Samstag, 8. März 2014

The Family Way - Schwangerschaft und die Viktorianer

Die schwangere Schauspielerin Lillie
Langtry, ca. 1880
Für die viktorianische Frau war die Schwangerschaft etwas völlig Alltägliches, Selbstverständliches, das jedoch gleichzeitig mit großer Angst und gesellschaftlichem Druck einherging. Von klein auf lernten Mädchen, dass es ihr einziges respektables Lebensziel zu sein hatte, gut zu heiraten und Kinder zu gebären, denn für die Viktorianer war kaum etwas Wichtiger, als ein gesundes, glückliches Familienbild - der Druck, ein solches zu schaffen, lag meist auf den Schultern der Frauen.Nicht zu heiraten oder keine Kinder zu bekommen kam für eine respektable Dame auf keinen Fall in Frage. Je früher, desto besser. Eine Frau, die nicht schwanger wurde, obwohl sie schon lange verheiratet war, konnte durch ihre Kinderlosigkeit ihren guten Ruf verlieren.

Die Schuld an Kinderlosigkeit suchte man selten beim Ehemann, schließlich war die Frau allein dafür verantwortlich, als Engel des Hauses das Familienleben zu organisieren und ihrem Ehemann das Leben so angenehm wie möglich zu machen - dazu gehörten Kinder, die man herzeigen und wie ein Statussymbol betrachten konnte.Wer Kinder hatte, glücklich verheiratet war und einer angesehenen Arbeit nachging, hatte es als viktorianischer Mann geschafft. Die ideale Frau hatte zur Aufgabe, genau das möglich zu machen : Sie musste den Haushalt organisieren, den guten gesellschaftlichen Ruf ihres Mannes gewährleisten und natürlich auch Kinder bekommen. Wie eine viktorianische Schwangerschaft ablief, wie Schwangerschaftsmode aussah und was mit Frauen geschah, die außerhalb der Ehe schwanger wurden, sollt ihr heute hier erfahren. 

Eine viktorianische Schwangerschaft 

Die Erwartungen viktorianischer Mädchen an die eigene Schwangerschaft ist überraschender Weise eine Medaille mit zwei Seiten: Auf der einen haben wir ganz typisch für eine Gesellschaft, für die Kinder das höchste Gut sind, die Vorfreude auf das Mutterdasein. Schließlich hatte man von Kinderbeinen auf gelernt, dass das einzige, das man im Leben erreichen kann, ist eine gute Ehefrau und Mutter zu sein. Doch neben dieser Vorfreude stand eine große Angst vor dem Tod im Raum. Der Tod im Kindbett, oder kurz danach an einer Infektion oder zu hohem Blutverlust, ist die größte Todesursache viktorianischer Frauen, was auch allgemein bekannt war. Im frühen neunzehnten Jahrhundert wusste man noch nicht genau, was die Anzeichen einer Schwangerschaft überhaupt waren. Es kam vor, dass Frauen erst im fünften Monat überhaupt bemerkten, dass sie schwanger waren. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts sieht hier einen großen medizinischen Fortschritt, denn die 1850er brachten Mittel und Wege für Ärzte eine Schwangerschaft früh festzustellen.

Und genau da trennen sich die Wege von Europa und Amerika. Eigentlich glaubt man oft, das alte Europa sei viel zugeknöpfter gewesen, als das fortschrittliche, freie Amerika, aber im Falle Schwangerschaft sieht es genau anders herum aus: Die amerikanische Frau hatte sich während ihrer Schwangerschaft aus der Gesellschaft zurückzuziehen. Sie verbrachte den Großteil der Schwangerschaft zu Hause und Umschreibungen für ihren Zustand gab es viele, bloß beim Namen nennen wollte das Kind niemand. In Europa hingegen gab es solche Geheimniskrämerei des Anstands Willen nicht. Dieser große Unterschied wird wohl an Königin Victoria liegen, die selbst sehr oft schwanger in der Öffentlichkeit auftrat und so dafür sorgte, dass keine falsche Scham aufkam. Denn was die Königin tat, das konnte nicht verkehrt sein. Schwangere Frauen konnten sogar auf Bällen erscheinen und ganz normal am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, während amerikanische Frauen die letzten Schwangerschaftsmonate, in denen man ihnen ihre Schwangerschaft ansehen konnte, sehr einsam und zurückgezogen verbrachten.

