Mittwoch, 24. Dezember 2014

Der Weihnachtsmann - Vom Heiligen Nikolaus bis zu Santa Claus

Amerikanische Weihnachtskarte,
1909 (Quelle: Graphics Fairy)
Jeder kennt den Weihnachtsmann: Am 24. Dezember startet er mit seinem Rentierschlitten am Nordpol und bringt allen Kindern, die das Jahr über brav gewesen sind, schöne Geschenke. Er trägt meist einen roten Anzug und einen weißen Rauschebart, hat einen dicken Bauch und lächelt fröhlich. Doch woher kommt eigentlich die Geschichte vom Weihnachtsmann? Viele glauben zu wissen, dass sein modernes Erscheinungsbild auf einen Werbestreich eines bekannten Getränkeherstellers zurückgeht, aber das ist längst nicht alles und nur die halbe Wahrheit. Denn der Weihnachtsmann hat eine lange Geschichte hinter sich, die bereits im vierten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung in der heutigen Türkei beginnt.

Was man wissen muss, wenn man mehr über Weihnachten und den Weihnachtsmann herausfinden möchte, ist, dass Weihnachten am selben Datum gefeiert wird, an dem man in Europa vor der Christianisierung das Julfest feierte. Viel wissen wir nicht mehr über die Traditionen der germanischen Völker, doch es wird angenommen, dass zum Julfest Nahrungsopfer erbracht und zusammen gefeiert wurde. Aus praktischen Gründen wurde Weihnachten samt der Geburt Jesu auf dasselbe Datum gelegt und viele Jultraditionen wurden übernommen. Ein Überbleibsel der Julzeit, die November, Dezember und Januar einschloss, sind die Rauhnächte, in denen  der Legende nach die Wilde Jagd angeführt von Odin über die Lande reitet. Später, im Laufe der Christianisierung, beeinflusste das Erscheinungsbild Odins mit seinem weiten Mantel und dem langen weißen Bart stark das von Sankt Nikolaus.

Erste Spuren - Der Heilige Nikolaus und Father Christmas 

Die erste Figur, auf die der Weihnachtsmann zurückzuführen ist, ist der heilige Nikolaus von Myra. Nikolaus lebte im damaligen byzantinischen Reich und war ein bekannter frühchristlicher Bischof griechischer Abstammung, der den Armen oft Geschenke machte, um sie vor einem schlimmen Schicksal zu bewahren. Schon zu Lebzeiten war er als sehr religiöser und sehr großzügiger Mann bekannt und in der mediterranen Welt gilt er außerdem als Schutzheiliger der Seefahrer und von Griechenland. Schon seit dem Mittelalter bekamen Kinder in seinem Andenken am sechsten Dezember kleine Gaben gereicht, meistens in Seefahrerfamilien, denn zum sechsten Dezember, dem Tag des Sankt Nikolaus, kehrten viele Seefahrer in ihren Heimathafen zurück um einer Feier ihm zu Ehren beizuwohnen. Bei dieser Gelegenheit brachten sie ihren Familien oft kleine Geschenke aus fernen Ländern mit. Sankt Nikolaus, der vor über tausend Jahren gelebt hat, wird oft als älterer Mann mit einem weißen Bart dargestellt, der im römisch-katholischen Glauben in die Gewänder eines Bischofs gekleidet ist.

Jedoch hat er selten eine Kopfbedeckung auf, dunklere Haut, schließlich war er Grieche, der in Byzanz gelebt hat, und er trug keinen roten Mantel. Unser Weihnachtsfest, zu dem es Geschenke gibt, geht trotzdem auf den Heiligen Nikolaus zurück. Denn die kleinen Gaben, die besonders Kinder zum Sankt-Nikolaus-Tag, dem sechsten Dezember, bekommen haben, gab es ab der Renaissance ein paar Wochen später am vierundzwanzigsten Dezember. Im Laufe der Reformation verschob sich das Geschenkefest um einige Tage. Das hat damit zu tun, dass im Protestantismus keine Heiligen angebetet werden. Luther und andere Reformatoren wollten das Fest nicht streichen, aber den Fokus des Festes weg vom Heiligen Nikolaus nehmen und auf Jesus Christus verlagern. So kam auch das Christkind ins Spiel, das dann angeblich für die Geschenke zuständig war. Allerdings hat sich dies ganz besonders in Gegenden, die bis heute katholisch geblieben sind, nicht durchgesetzt. In einigen europäischen Ländern bekommen die Kinder ihre Geschenke auch heute noch von Sankt Nikolaus am sechsten Dezember. 

