Montag, 15. Februar 2016

Sarah Bernhardt - Die Königin der Bühne

Sarah Bernhardt als Königin in "Ruy
Blas" von Victor Hugo, 1879 
Um den 22. Oktober 1844 herum wird Sarah Bernhardt als Sara Marie Henriette Rosine Bernardt in Paris geboren. Noch weiß niemand, dass aus der kleinen Sara eine der bedeutensten Schauspielerinnen nicht nur der Belle Époque, sondern aller Zeiten werden wird. Sie ist die Tochter einer bekannten Pariser Kurtisane, wer ihr Vater ist, ist unbekannt.Sarahs Mutter, Julie Bernardt, schickt ihre Tochter als junges Mädchen auf eine Klosterschule in der Nähe von Versailles. Später wird Sarah im Conservatoire de Paris unterrichtet, einer Schule für Gesang, Schauspiel und Theater, bevor sie dem Staatstheater Comédie-Française beitritt. Hier hat sie 1862 im Alter von achtzehn Jahren ihren ersten richtigen Bühnenauftritt. 

Sie spielt die Hauptrolle in "Iphigénie", einem Stück des französischen Autoren Jean Racine aus dem frühen Barock. Lange spielte sie die Rolle allerdings nicht: Die Kritiker waren nicht begeistert und nachdem Sarah eine andere Schauspielerin, die mit ihrer Schwester in Streit geraten war, geschlagen hatte, wurde sie vom Theater ausgeschlossen. Nach diesem Rückschlag scheint Sarahs Karriere vorbei: Sie wird Kurtisane, wie ihre Mutter, und bald zählen viele einflussreiche Männer zu ihren Bewunderern. So auch ein hoher belgischer Adeliger, der Prince de Ligne, dem sie mit rund zwanzig Jahren einen Sohn gebährt. Der Prince möchte Sarah heiraten, seine Eltern lassen allerdings nicht zu, dass er eine Kurtisane zur Frau nimmt und die Beziehung zerbricht. Im Jahr 1866 verschlägt es Sarah an das Théâtre de l'Odéon, ein weiteres französisches Staatstheater in Paris. Und hier beginnt ihre Geschichte. 

Sarahs Aufstieg - Die Belle Époque 

Am Odéon hat Sarah erste Erfolge, die jedoch durch den deutschfranzösischen Krieg, der im Jahr 1870 beginnt, kurzgeschlossen werden. Das Theater muss schließen und gemeinsam mit einigen anderen Theaterleuten eröffnet Sarah im Theater ein Lazarett für im Kampf um Paris verwundete Soldaten. Nach dem Krieg, im Jahr 1872, erhält sie nach ihren relativ erfolgreichen Jahren am Odéon das Angebot, zum Comédie-Française zurückzukehren, welches sie annimmt. Nach dem deutschfranzösischen Krieg und dem Abzug der deutschen Soldaten aus Paris beginnt die Epoche, die uns hier auf Gaiety Girl am meisten interessiert: Paris und Frankreich blühen nach dem Krieg zu neuer Pracht auf und ganz an die Spitze der kulturellen Hierarchie spielt sich Sarah Bernhardt. In den 1870ern, den Anfangsjahren der Belle Époque wird sie zur begehrtesten Schauspielerin Frankreichs und ganz Europas. Zu Beginn der 1880er Jahre tourt sie auch durch Amerika. In den nächsten zwanzig Jahren folgen viele weitere Welttournéen, die Sarah zur weltweit anerkannten und gefeierten Schauspielerin machten. In den 1890er Jahren fungierte Sarah als Schauspiellehrerin für viele junge Frauen, die aus ähnlichen Verhältnissen wie sie selbst stammten. 