Allerdings gab es in vielen Teilen der Erde das "lying-in": Die Frau verbrachte die letzten zwei, drei Wochen vor der Geburt im Bett um sicherzustellen, dass die Geburt reibungslos verlief. Da Krankenhäuser im viktorianischen England zu Recht keinen guten Ruf genossen, gebaren wohlhabende Frauen der Ober- und Mittelschicht ihre Kinder daheim. Meist wurden Hebamme oder der Arzt des Vertrauens gerufen. Damit die gebärende Frau ihren guten Ruf nicht verlor, war es dem Arzt allerdings verboten, genau nachzusehen, was geschah. Der Anstand gebot es, dass Augenkontakt mit der werdenden Mutter gehalten wurde. Gegen 1850 kamen Schmerzmittel in Mode, die die Geburtsschmerzen eindämmen sollten. Obwohl viele gläubige Menschen behaupteten, die Geburtsschmerzen seien der Wille Gottes, gab es einen regelrechten Trend, bei der Geburt Chloroform zu nutzen, was nur verständlich ist. Während viele Menschen nach der "natürlichen Geburt" schrien und Schmerzmittel verteufelten, gab es auch eine Bewegung zur Gesundheit von Frauen, die viele gute Neuerungen brachte. Der erste erfolgreiche Kaiserschnitt wurde übrigens 1882 durchgeführt.

Für eine Arbeiterfrau sah die Schwangerschaft übrigens ganz anders aus. Arbeiterfrauen bekamen im Schnitt fünf Kinder, zu denen Fehlgeburten jedoch nicht gerechnet wurden. Sie war meistens von der Hochzeit bis zur Menopause schwanger oder kümmerte sich um die kleinsten Kinder. Da eine Arbeiterfrau es sich jedoch nicht leisten konnte, auch nur einen Tag kein Geld zu verdienen, arbeitete sie meist bis zum Tag der Geburt weiter. Darunter fallen so schwierige, anstrengende Berufe wie das Schuften in einer Fabrik. Bald wurde ein Gesetz erlassen, dass es jungen Müttern verbat für eine bestimmte Zeit nach der Geburt zur Arbeit zurückzukehren, doch natürlich wurde die Abwesenheit nicht bezahlt und so hielt sich kaum jemand an das neue Gesetz, schließlich brauchte man jeden Penny, den man verdienen konnte. Ganz besonders, wenn man nicht nur sich selbst ernähren musste, sondern auch das neu geborene Kind, konnte man es sich einfach nicht erlauben auch nur einen Tag auf der Arbeit zu fehlen oder die Arbeit durch Abwesenheit sogar zu verlieren.

Der Skandal Schwangerschaft

Im frühen viktorianischen England war es unter Strafe verboten, Informationen zu Verhütung zu veröffentlichen, obwohl Verhütungsmethoden bereits bekannt waren. Ein bekannter Name ist Annie Besant, eine englische Frauenrechtlerin, die 1877 ein Buch des Amerikaners Charles Knowlton zu Verhütungsmethoden veröffentlichte, was ihr einen handfesten Skandal und eine Gerichtsverhandlung einbrachte. In diesem Buch wurden Überlegungen angestellt, dass es jeder Familie zustünde zu entscheiden, wie viele Kinder sie wollte und zu wissen, wie man die Größe der Familie einschränken konnte. Annie Besant und ihr Partner Charles Bradlaugh lösten damit eine große Kontroverse zum Thema Geburtenkontrolle aus, bekamen jedoch auch viel Zustimmung und entgingen, obwohl sie schuldig gesprochen wurden, am Ende doch dem Gefängnis.  Der Skandal sorgte dafür, dass die Malthusian League gegründet wurde, die es sich zum Ziel machte, die Bevölkerung aufzuklären und Verhütungsmittel bekannt und leicht erhältlich zu machen. Die erste Klinik für Geburtenkontrolle öffnete 1921 in London ihre Pforten.