In anderen Ländern, zum Beispiel Deutschland, gibt es meist zu Nikolaus am sechsten Dezember eine Kleinigkeit und am vierundzwanzigsten Dezember zu Weihnachten die richtigen Geschenke. Hier sieht man, wie ein alter Brauch, die Erinnerung an die Großzügigkeit des Heiligen Nikolaus, trotz Reformation und dem neuem Brauch, die Geschenke zur Geburt von Jesus zu verteilen, weiterbestehen kann. Heute haben sich die beiden Bräuche großteils vermischt und die meisten Kinder hören Geschichten vom Weihnachtsmann. Im englischsprachigen Raum heißt der Weihnachtsmann aber nicht umsonst Santa Claus, was sich einerseits natürlich von Sankt Nikolaus ableitet, aber großteils aus dem Niederländischen übernommen wurde, wo der Weihnachtsmann als Sinterklaas bekannt ist. Die meisten niederländischen Kinder bekommen ihre Geschenke bereits am sechsten Dezember von Sinterklaas, einem Bischof mit weißem Bart. Sie kennen aber auch den Weihnachtsmann ("Kerstmann") als seperate Figur, der in manchen Haushalten genau wie in Deutschland erst drei Wochen später die Geschenke bringt.

In England gab es eine weitere Figur: Father Christmas. Dieser brachte keine Geschenke und hatte auch eigentlich nichts mit den anderen gemein. Er war ein fröhlicher, freundlicher Mann im roten oder grünen Pelzmantel, der gern trank und feierte und gute Laune verbreitete. Er ist keine Figur, die Kindern Gaben bringen soll, sondern etwas Abstrakter: Father Christmas ist die Personifizierung von Weihnachten selbst und bringt die ganz besondere Weihnachtsstimmung mit sich. All diese Figuren vermischten sich über die folgenden Jahrzehnte zu der Figur, die wir heute als Santa Claus kennen. Und das nicht aus Zufall in Amerika. Denn hier trafen im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert die ersten Siedler aus den verschiedensten Gebieten Europas zusammen. Und sie alle brachten ihre Vorstellungen des Weihnachtsgeistes mit sich: Father Christmas, Christkind, Sankt Nikolaus und Sinterklaas trafen aufeinander und über die Zeit vermischten sich die Weihnachtstraditionen, während die europäischen Siedler neue Gesellschaften formten und zu Amerikanern wurden. Ende des achtzehnten Jahrhunderts wird er zum ersten Mal namentlich erwähnt: Santa Claus. 

Thomas Nast - Die Viktorianer und der Weihnachtsmann 

Merry Old Santa Claus, Thomas Nast, 1881
Seine bis heute bekannte Gestalt erhielt der Weihnachtsmann allerdings erst im neunzehnten Jahrhundert. 1823 erschien das bis heute beliebte Gedicht "The Night Before Christmas", in dem der Weihnachtsmann zum ersten Mal einen Rentierschlitten fährt und einen Sack mit Geschenken dabei hat. Im viktorianischen Zeitalter entwickelte sich aus diesem sehr beliebten Weihnachtsgedicht heraus die Figur des Santa Claus, wie man ihn bis heute kennt.

Dafür verantwortlich ist unter anderem auch eine Geschichte von Washington Irving ("Sleepy Hollow"). In Deutschland sorgte Hoffmann von Fallersleben 1835 mit seinem Lied "Morgen kommt der Weihnachtsmann" für eine weite Verbreitung des Begriffs und der Idee vom Weihnachtsmann selbst. Größtenteils verdanken wir den Weihnachtsmann aber einen Mann namens Thomas Nast. Nast war 1840 in Deutschland geboren, aber noch als Kind mit seiner Familie nach New York ausgewandert. Thomas Nast gilt heute als Pionier amerikanischer Comics. Und aus seiner Zeichenfeder stammt auch das moderne Bild des Weihnachtsmannes als dicker, fröhlicher Mann mit rotem Pelzmantel und weißem Rauschebart.

Thomas Nast ist heute außerdem bekannt für seine xenophobischen Karikaturen von irischen Katholiken, allerdings auch für seinen großen Einsatz gegen Segregation und Sklaverei in den USA. Er versuchte durch seine politischen Zeichnungen immer wieder ein Bewusstsein für das Leid besonders schwarzer Amerikaner zu schaffen, jedoch setzte er sich auch für Native Americans und chinesischstämmige Amerikaner ein. Seine politischen Cartoons, die im Magazin Harper's Weekly erschienen, sorgten nicht bloß einmal für einen Umschwung in der Gesellschaft, zum Beispiel konnte er mit seinen Cartoons dazu beitragen, dass Ulysses Grant zum Präsidenten gewählt wurde. In einer anderen Situation halfen seine Zeichnungen einen korrupten Politiker zu überführen. Er war es auch, der den berühmten Uncle Sam so zeichnete, wie man sich ihn heute noch vor Augen ruft, wenn man an ihn denkt. Allerdings war Thomas Nast nicht nur politisch engagiert, denn er zeichnete den Weihnachtsmann, wie er auch jetzt, über hundert Jahre später, in unserer Vorstellung noch aussieht.

In den Jahren 1863 bis 1866 erschienen in Harper's Weekly Zeichnungen von Santa Claus, wie Nast ihn sich vorstellte. Hierbei berücksichtigte er natürlich den Ursprung des Weihnachtsmannes, aber er gab ihm auch Eigenschaften des Pelznickel, den er aus seiner Heimat in der Pfalz kannte. Auch der Pelznickel war und ist eine Figur mit langem weißen Bart, die vor Weihnachten Geschenke bringt. Über die Jahre, an denen Nast an seinem Weihnachtsmann arbeitete, entstand auch die Idee, dass der Weihnachtsmann am Nordpol wohnt und die Geschenke mit Hilfe von Kobolden selbst herstellt. Nast war damals sehr bekannt und beliebt und die Leser von Harper's Weekly namen seinen Weihnachtsmann dankend an. Hier ist zu erwähnen, dass er seinen Weihnachtsmann mitten im amerikanischen Bürgerkrieg vorstellte und ein fröhlicher, niedlich aussehender Weihnachtsmann sicherlich eine willkommene Ablenkung von den Kriegsschrecken war. Eine Zeichnung zeigt zum Beispiel den Weihnachtsmann, wie er Geschenke an Soldaten verteilt.

Yes, Virginia - Der moderne Weihnachtsmann 

Durch Nasts Bilder beliebt gemacht, etablierte sich der Weihnachtsmann über das restliche neunzehnte Jahrhundert zunehmend. Sehr bekannt ist der Weihnachtsbrief der kleinen Virginia O'Hanlon an die New Yorker Zeitung The Sun von 1897. Virginia fragte die Zeitung, ob es wirklich einen Weihnachtsmann gäbe und erhielt die berühmte Antwort: "Yes, Virginia, there is a Santa Claus" (dt. "Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann"). Die Zeitung schrieb Virginia, dass sie nur, weil sie den Weihnachtsmann noch nicht gesehen hatte, nicht aufhören sollte, an ihn zu glauben. Die Antwort richtete sich jedoch nicht bloß an Virginia selbst: "Wie traurig wäre doch die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe. Ungefähr so traurig, als wenn es keine Virginias gäbe. Es gäbe keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, um unsere Existenz etwas erträglicher zu machen." Viele Menschen finden bis heute Inspiration in diesen Worten, die das Glück der unbeschwerten Kindheit und die Phantasie als größtes Gut hochhalten. Der Brief und die bewegende Antwort der Zeitung werden auch heute immer wieder in der Weihnachtszeit gedruckt und vorgelesen.

Schon im Jahr 1890 begann man in Amerika, Schauspieler einzustellen, die vor Weihnachten als Weihnachtsmann verkleidet in großen Geschäften saßen und sich mit den Kindern unterhielten oder ihnen kleine Geschenke machten. Diese Tradition wird in Amerika bis heute aufrecht erhalten und kam nach und nach, zusammen mit den anderen Traditionen rund um den neuen Weihnachtsmann, auch zurück nach Europa. Je nach Zeitgeist und Region hat sich der Weihnachtsmann bis heute immer weiterentwickelt und verändert. Die wohl berühmteste Neuerfindung des Weihnachtsmanns geschah allerdings in den 1930er Jahren. Der schwedische Illustrator Haddon Sundblom fertigte eine Werbekampagne für Coca-Cola an, in der der Weihnachtsmann eine große Rolle spielte. Heute glauben viele Menschen, Coca-Cola hätte sich den Weihnachtsmann und seinen roten Mantel ausgedacht, aber das stimmt nicht. Um 1930 herum war der Weihnachtsmann in vielen Teilen der Welt bereits sehr bekannt und eine beliebte Figur, die Kindern die Geschenke brachte.

Heute ist der Weihnachtsmann in vielen Gegenden der Welt bekannt und hat das Christkind so gut wie verdrängt. Zu Weihnachten schreiben Kinder ihre Wunschzettel an den Weihnachtsmann und im Fernsehen laufen Weihnachtsfilme, in denen der Weihnachtsmann in seinem Rentierschlitten über die Dächer der Städte fliegt. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass der Weihnachtsmann, Santa Claus, zwar eine Figur ist, die sich in den USA entwickelt hat, aber auf vielen verschiedenen, sich ähnelnden Weihnachtsbräuchen beruht. Eine andere Figur, die wenig mit Santa Claus zu tun hat, aber nachträglich vom beliebten Weihnachtsmann beeinflusst wurde, wäre zum Beispiel der russische Ded Moros, Väterchen Frost, der in Russland an Silvester die Geschenke bringt und eine Personifizierung des Winters ist. Auch er hat einen langen weißen Bart und trägt ein prächtiges Gewand. Heute ist Väterchen Frost für viele Russen dieselbe Person, wie Sankt Nikolaus, obwohl Ded Moros nicht auf dem Heiligen beruht. In den ältesten Überlieferungen ist Ded Moros sogar böse, entwickelt sich mit der Zeit aber zu einer wohlwollenden Märchenfigur und nimmt dieselbe Rolle ein, wie der Weihnachtsmann.

Selbst nachlesen?

Bowler, Gerry: Santa Claus. A Biography. 2007.

English, Adam C.: The Saint Who Would Be Santa Claus. The True Life And Trials of Nicholas of Myra. 2012.

Hauschild, Thomas: Weihnachtsmann. Die wahre Geschichte. 2012. 

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