Im Jahr 1899 übernahm Sarah das Pariser Théâtre des Nations und benannte es um: Das Théâtre Sarah-Bernhardt feierte viele Erfolge mit Sarah selbst in den Hauptrollern klassischer Stücke, wie Sarahs Glanzrolle in "Tosca". Unter anderem spielte Sarah im Jahr 1899 selbst den Hamlet. Das klassische Stück, in dem sie eine Männerrolle spielte, was ansonsten nur in anzüglichen Burlesquen, seichterer Unterhaltung und Musicals üblich war (denkt an Maude Adams als Peter Pan), war eines der erfolgreichsten Stücke, die am Théâtre Sarah-Bernhardt gegeben wurden und sicherte Sarahs Ruf als erfolgreichste Schauspielerin ihrer Epoche. Die ehemalige Kurtisane galt nun als ernstzunehmende Schauspielerin, was nicht nur wegen Sarahs Herkunft eine große Leistung ist, sondern auch wegen der Haltung der Menschen des neunzehnten Jahrhunderts dem Schauspiel gegenüber: Schauspielerinnen, egal ob auf kleinen oder großen Bühnen, wurden selten mit Respekt behandelt. Sie galten meist als nicht besser als Prostituierte und waren auch nicht selten beides: Schauspielerin und Kurtisane. Sarah aber erkämpfte sich einen Ruf als talentierte Theaterschauspielerin. Ein Ruf, der meist Männern vorbehalten war. Die Leitung über das Théâtre Sarah-Bernhardt behielt Sarah bis zu ihrem Tod, woraufhin es von ihrem Sohn Maurice, Vater war der oben genannte Prince de Ligne, übernommen wurde. Seinen Namen hat das Theater heute leider nicht mehr: Als Paris in den 1940ern Jahren durch die Nationalsozialisten belagert wurde, wurde das Theater wegen Sarahs jüdischer Abstammung umbenannt. Heute heißt es Théâtre de la Ville. 

Die göttliche Sarah Bernhardt 

Sarah machte sich jedoch nicht nur als Schauspielerin und weibliche Größe unter den Theaterliebhabern der Belle Époque einen Namen. Mit Mitte Zwanzig begann Sarah Kunst zu studieren und schuf mehrere Gemälde und Skulpturen, die von den Kritikern ihrer Zeit positiv aufgenommen wurden. Sarah war natürlich mit vielen Größen der Kunst- und Theaterszene der Belle Époque gut befreundet. Zu ihren Freunden zählten Alphonse Mucha, Gustave Doré und Oscar Wilde. Viele von Muchas berühmten Jugendstilbildern sind durch Sarah inspiriert und Oscar Wilde widmete ihr sein Sonnet "Phèdre" und war begeistert, als Sarah 1892 zusagte, in seinem Stück "Salomé" die Hauptrolle zu spielen. Das Stück wurde in London wegen seiner Themen bald verboten, Wilde und Sarah wurden jedoch sehr gute Freunde. Als Wilde 1895 seinen Prozess verlor und inhaftiert wurde, soll Sarah geweint haben. Sie sahen sich jedoch nach seiner Freilassung kurz vor seinem Tod noch einmal wieder. Sarah Bernhardt gilt auch als Pionierin des Stummfilms: Im Jahr 1900 gab sie ihren Hamlet für zwei Minuten in Clément Maurices "Le Duel d'Hamlet", der ersten Verfilmung des Hamlets und einer der ersten Filme überhaupt. Die Tonspur, die den Film damals begleitete, wurde natürlich seperat aufgenommen und abgespielt. Besonders bekannt ist Sarah für ihren Schauspielstil, den Stil der Belle Époque: Pathetische, große Gesten, dramatische Bewegungen, fast übertriebene Mimik und Gestik. 

1905 nahm ihre Karriere jedoch eine dramatische Wendung: Während einer Aufführung von "Tosca" verletzte sie sich am Knie und die Verletzung heilte niemals richtig. Zehn Jahre später musste ihr Bein deshalb amputiert werden und sie war plötzlich auf einen Rollstuhl angewiesen. Trotzdem spielte sie weiter: Manchmal mithilfe einer Holzprothese, oft jedoch auch ohne. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1923 feierte sie noch viele Erfolge in Frankreich und den USA. Sie starb nach Nierenversagen im Alter von 79 Jahren an Urämie in Beisein ihres Sohnes Maurice. Als Mitglied der französischen Ehrenlegion erhielt sie 1923 ein riesiges Begräbnis samt Trauerzug durch Paris, zu dem zahlreiche Pariser erschienen. Aufnahmen der opulenten Beerdigung sind auf Youtube einzusehen. Sarahs Einfluss auf die Theaterszene, jedoch auch auf die Gesellschaft der Belle Époque ist nicht wegzudenken. Sie gilt bis heute als größte Schauspielerin des neunzehnten Jahrhunderts und des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, jedoch auch als Stilikone. Sarah Bernhardt gilt als einer der ersten und bedeutensten Superstars der Moderne. Wir erinnern uns jedoch nicht nur wegen ihres herausragenden Talents an Sarah, sondern auch wegen einiger sozialer Errungenschaften, die die Theaterwelt und die Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts stark beeinflussten. 

