Mode 1910: Zwischen Krieg & Korsett


Die 1910er sind ein bewegtes Jahrzehnt. Sie beenden die Belle Époque, sie beenden das edwardianische Zeitalter, sie beenden das deutsche Kaiserreich und die Ära der Romanows in Russland. Der politische und gesellschaftliche Umbruch, auf den Europa schon seit einigen Jahrzehnten zuschlittert, kommt plötzlich und verändert innerhalb weniger Jahre die Welt komplett. Im Jahr 1912 sinkt die Titanic und reißt rund 1500 Menschen mit sich in die Tiefe. Zwei Jahre später wird in Sarajevo der österreichische Thronfolger erschossen. Der erste Weltkrieg beginnt und dauert von 1914 - 1918, ein Krieg, wie er vorher noch nie dagewesen war. 1916 leitet das Easter Rising die Unabhänigkeit Irlands von Westminster ein.

1917 beendet die Oktoberrevolution die Zarenzeit in Russland, 1918 dankt der deutsche Kaiser ab. Doch nicht nur ist Europa durch den Krieg und große politische Umwälzungen erschüttert, auch schreitet die Technik immer weiter voran. Das Radio gewinnt an Einfluss und Beliebtheit, Albert Einstein stellt seine Relativitätstheorie vor, die ersten langen Spielfilme werden gedreht und die Kunst wird revolutioniert durch neue, moderne Formen. Kubismus, Expressionismus und Dada schocken die Menschen. Europa steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters und so schnell, wie sich die Gesellschaft des Jahrzehnts wandelt, so schnell macht auch die Damenmode den großen Schritt ins zwanzigste Jahrhundert mit, denn wie immer spiegeln sich politische und gesellschaftliche Ereignisse in der Kleidung. Gegen Ende des Jahrzehnts endet die Belle Époque entgültig und leutet das Jazz Age ein, die goldenen Zwanziger Jahre. 

Empiretaille und orientalische Einflüsse

Abendkleid, Callot Soeurs, ca. 1910 - 1912
Metropolitan Museum of Art
Zu Beginn der Dekade spiegelt die Mode auffällig die Trends des vorangegangenen Jahrzehnts und führt diese fort: So ist die Wespentaille der 1890er Jahre nun entgültig aus der Mode und die weiche, natürliche Form des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts wird bevorzugt und akzentuiert. Die Taille wandert immer weiter nach oben, imitiert die als natürlich empfundene Empireteile, die fast genau hundert Jahre zuvor in Mode war, während die Röcke frei und natürlich fallen und fließen dürfen, ohne, dass durch Krinoline oder Tournüre nachgeholfen wird. Zu Beginn des ersten Weltkrieges wanderte die Taille jedoch wieder nach unten und verblieb für den Rest des Jahrzehnts auf den Hüften liegend. Während die Taille herabsank, wurden die Röcke kürzer. Wo zu Beginn des Jahrzehnts noch bodenlange Röcke in Mode waren, waren die Röcke ein paar Jahre später schon nur noch wadenlang, eine Bewegung, die im Verlauf der 1920er Jahre zu Röcken führt, die nur noch bis zum Knie reichen. Ein kurzlebiger Trend des Jahrzehnts war der 1914 vorgestellte Humpelrock: Er beginnt weit, wird jedoch nach unten hin immer enger und ist besonders um die Fußknöchel herum sehr schmal geschnitten. Der Humpelrock schränkte die Bewegungsfreiheit der Trägerin deutlich ein und konnte sich daher auch nicht allzu lang halten.

Die Mode der 1910er Jahre ist stark beeinflusst vom Orientalismus. Ein großes Interesse ist durch zunehmende Kolonialisierung fremder Gebiete und Handel bereits im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert entstanden, doch die 1910er Jahre sehen den dekadenten Höhepunkt dieser Modebewegung. Besonders Mode, die an japanische Kimonos oder die romantisierte Haremmode erinnerte kamen in Mode. Doch auch an dem cremefarbenen, mit Strasssteinen besetzten Stück oben könnt ihr als orientalisch erachtete Einflüsse erkennen. Eine große Veränderung, die die Mode in den 1910er Jahren erlebte, war das allmähliche Verschwinden der großen, extravaganten Hüte, die die edwardianische Epoche ausmachten. Stattdessen trug die modische Frau unter anderem Turban - ein weiterer Einfluss des Orientalismus in die Mode. Auch die Kunst hält weiterhin Einfluss in die Mode. Wo zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der Jugendstil traumhaft verspielte Kleider hervorbrachte, sehen die voranschreitenden 1910er schimmernde Stoffe und geometrische Muster, gekennzeichnet von der beginnenden Art Deco, die ihren Höhepunkt in den 1920er Jahren findet.

