Freitag, 31. Januar 2014

Wer war Jack the Ripper?

"The Nemesis of Neglect" (dt. Erzfeind der
Vernachlässigung), Karikatur aus dem
Punch-Magazin, 1888
Ein Artikel über Jack the Ripper war längst überfällig, finde ich. Ich dachte eigentlich, zu ihm muss ich nichts schreiben, schließlich kennt jeder seine Geschichte, doch immer wieder stoße ich auf Leute mit interessantem Halbwissen, denen der Name etwas sagt, aber nicht die Geschichte dahinter. Außerdem ist kein Blog, der das späte neunzehnte Jahrhundert in England behandelt, vollständig ohne den größten Kriminalfall des Jahrhunderts. Ich sage vorne weg, dass es die grausamen Details hier nicht zu lesen geben wird. Wer sich dafür interessiert, kann ganz einfach nachlesen und sich ein größeres Bild des Falles machen. Mir geht es darum, einige Mythen und Klischees rund um das Thema Jack aufzuklären und der Gruselgeschichte, die jeder kennt, den historischen Hintergrund zu geben.

Der Name "Jack the Ripper" zum Beispiel taucht in den Untersuchungsunterlagen des Falles gar nicht auf. Dort wird der Serienmörder einfach als der Whitechapel-Mörder bezeichnet oder als "Leather Apron" - Lederschürze - nach einem Lederfetzen, der am Tatort gefunden wurde. Der Name, unter dem die Geschichte heute im Umlauf ist, stammt aus einem der berüchtigten Briefe des Serientäters. Man nimmt allerdings an, dass es sich bei den Ripper-Briefen um Fälschungen handelt, da Briefe des Mörders der Polizei damals zu Hauf ins Haus flatterten: Witzbolde und Journalisten narrten die Ermittler mit gefälschten Geständnissen und Androhungen weiterer Taten. Welche der Briefe echt sind und welche nicht, ob es überhaupt echte Briefe gibt, lässt sich nicht sagen. 

Whitechapel 1888 - Tatort und Opfer 

Das Londoner East End, die Gegend um Whitechapel, wurde gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein beliebtes Ziel für Einwanderer, die die Einwohnerzahl Londons stark nach oben trieben. Durch die vielen Leute, die so plötzlich in der Stadt aufgetaucht waren, wurden Arbeit und Wohnmöglichkeiten knapp, was dafür sorgte, dass sich das East End zunehmend in ein Armutsviertel verwandelte, wo bloß noch die untersten Schichten der Londoner Gesellschaft anzutreffen waren. Prostitution war durch die Arbeitsknappheit in Whitechapel weit verbreitet und trug dazu bei, dass das Viertel bei den wohlhabenderen Menschen als unmoralisch und Lastersumpf bekannt wurde. Mord, besonders an schutzlosen Prostituierten, war nichts Ungewöhnliches in Whitechapel. In diesem Viertel und unter diesen Umständen also schlug Jack the Ripper in der zweiten Hälfte des Jahres 1888 mehrmals zu. 

Man konnte damals wie heute nicht genau sagen, welche Opfer wirklich demselben Mann zuzuschreiben sind. In den Untersuchungen der Metropolitan Police tauchen elf Morde auf, begangen zwischen April 1888 und Februar 1891, die man Jack the Ripper zuschrieb. Heute beschränkt sich die Zahl auf fünf Opfer, die alle von August bis November des Jahres 1888 entdeckt wurden. Diese kanonischen fünf Opfer sind: Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly. Da bei diesen fünf ähnliche Verletzungen bekannt sind, die sich von den anderen Toten durchaus unterscheiden, wird angenommen, dass sie das Werk desselben Mannes sind. Die unausgesprochene Grausamkeit der Taten und das fehlende Motiv sind eine weitere Gemeinsamkeit. Bei allen Frauen handelt es sich um Prostituierte, die in der Gegend bekannt waren. 

