Der Tanz in den Mai

Kanadische Maikönigin, 1887
Quelle: New Westminster Public Library
Fotograf: S.J. Thompson, Foto: no. 2728
Fast jede antike Kultur kannte eine Frühlingsfeier, die im April oder Mai begangen wurde, um den Sommer einzuleiten. Ich möchte mir heute gern genauer ansehen, aus welchen Traditionen sich moderne Maifeierlichkeiten entwickelt haben und natürlich, wie die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts den Beginn der warmen Jahreszeit gefeiert haben.

Heute ist der Maitanz in vielen Regionen der westlichen Welt Tradition: Hier bei uns im Harzgebiet feiern wir am 30. April die Walpurgisnacht, in der sich die Hexen auf dem Brocken mit dem Teufel vermählen und dann, wenn die Kirchturmglocken Mitternacht schlagen, von der Maikönigin vertrieben werden. Am 1. Mai werden hier und in anderen Regionen Deutschlands Maibäume aufgestellt, um die herum getanzt wird und es gibt große Maifeuer. Doch woher kommen diese Bräuche?

Antike - Beltane, Floralia und Walpurgisnacht 

Unsere heutigen Maibräuche sind eine Vermengung aus ganz verschiedenen Traditionen, die bis in die Antike zurückreichen. So wurde im römischen Reich am 27. April die Frühlingsgöttin Flora während der sogenannten Floralia gefeiert. Die Floralia soll sehr zügellos abgelaufen sein, denn Flora ist Göttin von Blumen und Fruchtbarkeit. Angeblich haben die Menschen nackt getanzt und Tiere, die als sehr fruchtbar betrachtet wurden, wie Hasen, als symbolischen Ritus in die Freiheit entlassen. Dazu gab es spektakuläre Unterhaltung, Musik und viel zu Essen. Ein weiterer früher Maibrauch ist die oben bereits erwähnte Walpurgisnacht in den germanischen Gegenden. Der Name der Walpurgisnacht geht auf Valborg zurück, eine englische Heilige, die an der Christianisierung des deutschen Gebietes beteiligt war, doch die Namensgebung ist eher zufällig, denn im Mittelalter fiel Valborgs Namenstag auf den 1. Mai, wodurch die Nacht vor Valborg, die Walpurgisnacht, ihren Namen erhalten hat. In der Walpurgisnacht, auch Hexenbrennen genannt, treffen sich im Harz Hexen und Magier auf dem Brocken und feiern den Hexensabbat, bei dem sie sich mit dem Teufel vermählen. 

Über die Zeit hat sich die Walpurgisnacht mit anderen Maitraditionen vermengt und Hexen und Teufel sind zu Symbolen für das Böse, für Winter und Schaden geworden, die Fruchtbarkeit und Wärme verhindern. Um Punkt Mitternacht aber müssen sich die bösen Geister zurückziehen, denn dann beginnt der fruchtbare Sommer. Ein weiterer wichtiger Einfluss ist das keltische Fest Beltane, ebenfalls ein Fruchtbarkeitsfest, das den Sommer einleiten soll. Ähnlich wie andere Maitraditionen steht Beltane im Namen von Fruchtbarkeit von Vieh, Land und auch Menschen und es werden große Maifeuer angezündet, um den Sommer zu begrüßen. Eines haben fast alle antiken Maifeste gemeinsam: Sie sollen den Sommer einleiten und stehen unter dem Stern von Fruchtbarkeit, Wohlstand und Wärme. Oft sind blühende Frühlingsblumen Symbole für das Fest, aber auch große Feuer und bestimmte Tiere, sowie ausschweifende Tänze und wohl tatsächlich auch das Feiern von Sexualität im Rahmen der Fruchtbarkeit, wie es für die römische Floralia überliefert ist. 

Mit der Christianisierung der Gebiete im frühen Mittelalter verloren die Maifeierlichkeiten ihren religiösen Charakter, doch natürlich ließen es sich die Menschen trotzdem nicht nehmen, den Beginn des Sommers trotzdem zu feiern und gaben dem Fest neue, christliche Konnotationen. In den germanischen Gegenden zum Beispiel besann man sich nun auf die heilige Valborg. Fast überall blieben die bis heute berühmten Maibäume in Mode, deren Ursprung nicht ganz geklärt ist. Es wird angenommen, dass sie schon in der germanischen Eisenzeit eine religiöse Rolle gespielt und die Christianisierung überlebt haben könnten. Demnach ist auch nicht ganz geklärt, was genau sie symbolisieren sollen, doch viele Historiker gehen davon aus, dass sie ein Symbol für den nordischen Weltenbaum sein könnten, während andere ihnen eine phallische, mit dem Fruchtbarkeitsmotiv in Verbindung stehende Symbolik beimessen wollen. In vielen Regionen der westlichen Welt wird zum ersten Mai ein Maibaum aufgestellt, um den mit Bändern herumgetanzt wird, eine Tradition, die sich tatsächlich aus der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit erhalten hat. 

