Effie Gray - Das Liebesdrama des Jahrhunderts

Euphemia Gray, gezeichnet von
Thomas Richmond, 1851
Am zehnten April des Jahres 1848 heiratet John Ruskin, angesehener Kunstkritiker, Schriftsteller und Künstler des frühen viktorianischen Englands, die neun Jahre jüngere Euphemia Gray, die Tochter eines Freundes seiner Familie. Euphemia, kurz Effie, war keine Fremde für Ruskin. Tatsächlich schrieb er seinen Roman "Der König des Goldstroms", ein Kunstmärchen, für die damals zwölfjährige Effie. Die Heirat aber war nicht Ruskins eigene Idee, sondern wurde den beiden von Familie und Freunden nahegelegt, da man durch die enge Bindung zwischen den beiden davon ausging, dass sie ein gutes Paar abgeben würden. 

Effie war an ihrem Hochzeitstag zwanzig Jahre alt, John Ruskin bereits neunundzwanzig. Inwieweit die beiden Partien glücklich mit der Entscheidung zu heiraten waren, ist nicht genau zu sagen. Es ist aber anzunehmen, dass besonders John Ruskins romantisches Interesse an Effie bald abklang, denn auf ihren gemeinsamen Reisen auf den europäischen Kontinent soll er sich lieber zurückgezogen und die Architektur studiert haben, als mit Effie zu sozialisieren. Tatsächlich soll er von Beginn an daran interessiert gewesen sein, seine Ehefrau wieder loszuwerden. Woran das lag, lässt sich heute nur noch spekulieren. Ruskin selbst soll gesagt haben, dass er Effie als Person langweilig gefunden hat, Effie schrieb später in einem mittlerweile berühmtberüchtigten Brief, dass John in der Hochzeitsnacht eine Eigenart ihres Körpers abstoßend gefunden hätte. Klar scheint zu sein, dass das Paar bereits in der Hochzeitnacht bemerkt haben soll, dass sie nicht füreinander geschaffen waren, denn die Ehe wurde nie vollzogen. Aber ist das wirklich so?

Effie und John Ruskin - Eine unglückliche Ehe?

Was genau in dieser Nacht auf den elfen April 1848 passiert ist, ist nicht überliefert, auch, wenn mehrere Legenden kursieren, was Effie damit gemeint haben könnte, dass John Ruskin etwas an ihrem Körper als abstoßend empfunden hätte. Die einen glauben, dass Effie vielleicht ihre Regel bekommen hätte, oder, dass John Ruskin von ihrer Körperbehaarung abgestoßen worden wäre. Diesem Glauben geht natürlich voran, dass Ruskin als Kunstmaler nicht gewusst haben müsste, wie echte Frauen aussehen, sondern nur die perfekten, haarlosen Schönheiten aus der Kunst kannte. Das halte ich aber ganz persönlich für unwahrscheinlich. So naiv wird ein John Ruskin nicht gewesen sein, dass er nicht gewusst hätte, wie eine echte Frau aussieht und es wirft auch ein sehr unschmeichelhaftes Licht auf Ruskin, was meiner Meinung nach nicht angebracht ist. Viel wahrscheinlicher ist in meinen Augen, dass Effie in ihrem Brief eher spekuliert hat - oder einen Grund für die Annulierung der Ehe vorschob. Ihr Wortlaut lautet aus dem Englischen übersetzt:

Er nannte verschiedene Gründe, Kinderhass, religiöse Motive, den Wunsch, meine Schönheit zu bewahren, und endlich, im letzten Jahr, sagte er die Wahrheit... Dass er immer gedacht hätte, Frauen seien ganz anders, als ich aussah und, dass er von meiner Person an diesem ersten Abend am 10. April abgestoßen war.