Einen noch viel größeren Skandal konnte es jedoch geben, wenn eine Frau außerhalb der Ehe schwanger wurde. In den oberen Klassen kam das seltener vor, als Fernsehdramen und historische Romane uns weismachen wollen. Junge Mädchen wurden Tag und Nacht bewacht, um zu vermeiden, dass sie mit Männern in Kontakt kamen, und viele Mädchen lebten auch das, was sie gelernt hatten: Dass ein Mädchen bis zur Hochzeit unberührt und rein zu sein hatte. Allerdings sah es mit der Aufklärung sehr mau aus und viele Mädchen wussten gar nicht, was es mit dieser Unberührtheit auf sich hatte und was man dafür tun musste, unberührt zu bleiben. Es konnte also vorkommen, dass Sex mit dieser Angst vor Beschmutzung gar nicht in Zusammenhang gebracht wurde und viele Mädchen wussten auch gar nicht, was da mit ihnen passierte, wenn sie doch vor der Ehe verführt wurden. Ein weiterer, noch viel unschönerer Weg ungewollt schwanger zu werden, war natürlich leider auch sexuelle Gewalt. Geschah das und wurde das Mädchen schwanger, gab es zwei Möglichkeiten. Nummer Eins: Es wurde so schnell wie möglich an den Kindsvater verheiratet, damit man hinterher behaupten konnte, das Kind käme bloß sehr früh und sei nicht außerehelich gezeugt worden.

Das uneheliche Kind - Auswirkungen und Auswege 

Dies gestaltete sich jedoch oft schwierig, schließlich konnte man nicht beweisen, wer der Vater war. Hier war das Mädchen leider völlig darauf angewiesen, dass der junge Mann es nicht nur benutzt hatte, sondern einer Hochzeit zustimmte. Zur Not tat es natürlich auch ein anderer junger Mann, der die "Schuld" dem Mädchen zu Liebe auf sich nahm und sich als der Vater ausgab. Hierbei spielte nicht immer Liebe eine große Rolle, sondern vor allem auch ein guter Name: Ein Mädchen aus einer einflussreichen Familie heiratete man gern, wenn man sie aus Versehen geschwängert hatte, schließlich gab es eine gute Mitgift und es konnte den eigenen Ruf verbessern. Leider gab es jedoch sehr viele ignorante junge Männer, die für ihre Kinder nicht aufkommen wollten. Fand sich kein geeigneter "Ersatzvater", schickte man das Mädchen zu Verwandten aufs Land, wo es das Kind still und heimlich zur Welt bringen konnte. Die Kinder wurden dann meist weggegeben und man tat, als sei die Schwangerschaft nie passiert, was sicherlich ein traumatisches Erlebnis für ein junges Mädchen sein kann, von dem dann hinterher erwartet wird, dass es sich nahtlos zurück in die Gesellschaft einfügt und bald heiratet und eheliche Kinder bekommt. Auch hier sieht es für Arbeiterfrauen leider noch mauer aus.

Viele Arbeitermädchen wurden unverheiratet schwanger. Hausmädchen wurden oft von den Männern, für die sie arbeiteten verführt (und auch missbraucht, wir sollten uns hier wirklich nichts vormachen), was nicht etwa dazu führte, dass der Mann seinen Ruf verlor, sondern das schwangere Mädchen seine Arbeit. Schließlich ließ sich für ein armes Mädchen so gut wie nicht beweisen, dass der Herr des Hauses der Vater war. Wurde das Hausmädchen jedoch von einem Kollegen, sagen wir, dem Stalljungen, schwanger, zwang man die beiden oft in eine Ehe, um keinen Skandal zu provozieren. Schließlich war man auch für seine Angestellten verantwortlich und wenn herauskam, dass diese hinter dem Rücken der Arbeitgeber unmoralisch waren und handelten, konnte das den Ruf der Familie stark schädigen und sie zur Lachnummer in der Gesellschaft machen. Leider führte die fehlende Aufklärung bei vielen Mädchen - Arbeitermädchen wie reichen Mädchen - nicht nur zu Verführung, sondern auch zu Missbrauch oder sie wurden von Männern hereingelegt, schließlich wussten sie nicht, worauf sie sich einließen. Auch das ist natürlich eine Form von Missbrauch.

Dies führte dazu, dass nicht nur gefährliche und natürlich heimliche Abtreibungen unternommen wurden, sondern auch Kinder oft in der aufkommenden Panik direkt nach der Geburt getötet wurden - schließlich bedeutete ein uneheliches Kind, dass man seinen gesamten gesellschaftlichen Ruf vergessen konnte, keine Arbeit mehr fand und am untersten Rand der Armut leben musste. Viele ungewollt schwangere Frauen, die niemanden hatten, der sich um sie kümmerte und ihnen durch die schwere Zeit half, brachten sich aus Angst vor dem Stigma sogar um. Die viktorianische Gesellschaft lässt keinen Raum für Menschen, die aus der Reihe fallen und dazu gehörten Frauen, die uneheliche Kinder zur Welt brachten. Die Zweischneidigkeit ist hier sehr deutlich: Einerseits klärte man junge Mädchen nicht auf, andererseits lehnte man sie ab, sobald es passiert war, als hätten sie wissen müssen, welches Risiko sie eingingen. Frauen, die ihre Kinder umbrachten oder tot gebaren wurden von einer komplett männlichen Jury oft zu schweren Strafen verurteilt, was bei Kindsmord natürlich durchaus gerechtfertigt ist. Trotzdem muss man im Auge behalten, weshalb zu so verzweifelten Maßnahmen gegriffen wurde. Nach dem Vater wurde niemals gefragt oder gesucht.

Was trug die Dame der Gesellschaft in der Schwangerschaft?


Werbeanzeige für Lane Bryants
Schwangerschaftskorsett, ca. 1910
Um den Artikel auf einer etwas erfreulicheren Note zu beenden, möchte ich jetzt noch kurz auf Schwangerschaftsmode eingehen und das infame Schwangerschaftskorsett, von dem viele gehört haben, jedoch wenige wissen, was es eigentlich genau ist. Dazu muss man wissen, dass das Korsett an sich bereits zu Zeiten Queen Victorias große Kontroversen auslöste. Es gibt Frauen, die Tag und Nacht Korsett trugen, es gibt Frauen, die vor den gesundheitlichen Schäden des Korsetts warnten und es gibt Frauen irgendwo in der Mitte, die den Trend mitmachten, aber nicht besonders ernst nahmen. Über das Schwangerschaftskorsett, dass es tatsächlich gegeben hat, sagte die Kleiderreformerin Alice Bunker Stockham zum Beispiel: "Das beste Schwangerschaftskorsett ist überhaupt kein Korsett." Man wusste also bereits, dass das Korsett, das an sich ein ganz gewöhnliches Kleidungsstück darstellte wie unser moderner BH, in der Schwangerschaft keineswegs förderlich für Kind und Mutter war, doch das hielt viele Frauen nicht davon ab, trotzdem eines zu tragen.

Wie ich bereits in anderen Artikeln zum Korsett berichtet habe, gab es viele Frauen, die auf das Korsett seit ihrer Kindheit vertrauten, weshalb sich Rücken- und Bauchmuskeln zurückbildeten, da sie durch das Korsett zu sehr entlastet wurden. Diese Frauen brauchten also die Unterstützung, die das Korsett dem Körper gab. Besonders in der Schwangerschaft, in der sie nicht nur das Eigengewicht, sondern auch den schwangeren Bauch zu stützen hatten. Was das Schwangerschaftskorsett allerdings so ungeheuerlich macht ist, dass es nicht bloß zum Stützen des schwangeren Körpers gedacht war, sondern tatsächlich oft auch dazu, den Körperumfang zu verringern. Man wollte den schwangeren Bauch ein wenig kaschieren und ganz besonders in der Taille, die nach viktorianischem Idealbild schlank zu sein hatte, einnehmen. Allerdings hatten Schwangerschaftskorsetts eine Schnürung, die man bei fortschreitender Schwangerschaft immer weiter aufschnüren konnte. Ab dem dritten Trimester der Schwangerschaft wird kaum eine Frau noch ihre Taille eingeschnürt haben, sondern das Korsett wirklich zum Stützen des Bauches benutzt haben.

