Freitag, 9. Mai 2014

Im Schatten von Jesse James - Der Feigling Robert Ford?

Robert Ford, zwischen 1880 und 1892
Vor fast zwei Jahren berichtete ich bereits einmal über Jesse James, den Helden des Wilden Westens, und Robert Ford, den Mann, der ihn erschossen hat. Damals sagte ich, dass ich mir zu Robert Ford keine Meinung bilden könnte und auf das Thema ein andermal zurückkommen würde. Ich habe dafür länger gebraucht, als ich eigentlich gedacht hatte, aber heute möchte ich mich endlich mit Bob Ford beschäftigen, dem Feigling Robert Ford, wie er in die amerikanische Geschichte eingegangen ist. Wer war Bob Ford? Wieso erschoss er Jesse James und war er wirklich der Feigling, als der er in Amerika heute gilt?

Robert Newton Ford wurde am 8. Dezember 1861 im Ray County als jüngster von vier Brüdern geboren und wuchs in Missouri auf. Bereits als Junge begann er sich für Jesse James und seine "Heldentaten" während des amerikanischen Bürgerkrieges zu interessieren. Das muss man sich sicherlich so vorstellen wie heute Teenager für Popstars oder Schauspieler schwärmen: Jesse James war in der Presse bekannt wie ein bunter Hund. Es gab sogar Romanheftchen über seine angeblichen Abenteuer und in den vom Bürgerkrieg geplagten Border States (Staaten, die während des Bürgerkriegs zwar Sklaverei betrieben, sich aber nicht mit dem Rest der Südstaaten von der Union abspalteten) galt Jesse James als Held, da er durch seine Verbrechen angeblich Familien vor dem Ruin durch die Union bewahrte. (In Wahrheit wird Jesse sich das Geld in die eigene Tasche gesteckt haben, aber romantische Verklärung seiner Person hat zu solchen Geschichten geführt.)


Mit Jesse James zu Reiten - Robert und der Revolverheld 

Robert Ford traf sein großes Idol im Alter von neunzehn Jahren durch seinen älteren Bruder Charles Ford, der bereits hin und wieder auf einen von Jesse James' Raubzügen mitgegangen war. Während Charles Ford bei den Verbrechen beteiligt war, galt Robert für die meisten Mitglieder der James-Bande als Anhängsel, das kleine Arbeiten machen durfte, die kein anderer übernehmen wollte. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass Robert Ford bei den Verbrechen selbst dabei war. Viel eher hing er in der Nähe von Jesse herum und ließ sich die Behandlung gefallen, weil er ihn anbetete und dabei sein wollte. Robert Ford soll gierig nach Anerkennung und Wertschätzung gewesen sein, als jüngster von vier Brüdern und insgesamt sieben Kindern dürfte das kein Wunder sein, und ganz besonders Jesses Anerkennung war ihm wichtig, doch er erhielt sie nicht.

Nach einem misslungenen Raubzug zog Jesse James mit seiner Familie nach St. Joseph in Missouri. Er wollte seine Verbrechen endlich aufgeben, allerdings einen letzten großen Raubzug durchführen. Jesse hatte jedoch kaum noch Männer: Seine Bande hatte sich ausgelöst. Einige waren ausgetreten und untergetaucht, um Jesses Zorn zu entgehen, andere waren während des schief gelaufenes Raubes verhaftet oder erschossen worden. Jesses Bruder Frank, sein langjähriger Komplize, hatte sich bereits zur Ruhe gesetzt. Die Ford-Brüder, der erst kürzlich beigetretene Robert und Charles, den Jesse schon länger kannte, aber waren Jesse geblieben und seine letzten Vertrauten. Robert und Charles nannten sich Bob und Charles Johnson und gaben sich als Jesses Cousins aus. Jesse selbst nannte sich in St. Joseph Thomas Howard und ließ die Brüder bei sich wohnen, während er seinen letzten großen Coup mit ihnen plante.