John Ruskin selbst aber sagte während der laufenden Anullierung der Ehe, ihm sei bewusst, dass Effie eine sehr attraktive Frau wäre, er aber mit ihrem schönen Gesicht nichts anfangen könnte, weil ihm ihre Persönlichkeit nicht gefallen hätte. Dies wird heute allerdings eher als Vorwand verstanden. Johns Abneigung Effie gegenüber könnte ganz andere Gründe haben, zum Beispiel, dass John das Gefühl hatte, Effies Familie hätte ihm bloß geraten, Effie zu heiraten, um an sein großes Vermögen zu gelangen. Es ist überliefert, dass Effie tatsächlich keine Mitgift hatte, sondern im Gegenzug Geld von Ruskin bekam. Dazu kommt, dass Effie und John vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten hatten. John war still, zurückgezogen, geradezu schüchtern und sagte selbst, dass, wenn er eine Frau wäre, er niemals einen Mann lieben könnte, der so sei, wie er selbst. Effie hingegen war lebenslustig, liebte es mit anderen Menschen zu sozialisieren, ging gern auf Parties und flirtete sehr gern. Für beide soll schon vor der Ehe klar gewesen sein, dass sie eigentlich nicht kompatibel waren und Effie soll bei der Vorstellung ihren Kindheitsfreund John Ruskin zu heiraten sogar gelacht haben. Seinen ersten Heiratsantrag nahm sie dementsprechend auch nicht an. Ob Effie John geliebt hat, bleibt also unklar.

John Ruskin hingegen soll sehr in Effie verliebt gewesen sein. Und tatsächlich versteht Robert Brownell, der wohl führende Experte, was dieses Thema angeht (sein Buch zum Fall ist sehr zu empfehlen, die Details stehen wie immer am Ende des Artikels), Effies, so wie John Ruskins Aussagen zur Hochzeitsnacht als bloßen Vorwand, um die Ehe annulieren lassen zu dürfen. Im Gegensatz zum allgemein beliebten Glauben, dass John und Effie überhaupt nichts miteinander hätten anfangen können, sollen sie die ersten Monate ihrer Ehe durchaus nicht unglücklich gewesen sein. Es ist überliefert, dass sie Arm in Arm geschlafen haben und, dass John Effie verehrt haben soll.  Auf keinen Fall wird er sie wirklich abstoßend gefunden haben. Hier haben wir es wohl tatsächlich eher mit einer aufgebauschten Legende zu tun, als mit der Wahrheit. Wie aber kam es dann zur Abkühlung der Beziehung und wieso wurde die Ehe nicht vollzogen? Zu Letzterem gibt es mehrere Theorien. Es ist gut möglich, dass es einfach an der Angst vor einer Schwangerschaft lag. Effie war noch sehr jung und wollte mit John reisen, was sie nicht gekonnt hätte, wäre sie schwanger geworden. Dass die Beziehung der beiden am Ende zerbrochen ist, liegt laut Brownell vor allem an ihren grundverschiedenen Persönlichkeiten und Vorstellungen vom gemeinsamen Leben. So sollen einige Vorfälle auf einer Reise nach Venedig, die John großen Ärger eingebracht haben und wohl durchaus durch Effies offene, lebenslustige Art hervorgerufen worden waren, dafür gesorgt haben, dass beide eingesehen haben, dass sie nicht zueinander passten. 

Effie und John Everett Millais - Die schottische Schönheit und der Präraphaelit

Oben: John Ruskin,1863
Unten: John Everett Millais,
1853
Fakt ist, dass die beiden eine rund sechsjährige, großteils unglückliche Ehe führten, in der Effie von Verehrern umschwirrt wurde, denen sie nicht nachgeben konnte, und John unter der Ehe, die er mittlerweile bereute, schwer litt. Effie fühlte sich gefangen und John sich von Effies Familie betrogen und ausgenommen. Getrennte Wege gingen sie schlussendlich im Jahr 1854: Effie lernte bereits zwei Jahre zuvor den Präraphaeliten John Everett Millais kennen, einen Bekannten von John Ruskin, für dessen Gemälde "The Order of Release" sie Modell stand. Auf dem Gemälde ist sie als Frau eines schottischen Rebellen zu sehen. Effie war selbst Schottin. Sie und Millais kamen sich näher und verliebten sich schlussendlich ineinander. John Ruskin schien es egal - oder sogar Recht - gewesen sein. Es ist überliefert, dass er sich auch in dieser Zeit viel zurückzog und Effie ihre eigenen Ziele verfolgen ließ.  