Oben rechts seht ihr eine amerikanische Anzeige für ein etwas modernes Schwangerschaftskorsett, entwickelt von Lane Bryant - einer Firma, die heute besonders für ihre Übergrößenmode bekannt ist. Lane Bryant wurde gegründet von der lithauischen Einwanderin Lena Himmelstein-Bryant, die 1904 das allererste echte Schwangerschaftskleid entwarf - und das in Amerika, wo schwangere Frauen, wie ihr bereits erfahren habt, bei Fortschritt der Schwangerschaft eigentlich nicht mehr aus dem Haus gehen durften. Lena Himmelstein, eigentlich bloß eine arme Näherin, änderte das und bald wurde sie mit dem Verkauf ihrer Schwangerschaftskleider berühmt und berüchtigt. Lena Himmelstein hat übrigens tatsächlich auch die erste Linie für Übergrößen entwickelt. Dickere reiche Frauen hatten natürlich kein Problem, denn ihnen wurde die Kleidung so oder so vom Stammschneider auf den Leib gefertigt. Doch die noch junge Massenproduktion, aus der ärmere Frauen ihre Kleidung kauften, stellte kaum größere Größen her. Kurz vor dem ersten Weltkrieg begann Lena auch hier innovativ und zielgruppenorientiert Kleidung herzustellen, doch das ist eine andere Geschichte.

Schwangerschaftskleid, ca. 1880, Jacoba de
Jonge Collection, Modemuseum Antwerpen,
Foto: Hugo Maertens 
Allerdings ist nicht alle viktorianische Schwangerschaftsmode so riskant wie das Schwangerschaftskorsett. Ein weiterer Bestandteil der "Schwangerschaftsmode", die man so vor Lena Himmelsteins Erfindung eigentlich nicht nennen kann, waren die Kleider der Damen. Dies waren meist ganz gewöhnliche Alltags- und Festkleider, die man vom Schneider weitermachen ließ. Nach der Schwangerschaft konnten sie dann auch einfach wieder enger gemacht und weiter getragen werden. Eine Besonderheit sind sogenannte "Wrapper": 

Hierbei handelt es sich eigentlich um den Vorgänger des modernen Morgenmantels, eine lose sitzende Robe, die Damen für gewöhnlich morgens trugen, bevor sie sich für den Tag ankleideten. In der Schwangerschaft trug die Dame den Wrapper dann gern den ganzen Tag über, da er gemütlich war und Bewegungsfreiheit gab. Auf der Straße wurden Wrapper allerdings nicht getragen. Es gab allerdings auch schon vor Lena Himmelstein Damen, die sich vom Schneider weite Jacken machen ließen, die den Bauch kaschierten. Darüber hinaus war es beliebt Kleider zu tragen, deren Vorderteile aus losen Stoffbahnen bestanden. Leider sind die meisten dieser Umstandskleider nicht erhalten. Das Kleid, das ihr oben links sehen könnt, ist ein ganz klassisches Schwangerschaftskleid vor Lena Himmelstein. Hier wurde ein altes Kleid, das wohl einst als Hochzeitskleid getragen wurde, einfach weitergemacht. Desweiteren wurde in der Taille ein elastisches Band eingefügt und dem schwangeren Bauch angepasst. Theoretisch hätte das Kleid nach der Schwangerschaft wieder enger genäht werden können, was wahrscheinlich nicht geschehen ist, da es zu dem Zeitpunkt unmodisch geworden war. 

Abschließend ist zu sagen, dass auch Schwangerschaft im viktorianischen England ein kleines Tabu war, jedoch zumindest in Europa nicht so sehr, wie in Amerika. Die Schwangerschaft war keine Option, so wie heute, sondern etwas, das jedes respektable Mädchen und jede Arbeiterfrau irgendwann durchmachte und das gleichzeitig als faszinierend und beängstigend galt. Die Schwangerschaft und das Gebären von Kindern waren schließlich nicht bloß das größte Lebensziel einer Frau, sondern obendrein die Todesursache Nummer Eins und lange Zeit ein gefährlicher, schmerzhafter Prozess. Das Schwangerschaftskorsett konnte zwar potentiell gefährlich sein, war aber eigentlich dazu gedacht, den schwangeren Bauch der Frau zu stützen und stellte keine Gefahr dar, wenn die Frau es richtig trug. Die erste richtige Schwangerschaftsmode entwickelte Lena Himmelstein im Jahr 1904, doch auch davor haben vornehmlich reiche Frauen ihre Kleider der Schwangerschaft angepasst.

Selbst nachlesen?

Hanson, Clare: A Cultural History of Pregnancy. Pregnancy, Medicine and Culture. 1750-2000. 2004.

Hoffert, Sylvia D.: Private Matters: American Attitudes Toward Childbearing and Infant Nurture in the Urban North 1800-1860. 1988

Matus, Jill L.: Unstable Bodies. Victorian Representations of Sexuality and Maternity. 1995. 

Kommentare:

  1. Galt es deswegen als Tabu sich als Schwangere sehen zu lassen, weil das Schwangersein als etwas Privates und Intimes angesehen wurde - weil damit automatisch der Geschlechtsverkehr in Verbindung gebracht wurde und eine Art zur Schaustellung von so etwas deswegen als verpönt angesehen wurde?

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  2. Danke für die Frage. :-)

    Zum Teil ging es tatsächlich darum, dass die Schwangerschaft etwas Intimes sein sollte und der schwangere Bauch eben zu auffällig war. Weshalb genau die schwangere Form als anstößig empfunden wurde, ist etwas schwer nachzuvollziehen. Wieso wird heute noch immer das Brustgeben in der Öffentlichkeit als anstößig empfunden? Es war eben etwas, dass man mit Scham verband. Dazu muss man natürlich sagen, dass die Zurschaustellung von weiblicher Sexualität an sich mit Scham verbunden wurde und Schwangerschaft hatte damit natürlich viel zu tun.

    Dass in Großbritannien Schwangerschaften nicht mit derselben Scham verbunden waren, hängt einfach mit Queen Victoria zusammen. Die Königin ist schwanger in der Öffentlichkeit zu sehen, also kann es so schlimm nicht sein. Eine oft schwangere Königin hatte Amerika natürlich nicht, weshalb es diesen Wandel gesellschaftlicher Normen auch nicht mitgemacht hat. Hier zog sich die Frau, sobald die Schwangerschaft sichtbar war, tatsächlich einfach bis zur Geburt zurück. An dem Umgang mit Schwangerschaft sieht man auch schön die Zweischneidigkeit der Viktorianer, wenn es ums Thema Frauen geht:

    Auf der einen Seite soll die Frau rein und unschuldig sein, auf der anderen soll sie haufenweise Kinder bekommen. Dass schließt sich natürlich gegenseitig aus: Du konntest als viktorianische Frau also am Ende nur verlieren. Dass man zwar wollte, dass Frauen schwanger werden, aber die Schwangerschaft versteckt und privat ablaufen musste, zeigt halt auch wieder den Umgang mit der Frau an sich. Richtig machen konnte sie es eh nicht, irgendwas war immer. (Und ganz hinweg über diese merkwürdigen viktorianischen Ideale sind wir heute leider immer noch nicht.)

    Ein weiterer, viel kleinerer Faktor ist allerdings noch die Sicherheit, jedenfalls liest man davon in einigen Quellen. Allerdings haben es britische Frauen auch geschafft schwanger rauszugehen, ohne sich und das Kind zu gefährden, weshalb ich nicht weiß, inwieweit das ein richtiges Argument war oder bloß eine Rechtfertigung um die Schwangere im Haus zu behalten, damit man sie nicht ansehen und sich schämen musste. :überfragt:

    Ich hoffe, das hat deine Frage beantwortet, lang genug ist es ja wieder geworden. Sorry. :x

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  3. Das mit dem "rein und unschuldig" ist so ne Sache... eine Frau kann auch als "nicht mehr Jungfrau" rein und unschuldig sein - das schließt es ja nicht automatisch aus. Ich mag diese Definition von "rein und unschuldig" einfach nicht...

    Danke schön fürs Beantworten. Du hättest ruhig mehr schreiben können. *grins* Mir hätte das nichts ausgemacht. :)

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  4. Nur als kleine Rückmeldung: Ich habe das im Kontext zur Gesellschaft damals geschrieben. Ich denke genau wie du überhaupt nicht so und halte "rein und unschuldig" genau wie jedes andere Ideal überhaupt für völlig überholt. Nicht nur, weil es eh niemand erreichen kann, auch, weil ich nichts davon halte, Leute danach zu bewerten, was sie mit ihrem eigenen Körper machen oder eben nicht machen. Das bleibt jedem selbst überlassen und die Entscheidungen sollten respektiert werden.

    Die Edwardianer und Viktorianer dachten darüber nur leider völlig anders - viele Menschen tun das heute noch - und das ist eine der vielen Sachen, die ich an der Epoche überhaupt nicht mag. Ich sage ja immer, Urlaub machen würde ich gern in der Belle Epoque, aber ich möchte nicht in ihr gelebt haben. (Ob ich mal einen Post darüber mache, was ich an der Belle Epoque NICHT mag? :überleg:)

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