Freitag, 18. April 2014

Pteridomanie - Ein viktorianischer Trend

Die Farnsammlerin - Charles Sillem
Lidderdale, 1877 
"Eure Töchter vielleicht sind der vorherrschenden Pteridomanie verfallen und streiten über unaussprechliche Namen der Spezien (die in jedem neuen Farn-Buch, das sie kaufen, anders zu lauten scheinen) - und trotzdem könnt ihr nicht abstreiten, dass ihnen das gefällt, dass sie deswegen aktiver sind und fröhlicher, sich selbst öfter vergessen als über Romane, Tratsch, das Häkeln oder Stickwolle", schreibt Charles Kingsley 1855 in seinem Buch Glaucus und gibt dem Kind einem Namen. Pteridomanie. Es gibt kaum einen Trend des viktorianischen Zeitalters, der bizarrer erscheint oder weniger nachvollziehbarer als die Liebe zu Farnen. Doch alles hat einen Grund und auch dieser Trend ist völlig erklärbar. 

Ins Grüne - Botanik im frühen viktorianischen Zeitalter 

Der Trend um den Farn beginnt in den 1830ern, fast zeitgleich mit dem Beginn des viktorianischen Zeitalters und lässt bis in die 1890er Jahre nicht nach. Das liegt daran, dass um 1830 einige Dingen zusammenkamen: Das achtzehnte Jahrhundert zeigt ein großes Interesse an Pflanzen, Gärten und der Biologie, doch zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erscheinen die ersten wichtigen Werke zum Thema. Dazu kommt, dass die Eisenbahn und das britische Straßennetz Ausflüge aufs Land immer einfacher und erschwinglicher machen. Was geschieht also in einem England, das Landschaftsgärten liebt, mittlerweile mit der Eisenbahn weite Reisen problemlos unternehmen kann und endlich die passenden Informationen dazu in Fachwerken zusammengefasst vor sich liegen hat? Hobby-Botaniker strömen in die englische Wildnis. 

Doch nicht nur die. Auch professionelle Botaniker beginnen, sich für die heimische Flora zu interessieren und neue Erkenntnisse werden in Fachzeitschriften schnell veröffentlicht. Der Farn erfreute sich aus einem sehr einfachen Grund großer Beliebtheit: Er war noch kaum erforscht. Man begann also ein Wettrennen auf den Farn, um möglichst der erste zu sein, der bahnbrechende Erkenntnisse dazu sein eigen nennen konnte. Oben drauf gab es in Großbritannien ein großes Farnvorkommen seit er aus Jamaika importiert worden war und selbst, wer aus ganz anderen Gründen den Weg in die grüne Natur suchte, stolperte früher oder später über den Farn. Daran lag es auch, dass nahezu jeder dazu in der Lage war, Farne zu sammeln. Diese Art von Botanik war nicht nur etwas für reiche Leute, die sich Fachbücher und Ausrüstung leisten konnten. Auch einfache Engländer aus der Arbeiterschicht oder Bauern konnten diesem Hobby nachgehen und taten es auch in Scharen. 

Der Farn ist sozusagen ein gesellschaftliches Phänomen: Im viktorianischen Zeitalter konnte weniges die zwei Nationen arm und reich vereinen - der Farn schaffte es. Wie jedes Hobby trieb auch das Farnsammeln seltsame Blüten: Wer das Geld dazu hatte, deckte sich mit Handbüchern und abstruser Ausrüstung ein und erstand ein kleines Terrarium. Terrarien gab es erst seit dem Ende der 1820er und während ganz England auf die Jagd nach dem Farn ging, erfreuten sie sich großer Beliebtheit, denn in einem eigenen Terrarium ließ sich der Farn auch noch selbst kultivieren, man musste ihn gar nicht mehr so häufig in der freien Natur besuchen gehen. Und es kommt noch besser: Das Terrarium an sich wurde überhaupt erst erfunden, um den geliebten Farn vor dem Mief der Großstadt London zu schützen. Das war allerdings auch dringend nötig, da nach der industriellen Revolution die Luftverschmutzung so groß wie nie war (Leinen, die man nach draußen hängte, holte man selten so weiß wie vorher wieder herein). 

Der Farn - Dekoration und Statussymbol 

Der Trend um den Farn wuchs besonders zur Mitte des Jahrhunderts hin ins Unermessliche. Er war überall. Nicht nur standen kleine Terrarien in jedem modischen Salon. Man sammelte Farnblätter, presste sie zusammen mit Blumen zwischen Buchseiten um sie zu trocknen, dekorierte sein Haus damit, errichtete sich ein Gewächshaus bloß für Farne. Ihr kennt vielleicht Bilder von spätviktorianischen Salons oder Wintergärten: Achtet mal darauf, irgendwo stehen auf diesen Fotografien immer ein oder zwei Farne im Hintergrund. Zum Ende des Jahrhunderts hin schaffte der Farn es als Dekorationsgegenstand noch ein Stück weiter: Er schmückte Vasen, Lampen, Kissen und Stoffbahnen und wurde eine Metapher für schönen Zeitvertreib. Echte Farne dekorierten Buchdeckel, hingen in Speise- und Besucherzimmern und warteten natürlich in den Sammlungen darauf, bewundert zu werden. Dieser lustige Trend sorgte jedoch bald dafür, dass das natürliche Vorkommen der Farne in Großbritannien stark zurückging, da jeder einfach losgehen konnte und sich seine Farne ausgrub. 

Einige Todesfälle sind auch mit dem Sammeln von seltenen Farnarten verbunden: Sammler begaben sich teils in große Gefahr, um schwer erreichbare, aber seltene Farne zu pflücken oder auszugraben. Sie fielen zum Teil von Klippen oder steile Abhänge hinunter. Der Farnwahn ist übrigens ein ganz und gar britisches Phänomen: Außerhalb der britischen Inseln, besonders in Amerika, konnte niemand so wirklich nachvollziehen, was die Leute auf ihrer Insel jetzt so toll am Farn finden. In Großbritannien lebt die Verrücktheit nach dem Farn unterdessen weiter in alten Sammelalben, Glückwunschkarten, Vasen und anderen Dekorationsgegenständen und einigen Denkmälern und Grabstätten, die als Verzierung Farnblätter zeigen. Ich würde euch raten, das nächste Mal, wenn ihr in England seid, darauf zu achten: Falls ihr Möbel, Dekorationsgegenstände oder Gräber aus dem neunzehnten Jahrhundert seht, ist nicht selten ein Farnblatt darauf abgebildet.

Selbst nachlesen?


Allen, D.E.: The Victorian Fern Craze. A History of Pteridomania. 1969.


Whittingham, Sarah: Fern Fever. The Story of Pteridomania. 2012. 

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