Bald darauf zog Effie aus dem gemeinsamen Haus aus und ging für eine Weile zurück zu ihrer Familie. Bald darauf ließ das Paar ihre Ehe aufgrund von Nichtvollzug anullieren. Effie heiratete John Everett Millais im Jahr darauf, 1855. Das Paar soll sehr glücklich verheiratet gewesen sein und hatte acht Kinder. Millais bezog Effie stark in seine Kunst ein, ließ sie sehr oft Modell stehen, aber hörte auch auf ihre Ratschläge, was seine Motive und seinen Stil anging. Obwohl John Everett Millais im Jahr 1885 von Königin Victoria der Titel des Barons verliehen wurde und Effie offiziell zu Lady Millais wurde, war es Effie wegen ihrer gescheiterten Ehe verboten, offizielle soziale Anlässe, bei denen Königin Victoria zugegen war, zu besuchen. John Ruskin hingegen heiratete nie, doch so, wie er einzuschätzen ist, kam ihm das vielleicht am Ende ganz Recht. Er wurde Englands bekanntester und renomiertester Kunstkritiker und verfasste mehrere Werke über Kunst und Architektur, die bis heute einen hohen Stellenwert haben. Allerdings kreuzten sich Effies und John Ruskins Wege auch nach der Auflösung ihrer Ehe immer wieder - und es ist anzunehmen, dass sie sich nicht im Guten getrennt haben.

Effie, John und John - Interpretationen und Vermutungen 

So soll Effie die Heirat zwischen John Ruskin und seiner Schülerin Rose La Touche verhindert haben, indem sie Roses Eltern schrieb, John Ruskin sei ein unterdrückender Ehemann gewesen (Was, anhand von überlieferten Briefen, auch durchaus wahr sein kann). Gleichzeitig schrieb Ruskin einige Zerrisse zu John Everett Millais' Gemälden, da er der Meinung war, Effies Einfluss auf Millais' Kunst sei negativ und würde eine Katastrophe aus Millais' Bildern machen. Ob Effie wirklich der Grund dafür war, dass Rose La Touche Ruskin's Antrag ablehnte und ob Ruskins Kritik an Millais' Werken nicht doch damit zu tun hatte, dass ihm Millais' neuer Stil schlicht und ergreifend nicht gefiel, das lässt sich so einfach nicht sagen. Der Fall "Gray-Ruskin-Millais" aber fasziniert die Leute seit Effies und John Ruskins Trennung. Es gibt mehrere Theaterstücke, Romane und Filme über den Stoff und immer wieder versuchen Wissenschaftler wie Hobbyhistoriker herauszufinden, was wirklich zur Ablehnung zwischen John Ruskin und Effie Gray geführt hat. Ein Grund für die große Beliebtheit der Geschichte ist sicherlich die Nähe zur präraphaelitischen Bruderschaft, der Millais als Gründungsmitglied angehörte. Die romantischen Ideale und Kunstwerke der Präraphaeliten unterstreichen die Romanze zwischen Effie und John Everett Millais und Liebesdreiecke, so wie unglückliche und unerfüllte Liebe haben die Menschen wohl schon immer fasziniert.

Dazu kommt natürlich der Umstand, dass in diese Geschichte zwei berühmte Viktorianer verwickelt waren. Millais als anerkannter Künstler und John Ruskin als gefeierter Kunstkritiker und Schriftsteller. Besonders Ruskins Zurückgezogenheit bot und bietet Nährboden für viele Spekulationen. Eine davon ist, dass Ruskin pädophile Tendenzen gehabt haben könnte, da er oft sagte, dass ihm Mädchen im Alter von zehn bis sechzehn am liebsten wären. Allerdings lassen sich aus seinen Aussagen keinerlei sexuelle Tendenzen herauslesen. Viel eher wird angenommen, dass Ruskin an allem Sexuellen generell kein Interesse hatte - also nach modernen Kriteria asexuell war, wenn auch nicht aromantisch, was seine Liebe zu Rose La Touche und auch zu Effie zu Beginn ihrer Beziehung beweist. Sein Interesse an jungen Mädchen soll daher eher daraus rühren, dass er Kinder als völlig unschuldig und unsexuell betrachtete, was ihm gefiel - ähnliches trifft auf seinen Zeitgenossen und gutem Freund Lewis Carroll zu. Dies ist natürlich ein sehr sensibles Thema, weshalb ich persönlich keine weiteren Aussagen dazu machen will, da sie unqualifiziert wären. Auch gibt es Spekulationen, dass Ruskin homosexuell gewesen sein könnte, was ich persönlich und auch viele Experten auf dem Gebiet aber für sehr unwahrscheinlich halten. Ruskin hatte wohl sein gesamtes Leben lang keinerlei sexuelle Beziehungen - weder zu Frauen noch zu Männern. In Rose soll er jedoch aufrichtig verliebt gewesen sein. So sehr, dass er sich nach ihrem Tod im Alter von nur 27 Jahren einbildete, er könnte mit ihrem Geist kommunizieren. 