Die Anziehungskraft der Sarah Bernhardt

Sicherlich hängt Sarahs weltweiter Erfolg zum größten Teil mit ihrem Talent, ihrem Engagement und ihrem Willen etwas zu erreichen zusammen. Allerdings lässt sich auch nicht von der Hand weisen, dass Sarahs Rolle als große Provokateurin der Belle Époque einen Teil ihrer Anziehungskraft ausmachte. So ist der Hamlet nicht ihre kontroverseste Rolle. Dabei dürfte es sich um die Rolle des Judas Ischariot handeln, den sie im Jahr 1910 entlang der amerikanischen Ostküste gab, nachdem das Stück nach nur einer Aufführung in New York verboten wurde. Denn in "Judas" von John Wesley de Kay geht es um nichts Geringeres als eine Affäre zwischen Maria Magdalena und Judas Ischariot. Ein Skandal der Belle Époque. Dass nun auch noch eine Frau, und dazu eine Frau wie Sarah Bernhardt, den Judas verkörpete ging den Menschen des Gilded Age zu weit, tat ihrem Ruhm allerdings keinen Abbruch. Tatsächlich spielte Sarah sehr oft Männerrollen - sie wollte nur Hauptrollen spielen und machte keine Ausnahmen. Darüber hinaus machte sie den Beruf der Schauspielerin um einiges salonfähiger, als er es zuvor gewesen war. Auch für die Akzeptanz von Make-Up tat sie einiges, als sie in den 1890ern mit blutrotem Lippenstift auf der Bühne erschien. Lippenstift galt zuvor als verrucht und liderlich, kam danach allerdings langsam in Mode.

Sarah provozierte gern und forderte die Normen ihrer Gesellschaft heraus. Sie ließ sich nackt fotografieren, spielte provokative Rollen und tat, wie ihr beliebte. Sie galt als launisch, exentrisch und dramatisch - die erste Diva sozusagen. So soll sie öfter in einem Sarg geschlafen haben, besaß mehrere seltene Tiere als Haustiere und sorgte nicht selten für Skandale. Wer Sarah Bernhardt wirklich gewesen ist, lässt sich jedoch schwer nachvollziehen. Nicht nur soll sie laut Alexandre Dumas dem Jüngeren eine Lügnerin gewesen sein, die ihre Geschichten gern ausschmückte und übertrieb: Ihre Geburtspapiere wurden 1871, während den großen Straßenkämpfen der Pariser Kommune nach dem deutschfranzösischen Krieg, zerstört. Sie fälschte neue Papiere. Klar ist jedoch, dass Sarah Bernhardt als Tochter einer jüdischen Kurtisane zum Weltstar aufgestiegen ist, in einer Zeit, in der ihre Abstammung es ihr schwer machte, etwas zu erreichen. Sie war eine wundersame, wundervolle Frau, die das Frankreich und die Welt der Belle Époque nachhaltig veränderte. Sie war beliebte Schauspielerin und Modeidol: Was Sarah Bernhardt anzog, trugen bald alle Damen der gehobenen Klassen in Paris. Bis heute ist Sarah in Frankreich eine der berühmtesten Frauen überhaupt und eine Ikone des Theaters. Begraben liegt sie auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris. 



Sarah Bernhardt in ungenutztem Material von 1905
(Wahrscheinlich eine Szene aus "Tosca", der Produktion, in der Sarah sich am Knie verletzte)

Selbst nachlesen?

Bernhardt, Sarah: My Double Life. The Memoirs of Sarah Bernhardt. 1907.

(Mit Vorsicht zu genießen. Sarah soll viel gelogen und übertrieben haben.)

Gold, Arthur et al.: The Divine Sarah. A Life of Sarah Bernhardt. 1991. 

Gottlieb, Robert: Sarah. The Life of Sarah Bernhardt. 2010. 

Thorun, Claudia: Sarah Bernhardt. Inszenierungen von Weiblichkeit im Fin de siècle. 2006.

1 Kommentar: