Freitag, 11. April 2014

Barnums großer Coup - Die Meerjungfrau von Fiji

Ein Darsteller posiert mit einer
"Fiji"-Meerjungfrau, Datum unbekannt
Bildquelle: Weird Vintage
Sie ist hässlich, mysteriös und angeblich eine richtige Meerjungfrau: 1822 kauft Samuel Barrett Edes von japanischen Seemännern für ein kleines Vermögen den mumifizierten Körper einer Meerjungfrau. Meerjungfrauen waren schon seit Jahrhunderten Bestandteil eines jeden guten Kuriositätenkabinetts, doch diese Meerjungfrau war anders: Sie hatte ein abscheuliches Gesicht, war viel kleiner als ein Mensch und - haarig. Edes stellte sie in seiner privaten Sammlung ab 1822 in London aus. Doch die große Berühmtheit der Meerjungfrau folgte erst zwanzig Jahre später - Samuel Barrett Edes vermachte die kuriose Mumie seinem Sohn, der sie an Moses Kimball verkaufte, der sie im Jahr 1842 mit nach New York nahm.

Der Streich des Jahrzehnts - Barnum und die Meerjungfrau 

Er vermietete sie an den gewieften Geschäftsmann Phineas Taylor Barnum, der die Meerjungfrau zwar nicht für echt hielt, aber in einer seiner Sammlungen ausstellen wollte. Barnum witterte eine menschengemachte Sensation. Um die Leute in seine Ausstellung zu locken, verfasste er Briefe an verschiedene New Yorker Zeitschriften, die er aus ganz verschiedenen Städten der USA abschicken ließ und in denen er fiktive Leute über die sagenumwobene Meerjungfrau von Fiji erzählen ließ. Dass die Briefe gar nicht von Experten und Interessierten stammten, sondern von Mister Barnum selbst, erfuhr die Öffentlichkeit erst Jahre später. Doch die Zeitungen druckten die Briefe ab, weckten so das Interesse der New Yorker, die nun die merkwürdige Meerjungfrau sehen wollten.


Den Briefen nach hatte ein ominöser Doctor J. Griffin die Meerjungfrau höchstpersönlich vor der Küste von Südamerika gefangen, weshalb er sie Fiji-Meerjungfrau nannte. Es gab sogar einen echten Griffin, der in New York verweilte: Phineas Barnums Freund Levi Lyman gab sich als der mutige Doctor Griffin aus und zog in ein Hotel in New York, von wo aus er - natürlich als Griffin - sozialisierte und sich einen guten Ruf aufbaute. Mit Doctor Griffin, der angeblich von einer ausgedachten englischen Vereinigung für Naturgeschichte stammte, bekam die Meerjungfrau ihren wissenschaftlich seriösen Hintergrund. Er zeigte die Meerjungfrau sogar hier und da herum, damit die Leute sicher sein konnten, dass es sie wirklich gab. Jeder durfte sie natürlich noch nicht sehen, aber die Menschen sollten neugierig werden auf dieses spannende neue Wesen. Phineas Barnum und Levi Lyman taten so, als versuchte Barnum Doctor Griffin dazu zu überreden, die Meerjungfrau im Museum auszustellen. Doctor Griffin weigerte sich natürlich, um das Interesse der Menschen noch zu steigern.

Die interessierte Presse ließ sich von Barnum, der den enttäuschten Geschäftsmann gab, Holzschnitte geben, die hübsche Meerjungfrauen zeigten und bald in allen New Yorker Zeitungen zu sehen waren. Die Öffentlichkeit war nun nicht mehr zu halten. Jeder wollte für sich selbst entscheiden, ob diese Meerjungfrau nun echt war oder nicht - doch dafür musste man sie natürlich erst einmal zu sehen bekommen. Und nun ließ sich der gute Doctor Griffin natürlich breitschlagen, seine eigens gefangene Meerjungfrau auszustellen. Zuerst wurde die Meerjungfrau nur für ausgesuchte Besucher - zum Beispiel Zeitungsredakteure - ausgestellt, dann war sie eine Woche lang in einer Konzerthalle auf dem Broadway zu sehen, bevor sie ins Museum of Natural History weiterwanderte. Inzwischen hatte Barnum Flugblätter über seine Meerjungfrau in Umlauf gebracht. Jeder in New York wusste jetzt von ihr.

