Freitag, 7. Februar 2014

Die Fox-Schwestern und viktorianischer Spiritismus

Margaret, Kate und Leah Fox 
Um die Jahrhundertwende herum war der Spiritismus aus den großen Städten nicht mehr wegzudenken. In London verdienten Medien mit Séancen ihr Geld, in Paris gab es Cafés mit Thema Tod und Geister, in New York wurden Geister beschwört. Dass die Viktorianer durch ihre Liebe zu makaberen Themen und Praktiken oft als ein wenig verrückt und düster betrachtet werden, ist nicht verwunderlich, aber etwas, dass sich durch ein wenig Verständnis für die Epoche weg erklären lässt. 

Wer sich vor dem Artikel zum amerikanischen Spiritismus ein wenig mehr mit dem Thema Tod und Spiritismus im viktorianischen Zeitalter auseinander setzen möchte, kann natürlich hier nachlesen. Hier gibt es einen Artikel zu Tod und Bestattungen im viktorianischen Zeitalter, des Weiteren hier etwas zum viktorianischen Totenkult und hier etwas zu Geisterfotografie. Spiritismus im viktorianischen Zeitalter erfuhr viel Ruhm und Beliebtheit durch das Aufkommen des Spiritismus als religiöser Bewegung. Indem man Religion und Spiritismus zusammenlegte, erhielt man einen Weg auch nach dem Tod noch mit geliebten Menschen in Verbindung treten zu können. Eine Fähigkeit, die den Menschen im neunzehnten Jahrhundert, als der Tod im Alltagsleben viel präsenter war als heute, natürlich viel Trost und Hoffnung brachte. 

Die Fox-Schwestern - Von New York in die weite Welt 

Viele Leute wissen, dass der Glaube an Geister und höhere Mächte im fin de siècle recht hoch angesehen und keinesfalls als Humbug betrachtet wurde. Doch wie es dazu kam, weiß kaum jemand. Und darum soll es heute gehen. Spiritsmus an sich zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Schon immer versuchten Gelehrte, mit den Toten in Kontakt zu treten. Ganz besonders bekannt ist der Mathematiker und Astronom John Dee, ein enger Vertrauter von Elizabeth Tudor und Spiritist des sechzehnten Jahrhunderts. Doch der Spiritismus, der knapp dreihundert Jahre später um sich greifen sollte, sieht noch einmal ganz anders aus. Denn der Spiritismus in seiner modernen Form ist nicht etwa erdacht worden von schlauen Gelehrten oder religiösen Theoretikern, sondern von drei jungen Frauen aus New York. Margaret, Kate und Leah Fox gelten als die ersten modernen Spiritistinnen, die durch ihre Vorlesungen und Vorführungen ein breites Publikum für die neue Form des Spiritismus aufbauen konnten. 

1848 behaupteten die damals zwölfjährige Margaret und ihre fünfzehnjährige Schwester Kate, sie könnten durch Klopfzeichen mit Geistern in Kontakt treten. Damals lebten sie mit ihren Eltern in einem Haus in Hydesville, New York, das dafür berüchtigt war, von Geistern heimgesucht zu werden. Die Familie berichtete, immer wieder ein Klopfen und Schleifen zu hören, für das niemand verantwortlich war. In einer Märznacht beschloss Kate, den Geist aufzufordern ihr Fingerschnippen nachzuahmen, was er tatsächlich tat. Daraufhin wurden immer wieder Nachbarn eingeladen, um das Phänomen mit anzusehen. Kate und Margaret gaben kleine Vorstellungen und unterhielten sich mit dem Geist, der sich bald darauf als Charles Rosna zu erkennen gab und behauptete, er sei vor fünf Jahren im Haus ermordet und im Keller vergraben worden. Als die Zuschauer im Keller nach Charles gruben, fanden sie tatsächlich einige Knochen: Kates und Margarets Geschichte musste also stimmen. 

