Sonntag, 23. Februar 2014

Underthings I - Die Unterwäsche viktorianischer Damen

Chemise, 1876, Metropolitan Museum 
of Art, Brooklyn Museum Costume 
Collection, Gabe von Caroline U. 
Weber & John W. Weber (1944) 
Mode der Belle Époque ist hier auf Gaiety Girl immer ein Thema. Das liegt zum einen daran, dass ich selbst Modegeschichte ungeheuer spannend finde. Zum anderen möchte ich hier ein umfassendes Bild über das lange neunzehnte Jahrhundert zeichnen und dazu gehören nicht nur politische und gesellschaftliche Ereignisse, sondern natürlich auch die Mode. Und was gehört alles zur Mode? Ich habe über das Korsett gesprochen, über die verschiedenen Stile der verschiedenen Jahrzehnte, über die Garderobe einer viktorianischen Dame und ein wenig über Anti-Fashion im neunzehnten Jahrhundert. Heute möchte ich die Garderobe komplett machen, denn es soll um viktorianische und edwardianische Unterwäsche gehen. 

Was die Dame von Welt trug, habe ich euch schon mehr als einmal gezeigt, doch was verbarg sich außer dem Korsett unter Mieder und Röcken? Für viele gehört authentische Unterwäsche zu einem guten Kostüm dazu, weshalb ich euch die Geschichte von Dessous und Unterzeug auf keinen Fall vorenthalten möchte. Zu Beginn kann gesagt werden, dass die Unterwäsche einer Dame eigentlich von Beginn des viktorianischen Zeitalters bis ins edwardianische Zeitalter gleich aussah: Man trug die Chemise, das Korsett, Unterhosen und Unterröcke. Doch wozu war welches Kleidungsstück gut? Welche Besonderheiten ergaben sich in welchen Jahrzehnten? 

Drawers - Die Unterhosen unserer Großmütter 

Unterhosen für Frauen waren bis zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts eine Seltenheit. Erst in den 1840ern und 1850ern kamen die bekannten langen Unterhosen auf, die allerdings meist nicht gebunden waren, sondern einfach offen herunter hingen, und der Einfachkeit halber im Schritt nicht zugenäht waren. Diese Entwicklung hängt mit dem Aufkommen der Krinoline zusammen: Die Röcke wurden immer weiter und die Gefahr, dass der Wind sie hochfliegen ließ oder man stolperte und alles verrutschte, wurde größer. Zudem benötigte man die neuen Unterhosen als zusätzlichen Wärmespender, da durch die Krinoline die Röcke vom Körper ferngehalten wurden, wie ein Zelt. Für die Damen der Gesellschaft wurden Unterhosen also zur Mitte des Jahrhunderts eine gesellschaftliche Pflicht, während Arbeiterinnen bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts weiterhin bloß die Chemise als Unterwäsche verstanden. 

Während die Unterhosen der frühen viktorianischen Ära noch sehr weit, unförmig und lang waren, entwickelten sich Ende der 1860er die bekannten knielangen Unterhosen, die am Knie und in der Taille mit einem Band festgehalten werden. Als die weiten Krinolinenröcke aus der Mode kamen, waren Unterhosen bereits ein gesellschaftliches Muss und mit dem Aufkommen der Tournürenmode, die eine schmale Taille und betonte Hüften voraussetzte, brauchte man Unterhosen, die nicht auftrugen oder sich durch den Stoff abzeichneten. Diese berühmten Knickerbockers sind das Erste, an das man denkt, wenn jemand von viktorianischer Unterwäsche spricht, aber vergesst nicht: Sie wurden erst ab ungefähr 1870 getragen. In den 90ern kamen kurze, weite Unterhosen auf, die mit Satinbändern und Rüschen geschmückt sein konnten und nicht mehr bloß weiß und anständig waren, wie in den Jahrzehnten zuvor - ein Umstand, der eigentlich jedes Unterwäschestück der viktorianischen Jahre betrifft. 

Drawers, ca. 1885, Metropolitan Museum of Art,
Gabe von Mr. Emery Herriett, 1939
Das hängt damit zusammen, dass gegen Ende der viktorianischen Ära und zu Beginn der edwardianischen ein gesellschaftliches Umdenken stattfand: Frauen wurden selbstbewusster, sportlicher, hatten mehr Rechte und endlich mehr zu sagen. Zeitgleich mit dieser Entwicklung wurde die gesellschaftliche Ablehnung von sexuellen Themen etwas lockerer. Durch die inzwischen akzeptierte sportliche Betätigung von Frauen, setzte sich nun auch der geschlossene Schritt durch. 

