Freitag, 16. Januar 2015

Elisabeth - Die Frau, die nicht Kaiserin sein wollte

Elisabeth, 1862 - Ludwig Angerer
Jeder kennt sie als Sissi - ob gespielt von Romy Schneider in den beliebten Spielfilmen, als Zeichentrickheldin oder als Figur in unzähligen Theaterstücken und Musicals. Sissi ist eine Ikone. Meist dargestellt im ausladenden weißen Kleid, mit Diamanten im langen Haar. Sie ist als exzentrisch bekannt oder als romantisch, als etwas verschroben oder gar eingebildet und weltfremd. Doch wer war eigentlich Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern, Kaiserin von Österreich-Ungarn?

Geboren wird das Mädchen, das später Kaiserin von Österreich werden sollte, als zweite Tochter des  Max Joseph in Bayern und seiner Frau Ludovica am Heiligen Abend 1837 in München. Sie ist die Enkelin des Königs von Bayern, Maximilian I., und die Nichte des Königs von Preußen, sowie von ihrer späteren Schwiegermutter, Erzherzogin Sophie von Österreich. Da ihre Eltern kaum soziale Verpflichtungen hatten, wuchs Elisabeth, kurz Lisi, fern vom höfischen Geschehen auf und ihre Erziehung wurde ein wenig vernachlässigt. Oft verbrachte sie ihre Zeit lieber mit langen Ausritten oder mit ihrem Vater und ihren neun Geschwistern und versäumte ihren Unterricht. Niemand erwartete von Lisi, die gern zeichnete und immer unter Strom zu stehen schien, dass sie allzu gut heiratete oder irgendwelchen sozialen Pflichten nachkam, was sie zu einem selbstbewussten wilden Mädchen machte.

Elisabeth - Die unerwartete Kaiserin 

Im Jahr 1853, Elisabeth war fünfzehn Jahre alt, trat Erzherzogin Sophie an ihre Schwester Ludovica, Lisis Mutter, heran und schilderte ihr, dass sie auf der Suche nach einer Braut für ihren Sohn war. Franz-Joseph, gerade dreiundzwanzig und bereits Kaiser von Österreich und hatte sich mit den vorigen Vorschlägen seiner Mutter nicht einverstanden gezeigt. Nun sollte Ludovica ihre beiden Töchter Elisabeth und Helene nach Bad Ischl bringen, damit sich Franz-Joseph eine seiner beiden Cousinen als Braut aussuchen konnte. Alle rechneten damit, dass er sich für die ruhigere, ältere Helene entscheiden würde, doch Franz-Joseph suchte sich Elisabeth aus. An seinem Geburtstag, dem 18. August desselben Jahres, hielt er um Elisabeths Hand an. Obwohl wir heute von einer großen Liebe zwischen Elisabeth und Franz-Josef ausgehen, sollten wir nicht vergessen, dass eine so arrangierte Ehe wenig mit Liebe zu tun hat.

Elisabeth selbst schreibt dazu später, sie sei als fünfzehnjähriges Kind "verkauft" und gezwungen worden einen Schwur zu leisten, den sie nicht verstanden hat und später nicht mehr lösen konnte. Inwieweit sich Kaiser und Kaiserin jemals wirklich arrangiert haben, können wir natürlich nicht mehr sagen. Aber die romantische Geschichte des Mädchens, das sich Hals über Kopf in den österreichischen Kaiser verliebt, ist nicht haltbar. Elisabeth hatte in ihren ersten Tagen in Wien großes Heimweh und Angst vor der riesigen Stadt. So etwas hatte sie nie zuvor gesehen. Die Höflinge lachten über Elisabeth, die nie gelernt hatte, wie höfische Etikette aussah und bald fühlte Elisabeth sich eingesperrt und allein gelassen, wurde still und zurückhaltend, bekommt Angstattacken und  Schon am 24. April 1854 heiratete sie den österreichischen Kaiser im Alter von sechzehn Jahren in Wien. Ihre erste Tochter Sophie kam bloß ein Jahr darauf zur Welt, Gisela folgte 1856. Leider starb die kleine Sophie im Alter von zwei Jahren an einem Fieber, ein Verlust, der die erst achtzehnjährige Kaiserin stark zeichnete.

1858 gebar Elisabeth den Thronfolger, Rudolf. Durch den Tod ihrer ersten Tochter sah Lisi sich nicht mehr in Stande sich um Gisela und Rudolf zu kümmern. Während sie sich zuerst noch geweigert hatte, ihre Kinder in die Obhut ihrer Schwiegermutter Sophie zu geben, leistete sie nun keinen Widerstand mehr. Erst als Marie in Ungarn zur Welt kam, erwachte Elisabeth ein Stück weit aus der Apathie und versuchte, ihre Kinder wieder in ihre eigene Obhut zu holen, konnte sich jedoch erst gar nicht und dann bloß schwer gegen Erzherzogin Sophie durchsetzen. Elisabeth schaffte es, die strenge Erziehung ihrer Kinder aufzulockern. Marie erzog sie nach ungarischen Traditionen, die ihr besser gefielen als die österreichischen. Bis heute gilt die kleine Marie als Elisabeths Lieblingskind. Sie soll lange bereut haben, Rudolf und Gisela so lang vernachlässigt zu haben, konnte aber zeitlebens keine richtige Bindung mehr zu ihnen aufbauen, die der zu Marie ähnelte. Elisabeth, die vom Leben bei Hof, das ganz anders war, als sie es sich vorgestellt hatte, suchte von Anfang an nach Wegen auszubrechen. Sie war sehr frei und selbstständig aufgewachsen und fühlte sich durch die strenge Hofetikette gegängelt und eingeschränkt.

Immer wieder unternahm Elisabeth unter Vorwänden lange Reisen, um dem Leben bei Hof zu entkommen. Ihr ganzes Leben lang fuhr sie immer wieder lange fort, um die Welt zusehen, bereiste fast alle Kontinente und die verschiedensten Länder. Obwohl sich Elisabeth und Franz-Joseph gut verstanden haben sollen, reiste der Kaiser selten mit seiner Frau und blieb seinen Pflichten bei Hof treu - wie er es von klein auf gelernt hatte. Er soll Elisabeth aber immer sehr vermisst haben und während er seinen Aufgaben als Kaiser anstandslos gerecht wurde, soll er nie ganz verstanden haben, was seine Frau vom Hof fort trieb. Elisabeth hatte sich das Leben als Kaiserin wohl schillernd und frei vorgestellt, wurde aber im sprichwörtlichen goldenen Käfig gehalten, ein Leben, das sie nicht ertragen konnte. Elisabeth mochte die höfischen Pflichten, die sie aus ihrer Jugend nicht kannte, nicht, sie mochte es nicht präsentiert zu werden und sich selbst zu präsentieren - sie sagte selbst, sie sei keine Schauspielerin - und lief immer öfter davor davon, zog sich zurück und suchte Ausflüchte, um nicht teilnehmen zu müssen. Ein anderes Ventil für Elisabeth war das Reiten. Sie ist bis heute als beste Jagdreiterin ihrer Zeit bekannt.

Elisabeth - Königin von Ungarn

Elisabeth begann bald politische Schriften zu lesen und hielt die antidemokratischen Mittel der Monarchie für falsch. Im Jahr 1867 setzte Elisabeth durch, die durch eine Revolution getrennten Länder und Ungarn zu vereinen: Obwohl die meisten wichtigen Zuständigen bei Hof dagegen waren, erreichte sie die Zusammenführung zu Österreich-Ungarn - was liberalere Gesetze zur Folge hatte - und wurde am 8. Juni zusammen mit Franz Joseph in Budapest zur Königin Ungarns gekrönt. Bald flüchtete Elisabeth oft in das neue Schloss in Ungarn, wenn ihr das Leben am Wiener Hof zu viel wurde. Wirklich zu Hause fühlte Elisabeth sich allerdings in Griechenland. Hier ließ sie ab 1889 sogar ein eigenes Schloss erbauen, das Achilleion. Sie lernte Griechisch und ließ sich oft auf Griechisch vorlesen. Ebenfalls im Jahr 1889 nahm Rudolf, Elisabeths Sohn und Kronprinz von Österreich, sich gemeinsam mit seiner Geliebten das Leben. Elisabeth trat nach diesem Ereignis bis zu ihrem eigenen Tod bloß noch in schwarz auf. Elisabeth war ein großer Fan von Heinrich Heine und schrieb seit frühster Jugend selbst Gedichte. Elisabeth ist auch bekannt für ihre Kritik am aufkommenden Nationalismus ihrer Zeit und ihrem guten Verständnis für soziale Thematiken und Probleme.

Elisabeths berühmtestes Portrait - Franz
Xaver Winterhalter, ca. 1865
Im Sommer 1898, Elisabeth war einundsechzig Jahre alt, besuchte sie in der Nähe von Genf eine ansässige Baronin. Am nächsten Tag, es war der 10. September 1898, wurde sie von Luigi Lucheni, einem Gegner der Monarchie, attackiert. Er durchbohrte ihre Brust mit einer Feile, doch niemand bemerkte die Wunde, da Elisabeth sofort wieder aufstand und weiter zum Schiff ging. Auf dem Schiff brach Elisabeth zusammen und starb kurz darauf an der Verletzung. Elisabeth war bloß zufällig das Opfer Luchenis geworden, doch er rühmte sich der Tat und war stolz auf das, was er getan hatte. Lucheni war ein großer Widersacher der Aristokratie, doch es soll ihm großteils um Ansehen und Aufmerksamkeit gegangen sein. Elisabeth liegt neben ihrem Mann und ihrem Sohn in der Kapuzinergruft in Wien begraben.

Elisabeth - Der Mythos der schönen Kaiserin

Bis heute ist Lisi bekannt für ihren Schönheitswahn. Wir kennen Geschichten, nach denen sie in Milch gebadet haben und unmögliche Forderungen gestellt haben soll, um ihre Schönheit zu bewahren. Es ist wahr, dass Elisabeth ihr eigener Körper sehr wichtig war. Sie legte wert auf natürliche Schönheit, trug keine Schminke, und rühmte sich für ihr langes, dickes und dunkles Haar, um das sich bloß Franziska Feifalik kümmern durfte, die Friseurin des Wiener Burgtheaters. Die berühmten Diamanten, die Elisabeth auf ihrem berühmtesten Portrait im Haar trägt, stammen übrigens von einem Diadem, das Elisabeth geschenkt bekam. Sie ließ die Sterne ablösen und trug sie in ihre Haare geflochten. Elisabeth wog bei einer Körpergröße von 1,72 Metern bloß 45 Kilogramm und schnürte ihre Taille noch weiter ein. Sie aß wenig, trieb übertrieben viel Sport und überanspruchte sich oft gnadenlos. Heute wird angenommen, dass Kaiserin Elisabeth magersüchtig war und

Elisabeth wollte auf ewig die schönste Frau der Welt sein, weshalb sie sich ab dem Jahr 1868 nicht mehr fotografieren ließ und in der Öffentlichkeit oft das Gesicht hinter einem Fächer verbarg. Ihr Körperkult ging in die Geschichte ein und Elisabeths Frisuren und Kleider setzten neue Trends, die von vielen höher gestellten Frauen ihrer Zeit kopiert wurden. Neben ihrer Magersucht soll Elisabeth außerdem hochgradig depressiv gewesen sein - ein Zustand, der wohl auf ihr unglückliches Leben bei Hof, wo sie sich immer eingesperrt und machtlos gefühlt haben soll, zurückgeht, verstärkt durch den Selbstmord ihres Sohnes und den nie überwundenen Verlust der ersten Tochter. Ausgleich ihrer Unglücklichkeit war für Lisi von Österreich der Kult um ihre Person, ihr Schönheitswahn und ihr Leben wie im Rausch - Elisabeth war immer in Bewegung, ritt viel, trieb viel Sport, machte Turnübungen und ging auf mehrstündige Gewaltmärsche, um bloß niemals still zu stehen. Elisabeth von Österreich war niemals die arrogante, verwöhnte, romantische Kaiserin, als die sie später gezeichnet wurde. Ihr Schönheitswahn geht höchst wahrscheinlich auf psychische Probleme, Depressionen und eine Anorexia Nervosa zurück, die Elisabeth den Großteil ihres Lebens geplagt haben.

Ihr Ehrgeiz, der sie zu immer größeren Anstrengungen angetrieben hat, wird heute als typisches Symptom einer schlimmen Depression ausgelegt, nicht als arroganter Zug einer eigentlich sehr bodenständigen Kaiserin, die als Mädchen als sehr aktiv, wild und lebensfroh bekannt war. Zum Schluss möchte ich euch noch ein paar kleine Fakten zu Elisabeth mitgeben: Der Spitzname Sisi ist eigentlich bloß ein Lesefehler. Elisabeth wurde Lisi genannt und unterschrieb auch so, was man deutlich erkennen kann, wenn man ihre Unterschrift mit anderen Schriftproben vergleicht - ihre Unterschrift wurde allerdings von vielen als Sisi gelesen. Elisabeth hat sich außerdem in Griechenland einen Anker auf die Schulter tätowieren lassen - eine Hommage an ihre Reiselust, und das mit bereits über fünfzig Jahren. Elisabeth liebte ihren Cousin, Ludwig II. von Bayern, sie war am österreichischen Hof und beim Volk nicht besonders beliebt, dafür aber in Ungarn gern gesehen und gefeiert. Lisi selbst verachtete das Prinzip Monarchie, was ihren Tod durch einen Anti-Monarchisten noch sinnloser und furchtbarer erscheinen lässt.

Die romantische, süße Elisabeth aus den Spielfilmen mit Romy Schneider hat es nie gegeben - Elisabeth war eine selbstbewusste, engagierte Frau, die zeitlebens an Depressionen litt, Gedichte schrieb, leidenschaftlich ritt und reiste, aber gefangen war in einer Rolle, die sie niemals spielen wollte. Elisabeth von Österreich-Ungarn wollte nicht Kaiserin sein. Sie wollte sie selbst sein. Vom verängstigten Kind, dass am österreichischen Hof als dummes Mädchen verlacht wird, entwickelt sie sich zur selbstbewussten Frau, wenn auch geplagt durch schlimme Krankheiten, die ein Stück weit ausbricht: Elisabeth von Österreich ist eine unglaublich interessante, wichtige Persönlichkeit: Eine Frau, die aus der vorgesehenen Rolle ausbricht und lernt, sich gegen alle Konventionen durchzusetzen, zu tun, was sie will, obwohl etwas völlig anderes von ihr erwartet wird. Und das ist beachtlich für eine Kaiserin Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Dass Lisi sich ihrer Rolle niemals ganz entziehen konnte, ist tragisch, aber ein Zeugnis der Zeit, in der sie gelebt hat.

Selbst nachlesen?: 

Exner, Lisbeth: Elisabeth von Österreich. 2004.

Hamann, Brigitte: Elisabeth. Kaiserin wider Willen. 2012.

Schad, Martha: Elisabeth von Österreich. 2010.

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