika mit, bevor er in Paris ein Unternehmen gründete. Dieses stand jedoch bald vor dem Ruin und Eyraud hatte Schulden, brauchte schnell eine Menge Geld. Gabrielle Bompard hatte es nach Paris geschafft, nachdem sie aus der Anstalt entlassen worden war, in die ihr wohlhabender Vater sie hatte einweisen lassen: Sie galt als aufmüpfig und unangepasst, passte nicht in das starre Rollenbild ihrer Epoche und sollte deshalb in der Anstalt hineingepresst werden. Auch Gabrielle brauchte Geld: Sie kam mit wenigen Ersparnissen nach Paris, die bald aufgebraucht waren. Gabrielle und Michel heckten einen Plan aus, der so kaltblütig, wie aufwendig war. Gabrielle sollte einen reichen Mann in ihre Wohnung locken, wo Michel bereits alles vorbereitet hatte: Aus einem Deckenbalken, einem Haken und einen Seil baute er einen provisorischen Galgen in einen Alkoven, den er mit einem Vorhang versteckte. Gabrielle sollte den Mann in die Wohnung einladen, wo er sich auf einen Stuhl setzen sollte. Während sie mit ihm flirtete, sollte Gabrielle ein Seidenband um den Hals des Mannes wickeln. Michel hinter dem Vorhang sollte das Seidenband dann mit dem Haken verbinden und den Mann erhängen.

Die Wahl fiel auf Gouffé, da dieser nicht nur viel Geld besaß und oft mit sich trug, sondern auch Interesse an Gabrielle bekundet hatte. Der Plan scheiterte jedoch beinahe. Gouffé bemerkte, was geschah und wehrte sich, woraufhin Michel hinter seinem Vorhang hervorkam und den anderen Mann mit bloßen Händen erwürgte. Geld erbeuteten die beiden jedoch keines. Trotzdem mussten sie nun den toten Mann loswerden. Am nächsten Tag stiegen sie mit der Kiste in einen Zug nach Lyon, wo sie den Toten eine Flussböschung hinunterrollen ließen, die Kiste zerstörten und versteckten. Das Paar glaubte, davonzukommen: Es sollte nach Amerika gehen. In Amerika war das Geld natürlich erneut knapp und Michel Eyraud beschloss, den Plan einfach zu wiederholen. Diesmal spielte Gabrielle jedoch nicht mit. Sie und das auserkorene Opfer flohen gemeinsam und kehrten im Januar 1890 nach Frankreich zurück. Hier erfuhr Gabrielle, dass sie mittlerweile weltweit als Verbrecherin gesucht wurde. Am 22. Januar wurde Gabrielle festgenommen. Beim Verhör gestand sie alles, behauptete aber, nicht freiwillig an dem Mord Teil gehabt zu haben. Im Juni 1890 konnte auch Michel Eyraud festgenommen werden. Im Dezember kamen beide vor Gericht. Michel Eyraud wurde zum Tode verurteilt und im Januar 1891 hingerichtet, doch die Geschichte der Gabrielle Bompard war noch lang nicht vorbei.

Medienspektakel: Mord, Schaulust & unverhoffte Berühmtheiten

Das Interesse der Medien an dem Fall wurde geweckt, als die französische Polizei beschloss, mithilfe der Zeitungen nach Spuren von Gabrielle und Michel zu suchen. Die monatelange Jagd nach den beiden Mördern beschäftigte bald nicht nur die französische Presse. Der Fall und die Suche nach Michel und Gabrielle erschreckten und, ja, begeisterten die Menschen in Europa und Amerika so sehr, dass bald Millionen von Menschen gespannt auf neue Ergebnisse warteten. Als im Pariser Leichenschauhaus die Holzkiste ausgestellt wurde, kamen Tausende, um sie sich anzusehen. Während Michel Eyrauds Karriere mit seiner Hinrichtung ein Ende nahm, hatte Paris für die junge, hübsche Gehilfin Gabrielle jedoch ein anderes Schicksal vorgesehen. Gabrielles Anwalt behauptete, dass Gabrielle unter Hypnose gestanden habe und Eyraud daher nicht freiwillig geholfen hätte. Hypnose war in der Belle Époque, dem Zeitalter der aufkommenden Psychologie, ein beliebtes Thema, weshalb seiner Theorie durchaus Glauben geschenkt wurde. Sehr bald wurde aus Gabrielle, der kaltblütigen Mörderin, Gabrielle, das arme benutzte Mädchen. Mit ihren knappen 1,50 Metern war sie selbst für die Belle Époque sehr klein, hatte ein puppenhaftes Gesicht und galt als freundlich und höflich. Aus ihr wurde eine Berühmtheit.