Der erste Mai im neunzehnten Jahrhundert

Tanz um den Maibaum, Queensland, Australien, ca. 1900
Quelle: John Oxley Library, State Library of Queensland
Viele der von den Menschen des neunzehnten Jahrhunderts gepflegten Traditionen stammen somit tatsächlich noch aus älteren Zeiten. Das gilt auch für das Wählen der Maikönigin, ein Brauch, der im neunzehnten Jahrhundert sehr beliebt war. Nachdem der Maibaum aufgestellt wurde, tanzten vornehmlich Kinder mit Bändern um ihn herum. Hierbei handelte es sich großteils um junge Mädchen in unschuldig weißen Kleidern, von denen eines später zur Maikönigin gewählt, mit einem Kranz aus Frühlingsblumen gekrönt wurde, und die Maiparade anführte. Auch ein Hofstaat wurde ihr zur Seite gestellt. Auf dem Bild oben seht ihr eine kanadische Maikönigin (mitte) mitsamt Hofstaat aus dem Jahr 1887. Die Mädchen sind alle ungefähr 10 Jahre alt und sicherlich bemerkt ihr schon, dass sich die Maifeierlichkeiten im neunzehnten Jahrhundert auf ganz andere Weise abspielen, als in der Antike. Noch immer wird die Fruchtbarkeit des Landes gefeiert, aber viel mehr steht nun der Beginn des Sommers im Mittelpunkt, das Blühen der Blumen und das Ergrünen der Natur. 

Die Maikönigin ist ganz im Gegensatz zu den ausschweifenden Feierlichkeiten zu Floralia und Beltane ein Symbol für Natur und ganz besonders für Reinheit und steht unter dem Stern von Werten und Moralvorstellungen des neunzehnten Jahrhunderts. Oft wurden Kinder oder jüngere Jugendliche zwischen zehn und vierzehn Jahren zur Maikönigin gewählt, was den unschuldigen, reinen und frischen Charakter der Maikönigin und des Sommerbeginns noch einmal stark unterstreicht. Dieser Brauch wird im neunzehnten Jahrhundert in Großbritannien und Deutschland begangen, sowie in einigen anderen Regionen in der Umgebung. Weitere Maibräuche des neunzehnten Jahrhunderts umfassen sogenannte Maikörbe: Hier legt man Gräser und Frühlingsblumen in einen Weidenkorb, zusammen mit kleinen Leckereien und Geschenken. Die Körbe werden dann an enge Freunde und Familie verschenkt. Der Spaß dabei besteht darin, den Korb seinen Freunden an die Haustür zu hängen, ohne, dass man dabei erwischt wird. Desweiteren war es besonders im neunzehnten Jahrhundert Brauch am ersten Mai sehr früh aufzustehen und die Stadt zu verlassen, um aufs Land zu fahren, wo man die Natur genoss, Blumen pflückte, wandern ging oder Ausritte unternahm. 

Auch schmückte man sein Haus in der Zeit um den ersten Mai herum sehr opulent und üppig mit Girlanden und Sträussen aus frischen Maiblumen. Die gehobene Gesellschaft beschloss den 1. Mai mit groß angelegten Maidinners oder rauschenden Bällen, manchmal mit anschließendem Maifeuer, während die etwas ärmeren Teile der Bevölkerung den Anfang des Mais oft mit ausschweifenden Feiern und Tänzen begingen. Genau wie heute gab es auch damals kleine Variationen in den Maifeierlichkeiten. In England gehört das sogenannte Morris Dancing fest dazu, während junge Männer in Deutschland und Österreich ihren Angebeteten heimlich kleine Maibäume vors Fenster stellen. In Frankreich werden traditionell Maiglöckchen verschenkt und an die Kleidung gesteckt getragen. Natürlich muss man auch erwähnen, dass auch der internationale Tag der Arbeit auf den 1. Mai fällt, was allerdings nichts mit den Maibräuchen aus der Antike zu tun hat, sondern mit dem legendären Haymarket-Aufstand in Chicago im Jahr 1886 zusammenhängt. Nun würde mich natürlich interessieren, welche Maibräuche in eurer Region aufrecht erhalten werden. Bei uns feiern wir die Walpurgisnacht mit anschließendem Tanz in den Mai. Und bei euch?

Selbst nachlesen?

Aveni, Anthony: The Book of the Year: A Brief History of Our Seasonal Holidays. 2004. 

Chadwick, Nora: The Celts. 1970. 

In beiden Büchern beschäftigen sich bloß einzelne Kapitel mit den Maibräuchen und auch in anderer Literatur zur Herkunft von Feiertagen oder zu einzelnen antiken Kulturen wird man fündig. Fachliteratur, die sich ausschließlich mit dem Maitag beschäftigt, kenne ich leider nicht. 

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