Während weibliche Unterhosen noch einige Jahre zuvor als das schändlichste Gesprächsthema überhaupt galten, war es mittlerweile möglich hübsche, verspielte und verzierte Damenunterwäsche herzustellen. Drüber gesprochen wurde natürlich immer noch nicht, doch "Dessous" als Accessoires und hübsches Kleidungsstück aus Seide oder Spitze anstatt bloßem Nutzkleidungsstück aus anständigen weißen Leinen sind eine Entwicklung aus dem fin de siècle, wo neben Moralpanik und Angst vor dem Niedergang der Gesellschaft zusammenhängend ein neuer Wind wehte: Nicht umsonst nennt man das Jahrzehnt auch die naughty nineties. Vergleicht man die frühen Unterhosen aus festem Leinen mit geringfügigen Verzierungen mit den neuen Unterhosen der 1890er und 1900er (Bild), ist der Wandel leicht zu erkennen. Der Slip, wie wir ihn heute kennen, stammt von circa 1914, als das Elastik als Hosengummi in Mode kam. 

Die Chemise - Weiße Leinen und Baumwolle 

Das Herzstück der viktorianischen Unterwäsche dürfte die Chemise darstellen, die man über die Drawers anzog. Chemises, zu Deutsch auch manchmal Hemdkleid genannt, sind bereits seit dem Mittelalter ein fester Bestandteil von Damenkleidung. Sie entwickelten sich aus den Tuniken, die von den Römern getragen wurden, und wurden damals von Männern und Frauen getragen: Frauen zogen das Hemdkleid unter dem eigentlichen Gewand an, genau wie es noch zu Queen Victorias Zeiten geschah, für Männer stellte die Chemise eine Art Unterhemd dar, über das man ein Wams trug. Bis zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts stellte die Chemise die einzige Unterwäsche einer Dame dar. 

Oben könnt ihr eine Chemise aus dem Jahr 1876 sehen, die reich mit Rüschen und Spitze verziert ist. Das Auffällige an dieser Chemise ist die Taillierung. Die gewöhnliche Chemise des viktorianischen und edwardianischen Zeitalters fiel frei ohne Einnahme in der Taille und war auch meist kaum verziert. Die Aufgabe der Chemise war es, den Körper vor dem Korsett und dem rauen Stoff des Kleides zu schützen, jedoch auch die teure, edle Kleidung davor zu bewahren, durch Körperkontakt schnell schmutzig zu werden. Die Chemise wurde auf der Haut getragen und bestand meist aus wärmenden, weichen Stoffen wie Baumwolle. Im Verlauf des Jahrhunderts wurde die Chemise weniger bescheiden: Aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert kennt man Chemises, die mit Satinbändern und Rüschen, manchmal sogar mit Goldfäden verziert sind oder gleich eine kräftige Farbe haben. 

Frühe Chemises reichen oft bis zur Wade, haben kurze Puffärmel und kommen in verschiedenen Formen für verschiedene Tageszeiten: Chemises, die unter Abendkleidern getragen wurden, haben zum Beispiel einen anderen Ausschnitt als solche, die für alltägliche Besuche und Ausflüge gedacht sind, da Abendkleider oft weiter ausgeschnitten waren und die Chemise natürlich nicht unter dem Kleid hervorschauen durfte. Im Verlauf des Jahrhunderts wurde die Chemise kürzer und enger, um sich besser an die neuen, weniger voluminösen Kleidermoden anpassen zu können. Sie trug weniger auf, wurde dafür aber mehr Accessoire als pures Nutzkleidungsstück. Die Chemise ohne Ärmel mit V-Ausschnitt und vielen Verzierungen war im edwardianischen Zeitalter sehr beliebt, bevor die Chemise nach Jahrhunderten vollends aus der Mode verschwand. 