Effie Gray hingegen wird besonders von Ruskins Biographen immer wieder als hinterhältig und Wurzel allen Übels dargestellt, was sie in dieser Form sicherlich nicht war. Viel eher war sie eine sehr aktive, lebenslustige junge Frau, die durch sechs Jahre in einer unerfüllten Beziehung, in der sie sich stark eingeengt und gefangen gefühlt hat, gezeichnet war. Selbst, wenn Ruskin und Effie vor ihrer Ehe Freunde gewesen sind, was sich sicherlich so sagen lässt, kann eine erzwungene Ehe, die sechs lange Jahre andauert, natürlich dafür gesorgt haben, dass die beiden am Ende nicht mehr gut aufeinander zu sprechen waren. Man sollte die Situation meiner Meinung nach so objektiv wie möglich betrachten, denn am Ende gibt es eigentlich keine schuldige Partei. Weder Effie, noch Ruskin sind Schuld daran, dass sie als Eheleute nicht kompatibel waren und auch John Everett Millais ist nicht der Grund für das Ende der Ehe, da Effie sich in ihn verliebte, als ihre Ehe zu John Ruskin schon seit vier Jahren kaputt war. Am Ende bleibt dies der spektakulärste Fall von Dreiecksbeziehung, den das viktorianische Zeitalter kannte und der die Menschen aufgrund der vielen unbekannten Faktoren bis heute fasziniert und rätseln lässt. Der Fall ist wohl aber auch ein sehr guter Ausdruck des viktorianischen Gesellschaftswesens, in dem oft durch sozialen Druck geheiratet wurde und unglückliche Ehen nur schwer zu lösen waren. Darin ist er wohl einfach typisch viktorianisch: Zwei Menschen, gefangen und eingeschränkt durch eine Ehe, die sie beide schon lange nicht mehr wollten.

Selbst nachlesen?

Brownell, Robert: Marriage of Inconvenience. John Ruskin, Effie Gray, John Everett Millais and the surprising truth about the most notorious marriage of the nineteenth century. 2013.

Cooper, Suzanne Fagence: The Model Wife. The Passionate Lives of Effie Gray, Ruskin and Millais. 2010

Der Brownell ist die wohl detaillreichste, objektivste Monographie zum Thema und sehr zu empfehlen.

1 Kommentar

  1. Hallo Charlotte,

    ich mag deine Art zu schreiben und mir gefällt es wie du versuchst objektiv zu bleiben und nicht immer sofort das vermeintlich Offensichtliche annimmst.

    Diese Geschichte ist sehr faszinierend, wo ich eher mich in Effie einzufühlen versuche. Denn zeugt es nicht davon, da sie angeblich die Ehe zwischen Ruskin und La Touche verhindert hat, dass sie ihre Ehe mit Ruskin nicht überwunden hat? Zudem würde sie sich doch nicht einmischen, wenn er ihr (schon immer)völlig egal wäre. Ich vermute, dass sie Gefühle für Ruskin empfunden hat(te) und daher sich persönlich beleidigt fühlte, da er offensichtlich kein sexuelles Verlangen nach ihr hat. Auch fehlte ihr das Verständis für ihn und seine "Eigenart".

    Ruskin selbst hat vermutlich sich nie Gedanken darüber gemacht, dass er anders als andere sei. Was meiner persönlichen Meinung sehr für ihn spricht. Denn viel zu viel kann an einem Charakter kaputt gehen, wenn man sich ständig mit anderen vergleicht und versucht der sogenannten Norm zu entsprechen.

    Ich Danke für deine Ansicht und freue mich auf weitere solcher Ausführungen.

    Gruß
    Lisa

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