Die Mädchen begannen Recherchen anzustellen, wer vor ihnen in dem Haus gelebt hatte und stießen auf einen Mann namens Bell. Sie verdächtigten ihn des Mordes und obwohl Bell weder verhört noch verhaftet wurde, verlor er seinen gesellschaftlichen Ruf und wurde als Mörder bekannt. Als die Sensation bekannt wurde, wurden die Mädchen zu ihrer Schwester Leah und ihrem Bruder David geschickt, doch auch in deren Häusern gab es plötzlich Klopfzeichen. Die Freunde und Nachbarn der Familie Fox entwickelten sich zur ersten spiritistischen Gemeinde in den USA und schon fünf Jahre später, 1850, waren die Fox-Schwestern so berühmt, dass zu ihren Séancen in New York jede Menge berühmte Menschen erschienen. Margaret und Kate führten die Séancen durch, während die um einiges ältere Leah sich um die Handhabung der Karriere ihrer Schwestern kümmerte. Bald hatte sich eine Schar von Nachahmern zusammengefunden, die eigene Séancen hielten, mit Geistern sprachen und für Geld Tote kontaktieren. Der viktorianische Spiritismus und Medienkult war geboren. 

Niedergang der Schwestern, Aufstieg des Spiritismus 

Spiritismus war nicht bloß eine neue Form von religiöser Bewegung und Unterhaltung, sondern obendrein ein Weg für junge Frauen unabhängig von Männern in der viktorianischen Gesellschaft Karriere zu machen. Kate und Margaret Fox hatten sich von ihren Eltern losgesagt und waren während ihrer Séancen nicht selten Themen ausgesetzt, die junge Damen des frühen viktorianischen Zeitalters normalerweise unter keinen Umständen zu hören bekommen sollten. So wurden sie oft zu Intrigen und Liebesaffären in der New Yorker Gesellschaft befragt und es ist bekannt, dass beide Mädchen relativ bald dem Alkohol verfielen. Heute würde man sagen, der Ruhm stieg ihnen zu Kopf und die plötzliche Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen und dem strengen Elternhaus ließ die Mädchen leichtsinnig werden, weil sie es nicht gewohnt waren und sich austoben wollten. Kate wurde jedoch bald als das mächtigere Medium der beiden bekannt. 

Im Jahr 1888 kam es zum Bruch zwischen den Schwestern. Kate und Margaret hatten ihr Alkoholproblem nicht mehr unter Kontrolle und beide ihre Ehemänner sehr früh verloren, Kate hatte zwei Söhne, um die sie sich allein kümmern musste. Margaret, von ihrem Ehemann überzeugt, den katholischen Glauben anzunehmen, nahm neuerdings an, dass ihre Kräfte teuflischen Ursprungs seien, Kate hingegen trank so viel, dass sie ihre Arbeit stark vernachlässigte. Leah, die inzwischen mit einem wohlhabenden Bankier verheiratet war, zerstritt sich mit ihren jüngeren Schwestern und Margaret und Kate beschlossen, Leah für diesen Verrat in den Ruin zu treiben. Hierzu beschloss Margaret vor einem großen Publikum in New York zu gestehen, dass ihre übernatürlichen Fähigkeiten bloß ein großer Schwindel waren. 

Die Geräusche, die ihre Familie und Freunde 1848 im Haus der Eltern gehört hatten, waren von den Mädchen mit einem Apfel an einer Schnur selbst fabriziert worden - niemand hatte die Schwestern hinterfragt, weil man kleinen Mädchen einen solch hinterlistigen Trick natürlich nicht zugetraut hatte. Die Klopfzeichen, die zum Markenzeichen der Schwestern geworden waren, erzeugten die Mädchen durch bestimmte Bewegungen der Finger und Zehen. Sie hatten die Geräusche über Jahre durch große Muskelkontrolle und viel Übung perfektioniert und obwohl das simpel erscheinen mag, braucht es einiges an Übung, um die Bewegungen dafür vollbringen zu können. Margaret sagte aus, dass es sich um Bewegungen handelt, die Füße und Hände normalerweise nicht machen und die zu lautem Knacken der Gelenke führten. Die meisten Geräusche erzeugten sie tatsächlich mit den Füßen, die unter den langen Kleidern verborgen waren und somit nicht eingesehen werden konnten. 