Die Chemise wurde über den Drawers getragen und circa 1870 kamen die ersten Hemdhosen in Mode: Hierbei handelt es sich um ein Hybrid aus Unterhose und Chemise. Die Kleider der 1870er waren vorn so eng, dass eine herkömmliche Chemise sich oft abzeichnete oder an den falschen Stellen, zum Beispiel in der Taille, zu viel polsterte, weshalb die Hemdhose entworfen wurde, um unnötiges Aufbauschen zu vermeiden. Die Hemdhose soll jedoch nicht wirklich bequem gewesen sein und wurde nicht nur von der Rational Dress Society, die unter anderem festlegte, dass eine Chemise niemals mehr als 250 Gramm wiegen durfte, verpönt: Auch viele Gesellschaftsdamen gaben der Hemdhose bis in die 1890er keine Chance und vertrauten auf Chemise und Drawers. 

Das Korsett - Der ständige Begleiter 

Zur Geschichte des Korsetts gibt es hier einen eigenen Artikel, doch auslassen möchte ich es trotzdem nicht. Deshalb nehme ich diesen Artikel als Anlass, noch ein paar mehr Details zum Korsett des viktorianischen Zeitalters hier zu lassen. Das Korsett wurde über der Chemise getragen und im Rücken geschnürt, sowie vorn mit Häkchen verschlossen. Viele Damen ließen ihr Korsett nicht jeden Tag neu schnüren, sondern öffneten und schlossen es einfach vorn, wodurch die Schnürung im Rücken nicht beeinträchtigt wurde. Heute ist das Korsett meist ein Accessoire oder wird medizinisch verwendet, damals war es viel mehr als das und noch viel mehr als ein Stück Unterwäsche, dass zur Stützung des Oberkörpers verwendet wurde. Viktorianische und edwardianische Damen nutzten das Korsett zur dauerhaften Modifikation des Körpers. 

Das bedeutet, dass das Korsett über Monate und Jahre immer etwas enger geschnürt wurde, bis die gewünschte Taillengröße erreicht war. Dafür nutzte man nicht jahrelang dasselbe Korsett, sondern ließ ein Neues anfertigen, wenn das Alte sich nicht mehr enger schnüren ließ. Allerdings reduzierten die meisten Damen ihre Taillen bloß zwischen einem und vier inches. Das entspricht einer Umfangsverringerung um höchstens 10 Zentimeter. Das Tight-Lacing, also das Schnüren einer besonders dünnen Wespentaille, kam erst gegen 1890 auf und war niemals eine richtige Mode. Es wurde von Frauen betrieben, die man bald darauf als Modesklavinnen verschrie und galt schon damals als sehr ungesund: Durch jahrelanges Tight Lacing konnten sich die Organe verlagern, es kam zu Durchblutungsstörungen, Verdauungsproblemen und einem gepressten Brustkorb. In einigen Fällen, wenn eine Frau jahrelang Korsett trug, entlastete das Korsett die Rücken- und Bauchmuskeln so sehr, dass sie sich nicht mehr ohne das Kleidungsstück auffrecht halten konnte. 

Allerdings sind alle Gerüchte von Ohnmacht oder Tod durch das Korsett grober Unfug: Das Korsett verursachte keinesfalls Krebs oder Skoliose, es sorgte nicht dafür, dass sich die Rippen in die Lungen schoben und das Reduzieren der Taille war, wenn man es richtig anging, nicht einmal besonders schmerzhaft oder ungemütlich: Es erforderte Zeit und Geduld, die jedoch viele viktorianische Damen nicht aufbrachten. Viele Mütter zwangen auch ihre Töchter zu ungesunder Eile, da die weibliche Stundenglasfigur angeblich eine Voraussetzung für eine baldige Verlobung war. Schnürt man das Korsett zu schnell zu eng, wird das weiche Taillenfleisch zu stark zusammengedrückt, was zu großen Schmerzen führen kann. Korsetts sorgen nämlich nicht dafür, dass man abnimmt. Viel eher sorgen sie dafür, dass das Fleisch von der Taille nach unten in die Bauchgegend gedrückt wird, wo es nicht so auffällt. 

Doch auch solche permanente Reduktion der Taille war nicht weiter ungesund, wenn die Dame es langsam und vorsichtig anging. Niemand schnürte von heute auf morgen einfach so die Taille auf 18 inches (ca. 45 cm) wie Camille Clifford. Wie gesagt, das brauchte viel Geduld und außer Schauspielerinnen und den oben erwähnten Modesklavinnen beachtete niemand dieses Ideal. Allerdings gab es damals bereits die sogenannte Korsett-Kontroverse: Einige Frauen akzeptierten das Korsett, schliefen sogar darin und trugen es - und das ist keine Übertreibung - für Jahre am Stück. Andere bezweifelten den Nutzen des Kleidungsstückes, trugen es gar nicht oder bloß zu offiziellen Anlässen und setzten sich für eine gesündere Alternative ein. 

Unterröcke und Struktur - Nutzen und Form

Unterröcke sind in der westlichen Mode fast genauso verankert wie die Chemise: Sie dienen jedoch nicht nur zum Schutz und zur Wärme, sondern geben dem Kleid auch eine Struktur, eine Form, weshalb sie eng mit den formgebenden Hilfsmitteln wie Krinoline und Tournüre zusammenhängen: Der Unterrock muss auf das Gerüst und den Schnitt des Kleides abgepasst sein. Zu Beginn der Ära wurden Unterröcke noch einzeln getragen, doch als die Röcke immer weiter wurden, trug man mehrere gestärkte Unterröcke, um dem Rock die gewollte Glockenform zu geben und ihn so steif und unnachgiebig wie möglich zu machen. Bevor die Krinoline um 1855 beliebt wurde, gab es auch Unterröcke mit Schnürungen oder Pferdehaarverstärkung. 

Krinoline, ca. 1860, MetropolitanMuseum
of Art,
  gekauft von Irene Lewisohn
Bequest (1986) 
Mit dem Aufkommen der Krinoline (und ab 1869 der Tournüre) wurde es Mode einen Unterrock unter der Krinoline zu tragen und einen darüber, um das meist aus Stahl oder Walknochen bestehende Konstrukt etwas weicher aussehen zu lassen. Den Unterrock, der über der Krinoline getragen wurde, sah man oft, da er unter dem eigentlichen Kleidsaum hervorschaute, was dazu führte, dass Unterröcke nicht bloß mehr weiße Leinenröcke waren, sondern farbig und mit Stickereien verziert. 

So wurde es zu Beginn der 1870er auch modern Unterröcke mit Rüschen und langer Schleppe zu tragen, die die Tournürenmode unterstrichen. Das Ende der 1870er sieht eine kurze Zeit ganz ohne Konstrukt, dass die Röcke hält und viele Frauen trugen in dieser Zeit überhaupt keine Unterröcke, aus demselben Grund, weshalb sich Drawers und Chemise der Mode anpassen mussen: Die Unterwäsche trug zu sehr auf. Da jedoch Schleppen, Rüschen und Spitze des Unterrocks, die unter dem eigentlichen Kleid hervorschauten, modern geworden waren, konnte man trotzdem modisch sein, indem man die hervorschauenden Teile einfach an die Innenseite des Kleides heftete und so einen Unterrock vortäuschte. Als die Tournüre in den 1880ern zurückkehrte, hatten natürlich auch die Unterröcke ihr Comeback. 

In der Belle Époque, zu Beginn der 1890er, wurden Röcke so schmal wie lange nicht: Nun trug man meist steife Seidenunterröcke. Der Volant, der sich bereits durch die gesamte Epoche zieht, erfreute sich neuer Beliebtheit. Hierbei handelt es sich um eine Verstärkung des Rocksaums durch Rüschen oder ähnliches, das den Rock schön schwingen lässt. Im Winter trug man übrigens sehr dicke Unterröcke, die ein wenig an Steppdecken erinnern und sicherlich schön warm gehalten haben. Der Unterrock wurde über die viktorianische Ära zum Symbol für Weiblichkeit, was auch die vielen Rüschen, Spitzenbesätze und Stickereien erklärt. Während das edwardianische Zeitalter oft als Hochzeit des Unterrocks verstanden wird, geriet er zu Beginn der 1920er aus der Mode. Er kehrte jedoch in den 1940ern erneut zurück. 

Camisole - Untertaille und corset cover 

Während wir die Basisunterwäsche einer Dame der Belle Époque nun abgedeckt haben, kommt hier und da noch etwas Flitterkram hinzu, der sich jedoch bloß auf einzelne Zeitabschnitte bezieht, nicht auf die gesamte Ära. Das wichtigste dieser Teile ist das sogenannte corset cover - etwas, womit man das Korsett bedecken und so schützen konnte, schließlich sollte ein teures, aufwendig gemachtes Korsett lang halten. corset covers sehen ein wenig aus wie moderne Blusen und sind oft an den Seiten eingemommen, um sich eng an die eingeschnürte Figur der Trägerin zu schmiegen und nicht aufzutragen: Sie werden natürlich nach Maß hergestellt. Wird das Korsett enger geschnürt oder ein neues Korsett bestellt, wird auch ein neues corset cover in Auftrag gegeben. 