Die Zeitungen weltweit, von New York über Paris nach Neuseeland, berichteten über alles, was Gabrielle während ihres Prozesses tat: Was sie trug, was sie sagte, wie sie mit den Massen umging. Ihr gefiel ihr neuer Status als berühmtberüchtigte Persönlichkeit sichtlich, sie soll die Aufmerksamkeit der Massen genossen haben. Was für eine Person Gabrielle war, ist schwer zu sagen, doch ihre Zeitgenossen nahmen sie als unangenehm war, als sehr kaltblütig und betrügerisch. Was sie getan hatte, sowie ihr Prozess schienen sie völlig kalt zu lassen. Die kaltblütigen Umstände des Mordes, die lange Suche nach den beiden Mördern und sicherlich auch die Verstrickung einer jungen Frau aus guten Verhältnissen in den brutalen Mord machten die Affäre Gouffé zu einem der spektakulärsten Fälle des späten neunzehnten Jahrhunderts. Doch war der Presserummel wirklich durchgängig negativ? Nein. Denn bloß die vielen Berichte in den Zeitungen rund um die Welt, sorgten dafür, dass Michel Eyraud nach Gabrielles Geständnis gefasst werden konnte. Er versuchte auf Kuba ein türkisches Gewand zu verkaufen, dass er gestohlen hatte, doch die Besitzerin des Schneidergeschäfts hatte bereits von dem Diebstahl in der Zeitung gelesen und war sicher, dass sie den gesuchten Mörder vor sich hatte. So konnte er wenig später in Havana festgenommen werden.

Bis heute bleibt der Fall wohl einer der spektakulärsten Fälle der franzöischen Kriminalgeschichte. Nicht bloß wegen der Jagd auf die beiden Verbrecher, die über mehrere Kontinente führte, sondern auch durch das große öffentliche Interesse, ausgelöst durch die ungleichen Verbrecher, die sich fortlaufend auf die dramatischste Weise die alleinige Schuld am Tod Gouffés in die Schuhe zu schieben versuchten, den merkwürdig detailliert durchdachten Mord und die Kaltblütigkeit mit der er ausgeführt wurde und die merkwürdige, fast viel zu zufällig wirkende Auflösung durch eine Schneiderin auf Kuba und das vollständige freiwillige Geständnis der Gabrielle Bompard, die wohl hoffte durch ihr Geständnis von aller Schuld freigesprochen zu werden. Ganz funktionierte das allerdings nicht: Gabrielle blieb am Leben, wurde allerdings zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Ein weiterer Faktor, der wohl gleichzeitig faszinierte und abschreckte, war Gabrielle Bompard selbst, die, zur Zeit der Verhandlungen erst 22 Jahre alt, aufgrund ihrer gefühllosen, grausamen Art und der Leichtigkeit, mit der sie über den Mord sprach, den Spitznamen "petit démon", kleiner Dämon, erhielt.

Selbst nachlesen?

Bataille, Albert: Causes Criminelles et Mondaines de 1890. Paris 1891. 

Goron, Marie-François: L'Amour Criminel. Mémoires du chef de la sûreté de Paris à la Belle Epoque. Paris 1899. 

Harris, Ruth: Murder under hypnosis in the case of Gabrielle Bompard. Psychiatry in the Courtroom in Belle Époque Paris. In: Bynum, William F. et al. [Hg.]: The Anatomy of Madness. Band II. London 1985. 

Keine Kommentare