Ironischerweise wollten die Gründerinnen des Spiritismus mit dem Spiritismus nichts mehr zu tun haben. Sie rieten stark vom Spiritismus ab, bezeichneten ihn als böse und diabolisch, doch die Welle konnten sie nicht mehr aufhalten. Während der Spiritismus als Unterhaltung in Amerika und Europa immer beliebter wurde, wurden Kate und Margaret von ihren alten Freunden und Kollegen verstoßen und starben beide bald in völliger Armut. Und, bevor wir es vergessen: Die Knochen im Keller des Elternhauses stellten sich durch moderne Untersuchungsmethoden als Tierknochen heraus. Allerdings wurde 1904, lang nach dem Tod der Fox-Schwestern, tatsächlich ein Skelett im Keller des Hauses entdeckt, das zumindest zum Teil menschlich ist. Ob es Charles Rosna jemals gegeben hat, bleibt weiter ungeklärt. Man nimmt an, dass das Skelett selbst bloß ein weiterer Streich war, doch wie genau die Umstände aussehen, ist unbekannt. 

Die Entwicklung des Spiritismus 

Dass sich der moderne Spiritismus ausgerechnet an der amerikanischen Ostküste entwickelte, ist kein Zufall. Denn hier hatten sich Mormonen, Quäker und andere religiöse Bewegungen angesiedelt, die schon lange glaubten, es müsse möglich sein mit Engeln, Gott oder Toten zu kommunizieren. Außerdem hatten es diese Bewegungen nicht eilig, Kirchen zu gründen, denn sie glaubten fest daran, dass Frauen mehr Rechte haben sollten und, dass die Sklaverei falsch war und abgeschafft gehörte. Spiritismus hängt daher sehr oft fest mit den radikalen Reformbewegungen des neunzehnten Jahrhunderts zusammen. Hier fanden die Fox-Schwestern natürlich ein großes, geneigtes Publikum und durch den Erfolg im Raum New York glaubte man bald auch andernorts an die Möglichkeit, mit Geistern zu kommunizieren. Viele der Spiritisten, die nach dem Erfolg der Fox-Schwestern ihr Glück versuchten, waren überzeugte Frauenrechtler und Abolitionisten. 

Obwohl es viele Zweifler am Spiritismus gab, konnte er sich immer wieder beweisen. Doch ohne den amerikanischen Bürgerkrieg 1860 hätte dem Spiritismus wohl jede Plattform für weitere Entwicklung gefehlt. Doch durch die vielen Kriegstoten gewann der Spiritismus an Bedeutung, denn plötzlich wollte jeder, der etwas auf sich hielt, mit dem Geist des im Krieg gefallenen Bruders, Vaters, Sohnes oder Ehemanns sprechen. Einige werden wirklich an den Spiritismus geglaubt haben: Schließlich hing er eng mit Religion zusammen und viele Schriften und Augenzeugenberichte müssen wie handfeste Beweise gewirkt haben. Andere spielten den Trend als Unterhaltung mit und aus Neugier, ob wirklich Geister im Spiel waren. Eine weitere große Spiritismuswelle erfolgte nach dem ersten Weltkrieg. Spiritismus in seinen Grundzügen war jedoch viel mehr als Spinnerei und Spielerei: Denn durch die enge Verwandtschaft zur equal-rights-Bewegung vertraten natürlich auch viele der angerufenen Geister die Meinung, dass alle Menschen dieselben Rechte verdienten. Der Trend wurde bald zum Sprachrohr für Frauenrechtler und Sklavereigegner. 

Der Trend verbreitete sich bald in der ganzen Welt und hatte seinen Zentren in den USA und in Großbritannien. Die Geisterfotografie kam hinzu, Zeitschriften und Abhandlungen zum Spiritismus, Fachbücher und Anleitungen für die Mittel- und Oberklasse entstanden. Nicht einmal das ernüchternde Geständnis der Fox-Schwestern, die als Gründerinnen der Bewegung galten, konnte den Spiritismus jetzt noch aufhalten, was sicherlich auch viel mit der großen Bedeutung der Bewegung für die equal-rights-Bewegung zu tun hatte. Spiritismus war eine Möglichkeit für Frauen unabhängig Geld zu verdienen und ein Weg, sich Gehör zu verschaffen. Dass es dabei um Geister ging, um das Übernatürliche und düstere Vorgänge, rutschte in den Hintergrund, obwohl es natürlich das Aushängeschild für neugierige Zuschauer war. Heute gibt es Horrorfilme und Gruselromane, die uns mit dem Übernatürlichen konfrontieren. Damals besuchte man die Séancen in London oder die Totencafés in Paris um diesen bestimmten wohligen Schauer und Grusel zu erfahren. 

