Donnerstag, 24. Dezember 2015

Weihnachten in der Belle Époque

"Junge Frau dekoriert den Weihnachtsbaum" von
Marcel Rieder, 1898
Heute ist Heilig Abend. Ich hoffe, dass ihr ein schönes Weihnachtsfest verbringt, mit allem, was dazu gehört, gutem Essen, schöner Musik und ein paar Geschenken. Auch allen Lesern, die kein Weihnachten feiern, möchte ich ein paar schöne Wintertage wünschen. Zündet ein paar Kerzen an und macht es euch gemütlich, mit einem schönen Buch oder dem Gaiety Girl. Heute möchte ich euch erzählen, wie die Viktorianer Weihnachten gefeiert haben. Denn viele der Weihnachtstraditionen, die wir heute noch pflegen, stammen aus dem neunzehnten Jahrhundert.Welche das sind, erfahrt ihr jetzt.

Der Weihnachtsbaum - Von Deutschland in die weite Welt

Für viele Menschen gehört der Weihnachtsbaum zum Weihnachtsfest einfach dazu. Er wird geschmückt mit Lichtern, Kugeln, Lametta oder anderen Dekorationen. Auch die Menschen im neunzehnten Jahrhundert wussten den Weihnachtsbaum bereits zu schätzen, doch seine Geschichte beginnt bereits viel früher. Der Weihnachtsbaum, wie wir ihn heute kennen, ist eine deutsche Tradition, die sich gegen Ende des Mittelalters entwickelte. Der immergrüne Tannenbaum als Symbol für Leben lässt sich jedoch bereits in der Antike in vielen Kulturen finden und behält diese Bedeutung auch bis heute bei. Der deutsche Weihnachtsbaum, der besonders im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert immer mehr an Beliebtheit gewann, war meist geschmückt mit essbaren Dekorationen wie Äpfeln oder Süßigkeiten. Hierzulande setzte sich diese Tradition noch bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hin fort. Auch die Lichter auf dem Weihnachtsbaum sind erst seit dem achtzehnten Jahrhundert fester Bestandteil des Weihnachtsbaumschmucks. 

Während es in Deutschland daher schon sehr früh Brauch war, sich zur Weihnachtszeit einen Tannenbaum ins Haus zu holen, kannten viele andere westliche Länder die Tradition das Haus mit Tannenzweigen zu schmücken, die jedoch mit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts vom Weihnachtsbaum verdrängt wurde. In Österreich und Dänemark zum Beispiel geschah dies bereits in den ersten Dekaden des neunzehnten Jahrhunderts, in Frankreich um die Mitte des Jahrhunderts herum. Nach Großbritannien soll der Weihnachtsbaum mit Charlotte von Mecklenburg-Strelitz gekommen sein, der Frau des englischen Königs George III. Sie veranstaltete im Jahr 1800 eine Weihnachtsparty, auf der es einen großen Tannenbaum gab. Königin Victoria war bereits als Kind an die Tradition gewöhnt und beschreibt in ihrem Tagebuch den mit Zuckerstangen behangenen Baum, unter dem die Geschenke warteten. Es soll jedoch ihr deutscher Ehemann, Prinz Albert, gewesen sein, der die Tradition in Großbritannien beliebt machte. Während der 1840er Jahre folgte die britische Mittelklasse dem Beispiel der königlichen Familie. Der Weihnachtsbaum war modern und verbreitete sich rasendschnell in ganz Großbritannien, Europa und Amerika.

In der frühen Belle Époque war der Weihnachtsbaum noch etwas, das wohlhabenderen Familien vorbehalten war. Der Baum war mittlerweile nicht nur mit essbaren Dekorationen geschmückt, sondern auch mit Bändern aus Stoff und Papier, Lametta und meist aus Handarbeit stammenden, sehr kunstvoll gestalteten gläsernen Weihnachtsbaumkugeln und -schmuck, wie sorgfältig hergestellte und bemalte Tiere. Auf der Spitze des Baumes trohnte meist ein Weihnachtsstern, der den Stern von Bethlehem symbolisierte, oder ein Engel, der für den Erzengel Gabriel stand. Erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zog der Weihnachtsbaum auch in die ärmeren Haushalte ein. Eine große Ausnahme ist hier einmal mehr Deutschland: Hier fand sich der Weihnachtsbaum zuerst nur in den ärmeren Haushalten, bevor er sich nach und nach auch in den gutbürgerlichen und adeligen Wohngemächern finden ließ. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde es außerdem in den christlichen Ländern Sitte, hell beleuchtete und reich geschmückte große Weihnachtsbäume auch in Kirchen und an anderen öffentlichen Orten aufzustellen. Künstliche Weihnachtsbäume als Protest gegen die Abholzung lebender Bäume sind übrigens keine neue Erfindung: Auch sie werden bereits seit dem späten neunzehnten Jahrhundert hergestellt.

Viktorianische Weihnacht - Heilig Abend im Kreise der Familie

Das Weihnachtsfest drehte sich im neunzehnten Jahrhundert mehr und mehr um die Familie und verlor seinen Charakter als religiöses Fest. Tatsächlich spielte die Religion an Weihnachten allerdings für viele Menschen weiterhin eine große Rolle. Am Heiligen Abend aber wurde sich um die Familie gekümmert. Meist wurden auch entfernte Verwandte eingeladen - der Heilige Abend war demnach kein ruhiges Fest im Kreise der engen Verwandten, sondern eine große Angelegenheit. Einmal im Jahr traf sich die ganze Familie. In dieser Zeit werden auch in Großbritannien und Amerika noch am Heiligen Abend die Geschenke getauscht: Sie liegen unter dem Weihnachtsbaum und ausgepackt wird gemeinsam am späten Nachmittag. Zu Beginn der Epoche sind Geschenke meist noch selbst hergestellt: Sie sind gebastelt, gebacken, genäht oder gestickt, Hauptsache, der Schenker hat sich Mühe gegeben. Das Herstellen der Geschenke war gleichzeitig ein Zeitvertreib für die langen Winterabende, an denen nicht viel anderes unternommen werden konnte, natürlich aber auch ein Ausdruck der frühviktorianischen Einstellung gegenüber Weihnachten und Geschenken. Zu Beginn der Epoche hatten die Geschenke noch keinen allzu großen Stellwert innerhalb der Feierlichkeiten und waren deshalb bescheiden und klein gehalten. 

Im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts, mit dem Foranschreiten der Massenproduktion, der Eröffnung der großen Kaufhäuser und der wachsenden Komerzialisierung werden Geschenke in gutbürgerlichen und adeligen Familien aber immer öfter gekauft. Nun wurde auch mehr geschenkt und kostbarere und größere Dinge lagen unter dem Weihnachtsbaum. Das hat allerdings nicht nur mit dem Kaufrausch des späten neunzehnten Jahrhunderts zu tun, sondern generell damit, dass der Familiencharakter den religiösen immer weiter ablöste und das Beschenken der Familie als Ausdruck von Liebe und Beisammensein an Wichtigkeit gewann. Typische Geschenke für Frauen waren Hüte oder Schmuck, Fächer, Nähkästchen, Magazine, Uhren oder Parfüm, während man Männern eher praktische Kleidung wie Handschuhe oder einen Schal schenkte, Zigarettenetuis oder einen schönen Schirm. Mädchen bekamen oft Haarbänder, Püppchen oder geeignete Bücher, während Jungen neben ebenfalls geeigneten Büchern auch Spielzeug erhielten, wie Spielzeugsoldaten oder Modelleisenbahnen. Beliebte Geschenke für alle Kinder waren Schlitten, Schlittschuhe oder andere im Winter benutzbare Spielzeuge. 

Zur Unterhaltung am Heilig Abend wurden Gedichte vorgetragen oder weihnachtliche Musik vorgespielt oder gesungen. An Weihnachten konnten auch die beliebten tableaux vivants aufgeführt werden: Lebendige Bilder, manchmal sogar in Verkleidung. Man stellte sich zu einer Szene auf, die ein historisches Ereignis oder ein berühmtes Gemälde darstellen konnte und die anderen mussten raten, was man vorspielte. Auch kleine Theaterstücke waren beliebt und natürlich wurden auch andere typische Salonspiele gespielt. Das schönste, das ich auf der Webseite der BBC entdeckt habe, ist das "Lachspiel". Man setzt sich im Kreis hin und der Reihe nach sagt man "Ha" oder "Ho" oder "Hihi" und behält dabei ein völlig ernstes Gesicht. Wer zuerst lacht, hat verloren. Der Gewinner ist derjenige, der als letztes noch übrig ist. Dieses Spiel stelle ich mir wirklich lustig vor, es klingt sehr charmant. Eine weitere Erfindung des viktorianischen Zeitalters sind Knallbonbons: Sie entstanden 1846 in London und enthielten zu Beginn kleine Geschenke, Süßigkeiten oder Liebessprüchlein. Zusammenfassend ist zu sagen, dass der Heilig Abend im neunzehnten Jahrhundert mit der großen Familie verbracht wird. Man packt Geschenke aus und sitzt um den Weihnachtsbaum, singt, spielt Spiele und unterhält sich sicherlich auch, während die Kinder sich mit ihren neuen Spielzeugen und Büchern beschäftigen. Gemütlichkeit und Familie stehen am Heiligen Abend im Vordergrund. 

Der erste Weihnachtstag

Der erste Weihnachtstag beginnt natürlich mit der Weihnachtsmesse in der Kirche, doch im Vordergrund steht an diesem Tag das große Essen mit der ganzen Familie. Zubereitet werden im neunzehnten Jahrhundert zu Weihnachten natürlich die Weihnachtspuddings und Glühwein. Beliebtes Weihnachtsessen ist Gans, Huhn oder Truthahn. Nach dem Essen werden die Freunde der Familie besucht und man brachte seinen Freunden Geschenke vorbei und nahm im Gegenzug welche entgegen. Interessanterweise haben die meisten Geschäfte am ersten Weihnachtstag geöffnet. Im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts wird zu Weihnachten Wohltätigkeit und Barmherzigkeit immer wichtiger, zusammenhängend natürlich mit dem wachsenden Interesse der oberen Schichten den ärmeren Leuten zu helfen. Für Deutschland habe ich eine besondere Tradition entdeckt, die ich für andere Gebiete nicht gefunden habe: Kinder bekamen zu Weihnachten zusätzlich einen Weihnachtsteller, der randvoll mit Äpfeln, Mandarinen und Nüssen gefüllt war. Eine Art Knabberteller also. Ich muss an dieser Stelle dazu sagen, dass sich die Zeiten von Kirchgang und Bescherung von Region zu Region zu unterscheiden scheinen. Manchmal erfolgt der Kirchgang am Heiligen Abend zu Mitternacht, manchmal passiert die Bescherung erst am Morgen des ersten Weihnachtstages. Das oben beschriebene Szenario dürfte allerdings besonders in wohlhabenden Familien häufig gewesen sein. 

In Großbritannien ist in der Weihnachtszeit außerdem das Caroling beliebt: Die Menschen gehen singend von Tür zu Tür, um ihre Nachbarn zu unterhalten. Ein weiterer britischer Brauch ist der Boxing Day: Am Tag nach Weihnachten werden kleine Geschenke in Boxen verpackt und an die Bediensteten verschenkt. In Deutschland ist wohl der Brauch des Sternsingens mit dem Caroling vergleichbar. Ein Grund dafür, dass Weihnachten im neunzehnten Jahrhundert einen viel größeren Stellenwert erhielt als zuvor ist nicht nur das neu erwachte Familienbewusstsein der Epoche. Auch die industrielle Revolution spielte eine große Rolle: Nicht nur waren mittlerweile durch die neuen Fabriken und Geschäfte viel mehr Familien wohlhabend genug, um zu Weihnachten freizunehmen und zu feiern, auch sorgte die neue Verknüpfung der Städte durch das Eisenbahnnetz daür, dass es viel einfacher geworden war, Familie und Freunde zu besuchen. Das Weihnachtsfest im neunzehnten Jahrhundert ist ein sehr besinnliches Fest, bei dem im Vordergrund steht Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, sich zu beschenken, Spiele zu spielen und zu singen und zusammen gut zu essen. Ihr seht also, allzu große Unterschiede zu unseren heutigen Feierlichkeiten gibt es gar nicht. Ich hoffe, ihr hattet ein wenig Spaß mit dem Artikel und habt auch weiterhin ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest. Alles Liebe zu Weihnachten wünscht eure Charlotte und allen, die nicht feiern, einen schönen Winter und ein paar gemütliche Tage. 

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Selbst nachlesen?

Miles, Clement A.: Christmas Customs and Traditions. Their History and Significance. 1976.

Selby, Anne: The Victorian Christmas. 2008.

Weber-Kellermann, Ingeborg: Das Weihnachtsfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit. 1978. 

1 Kommentar:

  1. Sehr interessante Artikel gibt es in diesem Blog. Nachdem der Winter nun gekommen ist, bin ich ja auf der Suche nach Wintermode. Besonders Wintermode für Herren. Da einen guten Shop für den Männe zu finden ist schwierig :) Lg

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