Einige Zeugenaussagen geben ein Bild von dem Mann, der vielleicht Jack the Ripper war: Chapman war kurz vor ihrer Ermordung mit einem dunkelhaarigen Mann gesehen worden, der gut angezogen war, aber trotzdem einen schäbigen Eindruck machte. Die Zeugenaussagen gehen jedoch stark auseinander. Andere Opfer wurden angeblich mit blonden Männern gesehen, wieder andere behaupteten, der Mann sei sehr dunkel gewesen und heute wird angenommen, dass es sich bei diesen Männern wohl nicht um den Täter gehandelt hat, sondern um Bekannte oder sogar Kunden der fünf Frauen, die bloß zufällig kurz vor dem Mord in ihrer Nähe gewesen sind. Ein Rätsel gibt auch das sogenannte Doppelevent auf: Elizabeth Stride und Catherine Eddowes wurden in derselben Nacht ganz in der Nähe voneinander auf fast dieselbe Weise getötet, was entweder zwei Täter bedeutet, oder einen sehr schnellen, sehr geschickten. Das größte Rätsel jedoch bleibt der letzte Mord: Mary Jane Kelly, die in ihrer eigenen Wohnung tot aufgefunden wurde und am schrecklichsten zugerichtet war. 

Die Annahme, dass bloß fünf der zuerst angenommenen elf Opfer wirklich vom selben Täter getötet wurden, stammt bereits aus dem Jahr 1894 und beruht auf Ausschlussverfahren und Interpretationen des Beweismaterials, wer der Täter sein könnte. Dass nicht alle diese Verdächtigungen und Fakten richtig sind, weiß man heute, doch über hundert Jahre später lässt sich in dem Fall leider nichts mehr tun. Es sind über die Jahrzehnte zu viele Beweismittel verloren gegangen, verunreinigt worden oder in irgendwelchen Akten verschwunden. Es wird stark vermutet, dass zumindest drei der Frauen demselben Mörder zu Opfer gefallen sind, doch was die anderen angeht, stand damals wie heute der Verdacht im Raum, es müsse sich um Nachahmungstaten handeln, da nicht alle Stücke des Rätsels aneinander passen und zu viele Fragen offen bleiben. Trittbrettfahrer im Fall Jack the Ripper hat es leider viele gegeben, genauso, wie viele Leute der Berühmtheit wegen so getan haben, als wären sie Jack the Ripper. 

From Hell - Die Ermittlungen laufen 

Mit den damaligen Möglichkeiten war es natürlich sehr schwer, umfassende Ergebnisse zu erlangen, doch die Metropolitan Police arbeitete gründlich: Häuser wurden durchsucht, mehr als 300 Zeugen befragt und rund 80 Verdächtige gesammelt. Mehrere renomierte Ermittler der Metropolitan Police und von Scotland Yard wurden eingesetzt, unter ihnen der berühmte Frederick Abberline, den Johnny Depp im Ripper-Film "From Hell" verkörpert. Allerdings ging es bei den Ermittlungen teilweise so chaotisch zu, dass sich in Whitechapel eine eigene Gruppe von Amateurdetektiven bildete, die nachts die Straßen abging und nach Verdächtigen und Spuren Ausschau hielt. An sich nahm die Bevölkerung dank der umfangreichen Presseberichte stark Anteil an der Suche nach Jack the Ripper. Selbst Queen Victoria äußerte ihren Verdacht, es müsse sich um einen der in der Gegend angesiedelten Schlachter handeln. Hier lässt sich sicherlich schon erkennen, was für ein Medienereignis "Jack the Ripper" war. 

Nicht alle Aufzeichnungen und Dokumente der Ermittlungen haben bis heute überdauert, also lässt sich nicht mit Genauigkeit sagen, wie genau die Ermittlungen abliefen. Es lässt sich zusammenfassen, dass man in Jack the Ripper wegen des Tathergangs jemanden sah, der großes anatomisches Wissen besessen haben muss, was jedoch von vielen Ermittlern der Zeit abgestritten wurde. Nicht, weil die Beweise fehlten, sondern, weil es im Gedankengut der Viktorianer nicht möglich war, dass ein gebildeter Mann solch grausige Taten vollbrachte. Man muss in Gedanken behalten, dass die Taten vor allgemeinem Interesse an Psychologie und dergleichen vollbracht und untersucht wurden. Man glaubte, dass ein gebildeter, gesunder Mann wie ein Arzt nicht dazu in der Lage sei, so grausam zu morden, also hielt man Jack the Ripper per se für einen ungebildeten, grobschlächtigen Mann, dem man im besten Falle noch kranke Phantasien unterstellte.

Dazu kommt, dass der Fall Jack the Ripper mit Abstand das Grausamste und Verstörendste ist, das den Viktorianern bis zu diesem Zeitpunkt untergekommen war: Jemand, der ohne Motiv bloß wegen der Lust am Töten mordete, war ihnen zuvor nicht bekannt gewesen und es war ein Abgrund, den besonders die in Sicherheit und Luxus schwelgende Oberschicht nicht für möglich gehalten hatte. Zum Glück teilte dieses veraltete Bild von Gut und Böse nicht jeder und der Fall wurde von mehreren Seiten beleuchtet. Dieses Gesellschaftsbild und die zuvor nie dagewesene Grausamkeit einer Mordreihe erklären jedoch das große Interesse der Presse und der Öffentlichkeit, die sich um das Schicksal der Londoner Unterschicht sonst kaum gekümmert hat. Der Fall wurde auf der ganzen Welt bekannt und jeder rätselte und grübelte, wer denn der Mörder sein könnte, was die Ermittlungen natürlich grundlegend beeinflusste und das nicht unbedingt zum Guten. So kam es zum Beispiel zu den hunderten von Briefen, die ich oben bereits erwähnt habe und von denen bloß drei als nützlich erachtet wurden. 

Diese drei Briefe gelten teilweise als echt, weil die darin ausgesprochenen Drohungen in die Tat umgesetzt wurden und die Handschrift ähnlich ist. Im ersten dieser Briefe bezeichnet der Schreiber selbst sich als "Jack the Ripper", was den heutigen Namen für den Serienmörder bereitstellte. Der berühmteste Brief wird aber der letzte sein, der als "From Hell"-Brief in die Geschichte einging: Obwohl dieser Brief große Unterschiede zu den anderen beiden aufweist - so ist die Handschrift anders und die Grammatik viel schlechter -enthielt dieser Brief ein Stück einer Niere, von der behauptet wird, es sei die Niere eines der Opfer. Ob das wirklich stimmt, ist jedoch bis heute nicht nachgewiesen und es kursieren auch Theorien, nach denen der "From Hell"-Brief ein Scherz junger Medizinstudenten gewesen sein könnte, die Zugang zu einer Niere gehabt hätten. Möglich ist das auf jeden Fall. Ob irgendeiner dieser Briefe wirklich vom gesuchten Mörder stammt, bleibt wohl auf ewig ein Geheimnis. Genau, wie Jack the Rippers Identität.

Jill the Ripper - War der Mörder eine Frau?