Jesse wollte die Bank in Platte City überfallen und die Fordbrüder taten, als wollten sie ihn dabei unterstützen. Robert hingegen hatte sich, zusammen mit Dick Liddil, einem anderen Mitglied der Bande, bereits heimlich ergeben, nachdem man sie beide des Mordes an Jesses Cousin Wood Hite verdächtigt hatte - als Wood Hite in Begriff gewesen war, Dick im Streit zu erschießen, tötete Robert Hite im Affekt um seinen Freund Dick zu retten. Thomas Crittenden, der Gouverneur von Missouri, bot dem jungen Robert an, ihn voll zu begnadigen, sollte er Jesse James zur Strecke bringen. Robert erzählte seinem Bruder davon und beide beschlossen, die 10000 Dollar von Crittenden anzunehmen. Immer mehr Mitglieder der James-Bande ergaben sich und ließen Jesse in dem Glauben, nur den Fort-Brüdern noch vertrauen zu können.

Das staubige Bild - Die Ermordung des Jesse James 

Am dritten April 1882 zogen sich Jesse James und die beiden Fords nach dem Frühstück ins Wohnzimmer zurück, um den Ritt nach Platte City zu planen. Jesse hatte beim Frühstück in der Zeitung davon gelesen, dass Dick Liddil an der Ermordung seines Cousins Wood Hite beteiligt war und obwohl von Roberts Beteiligung nichts zu lesen gewesen war, war Jesse nun höchst misstrauisch, was beide Fords anging. Er sagte jedoch nichts, legte bloß seine Waffe auf dem Sofa ab und stieg auf einen Stuhl, um ein staubiges Bild zu säubern. Robert Ford, zwanzig Jahre alt, zog seine Waffe und schoss Jesse James in den Hinterkopf. Jesses Frau Zerelda soll vom Schuss angelockt ins Wohnzimmer gelaufen sein und "Du hast ihn getötet!" gerufen haben, worauf Robert Ford im ersten Schock antwortete: "Ich schwöre zu Gott, das habe ich nicht."

Die Ford-Brüder flohen aus St. Joseph und benachrichtigen Crittenden, wurden verhaftet und zum Tode verurteilt, jedoch zwei Stunden später durch Crittenden wie versprochen begnadigt. Er zahlte ihnen jedoch bloß 500 Dollar für die Ermordung des Jesse James aus, viel weniger, als er ihnen versprochen hatte. Robert hatte geglaubt dafür, den im ganzen Land gesuchten Verbrecher zur Strecke gebracht zu haben, endlich die Anerkennung zu bekommen, die er sich gewünscht hatte, doch besonders im Süden und in den Border States hasste man Robert Ford dafür, was er getan hatte - der Fakt, dass er Jesse von hinten erschossen hatte, wurde als feige und unehrenhaft angesehen. Sein Bruder Charles nahm sich bloß zwei Jahre später das Leben, weil er die Demütigungen und die Schuldgefühle nicht mehr aushielt. Robert selbst wurde gebeten seine Geschichte immer und immer wieder auf den Bühnen von Music Halls und Theatern nachzuspielen.

Später zog er nach Creede in Colorado, wo er bald eine eigene Music Hall eröffnete, die jedoch bloß einige Tage später abbrannte. Robert eröffnete einen neuen Saloon in einem Zelt, um die Zeit bis zum Neubau der Music Hall zu überbrücken. Drei Tage nach dem Feuer, es war der achte Juni 1892, besuchte jedoch ein Mann namens Edward O'Kelley den Saloon. Er hatte ein abgesägtes Gewehr bei sich. Er begrüßte Robert mit den Worten "Hallo Bob!" und wartete, bis Robert über die Schulter sah, bevor er feuerte. Die Schüsse töteten Robert sofort. Robert Ford wurde zuerst in Creede beerdigt, jedoch später in seine Heimatstadt in Missouri überführt. Er wurde bloß 30 Jahre alt. Sein Grab auf dem Richmond Cemetery, auf dem fälschlicherweise das Jahr 1841 als Geburtsjahr angegeben ist, trägt die Inschrift: The Man Who Shot Jesse James. Der Mann, der Jesse James erschossen hat.

