Vater Themse und der große Gestank

Der stille Straßenräuber - Punch, 10. Juli 1858
In einem Ruderboot fährt der Tod über die völlig verschmutzte Themse und sammelt die Leben derjenigen ein, die nicht dafür bezahlen wollten, den Fluss säubern zu lassen. So stellt das Punch-Magazin eins der größten Probleme dar, die das viktorianische London zu bewältigen hatte: Sommer, 1858. Alles, was nicht mehr gewollt ist, landet in der Themse. Nicht nur Unrat und Waschwasser und das Kanalisationssystem mündeten in die Themse.

Nein, auch die Fabriken leiten ihr Abwasser in den Fluss, Metzger entsorgen hier verdorbenes Fleisch, Knochen und unbrauchbare Reste, Färber nutzen die Themse als großes Auffangbecken und so manch ungewollter Verstorbener fand seine letzte Ruhestädte im Fluss von London. Allerdings ist das Flusswasser zusätzlich die größte Wasserquelle Londons - im selben Moment, in dem die Kanalisationsschächte das Dreckwasser in den Fluss speien, wird es auch schon wieder in die Haushalte Londons zurückgepumpt - zum Trinken, Waschen und Kochen. 

Der Sommer 1858 - Notstand in London 

Wer jetzt angeekelt das Gesicht verzieht, hat ganz Recht. Das ist kein schöner Zustand. Zwar gab es tausende von Jauchegruben in der Stadt, doch es kostete einen ganzen Shilling eine solche Grube leeren zu lassen - Geld, das kaum jemand für so etwas übrig hatte. So kam es, dass auch die Jauchegruben überliefen und der Schmutz in den für Regenwasser vorgesehenen Rillen auch noch in die Themse geleitet wurde. Das Ergebnis konnte sich im Sommer 1858 sehen lassen. Schon zuvor lag ein schlimmer Gestank über London - man war das jedoch gewohnt, schließlich kannte man es bloß so. Doch der Sommer 1858 war unerwartet heiß: Im Fluss wurde die Bakterienbildung angekurbelt und London erlebte, was heute als Great Stink in die Geschichtsbücher eingegangen ist. 

Das Problem bestand bereits seit Jahren, doch nun wurde es so schlimm, dass sich das House of Commons nicht mehr in der Lage sah, weiterzuarbeiten. Die Vorhänge wurden in Chlor getränkt, um den Geruch zu neutralisieren und man überlegte sich sogar das Gebäude zu evakuieren. Dass niemand von den Zuständigen daran gedacht hat, etwas gegen das Problem zu unternehmen, bevor es sie selbst betraf, ist sehr typisch für das frühe neunzehnte Jahrhundert: Wie es den Armen erging, die den Gestank Tag für Tag seit Jahren erleiden mussten, interessierte niemanden. Erst, als man am eigenen Leib zu spüren bekam, wie groß das Problem wirklich war, entschloss man sich im House of Commons etwas zu unternehmen: Ein Kommitee wurde gegründet, um sich mit dem Problem zu befassen und eine Lösung zu finden. Kurz darauf regnete es stark und die Temperaturen sanken, was den Gestank erst einmal eindämmte, die Politiker jedoch Gott sei Dank nicht davon abhielt, weiter einen Ausweg zu suchen. Denn es ging nicht mehr bloß um den unangenehmen Geruch. 

Vater Themse und die Cholera 

Joseph Bazalgette, 1865
Die Viktorianer nahmen an, dass der Ausbruch der Cholera, der im Verlauf des Sommers über London gekommen war, etwas mit dem Gestank zu tun hatte. Damals glaubte man, die Luft trüge die Krankheit weiter. Die Krankheit kursierte in London bereits seit über zehn Jahren, doch im Sommer 1858 verschlimmerte sich die Lage stark. Die wirkliche Ursache war zwar der Bevölkerung noch nicht bekannt, den Forschern und Spezialisten aber sehr wohl: Im Trinkwasser, das aus der versuchten Themse kam, befanden sich die Cholerabakterien und wer davon trank, wurde krank.

Von Ärzten und Wissenschaftlern wurde diese Theorie jedoch gütig ignoriert, man glaubte weiter an sogenannte Miasmen, die über die Luft übertragen wurden. Erst in den 1880ern nahm man sich der Bakterientheorie wieder an. Für die Leute in London war das jedoch zu spät: Hier wurde mit allen Mitteln versucht den Gestank einzudämmen, den man für die Krankheit verantwortlich machte. Da dies denselben Effekt hervorbrachte - einen saubereren Fluss - glaubte man natürlich, man läge mit der Miasmentheorie richtig. Die Annahme war falsch, der Lösungsweg jedoch richtig: Ein neues, besseres Kanalisationssystem musste her, damit die Themse entlastet und sauberer wurde.

Pläne für genau so etwas waren schon öfter vorgelegt, jedoch immer wieder abgelehnt worden. Hätte man den Bau eines vernünftigen Abwassersystems früher zugestimmt, hätte sich sicherlich einiges verhindern lassen, doch passiert war passiert: Der berühmte Tiefbauingenieur Joseph Bazalgette, der bereits fünf Mal darum gebeten hatte die Kanalisation ausbauen zu dürfen, bekam 1859 endlich seine Chance. Das Projekt war teuer und nahm sechs Jahre in Anspruch, trieb aber Blüten. Der Fluss wurde sauberer. Dass die Leitungen für das Trinkwasser, das in den Londoner Haushälten landete, nun sauberes Wasser führten war übrigens völlig unbeabsichtigt und eine Art Nebenerscheinung, sorgte jedoch dafür, dass viel weniger Menschen an der Cholera erkrankten und starben und dämmte die Epidemie endlich ein. Dass großteils in den 1860ern gebaute Kanalisationsnetz nach den Plänen von Bazalgette wird übrigens noch heute verwendet.

Selbst nachlesen?

Halliday, Stephen: The Great Stink of London. Sir Joseph Bazalgette and the Cleansing of the Victorian Metropolis. 2011. 

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