Kriegsmode und Nachkriegszeit

Abendkleid, ca. 1915
Metropolitan Museum of Art
Für viele Frauen brachte der erste Weltkrieg einen abrupten Abbruch der bisher gekannten filigranen, detaillreichen Mode mit sich. In Paris blieben die großen Modehäuser geschlossen, weil die Modeschöpfer in die Armee eingezogen wurden. Die Gräuel des Krieges verlangten nach weniger Extravaganz und Prunk als zuvor. Schnitte wurden simpler und Farben gedeckter. Auch Mode, in der es möglich war Tätigkeiten zu verrichten, die vor dem Krieg nur Männer verrichtet hatten, wurde gebraucht. Der erste Weltkrieg läutet das Ende von Korsett und Unterrock ein, da beide Kleidungsstücke zu umständlich waren, um darin zu arbeiten. 

Denn die durch den Krieg neu entstandenen Aufgaben machten auch vor adeligen Frauen nicht halt. Sie wurden Krankenschwestern, die sich um die Verwundeten kümmerten, oder stellten ihre Häuser dem britischen Red Cross zur Unterbringung der Verletzten zur Verfügung. Jedoch nähten sie auch Kleidung für die Patienten oder halfen bei der Organisation. All dies sind Aufgaben, die auch für adelige Damen nüchterne, praktische Mode verlangen. Natürlich floss die Kriegsmode jedoch auch im Rückschluss in die Entwürfe der Modedesigner ein: Simple, aber dennoch edle Kleider mit kurzem Rock, die ohne Unterrock getragen werden wie das Abendkleid rechts zum Beispiel sind bezeichnend für die Haute Couture der Kriegsjahre. 

Eine weitere große Veränderung in der Damenmode ist das Haar: Schon seit den letzten Jahren der 1900er beginnen Frauen, ihr Haar kurz geschnitten zu tragen, eine neue Mode, die sich während der Kriegsjahre bis in adelige Kreise verbreitet. Generell bleibt zu sagen, dass die 1910er, was die Mode angeht, einen großen Schritt nach vorn machen. Der Krieg sorgt dafür, dass Frauen arbeiten müssen, was sie schon zuvor gewollt, es aber nicht immer gedurft hatten, und neue Moden, die nicht nur mehr Bewegungsfreiheit bieten, sondern auch mehr Selbstbestimmung, werden notwendig. Die ideale Form der Frau war jahrzehntelang vorgegeben worden, ein Umstand, der durch den Notstand plötzlich wegfiel. Haar durfte kurz sein oder lang, Röcke konnten weiterhin bodenlang getragen werden oder nur noch wadenlang, die Taille durfte schmal sein oder breiter, unter der Brust getragen werden oder ganz natürlich im Hüftbereich. Die Zeit der strengen Vorgaben innerhalb der Damenmode sind vorbei. Die Zeit von Modedesignern, verschiedenen Stilen und Individualität bricht an. Nach Kriegsende 1918 eröffnen die Modehäuser wieder, eine ganz neue Form von Optimisus liegt in der Luft und strenge Moral und Ordnung, die das edwardianische Zeitalter noch gekannt hat, sind gelockert und lassen Raum für freiere Entfaltung. Modern war nun der gerade, maskuline Stil als krasser Gegensatz zur viktorianischen Wespentaille, der in den 1920ern seinen Höhepunkt finden sollte. 

Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Nunn, Joan: Fashion in Costume, 1200–2000. 2000.

Steele, Valerie: Paris Fashion. A Cultural History. 1988.

Bildquelle für den Header: Schwedische Modezeichnung, 1911

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