Montag, 2. November 2015

Colette - Die Chronistin der Belle Époque

Colette, ca. 1900
Quelle: vogue.it
Sidonie-Gabrielle Colette, viel besser bekannt als Colette,, war eine der einflussreichsten französischen Schriftstellerinnen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre Karriere als Autorin erreicht ihren Höhepunkt in den 1920er Jahren, 1948 wurde sie sogar für den Nobelpreis in Literatur nominiert. Diese Zeit in Colettes Leben werde ich natürlich auch behandeln, doch wie ihr sicherlich bereits bemerkt habt, ist das die Epoche nach der Belle Époque, also nicht das Hauptaugenmerk des Gaiety Girls. Allerdings war Colette auch während der Belle Époque kein unbekannter Name. Denn der Mythos Colette beginnt bereits im fin de siècle auf den Pariser Varietébühnen auf ganz andere Weise, als man es für eine gefeierte Schriftstellerin annehmen möchte.

Vom Dorf in die große Stadt 

Geboren wird Colette am 28. Januar 1872 als Sidonie-Gabrielle Colette als jüngstes von vier Kindern in Saint-Sauveur-en-Puisaye, einem kleinen Dorf in der Bourgogne. Ihre Familie war nicht als arm zu bezeichnen, hatte allerdings durchaus Geldsorgen. Trotzdem ging Colette zur Schule, bis sie siebzehn Jahre alt war. Im Jahr 1893, mit zwanzig Jahren, heiratet sie den Schriftsteller "Willy", der eigentlich Henri Gauthier-Villars hieß. Sie hatte ihn bereits im Alter von sechzehn Jahren kennengelernt. Henri war in Paris berühmt-berüchtigt, ein Bohemien des fin de siècle, der seine junge Ehefrau in die Pariser Künstlercafés und Literatursalons mitnahm. Colette, die das Dorfleben gewöhnt war, gefiel die Pariser Avantgarde mit all ihren Freiheiten. Colettes erste Romanquatrologie "Claudine", die ab 1900 erschien, verarbeitet ihre eigenen Erfahrungen als Dorfmädchen in Pariser Künstlerkreisen. Die vier Romane erschienen allerdings zuerst unter dem Namen ihres Ehemannes - Willy. Henri war kein guter Ehemann. Er soll Colettes großes Talent erkannt und sie sogar eingesperrt haben, damit sie schrieb, betrog sie mit anderen Frauen und gab die Themen vor, die in den "Claudine"-Büchern vorkommen sollten. 

Die Romane wurden trotz - oder gerade wegen - ihrer frivolen Natur sehr beliebt. Colette schrieb über das, was sie selbst erlebt hatte und schilderte die Pariser Demimonde mit viel Leidenschaft und einem nicht selten anzüglichen Unterton, der den Nerv der Belle Époque genau traf. Im Jahr 1906 verließ Colette Henri, obwohl das für sie erst einmal einen Abschied vom Schreiben bedeutete: Henri behielt die Rechte an ihren "Claudine"-Romanen, sowie alle Einnahmen und gab die Geschichten weiterhin als seine eigenen aus. Colette allerdings wollte auf eigenen Beinen stehen. Von 1906 bis 1912 trat sie auf den Pariser Varietébühnen auf und machte sich bald einen Namen als Schauspielerin und Pantomimin. Sie begann eine Affäre mit Mathilde de Mourny, einer in Paris bekannten Männerdarstellerin, die sich auf der Bühne sehr oft über die Gepflogenheiten der Männer der Belle Époque lustig machte. Im Jahr 1907 kam es zum Skandal: Colette und Mathilde, genannt Missy, traten zusammen im berüchtigten Moulin Rouge auf. Während der Aufführung "Le rêve d’Egypte" kommt es zu Küssen zwischen Colette und der als Mann verkleideten Missy. Der Skandal bringt Konsequenzen mit sich: Die Show wird verboten und die beiden Frauen rücken ins Licht der Öffentlichkeit, können nicht mehr ohne Weiteres zusammenleben. Die Beziehung endet im Jahr 1912. 

Colettes Zeit als Tanzhallendarstellerin inspirierte den 1910 erschienenen Roman "La Vagabonde" und "L'Envers du music-hall" von 1913. "La Vagabonde" ist Colettes Durchbruch als eigenständige Autorin, die unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht. Der Roman erzählt von einer geschiedenen Varietékünstlerin, die sich in einen reichen Erben verliebt und wird 1910 für den Prix Goncourt, den größten französischen Literaturpreis, nominiert. Ab 1910 erscheinen immer wieder Texte von Colette im Pariser Magazin "Le Matin". Sie verliebt sich in den Redakteur der Zeitung, Henri de Jouvenel, und heiratet ihn 1912. Die Ehe gibt ihr Zeit zu schreiben, ohne sich ums Überleben Sorgen machen zu müssen, wie es in ihrer Zeit als Bühnendarstellerin gewesen war. 1913 bringt Colette eine Tochter zur Welt: Colette de Jouvenel. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges im Jahr 1914 hielt für Colette weitere Neuerungen bereit: Sie arbeitete als Krankenschwester und zeitgleich als Kriegsjournalistin. Die Erfahrungen, die sie während des Krieges gemacht hat, beeinflussten ihr Schreiben stark. So entstand 1920 ihr wohl bekanntester Roman, "Chéri". 

Die Grande Dame der französischen Literatur 

"Chéri" ist einer von vielen Romanen Colettes, die sich mit der durch den Krieg desillusionierten Nachkriegsgeneration der 1920er Jahre beschäftigt. Der Roman und seine Fortsetzung "La Fin de Chéri" behandeln das Ende der Belle Époque, das Colette hautnah miterlebt hat, und die nachfolgenden Jahre und handeln von der Beziehung zwischen dem jungen Chéri und einer älteren Frau, Léa. "Chéri" war sehr erfolgreich und wurde bald zu einem beliebten Theaterstück umgeschrieben, in dem Colette selbst die Léa spielte. In der märchenhaften Verfilmung des Romans von 2009 wird Léa von Michelle Pfeiffer gespielt und Chéri von Rupert Friend. Colette schreibt viel über die Liebe und ihre Abgründe und ist bekannt für ihre sinnlichen Beschreibungen und eindringlichen Szenarien. Im Jahr 1923 endete jedoch Colettes zweite Ehe: Henri und sie hatten sich gegenseitig betrogen. Im Jahr 1925 aber traf sie ihren letzten Ehemann. Sie und Maurice Goudeket, der über zehn Jahre jünger war als sie, heirateten 1935 und blieben bis zu ihrem Tod im Jahr 1954 zusammen. Maurice schrieb später, die Ehe sei sehr glücklich gewesen. Im Jahr 1949 erkrankte Colette schwer und konnte kaum noch ihre Wohnung verlassen. 

Im zweiten Weltkrieg, während der Besetzung Paris' durch die Deutschen, mussten Colette und Maurice sich verstecken, da Maurice aus einer jüdischen Familie stammte. In dieser Zeit schrieb Colette einen weiteren großen Erfolgsroman: "Gigi" von 1944. "Gigi" zehrt von Colettes Erinnerungen an die schillernde Belle Époque, die sie als goldene Zeit empfand, und handelt von einem jungen Mädchen und ihrem Werdegang zur Pariser Kurtisane. Colette schrieb viele Texte, die sich mit den Rechten der Frau und weiblicher Sexualität beschäftigen, Themen, die in "Gigi" und "Chéri" deutlich anklingen. Es war ihr ein Anliegen weibliche Lebenserfahrung im Kontrast zu den vielen männlichen Sichtweisen der Belle Époque und den darauffolgenden Jahren zu schreiben und zu veröffentlichen, was dazu führte, dass sie sehr komplexe, trotzdem humorvolle und unterhaltsame Romane schuf, die bis heute zu begeistern wissen und weibliche Lebensrealitäten aus vergangenen Zeiten beleuchten und erneut zu neuem Leben erwachen lassen. 1953 wurde Colette für ihr Werk und ihren Einsatz Grand Officier der französischen Ehrenlegion. Als Colette am 3. August 1954 verstarb, trauerte ganz Frankreich um die große Dame der französischen Literatur. Sie bekam als erste Frau in der französischen Geschichte ein großes Staatsbegräbnis. Sie ist auf dem berühmten Pariser Friedhof Père-Lachaise beerdigt. 