Der Spiritismus kurbelte natürlich die Lust am Gruseln ganz gewaltig an. Man kann wohl sagen, dass er in dieselbe Kerbe schlägt wie das plötzliche große Interesse an Geschichten von grausamen Morden in der Regenbogenpresse, die morbide Neugier auf die Armenviertel der großen Metropolen und die Wiederbelebung der Gothic Fiction im viktorianischen Zeitalter. Das viktorianische Zeitalter sah die Geburt der typischen urban legends und Gruselgeschichten, die man sich heute noch erzählt. Spukhäuser, ungerächte Mordopfer, Leichen im Keller. Bis in die 1920er Jahre zog sich diese Art von Spiritismus, bis er sich langsam in das verwandelte, das wir heute darunter verstehen. 

Das düstere fin de siècle mit seinen vielen Medien und makabren Cafés und Theatern ist somit nichts weiter als die Zusammenkunft von mehreren Themen, die den Viktorianern sehr wichtig waren: Spiritismus als Weg in die Unabhängigkeit und als Sprachrohr für die equal-rights-Bewegung. Die hohe Sterblichkeitsrate, besonders in den Kriegen, doch auch in Friedenszeiten durch Krankheit und Unfälle. Die Lust am Makaberen als Form von Unterhaltung, der Tabubruch durch einen neuen Umgang mit Tod, Grausamkeit, blutigen Szenarien und Grusel. So erklärt sich über die Fox-Schwestern, ihre Nachahmer, religiöse und politische Bewegungen und die Geburt des Horror-Genres auch die düster-unheimliche Atmosphäre, an die viele denken, wenn sie das viktorianische Zeitalter vor Augen haben.

Selbst nachlesen?

Chapin, David: Exploring Other Worlds. Margaret Fox, Elisha Kent Kane, and the Antebellum Culture of Curiosity. 2004.

Sawin, Mark Metzler: Raising Kane. Elisha Kent Kane and the Culture of Fame in Antebellum America. 2008.

Stuart, Nancy Rubin: The Reluctant Spiritualist: The Life of Maggie Fox. 2005.

Kommentare:

  1. Wie bitte? Diese drei Frauen kamen schon als Kinder auf die Idee so etwas zu machen, wie beispielsweise unheimliche Geräusche selbst machen und andere damit täuschen und Knochen toter Tiere daheim zu verstecken, damit das mehr Glaubwürdigkeit bekommt? Wow!

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  2. Ja, das ist schon stark. Die Klopfzeichen begannen allerdings als Kinderstreich und man darf nicht vergessen, dass Leah bereits älter war und später als "Managerin" fungierte. Wie weit das also Leahs Idee oder sogar die der Eltern war, kann ich dir nicht sagen, aber ich denke, da hat jemand gemerkt, wie man sich zum Stadtgerede macht und die Chance genutzt.

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  3. Ich verfolge deinen Blog schon seit Längerem und du hast bei mir eine Begeisterung für das Viktorianische Zeitalter hervorgerufen (Werde auch bald einen Vortrag darüber in Englisch halten ^^ )
    Wie auch immer: Ich war richtig überrascht als ich über die Fox-Schwestern gelesen habe - ich meine, es gab sie wirklich!
    Ich kannte sie nämlich aus dem phantastischem Computerspiel "Haus der 1000 Türen - Familiengeheimnisse"
    Schau dir vielleicht dazu mal ein paar Beschreibungen oder Let's Plays an, vielleicht ist das ja was für dich, ich jedenfalls bin verrückt danach, habe es schon mehrmals gespielt und hoffe zu Ostern auf Teil 2 und 3 - Das Haus im Übrigen ist eine geheimnisvolle viktorianische Villa
    Liebst Margo, ihres Zeichens Flapper-Girl aus den 20ern (;

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  4. Danke für den Tipp, das Spiel schaue ich mir an. :D Es gibt auch ein tolles Jugendbuch über die Fox-Schwestern, von Dianne K. Salerni. "We Hear The Dead" heißt es. Wenn ich mein Reziblog mal in Gang kriege, schreibe ich da mal was dazu.

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