Allerdings machte sich die Meerjungfrau von Fiji nicht nur Freunde. Da die Meerjungfrau gar nicht aussah, wie die Meerjungfrauen, die Barnum die Zeitungen hatte drucken lassen, waren viele Menschen enttäuscht. Niemand wollte eine verschrumpelte Meerjungfrau mit hässlichem, verzerrtem Gesicht sehen, alle hatten auf eine hübsche Meerjungfrau wie aus den Sagen gehofft. Viele Leute bezweifelten zudem ihre Echtheit und nach ihrem fulminanten gesellschaftlichen Start verschwand sie - vermutlich, weil Barnum befürchtete, man könnte herausfinden, dass sie doch nicht echt sei - aus dem Museum. Barnums Museum brannte 1865 ab und angeblich ist die Originalmeerjungfrau dabei den Flammen zum Opfer gefallen. Das kann jedoch nicht sein, da sie zu dieser Zeit eigentlich in Boston ausgestellt worden sein müsste - die Meerjungfrau gehörte nämlich trotz ihres Erfolgs offiziell immer noch Moses Kimball, der sie hin und wieder selbst ausstellen wollte. Es gibt einige Museen, die bis heute behaupten, die echte Fiji-Meerjungfrau in ihrem Besitz zu haben. Es ist gut möglich, dass sich die echte Meerjungfrau von Fiji heute in der Sammlung von Harvard befindet, doch genau beweisen kann man das nicht.

Werbeflyer für die Fiji-
Meerjungfrau, 1842
Die Echtheit der Meerjungfrau und ihr kultureller Hintergrund 

Durch Barnums schlaues Spiel wurde die Fiji-Meerjungfrau nicht nur sehr berühmt, sondern auch sehr begehrt. Kopien wurden überall angefertigt und bis heute überleben viele dieser merkwürdigen Konstruktionen. Eine davon könnt ihr auf der Fotografie oben bewundern. Leider weiß ich nicht, in welchem Kontext das Bild entstanden ist, doch so sieht eine Fiji-Meerjungfrau aus. Die Meerjungfrauen stehen heute auf Schreibtischen als Briefbeschwerer, als Buchstützen im Regal oder einfach so auf dem Schrank, um Besucher zu erschrecken. Im neunzehnten Jahrhundert konnte man sie sehr oft in den sogenannten Freak Shows sehen, in Kuriositätenkabinetten und auch im Ripley's. Die Fiji-Meerjungfrau gilt heute durch Phineas Barnums unglaublich ausgefuchstes Spiel als einer der größten Streiche des neunzehnten Jahrhunderts und zeigt ganz deutlich, wie Sensationen von Menschen gemacht werden. Auf der ganzen Welt gab es bald noch Jahrzehnte später "Meerjungfrauen" zu sehen und Fotografien und Werbeflyer dafür haben oft genauso überlebt, wie die Meerjungfrauen selbst.

War die Meerjungfrau von Fiji nun eine echte Meerjungfrau? Natürlich nicht. Es wird stark angenommen, dass die Meerjungfrau von Fiji aus dem Oberkörper eines Affen und der Flosse eines Fisches zusammengenäht war. Viele der Kopien sind genau so entstanden und durch den Mumieneffekt ist das Zusammenbasteln nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Man kann eine gut aussehende Meerjungfrauenmumie jedoch auch ganz einfach aus Pappmaché und Kunsthaar basteln. Was wichtig ist, ist übrigens, dass die japanischen Seemänner vom Anfang des Artikels, über die unsere Fiji-Mermaid nach Amerika gekommen ist, die Meerjungfrau jedoch nicht bloß aus Spaß gebaut hatten. Im alten Japan wurden viele dieser Meerjungfrauen aus Affen und Fischen hergestellt und tatsächlich in religiösen Zeremonien verwendet, sie sind also nicht einfach ein lustig-skurriler Streich, sondern ein altes religiöses Objekt aus der japanischen Kultur.

Wahrscheinlich stammen viele der später ausgestellten Meerjungfrauen auch aus Japan und sind nur selten von amerikanischen und europäischen Geschäftsmännern nachgebaut wurden. Japanische Seemänner im New York von 1842 werden sich sicherlich gut über die Beliebtheit der Meerjungfrau amüsiert haben. Die Fiji-Meerjungfrau wurde jedoch trotzdem so berühmt, dass bis heute alle falschen Meerjungfrauen als Fiji-Meerjungfrauen bezeichnet werden. Auch heute noch kann man viele dieser als Streiche oder Kuriositäten ausgestellten Meerjungfrau in Museen bewundern - heute sind sie natürlich als das gekennzeichnet, was sie wirklich sind und nicht mehr als echte Meerjungfrauen. Andere Fiji-Meerjungfrauen stehen tatsächlich bei Privatleuten im Wohnzimmer, weil sie auf einem Flohmarkt gekauft wurden oder ein makaberes Geschenk waren. Also, sollte euch irgendwo jemals so ein Getier über den Weg laufen: Keine Angst, es ist nichts weiter als ein merkwürdiger Scherz, der seinen Ursprung im viktorianischen Amerika fand, basierend auf einer japanischen Tradition.

Selbst nachlesen?

Cook, James W.: The Arts of Deception. Playing With Fraud in the Age of Barnum. 2001.

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