Heute gilt Robert Ford in den USA, als "dreckiger, kleiner Feigling", als Mörder des amerikanischen Robin Hoods. Es gibt sogar ein Volkslied über den Mord, das ihr euch hier anhören könnt. Ihr merkt sicher, wie sehr Jesse James in dem Lied romantisiert wird. Ein Zustand, der ihn noch heute in den Augen vieler Amerikaner zum Helden macht und dafür sorgt, dass der Name Robert Ford immer noch für Feigheit steht. Auf der Website Find A Grave wurde sogar die Kommentarfunktion, die eigentlich für virtuelle Beileidsbekundungen gedacht ist, zu Robert Fords Grab deaktiviert, da sie immer wieder missbraucht wurde. Die Amerikaner hassen Robert Ford, der den großen Jesse James hinterrücks tötete. Doch was ist dran daran? Was genau geschah am 3. April 1882 und inwieweit müssen wir den historischen Kontext beachten, wenn wir den Mord an Jesse James bewerten wollen?

Ein Brief an den Gouverneur - Was steckt hinter der Tat? 

Wichtig finde ich, wie sehr Robert Ford Jesse James verehrt hat. Bob Ford war zwanzig Jahre alt, als er Jesse James tötete, und muss recht enttäuscht gewesen sein von dem großen Mann, über den er als Kind gelesen hatte. Robert wollte Jesses Anerkennung und er bekam die Drecksarbeiten zugeteilt, durfte nicht mitmachen und spürte, wie sehr Jesse James ihm misstraute, während er seinen älteren Bruder Charlie als Verbündeten ansah. Der Mord fällt in eine Zeit, in der Jesse James begann zu verstehen, dass viele seiner ehemaligen Komplizen ihn verraten könnten um ihrer Strafe zu entgehen, als sie begannen sich nach und nach zu stellen. Jesse James war misstrauisch und paranoid geworden, er wollte sein Leben als Krimineller aufgeben und unter falschem Namen ein Musterbürger werden. Und wäre am Morgen des 3. Aprils 1882 etwas anders verlaufen, Jesse James wäre an diesem Tag nicht gestorben. In einem Brief an Gouverneur Crittenden schrieb Robert Ford kurz nach dem Mord an Jesse, dass Dick Liddils Geständnis zum Mord an Wood Hite in der Zeitung gestanden hatte.

Robert ahnte, dass Jesse sofort wissen würde, was passiert war, wenn er davon erführe, was mit seinem Lieblingscousin Wood passiert war (Robert und Dick hatten die Leiche verschwinden lassen und Jesse hatte nie erfahren, was mit Wood geschehen war), und versuchte die Zeitung zu verstecken. Doch Jesse fand das Tagesblatt und Robert will in seinen Augen gesehen haben, wie er sich Roberts Beteiligung an Wood Hites Tod zusammenreimte. Jesse benahm sich auffällig: Er sagte, es wäre ihm egal und suchte eine Beschäftigung, die Robert vorgaukeln sollte, er hätte den Vorfall beim Frühstück schon vergessen. Jesse nimmt seine Waffe ab, damit Robert denkt, von ihm würde keine Gefahr ausgehen. Er stellt sich auf einen Stuhl und putzt ein Bild, auf dem kein einziges Staubkorn liegt, damit Robert glaubt, Jesse würde nichts vermuten. Robert Ford schreibt in seinem Brief, dieser Moment wäre seine letzte Chance gewesen:

"Als er dort stand, unbewaffnet mit dem Rücken zu mir, wurde es mir plötzlich klar. `Jetzt oder nie ist deine Chance. Wenn du ihn jetzt nicht dran kriegst, dann tötet er dich heute Nacht.´ Ohne einen weiteren Gedanken oder einen Moment zu zögern zog ich meinen Revolver und zielte, während ich dort saß. Er hörte den Hahn schnappen, als ich ihn mit dem Daumen zurückzog, und drehte sich um, als ich den Abzug betätigte. Die Kugel traf ihm direkt hinter dem Ohr und er fiel wie ein Stück Holz, tot."