Zu Beginn des viktorianischen Zeitalters war das corset cover noch als Stofffetzen an der Chemise befestigt, was jedoch bald aus der Mode kam und zu Beginn der 1870er durch die Untertaille ersetzt wurde, auf Englisch das corset cover. In dieser Zeit wurde das corset cover zu einem gesellschaftlichen Muss. Wollte man als Dame nicht in verzwickte Situationen geraten, trug man eine Untertaille unter dem Mieder und über dem Korsett, um zu tiefe Einblicke ins Dekoletée zu vermeiden und Kleid und Korsett voreinander zu schützen. Interessant ist auf jeden Fall, dass viele ärmere Frauen, die sich die Pariser Mode nicht leisten konnten - ob aus Geldgründen, oder weil sie sich bei der Arbeit gut bewegen können mussten - anstatt des Korsetts eine solche Untertaille trugen: Eine Art enges Mieder aus Baumwolle, dass den Körper stützte und die Haut vor dem Stoff des Überkleides schützte. Einige nähten sich sogar Seile oder gar Knochen in ihre Untertaille, um den Korsetteffekt vollkommen zu machen. 

Auch hier bringen die 1890er einen großen Wandel: Die Untertaille, nun camisole genannt, war genau wie die restlichen Unterwäschestücke nun verspielt, reich verziert und aus edlen teuren Stoffen hergestellt. Das edwardianische Zeitalter sah übrigens eine Kombination aus Camisole und Unterrock: Genau wie bei der Hemdhose der 1870er, die unter dem Korsett getragen wurde, gab es nun eine Art Kleid zum Überziehen: Das corset cover ging nahtlos in den Unterrock über, was einen besseren Sitz am Körper möglich machte, weniger auftrug und gemütlicher zu tragen war. Die Edwardianer begannen auch hier und da, ein corset cover unter dem Korsett zu tragen und ließen dafür die Chemise weg. Doch für gewöhnlich trug auch eine edwardianische Dame die hübschen, aufwendig hergestellten corset covers des fin de siècles über ihrem Korsett und vom Unterrock getrennt. 

Das fin de siècle und das beginnende edwardianische Zeitalter sind außerdem eine Zeit, in der ein großer Busen im Vergleich zu weiten Hüften und einer schmalen Taille sehr beliebt wurde. Viele Frauen ließen ihren Busen durch Rüschen und Stofflagen am Kleid oder an der Bluse größer aussehen, doch einige nutzten auch eine extra hierfür neu entworfene Art von Camisole: Durch gestärkte Rüschen und Stofflagen an der Untertaille sah der Busen größer aus. Es gab auch Einlagen, Gestelle aus Draht und Stofffüllung, doch viele Frauen bevorzugten die Untertaille, weil sie weicher und gemütlicher zu tragen war. Die sehr weibliche, betonte, verspielte und reich verzierte Unterwäsche des dekadenten fin de siècle und der darauffolgenden edwardianischen Jahre, erlebte mit dem ersten Weltkrieg ein jähes Ende: Nach dem Krieg kehrte man zu anständiger, bescheidener Unterwäsche aus meist weißen Leinen zurück, wie die Damenmode an sich bescheidener und weniger auffällig wurde, bis die goldenen Zwanziger sie vollauf revolutionierten. 

Fazit - Wir kleiden uns an 

Unterwäsche, 1898 , Metropolitan Museum of 
Art, Brooklyn Museum Costume Collection,
Gabe von Mrs. W. Paul Ferguson (1956) 
Als wohlhabende Dame im Jahr 1875, die unter anderem die Garderobe aus meinem Artikel dazu zur Verfügung hat, wollen wir uns nun ankleiden. Wie gehen wir vor? Zuerst ziehen wir die Drawers an - die langen Unterhosen, die wir oben zuknöpfen und unter dem Knie mit einem Bändchen fixieren. Darüber schlüpfen wir in die Chemise, das weiße Hemdkleid mit den Puffärmeln. Wenn wir das nun anhaben, folgt unser Korsett. Wir haben unsere Taille über die Jahre bereits auf 24 inches (60 cm) reduziert und sind damit glücklich, weshalb das Korsett eng, aber angenehm über der Chemise anliegt. 

Nun folgt die Tournüre, das Stahlgestell, das über der Hüfte befestigt ist und dafür sorgen soll, dass unser Kleid später der Mode nach schön füllig wirkt. Darüber streifen wir den Unterrock mit Schleppe und Rüschen. Zu guter Letzt ziehen wir unsere Untertaille über. Und schon haben wir unsere Unterwäsche beisammen. Wie viel wiegt das alles? Die Unterwäsche einer viktorianischen Dame allein konnte bis zu drei Kilogramm schwer sein. Dazu kam natürlich noch das Gewicht von Rock und Mieder, von Schultertuch oder Mantel, von Hut, Schmuck und Schuhen. War eine viktorianische Dame komplett eingekleidet, konnte ihre Aufmachung schon einmal an die 10 Kilogramm schwer werden.

Auf den Bild rechts könnt ihr die Unterwäsche einer Dame von circa 1900 in drei Stadien sehen: Ganz links seht ihr, wie die vollständige Unterwäsche aus Unterröcken, Chemise, Korsett und Camisole ausgesehen hat. Hier könnt ihr auch sehen, wie die Camisole aussah. Sie ähnelte tatsächlich stark modernen Blusen. In der Mitte seht ihr, soweit ich es beurteilen kann, ein Nachthemd. Ganz rechts haben wir eine Chemise, unter der die Drawers hervorschauen. Hier fehlen noch Korsett, Unterröcke und Camisole. 

Und nun komme ich noch einmal zurück auf die Hemdhose und den praktischen Überwurf aus corset cover und Unterrock: Denn diese Maßnahmen der Rational Dress Society galten nicht nur einem besseren Tragegefühl, sondern auch der Gesundheit der Damen. Die Rational Dress Society legte fest, wie viel jedes Kleidungsstück höchstens wiegen durfte und versuchte Reformkleidung beliebt zu machen. Ihr müsst im Kopf behalten, wo die Kleidungsstücke sitzen, wo dieses ganze Gewicht hängt: Tournüre und Unterröcke werden von der eingeschnürten Taille getragen. Die Rational Dress Society setzte sich für ein Reformkorsett ein, neue Tragemöglichkeiten für Unterröcke, Kleidung und Unterwäsche, die den Körper nicht nachhaltig verformte oder beeinträchtigte. Doch dazu soll es hier bald mehr geben. Was der Herr von Welt unter Mantel und Anzug hatte, erfahrt ihr genau hier nächsten Freitag.

Selbst nachlesen?

Nunn, Johan: Fashion in Costume. 1200-2000. 2000.

Kommentare:

  1. Danke für die detailierte Beschreibung. Ich suche seit längerem Informationen zu Schwangerschaftskleidung inkl. Unterwäsche im 19. Jh. - vielleicht wäre das mal ein Thema für dich... Lg, Kerstin

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  2. Das Schwangerschaftskorsett habe ich tatsächlich noch auf der Liste. Diese Woche wollte ich Männerunterwäsche machen, aber die drauf könnte ich Umstandsmode echt mal machen. :-) Danke für die Idee.

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  3. Liebe Charlotte,
    bin begeistert von Deinen Kenntnissen. Vielen Dank fuer diesen Artikel, such' schon seit langem Informationen zu diesem Thema, aber gelesen und gefunden von mir meist auf Englisch.Ich habe nur eine kleine Ergaenzung: Struempfe (mit Strumpfbaender) gehoeren wohl auch dazu oder?

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  4. Liebe Tanja,

    vielen Dank. Und du hast natürlich vollkommen Recht. Die Strümpfe habe ich einfach vergessen. :'D Strümpfe sind dabei total interessant, weil die sehr oft bunt oder gemustert waren, nicht einfach weiß. Teilweise sogar sehr hübsch bestickt. Ähnlich wie das Korsett, das niemand gesehen hat und das trotzdem meist hübsch verziert und verarbeitet war, kann man denke ich davon ausgehen, dass sie der Dame gefallen sollten und nicht nur einen praktischen Zweck hatten.

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  5. Wirklich eine sehr detaillierte Beschreibung. Gefällt mir sehr gut. Danke dir für deine ganze Mühe. :-)

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