Freitag, 28. Februar 2014

Underthings II - Viktorianische Herrenunterwäsche

ca. 1900, zu sehen sind Combination,
Socken und Sockenhalter, getragen
unter einer prunkvollen Hausrobe
Letzten Freitag haben wir uns Damenunterwäsche des neunzehnten Jahrhunderts angesehen, heute soll es um die Unterwäsche der Herren der Schöpfung gehen. In diesem Sinne sollte ich auch erwähnen, dass ich plane die Herrenmode der viktorianischen Ära genauso fertig abzuarbeiten, wie ich es mit der Damenmode bereits getan habe. Es wird also nicht bei den zwei Einträgen bleiben. Dieser Artikel dazu, was der Herr von Welt unter Anzug und Weste trug, soll ein erster Schritt in die Richtung sein, auch die Herrenmode zu erschließen, schließlich soll das neunzehnte Jahrhundert hier nicht einseitig präsentiert werden. 

Herrenunterwäsche der Jahre von 1830 bis 1910 ist um einiges simpler, als die durch formgebende Gestelle und schwere Unterröcke geprägte Damenunterwäsche. Nichts desto trotz wird es auch hier sicherlich einige Überraschungen geben, mit denen ihr vielleicht nicht gerechnet habt. So lang wie der Artikel letzte Woche wird dieser hier jedoch sicherlich nicht, denn der Herr trug einfach nicht ganz so viel Unterwäsche mit sich herum, wie die Dame. 

Drawers - Von Brouche, Beinling und Schamkapsel

Auch für Männer galt: Als erstes kommt die Unterhose. Während die ersten Unterhosen für Damen erst gegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wirklich ein gesellschaftliches Muss wurden, ist die Geschichte der männlichen Unterhose viel länger und spannender. Die ersten Unterhosen tauchen nämlich bereits im frühen Mittelalter auf: Die sogenannte Brouche. Diese wurde bereits von keltischen und germanischen Völkern der Antike getragen, entwickelte sich jedoch erst im zehnten Jahrhundert zu reiner Unterwäsche. Die Brouche ist eine weite, oft knielange Unterhose, die zugeschnürt wurde und meist aus Leinen oder Wolle hergestellt war. Man benutzte die Materialien, die man zur Verfügung hatte und die leicht zu reinigen waren, weshalb die meisten Brouches auch weiß waren - der Beginn der langen Karriere von weißer Leinenunterwäsche. An der weiten Brouche wurden dann übrigens die Beinlinge festgeklemmt - lange, bei reichen Herren meist farbenfrohe Strümpfe aus edlen Stoffen. 

Im vierzehnten Jahrhundert wurde die Mode enger und die Jacken kürzer, weshalb man anfing die Beinlinge am Gürtel oder am Wams zu befestigen. Aus Beinlingen und Brouche entwickelten sich bald die geschlossene Strumpfhose und die enge Hose des späten Mittelalters, die man oft ohne Brouche darunter trug, aber dafür mit der sogenannten Schamkapsel, die den Schambereich des Mannes schützen sollte. Kein geringerer als Henry VIII. von England begann, seine Schamkapsel aus offensichtlichen Gründen auszustopfen und zu verzieren, was bald zur Mode wurde. Da die Schamkapsel eine recht sexuelle Bedeutung in der Mode bekam, wurde sie sehr bald von vielen kritisiert, verschwand jedoch erst gegen 1700 völlig aus der Mode.

Während sich im siebzehnten Jahrhundert die Hosenmode weg von Strumpfhosen zu engen Kniehosen mit feinen Strümpfen wandelte, wandelte sich auch die Unterhose zu dem, was wir bereits kennen: Weiche Leinenhosen, oft knielang, die nun nicht mehr geschnürt, sondern in der Hüfte und am Bein geknöpft wurden und besser saßen. Je nach Mode wurden diese neuen Unterhosen für Männer weiter oder enger getragen. Die industrielle Revolution tat ihr Übriges: Unterhosen aus Baumwolle waren nun einfacher herzustellen und auch günstig in Geschäften zu erhalten und mussten nicht mehr selbst angefertigt oder maßgeschneidert werden. Die oberen Klassen trugen unter anderem Drawers aus Seide mit Knöpfen aus Perlmutt oder sogar Elfenbein, während ärmere Männer sich mit einfachen Leinenunterhosen begnügen mussten. 

Unterwesten - Von der Chemise zur Vest 

Genau wie Frauen trugen auch Männer in früheren Zeiten die Chemise als Unterwäsche. Während Frauen außer Chemise und Unterröcken nichts trugen, trugen die Männer die Chemise in die Brouche gesteckt. Im Verlauf des achtzehnten Jahrhunderts kam die Chemise für Männer jedoch aus der Mode und solang es warm war, wurden an Unterwäsche nur die Drawers getragen. Wenn es kalt war, trug der Mann über den Drawers eine Unterweste, aus der sich wahrscheinlich das moderne T-Shirt entwickelte. Diese "vests" waren meist aus Merinowolle oder Flannell und hatten lange Ärmel und eine Knopfleiste am Kragen. Zu Beginn des Jahrhunderts gab es "vests" meist bloß in weiß, doch ähnlich wie bei der Frauenunterwäsche wurde auch die Männerunterwäsche gegen Ende des Jahrhunderts bunter und aufwendiger: Helle Pastellfarben wie Hellblau oder Lavendel waren besonders beliebt. Genau wie die Unterhosen lagen diese Vests sehr eng an, um den Schnitt des Anzugs nicht zu verfälschen. Unterwäsche, die zu sehr auftrug, war nicht gern gesehen, da es natürlich unordentlich aussah. 