Schon  während der Ermittlungen äußerte Inspektor Abberline den Verdacht, bei dem gesuchten Mörder könnte es sich um eine Frau handeln und unter seinen Kollegen kam bald der Verdacht auf, es müsste sich um eine Hebamme handeln. Welche Frau sonst besaß genug medizinisches Wissen und konnte unverdächtig bei Tag und Nacht mit Blut auf der Kleidung durch London streifen? Dazu kam, dass eine Zeugin im Fall Mary Kelly darauf bestand, Kelly noch vier Stunden nach ihrem Tod lebendig auf der Straße gesehen zu haben - zwei Mal. Sie hatte sie an ihrer Kleidung erkannt. Man nahm an, dass die Mörderin unbemerkt entkommen konnte, indem sie Kellys Kleidung stahl und sich als sie ausgab. Die Ermittlungen in diese Richtung führten jedoch zu nichts, was zum einen daran lag, dass das viktorianische Gesellschaftsbild einer Frau solch grausame Taten einfach nicht zutraute - hier greift erneut das strikte viktorianische Gesellschaftsbild, in dessen Augen es einfach eine Unmöglichkeit war, dass eine Frau so Grausames vollbringen konnte. Ein mit modernen Augen betrachteter Leichtsinn, der vielleicht die Auflösung des Falles verhinderte und dafür sorgte, dass Abberlines Verdacht kaum Gehör fand.

Die Theorie, Jack the Ripper könnte in Wirklichkeit Jill the Ripper gewesen sein, kommt immer wieder einmal auf und immer wieder gibt es laute Gegenstimmen. Weil sich die Menschen immer noch nicht vorstellen können, dass eine Frau solche Morde begangen hat? Weil man das Bild von Jack the Ripper als Mann in Umhang und Zylinder einfach so sehr gewohnt ist, dass man ein Umdenken nicht zulassen möchte? Ich weiß es nicht. Eines ist jedoch klar: Es gibt keinerlei Beweise, die das Geschlecht des Mörders einwandfrei bestimmen könnten. In dieser Theorie gibt es zwei interessante Verdächtige: Zum einen eine 1890 verurteilte und hingerichtete Hebamme, Mary Pearcey, die die Geliebte ihres Mannes 1890 auf ähnliche Weise ermordete, wie der Ripper seine Opfer tötete. Eine andere Verdächtige ist die Frau eines Arztes, der nachweislich eine Affäre mit Mary Kelly gehabt hat.

Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass die Briefmarken, mit denen die angeblich echten Ripper-Briefe verschickt wurden, nach Speichelanalysen angeblich von einer Frau aufgeklebt wurden. Allerdings ist immer noch nicht geklärt, ob die Briefe wirklich vom Mörder stammen, oder nicht doch bloß ein Scherz der Presse oder der Bevölkerung waren. Festzuhalten ist hier wohl, dass die Theorie von Jill the Ripper nicht so abwegig ist, wie lange geglaubt wurde. Kann Jack the Ripper am Ende eine Frau gewesen sein? Ja, natürlich. Ist diese Theorie wahrscheinlicher, als dass ein Mann die Morde begangen hat? Nein. Da Beweismaterial eigentlich komplett fehlt oder über die Jahre unbrauchbar geworden ist, kann man sagen, dass beide Theorien Vor- und Nachteile haben und am Ende bleibt wohl alles Spekulation.

Legacy - Verdächtige und Nachspiel

"Blind Man's Buff" (dt. Blinde Kuh) -
Karikatur aus dem Punch-Magazin, 1888
Im Fall Jack the Ripper gab und gibt es dutzende von Verdächtigen, darunter einige berühmte Personen, doch die meisten dieser Verdächtigungen wurden erst viel später gemacht, als moderne Autoren und Wissenschaftler sich des Falles annahmen. Vom armen Alkoholiker aus der Gegend um Whitechapel bis zum reichen Aristokraten ist in der Liste der Verdächtigen jeder vertreten. Unter anderem wurde später Verdacht gegen Lewis Carroll, den Autor von "Alice im Wunderland", gemacht und gegen den berühmten Maler Walter Sickert, doch beide Verdächtigungen sind nicht haltbar, wurden auch damals bloß sehr kurz in Betracht gezogen und lassen sich durch dichte Alibis wiederlegen.