Der Feigling Robert Ford? - Historischer Kontext und Romantisierung 

Am Ende ist wohl zu sagen, dass Robert Ford auf der einen Seite hungrig nach Anerkennung und Berühmtheit war und natürlich hat er sein Idol Jesse James verraten, als er Crittendens Angebot annahm, für Geld Jesse James zu töten. Es wird ihm um das Geld gegangen sein, jedoch sicherlich auch ein wenig um Rache: Jesse James hatte ihn enttäuscht. Und nicht zu verachten ist natürlich auch der Umstand, dass Robert Ford der Tod durch den Strick drohte: Er war des Mordes an Wood Hite überführt worden und seine einzige Chance auf Begnadigung war, Jesse James zu töten. Eine klassische "Er oder ich"-Situation, zu der das Versprechen von Reichtum und Anerkennung kam. Doch war Robert wirklich ein hinterhältiger Feigling? Darüber muss sich jeder eine eigene Meinung bilden, doch wichtig ist zu wissen, in welcher Situation der zwanzigjährige Robert Ford war. Er hatte Angst. Um sich und seine Familie.

Er ahnte, dass Jesse ihn durchschaut hatte und er ahnte, dass Jesse ihn und Charlie töten würde, wenn er ihm nicht zuvor kam und die letzte Chance nutzte. Also tat er es. Ich möchte Robert Ford nicht als Helden herausstellen, der selbstlos den Verbrecher Jesse James aufgehalten hat. Das war er nicht. Doch er war auch kein Feigling, der bloß für Geld und Ruhm sein großes Idol tötete. Genauso wenig, wie Jesse James ein Robin Hood oder ein Held war, sondern viel mehr ein blutrünstiger Verbrecher und Dieb, der den Mörder seines Cousins Wood Hite sicherlich getötet hätte, wäre der ihm nicht zuvorgekommen. Gibt es Gewinner in dieser Geschichte? Ich denke, nicht. Es gibt hier niemanden absolut bösen und niemanden absolut guten (wie es in der Geschichte eigentlich immer der Fall ist), wir haben bloß eine unglaubliche Verklärung und Romantisierung eines Mörders und Verbrechers, Jesse James, die über hundert Jahre lang das Bild dieser Tat verzerrt hat.

Und die halte ich für gefährlich, genauso, wie ich das in den Dreck ziehen des Namens Robert Ford für absolut nicht in Ordnung und Zeichen einer Mentalität halte, die Bürgerkriegshelden (Mörder und Sklavenhalter) romantisiert und verehrt. Mich würde sehr eure Meinung zu Robert Ford, Jesse James und der Ermordung interessieren. Falls euch ein Film interessiert, der weder Jesse James noch Robert Ford als Helden, Feiglinge oder Bösewichte verurteilt, kann ich euch "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" mit Brad Pitt und Casey Affleck in den Hauptrollen empfehlen. Der Film gilt als historisch korrekteste Wiedergabe des Stoffes und ist wirklich gelungen, nicht nur von der Geschichte her, auch was die schauspielerische Leistung, die Bilder und die Auswahl der Musik angeht.

Selbst nachlesen?

Reid, Judith: Ed O'Kelley. The Man Who Murdered Jesse James's Murderer. 1994.

Yeatman, Ted P.: Frank and Jesse James. The Story Behind the Legend. 2000.

The New York Times: Jesse James's Murderers: The Ford Brothers Indicted, Plead Guilty, Sentenced to be Hanged, and Pardoned All in One Day. 18. April 1882.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen