Freitag, 20. Juni 2014

Aubrey Beardsley - Das Gesicht von Ästhetik und Art Nouveau

Aubrey Beardsley, ca. 1895
Heute soll es um einen ganz besonderen Viktorianer gehen und zwar um einen, der mir selbst sehr am Herzen liegt. Ich stelle euch heute nicht einen meiner Lieblingsmaler und -zeichner vor, sondern den Lieblingszeichner. Aubrey Beardsley, einen der wichtigsten Vertreter der viktorianischen Ästhetikbewegung, die unter anderem durch Oscar Wilde große Bedeutung erlangte. Besonders hier in Deutschland ist der Name Aubrey Beardsley leider sehr unbekannt, doch Beardsley war nicht nur ein begabter Zeichner und Autor, sondern auch ein wichtiger Einfluss für den Jugendstil und den Japonismus

Geboren wurde Aubrey Vincent Beardsley am 21. August 1872 in Brighton an der südenglischen Küste und stammte aus einer Handelsfamilie. Sein Vater ernährte die Familie jedoch von einem Erbe, das er als junger Mann erhalten hatte und war selbst kein Händler mehr. Aubreys Mutter Ellen stammte aus einer in der Stadt sehr angesehenen Familie und verlor ihren Status, als sie ihren Mann heiratete. Nachdem Aubreys Vater einer anderen Frau, der er versprochen hatte sie zu heiraten und es dann doch nicht getan hatte, Schadensersatz zahlen und dafür seinen Grundbesitz verkaufen musste, lebte die Familie in Ellens Elternhaus. Aubrey hatte eine Schwester, Mabel, die ein Jahr älter war als er. 

Eine kurze Karriere - Sechs Jahre und eine lange Wirkung 

Als Aubrey neun Jahre alt war, zog die Familie nach London, wo Aubrey und Mabel bald als musikalische Wunderkinder Konzerte spielten und sein Vater in einer Brauerei arbeitete und seine Mutter Klavierunterricht gab. Bereits im Alter von neun Jahren erkrankte Aubrey an Tuberkulose, die ihn stark schwächte. Ein Jahr darauf kehrte Aubrey nach Brighton zurück, um dort die Oberschule zu besuchen, wechselte jedoch einige Monate später nach Bristol. Hier erschienen seine ersten Zeichnungen in der Schulzeitung. Ab 1888 war Aubrey erst in einem Architektenbüro und dann bei einer Versicherungsfirma angestellt, musste den Beruf aber wegen seiner Krankheit aufgeben. Zu Beginn der 1890er Jahre wurde er dazu überredet, sich hauptberuflich um die Kunst zu kümmern, was er auch tat, indem er 1892 die Westminster School of Art besuchte. Im selben Jahr reiste er nach Paris, wo er einige Poster von Henri de Toulouse-Lautrec zu sehen bekam. 

Die in Paris bewunderten japanischen Holzdrucke wurden später ein großer Einfluss auf seine eigene Kunst. Sechs Jahre lang arbeitete Aubrey ausschließlich für seine Kunst. Zu den bedeutendsten Werken zählen seine Illustrationen zu Thomas Malorys "Le Mort d'Arthur" und Oscar Wildes Drama "Salome". Seine meisten Zeichnungen sind in Tinte gehalten, weisen einen starken Kontrast zwischen schwarzen und weißen Flächen auf und bestechen durch viele kleine Details und saubere Linien. Aubreys Arbeiten sind besonders wichtig für die Ästhetik- und Dekadenzbewegungen in England, doch er gilt auch als kontroversester Vertreter der Richtung. Seine Bilder waren oft düster, grotesk und zeigten Erotik als etwas Befremdliches, Merkwürdiges und fast schon Abstoßendes. Seine politischen Karikaturen waren bekannt für seine scharfe Beobachtungsgabe und Kritik an der dekadenten Gesellschaft des späten neunzehnten Jahrhunderts. 

Er zeichnete für mehrere Magazine und illustriere mehrere Romane und Stücke, war jedoch auch einer der Gründer des Savoy-Magazins, für das er auch schrieb. Heute gilt Beardsley als wichtiger Einfluss für die Zeichner und Plakatkünstler des Jugendstils und obwohl sein Name selten fällt, gilt er als Wegbereiter für viele nachfolgende Künstler. Er gab unter anderem das Yellow Book heraus, ein sehr beliebtes Magazin, dass jedoch wegen seiner pornographischen Inhalte verrufen war und Aubreys Ruf als sehr junger, sehr kontroverser und geradezu perverser Künstler weiter ankurbelte. Viktorianische Zeitgenossen mochten an ihm sicherlich gerade seine Verrufenheit, die ihn ungemein interessant machte. Gegen Ende seines Lebens bat er jedoch darum, das all seine erotischen, grotesken Zeichnungen zerstört werden sollten. Er war zum Katholizismus konvertiert und wollte wohl bevor er starb seinen Ruf reinwaschen. Sein Verleger hörte jedoch nicht darauf und verkaufte die Bücher mit Aubreys Illustrationen weiter. 

Aubrey und Oscar - eine kurze Freundschaft 

Illustration zu Salome, Aubrey Beardsley
Über Aubreys Privatleben wird dank seiner exzentrischen Ausstrahlung viel spekuliert. Es gibt einige Gerüchte, dass er eine Beziehung zu seiner Schwester Mabel geführt haben soll, doch am Wahrscheinlichsten ist, dass Aubrey asexuell war - das bedeutet, dass er wahrscheinlich keine sexuelle Anziehungskraft verspürt hat. Er gehörte zu Oscar Wildes engeren Kreisen, denen viele homo- und bisexuelle Künstler angehörten, und geriet daher nach Oscar Wildes Verhaftung auch in den Verdacht der Öffentlichkeit. Seine enge Freundschaft zu Wilde führte zum Beispiel dazu, dass er von der Arbeit am Yellow Book ausgeschlossen wurde, da das ohnehin schon skandalöse Magazin sich keine Skandale leisten wollte.

Die Freundschaft zu Wilde war zu diesem Zeitpunkt bereits ein wenig abgekühlt, gilt jedoch theoretisch als von Anfang an sehr problematisch und wackelig, da es einen Streit um Aubreys Illustrationen zu "Salome" gab, woraufhin Aubrey sich in Karikaturen über Oscar lustig machte. Oscar, der Aubreys Kunst als so vielversprechend und intensiv empfand, dass er sogar Angst gehabt haben soll, zu viele Zeichnungen könnten die Leute von "Salome" ablenken und dem Drama die Schau stehlen, war darüber natürlich nicht erfreut. Oscar Wilde begann in London zu erzählen, er habe Aubrey, seinen extravaganten Stil und seine Berühmtheit praktisch erfunden. Der Kontakt zwischen den beiden brach ab, nachdem Aubrey die Uraufführung von Oscars Stück "Ernst sein ist alles" besucht hatte, und obwohl sie kurz vor Aubreys Tod beide in derselben Stadt in Frankreich waren, haben sie sich sehr wahrscheinlich nicht noch einmal getroffen.

Aubreys Name wurde während der Wilde-Verhandlungen nicht öffentlich genannt, war in den Köpfen der Menschen jedoch so sehr mit dem von Oscar Wilde verbunden, dass Aubreys Ruf stark unter dem Skandal litt. Eine seiner größten Leidenschaften war das Groteske und er liebte es sich selbst zu inszenieren: Sein Markenzeichen waren gelbe Handschuhe und gut geschnittene, graue Anzüge. Aubrey soll sehr schlecht darin gewesen sein mit Kritik umzugehen und hatte die Angewohnheit selbst seine Freunde in Karikaturen zu verewigen, wenn sie ihn kritisierten, was wie bereits erwähnt auch zu der Funkstille mit Oscar Wilde führte. Trotzdem ist in Aubreys Auftreten und Verhalten viel von Wildes berühmter Ausstrahlung zu spüren, doch dazu kommt eine sehr groteske, unverblümte und düstere Art, die selbst Oscar Wilde in Aubreys Kunst immer störte. Noch heute empfinden viele Leute die Tintenzeichnungen als gleichzeitig schön und ein wenig verstörend und die Themen wie groteske Sexualität, Nacktheit und Gewalt, müssen viele Viktorianer wirklich schockiert haben. Doch genau diese Mischung aus Dekadenz und Düsternis wird sie auch angezogen haben.

Tod und Erinnerung an Aubrey Beardsley 

Aubrey war seit seiner Kindheit an Tuberkulose erkrankt und litt in den letzten Jahren seines Lebens an schlimmen Lungenproblemen und konnte manchmal nicht einmal das Haus verlassen. Er starb am 16. März 1898 im Cosmopolitan Hotel von Menton, Frankreich, wohin er zur Erholung gereist war, in Beisein seiner Mutter und Schwester mit einem Rosenkranz in den Fingern und soll besonders in den letzten Tagen von seinem Glauben getröstet worden sein. Er ist auf dem Friedhof der Kathedrale von Menton beigesetzt. Das Grab, auf dem eine dicke graue Steinplatte liegt, ziert ein großes steinernes Kreuz und eine lateinische Inschrift: In manus tuas domine commendo spiritum meum (dt. Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.) Aubrey Beardsley wurde bloß 25 Jahre alt, hat jedoch in den sechs Jahren seines Schaffens gerade wegen seines Wissens um seinen frühen Tod eine große Vielzahl an Zeichnungen geschaffen und galt als sehr kreativ und arbeitsam.

Beardsleys frühe Werke sind übrigens nicht signiert oder tragen bloß seine Initialen. Später signierte er mit einem filigranen abstrakten Zeichen, das meist in seine Werke eingearbeitet ist. Trotz seines frühen Todes gilt Aubrey Beardsley heute als provokantester Künstler seiner Zeit und neben Oscar Wilde als Gesicht der Ästhetikbewegung. Obwohl sein Name in Deutschland nicht so bekannt ist, hatte er großen Einfluss auf spätere Künstler, den Jugendstil und die Plakatkunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, was er selbst jedoch nicht mehr erlebte. Aubreys Geschichte ist gleichzeitig tragisch und typisch für einen Künstler des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts. Ich bin über die wunderschönen Illustrationen zu Salome auf ihn gekommen, und habe 2011 bei einem meiner Besuche in Brighton endlich nach der Gedenkplakette in der Straße, in der er als Kind gelebt hat, Ausschau gehalten. Wer die Stadt am Meer mal besucht und sich dafür interessiert, kann in der Touristeninformation nachfragen. In Brighton kennt man Aubrey Beardsley noch und fragt man jemandem nach dem Weg zu dem Haus, kommt als Antwort meist: "You mean the painter?"

Selbst nachlesen? 

Calloway, Stephen: Aubrey Beardsley. 1998. 

Detten, Cornelia von: Aubrey Beardsley und die Kultur der Dekadenz. 1994.

Gertner Zatlin, Linda: Beardsley, Japonisme, and the Perversion of the Victorian Ideal. 1997. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen