Freitag, 30. Mai 2014

Bademode im Wandel der Zeit

"On the Beach", Eddowes Bros.,
ca. 1901, via Library of Congress 
Mit Beginn der Bade- und Kurkultur beginnt auch das Interesse der Menschen am Meer als Erholungs- und Badeort. Zu Verdanken haben die Menschen des frühen neunzehnten Jahrhunderts ihre Badeurlaube der Erfindung der Eisenbahn, die die Menschen schnell und für die damaligen Verhältnisse einigermaßen bequem aus dem stickigen London in die Badeorte, wie Bath oder Brighton, beförderte. Der typische Strandurlaub, einzig und allein zur Erholung gedacht, war geboren. Und hierzu brauchte es eigene Mode und eine eigene Etikette.

Man zog sich natürlich nicht direkt am Strand um: Wer sich ein wenig für die Zeit interessiert, kennt vielleicht die so genannten Bademaschinen: Kleine hölzerne Häuschen, die auf starken Rädern ins flache Wasser gefahren werden, eine Art rollende Umkleidekabine. Während die Kabine ins Wasser gezogen wurde, konnte man sich darin unbeobachtet umkleiden und ungestört ins Wasser schlüpfen. War man fertig mit dem Schwimmen, kletterte man genauso ungesehen wieder in seine Bademaschine und ließ sich zurück zum Strand fahren, während man sich anzog.

Ausflüge zum Strand waren im neunzehnten Jahrhundert also eine sehr einsame Angelegenheit: Man spielte nicht zusammen in den Wellen, legte sich an den Strand oder unterhielt sich, wie wir das heute kennen, sondern buchte sich eine Bademaschine, ließ sich ins Wasser ziehen und schwamm meist einsam und ungestört, bis man genug hatte und zurückfuhr. Bademaschinen waren also eine recht eigene Erfindung, die dazu diente, Ehre und Anstand einer Dame zu bewahren. Bedenkt man, wie viel Aufwand bereits betrieben wurde, dass die Dame so wenig Menschen wie möglich zu Gesicht bekamen, kommt es einem fast redundant vor, wenn man liest, wie die eigentlichen Badekleider aussahen. Aber seht selbst.


Das frühe neunzehnte Jahrhundert - Viel Stoff am Strand 

Die Menschen trauen sich noch nicht so lang ins Wasser, wie gedacht: Erst im späten achtzehnten Jahrhundert erobert die hohe Gesellschaft das Meer und dafür braucht sie natürlich auch modische Badeanzüge. Die ersten Badekleider sehen ganz normalen Kleidern der Ära sehr ähnlich. Um zu vermeiden, dass die Haut zu braun wird, während man im Wasser ist, trugen Damen vor 1800 tatsächlich lange Badekleider mit langen Ärmeln, Handschuhen und sogar Hauben zum Badengehen. Badekleider waren oft am Saum mit Gewichten versehen, damit die Kleider im Wasser nicht hochgespült werden konnten und ein Blick auf die Beine möglich wurde. Das ist gefährlich und unpraktisch, doch Anstand und das Bewahren des modisch blassen Teints gingen klar vor Sicherheit.

Bereits um 1800, mit dem Einsetzen des Strandurlaubs als modischer Sommerzeitvertreib für die höheren Schichten, veränderte sich jedoch etwas in der Bademode der Damen. Man hatte wohl eingesehen, dass so unpraktische Bademode nicht nur gefährlich war, sondern auch dem Spaß am Wasser sehr bald Einhalt gebot. Allerdings ist das Badekleid zu Zeiten von Jane Austen noch immer sehr üppig: Man trug helle, leichte Stoffe in mehreren Lagen über einer Art leichter Hose, die die Beine verdeckte und unter dem langen Rock hervorschauen durfte. Ein Schal, Handschuhe und eine modische Haube um die Haut vor der Sonne zu schützen waren jedoch immer noch Pflicht und die Dame von Welt ging niemals ohne diese Accessoires an den Strand oder ins Wasser.

Auch, wer als Frau in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts baden gehen wollte, hatte noch schwer zu tragen: Auch hier ahmt die Bademode die weite Krinolinenmode der Epoche nach, doch trägt man nun die von Amelia Bloomer berühmt gemachten Bloomers: Sehr weite Hosen, die am Knöchel eng werden und so gemütlich zu tragen sind, praktisch, aber keinen Blick auf die Form der weiblichen Beine zulassen. Darüber trug man jedoch eine lange Jacke mit langen Ärmeln und hochgeschlossenem Kragen, die den Schnitt eines Krinolinenkleides aufwiesen und immer noch eine passende Haube oder einen kleinen Hut dazu. Ein wenig muss das gewesen sein, als würde man heute in voller Wintermontur ins Wasser gehen und dann noch versuchen, im Wasser Spaß zu haben. Diese Bademode war unpraktisch, schwer und gefährlich: Sie sog sich schnell mit Wasser voll und konnte die Schwimmerin herunterziehen, wenn sie sich zu weit ins Wasser wagte. Die Bademode des frühen neunzehnten Jahrhunderts ließ den Damen kaum Freiraum, sich am Strand wirklich zu amüsieren, doch dazu war das Baden damals auch eigentlich nicht gedacht: Viel eher ging man wegen der wohltuenden Wirkung ins Wasser, was natürlich etwas merkwürdig anmutet: Heilendes Wasser bringt einem auch nicht viel, wenn man wegen der umständlichen Kleidung ertrinkt. 

Die Belle Epoque - Revolution am Strand

Badeseile bei Coney Island, William H. Rau, 1903
Mit der sich verändernden Gesellschaft, den Frauenrechtlerinnen und der Auflockerung viktorianischer Moralvorstellungen, kam auch ein viel lockerer Umgang mit Bademode und weiblicher Anwesenheit an den Badestränden der westlichen Welt. Die Naughty Nineties, die dank vieler Moralpaniken und der immer ungezwungener werdenden Gesellschaft so genannt werden, markieren einen Wandel in der Bademode.

Badekleider wurden kurzärmelig, hatten oft verspielte Matrosenkrägen und Schleifchen, reichten bloß noch bis zu den Knien und bestanden aus dünner, meist schwarzer Wolle. Dazu trug man weiterhin Bloomers und schwarze Strümpfe. Das Haar durften Schwimmerinnen inzwischen offen oder in einfachen Zöpfen tragen und es gab extra Sonnenhüte für den Aufenthalt am Strand. Dazu gab es Badeslipper, die man schnüren konnte und die die Füße vor scharfen Steinen schützten. Auf dem Bild oben könnt ihr eine junge Frau in einem der viel praktischeren Badekleider der Jahrhundertwende sehen.

Allerdings gab es ein weiteres Problem: Diese neue Bademode mochte praktischer sein, wenn man mit Freundinnen am Strand liegen wollte - was ab 1890 immer öfter getan wurde - oder der Strandbeschäftigung für Frauen schlechthin nachgehen wollte: Sich an einem Seil festhaltend in die Brandung stellen und in die Wellen springen. Doch mit der Befreiung der Frau von den strengen moralischen Auflagen des früheren neunzehnten Jahrhunderts, kam auch der Wunsch auf, dieselben Urlaubsaktivitäten wahrnehmen zu können, wie Männer. Wie ihr auf dem Bild oben rechts seht, war Spaß am Strand mit anderen Personen nun längst kein Tabu mehr, die Tage von schnellen Schwimmausflügen via Bademaschine waren gezählt. Doch während die Männer lange Runden schwammen, tauchten oder auf Brettern ungehindert auf der Brandung surften, war das den Damen in ihren Badekleidern, die immer im Weg waren, nicht möglich. Eine noch praktischere Mode musste her.

Das neue Jahrhundert und die neue Bademode 

Hier muss unbedingt erwähnt werden, dass die meisten Frauen auch um 1910 die schwarzen Badekleider aus Angorawolle mit den schwarzen Strümpfen beibehielten. Die neue Bademode, die ich euch jetzt vorstelle, war etwas für junge athletische Frauen, die sich für die Frauenbewegung interessierten und dieselben Strandaktivitäten unternehmen wollten, wie die Männer. Ein großer Unterschied ist, dass die Bademode ab 1900 stetig bunter wurde. Besonders gestreifte Badeanzüge wurden modern und lösten die anständigen schwarzen Badekleider an vielen Stränden ab. Dies war jedoch eine langsame Entwicklung. Zuerst wurden Badekleider einfach verspielter, mit Streifen, Punkten und in fröhlichen Farben, bevor sie langsam kürzer und praktischer wurden. Anstatt Hüten trugen junge Damen nun Tücher kunstvoll um den Kopf geknotet.