Colette als Wegbereiterin 

Colettes Romane sind mehrmals verfilmt worden und wirken auch heute noch eine große Anziehungskraft aus. Sie sind einer der wenigen, unkonventionellen Blicke in die Lebensrealität der Frauen der Belle Époque, beschäftigen sich mit weiblicher Sexualität zu Zeiten, in denen dies noch kaum öffentlich möglich war und sind außerdem wunderschön erzählte, komplexe Geschichten von Liebe, Menschen und der Gesellschaft und der Demimonde der Belle Époque. Darüber hinaus gilt Colette als Modeikone der Belle Époque, als beliebte Darstellerin und Halbweltdame, die aus den Konventionen ihrer Epoche ausbricht und sich selbst einen Namen macht. Als Mädchen vom Dorf, das unverhofft in die Pariser Künstler- und Literatenkreise geworfen wird, als Varietédarstellerin und Schriftstellerin bietet sie wohl einen der realistischsten Blicke auf die Belle Époque in Paris. Sie wurde schon zu Lebzeiten zur Legende. Zu nennen ist hier sicherlich auch der Einfluss ihrer Mutter Sido, einer frühen Feministin, zu der sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1912 engen Briefkontakt pflegte, und die Beziehung zu "Missy" de Mourny. Colette war ihr Leben lang umgeben von unkonventionellen Frauenfiguren, über die sie autobiographisch schrieb. 

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass wir es in großen Teilen Colette zu verdanken haben, dass weibliche Sexualität in den ersten Dekaden des zwanzigsten Jahrhunderts ein Stück weit enttabuisiert wurde. Colette hat nicht nur mit ihrem Schreiben Brücken gebaut: Auch als Varietékünstlerin forderte sie die Gendernormen des neunzehnten Jahrhunderts heraus, trat teilweise mit entblößten Brüsten auf, testete aus, wo die Grenzen ihrer Gesellschaft lagen und wie weit sie sie überschreiten konnte. Eine Fotografie von Colette, auf der eine ihrer Brüste zu sehen ist, gilt bis heute als großer Schritt in Richtung der sexuellen Befreiung der Frau. Das Bild erlangte über Frankreich hinaus Berühmtheit und rüttelte die Gesellschaft der Belle Époque auf. Nackt fotografierte Mädchen hatte es natürlich schon zuvor gegeben, doch das Bild der Colette war anders: Sie war eine berühmte, in der Öffentlichkeit stehende Frau und das Bild war nicht entstanden, um männlichen Betrachtern zu gefallen. Colette posiert selbstbewusst und offen. Weibliche Sexualität und weibliche Körper waren etwas, worüber nicht öffentlich gesprochen wurde. Doch Colette war nicht länger bereit, ihre eigene, weibliche Sexualität zu unterdrücken und sie wusste, was sie tat, als sie sich halbnackt ablichten ließ - sie riss Grenzen ein, die weibliche Sexualität Jahrzehnte lang als etwas Verbotenes betrachtet hatten.

Ähnlich ist ihre offen gelebte Sexualität zu verstehen. Colette würden wir nach modernen Standards als bisexuell verstehen. Dass sie ihre Beziehungen zu Frauen offen lebte, ist für die Belle Époque ein mutiger, wichtiger Schritt. Auch in ihren Texten spielen Beziehungen zwischen Frauen oft eine Rolle. Sidonie-Gabrielle Colette bleibt bis heute eine wichtige Wegbereiterin auf dem Weg zur sexuellen Befreiung der Frau und gilt bis heute als größte französische Schriftstellerin des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie war Darstellerin, Schriftstellerin, Stilikone und Journalistin in einer Zeit, in der keine dieser Professionen für respektable Frauen vorgesehen war. Sie öffnete Tore mit ihren Werken, allerdings auch mit ihrem Auftreten und ihrem Lebensstil. "Chéri" und "Gigi", aber auch viele ihrer anderen Werke, sind bis heute wunderschöne, nachdenklich stimmende Romane, die einen ganz besonderen Blick auf die Normen und Konventionen der Belle Époque werfen, Regeln aufbrechen und weibliche Realitäten zeigen, wie es kaum ein Schriftsteller der Ära getan hat. Colette als It-Girl der Belle Époque ist ein wichtiger Bestandteil der Ära, doch Colette ist auch als große Chronistin der Epoche zu verstehen. Colette ist eine der wichtigsten Figuren der Ära, eine der wichtigsten Frauen des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts und eine französische Legende. 

Selbst nachlesen?

Bonal, Gérard: Colette. 2014.

Dufour, Hortense: Colette. La Vagabonde assise. 2000.

Jouve, Nicole Ward: Colette. 1987. 

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