Combinations - Alles in einem 

Drawers, Metropolitan Museum of Art,
Chauncey Stillman Gift Fund (1982)
Im Gegensatz zu den Damen bevorzugten die Herren übrigens die Kombination aus Unterhose und Vest - den Union Suit. Seit ungefähr 1870 wurde dieser von vielen Herren getragen, da er weniger auftrug als zwei verschiedene Kleidungsstücke und zudem unter dem Anzug angenehmer zu tragen war. Das Bild ganz oben zeigt einen jungen Mann, der in einem Union Suit mit einem Morgenmantel für ein Foto posiert. Die ersten Union Suits waren ausschließlich für Frauen gedacht, um ihnen die einengende Unterwäsche der früheren Jahre zu ersparen. Während die Damen den Union Suit weniger annahmen, wurde er unter Männern ein großer Erfolg. Der Union Suit war zu Beginn aus rotem Flannell, konnte jedoch später auch in anderen Farben und Stoffen erworben werden. 

Er zeichnet sich durch die Knopfleiste aus, die meist die gesamte Front hinunter läuft, aber auch durch die berühmte Klappe hinten, die in vielen Filmen für Witze herhalten musste. Bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde der Union Suit besonders in den USA von vielen Männern getragen, bis er durch die Erfindung der Boxer Shorts in den 1920ern langsam aus der Mode verschwand und zur typischen Unterwäsche der Arbeiterklasse wurde. In Großbritannien wurde das Kleidungsstück unter der Bezeichnung Kombination bekannt. Durch die Konnotation mit der Arbeiterklasse, die in den ersten beiden Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts entstand, wird der Union Suit heute oft als hinterwäldlerisch und altmodisch wahrgenommen, wurde im späten neunzehnten Jahrhundert jedoch auch viel von wohlhabenden Männern getragen. 

Anderes - Von Hosenträgern und baskischen Gürteln 

Ein Teil der Unterwäsche, der bei keinem viktorianischen Herrn fehlen darf, sind die damals als "braces" bekannten Hosenträger, die entweder die Hose oder sogar die Unterhose oben halten sollten. Moderne Hosenträger gibt es seit 1820, obwohl auch schon vorher ähnliche Kleidungsstücke bekannt waren. Die ungemeine Beliebtheit der Hosenträger im neunzehnten Jahrhundert liegt daran, dass viktorianische Hosen das ganze Jahrhundert über sehr hoch getragen wurden: Da sie oft den Bauch mit einschlossen, waren Gürtel sehr unpraktisch. Seit Beginn der viktorianischen Ära sind Hosenträger meist aus Gummi. Der bevorzugte Stil des neunzehnten Jahrhunderts war, die Hosenträger hinten über Kreuz und unter dem Waistcoat, der Oberweste, versteckt zu tragen. 

Und nun kommen wir zu der Überraschung, die ich oben angesprochen habe, denn sehr viele Leute wissen nicht, dass nicht nur Damen im viktorianischen Zeitalter Korsett getragen haben. Auch Männer machten sich das Kleidungsstück zu Nutzen und das nicht selten! Die als baskische Gürtel oder Hüftgürtel bekannten Kleidungsstücke waren meist kürzer und unauffälliger als richtige Korsetts und sorgten für die angesagte Figur: Zu Beginn des viktorianischen Zeitalters galt die schmale Taille nämlich nicht nur als Schönheitsideal für Frauen. In den späteren Jahren des Jahrhunderts sorgten Korsetts für Männer eher für einen graden Rücken und eine gewisse Zylinderform: Breite Brust, aber schmale Hüften. Dem viktorianischen Mann, dem sein tadelloses Auftreten und seine Disziplin sehr wichtig waren, half das Korsett eine gute aufrechte Haltung zu bewahren. 

Wie viele Männer wirklich Korsett trugen, ist nicht überliefert, doch man nimmt an, dass es besonders unter der wohlhabenden Bevölkerung nicht selten war und ein wenig aus der Geschichte getilgt wurde, weil Korsetts später als Frauensache und unmännlich angesehen wurden. Jedoch darf man diesen Trend nicht bloß auf Dandys und Schönlinge herunterbrechen, so selten war er nicht. Auch Soldaten, deren taillierte Uniformen richtig passen sollten, waren dem Korsett nícht abgeneigt. Ein weiterer wissenswerter Fakt ist, dass viele Männer im Sommer komplett auf Unterwäsche verzichteten. Wenn es sehr warm war, waren besonders die Kombinationen und Wollunterhosen natürlich viel zu dick und so kam es, dass einige Männer einfach komplett ohne das Haus verließen. 

Der viktorianische Mann trug keinesfalls so viel Unterwäsche am Leib, wie die viktorianische Dame: Außer der Vest und den Drawers, oder stellvertretend einem Union Suit, gab es bloß die Hosenträger, die so gut wie obligatorisch waren. Weitere Unterwäsche war für einige Männer das Korsett, das die modische Linie erzwingen und die aufrechte Haltung unterstreichen sollte. Erwähnenswert sind wohl noch die Sockenhalter, die ihr zum Beispiel auch ganz oben auf dem Bild sehen könnt: Bänder, an denen die Socken festgeclipt werden, damit sie nicht herunterrutschen. Nächste Woche werde ich diese kleine Reihe über viktorianische Unterwäsche mit einem Beitrag zu viktorianischer Umstandsmode abschließen. Ich hoffe, ihr fandet den kleinen Ausflug in die Geschichte der Unterwäsche so spannend wie ich.

Selbst nachlesen?

Nunn, Joan: Fashion in Costume, 1200-2000. 2000.

1 Kommentar:

  1. Ich hätte nie gedacht, dass überhaupt je ein Mann Korsett getragen hat. Danke für diese Information!

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