Bill Norton kontrolliert gewissenhaft, ob der Badeanzug
der Dame nicht vielleicht zu kurz ist, 1922 
Mit den 1920er Jahren kam dann natürlich mit dem Aufkommen von Flappern in kurzen Kleidern auch der kurze Badeanzug für Damen auf. Allerdings gilt auch hier wieder: Nicht alle Frauen folgten diesem Trend. Auch in den 1920ern sah man noch Frauen in schwarzen Badekleidern am Strand, die ihre Beine mit schwarzen Strümpfen verdeckten. Nicht alle Damen der 1920er waren Flapper und in der Bademode wird das sehr deutlich.

Was die Bademode der 20er auszeichnet ist, dass sie sehr viel mehr Haut und Körperformen zeigt, als die Bademode der vorangegangenen Jahrzehnte. Diese Badeanzüge ähnelten stark den Badeanzügen, die Herren bereits seit einigen Jahrzehnten trugen und die man aus vielen Filmen und von Bildern kennt. Während diese körperbetonten, jungenhaften Badeanzüge der androgynen Mode der 20er Jahre stark entsprechen, sorgten sie natürlich auch für allerlei Aufschrei in der Gesellschaft und galten als Verstoß gegen den guten Geschmack.

Badeanzüge der 1920er Jahre variieren stark in ihrer Schnittart und Farbgebung, sind jedoch meist sehr bunte, hübsch verzierte Kleidchen ohne Ärmel, die weit über dem Knie enden, oder tatsächlich Badeanzüge mit Hosenbeinen, die ebenfalls über dem Knie aufhören. Hierzu trugen manche Frauen dünne Strümpfe oder kurze Hosen, andere gingen ganz ohne Strümpfe an den Strand. Auf dem Kopf trug man zum Schutz vor Salzwasser und Sonne entweder weiterhin Kopftücher oder passende Badekappen, die dem beliebten Glockenhut nachempfunden waren.

Die Bademode der 1920er sorgte wie bereits angedeutet nicht selten für Aufregung: Frauen wurden oft sogar verhaftet, weil ihr Badeanzug angeblich zu kurz war und nicht den Regeln des Anstands entsprach. Die Bademode wurde somit ein wenig zum Zeichen des Aufbegehrens: Frauen trugen extra kurze Badeanzüge, oder wagten sich in ihrer Bademode zum Essen in Lokale in Strandnähe, um zu zeigen, dass sie mit den strengen, aus viktorianischen Zeiten übrige gebliebenen Ansichten nicht einverstanden waren. Die 1920er sehen übrigens auch zum ersten Mal tiefere Ausschnitte bei Badeanzügen. Das liegt einfach daran, dass Sonnenbräune als Trend die vornehme Blässe ablöste. Hatte man zehn Jahre zuvor noch Angst gehabt, die Haut im Ausschnitt könnte zu braun werden, um ein tief ausgeschnittenes Abendkleid zu tragen, war das den meisten Frauen nun egal.

Selbst nachlesen?

Victoriana Magazine: The History of Bathing Suits. 

Kindersley, Dorling: Mode. 3000 Jahre Kostüme, Trends, Stile, Designer. 2013.

Lansdell, Avril: Seaside Fashions, 1860-1939. 1990.

1 Kommentar:

  1. Toller Artikel :)
    dazu fällt mir das lied "Ich Hab' das Fräul'n Helen Baden Seh'n" von Erwin Hartung aus dem Jahr 1926 ein :)
    Auch da merkt man, dass nackte Beine beim Baden nicht immer normal waren, wohl aber bei manchen begehrt ;)

    anhören kann man das Lied hier:
    https://www.youtube.com/watch?v=e2shBDj31SI

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