Ein bereits von der Londoner Polizei und der Presse verdächtiger Mann war der Arzt Thomas Neill Cream, der bereits für den Mord am Ehemann seiner Geliebten bekannt war. Kurz darauf wurde er für einen weiteren Mord gehängt. Seine letzten Worte sollen "I am Jack the -" gewesen sein, doch ob das wahr ist, oder es sich bloß um eine Urban Legend handelt, ist nicht bekannt. Dass die Polizei den Mörder nicht fassen konnte und, wie die Briefe vermuten ließen, auch noch von ihm genarrt wurde, sorgte für viel Spott und Ärger der Bevölkerung. Die Karikatur rechts zeigt einen Polizisten, der buchstäblich im Dunkeln tappt, während alle möglichen Verbrecher um ihn herum stehen und nicht von ihm erwischt werden können. So ungefähr stellte man sich die Suche nach Jack the Ripper vor: Ein Schuss ins Blaue, unüberlegt, und - am aller Wichtigsten - ein Reinfall. 

Jack the Ripper war ein gefundenes Fressen für die Sensationspresse und stellte für die britische Medienlandschaft einen wichtigen Punkt in der Entwicklung dar. Der Whitechapel-Mörder wird nicht der erste Serienmörder Londons gewesen sein, doch er ist der erste, der die Presse weltweit auf Trab hielt. Es wird sogar so weit gegangen zu sagen, dass die Morde im East End ausschlaggebend für die Sozialreformen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts waren. Die Armen interessierten lang e Zeit niemanden, die Kluft zwischen arm und reich in England war weit und unüberwindbar, doch durch das große Medieninteresse am Ripper-Fall sah man plötzlich auch in den oberen Schichten die Missstände in Whitechapel und wir befinden uns in einer Epoche, in der es sich langsam zum Trend und zu sozialen Verpflichtung für die Oberschicht entwickelte, wohltätig und mitfühlend zu sein. In den darauffolgenden beiden Jahrzehnten wurden die Slums im Osten Londons fast vollständig saniert und die Lebenssituation verbesserte sich stark.

Jack the Ripper selbst wandelte sich über die Jahre von der Schauergeschichte für kleine Kinder und dem Phantom, das in der Nacht die Straßen der Armenviertel heimsuchte, zur Verkörperung der Oberschicht, die die unteren Schichten plagt: Das Bild, das man heute von ihm hat im eleganten Mantel und Cape mit glänzendem Zylinder und Gehstock, entstand ungefähr in der Mitte des 20ten Jahrhunderts, als der Serienmörder als typischer adeliger Ausbeuter hergenommen wurde, um die damaligen gesellschaftlichen Probleme zu verdeutlichen. Ob jemals herausgefunden werden kann, wer nun wirklich Jack the Ripper war, ist unklar, doch es sieht schlecht aus: Das verbleibende Beweismaterial wurde schlecht gelagert und ging durch so viele Hände, dass es unmöglich ist, es auch mit den modernsten Methoden vernünftig zu analysieren. Ob Jack the Ripper nun also wirklich ein grausamer Adeliger war, ein Arzt, eine Frau oder gar ein armer Schlachter aus Whitechapel, wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben.

Naming Jack the Ripper - Nachtrag, September 2014

Im Herbst 2014 machte der britische Autor Russell Edwards von sich reden, als er behauptete, er hätte durch Untersuchungen an einem Schultertuch Catherine Eddowes' DNA-Spuren Jack the Rippers entdeckt. Edwards wollte bewiesen haben, dass Aaron Kosminski der berüchtigte Serienmörder gewesen sei. Kominski war ein jüdischer Einwanderer aus Polen, der in den 1880er Jahren in Whitechapel als Friseur arbeitete. Er gehörte bereits im Jahr 1888 zu den Verdächtigen. In den Aufzeichnungen des Sir Melville Macnaghten, der zur Metropolitan Police gehörte, wird Kosminski als stark misogynistisch beschrieben, und soll ein mörderisches Verhalten an den Tag gelegt haben. Es ist bekannt, dass Aaron Kosminski im Jahr 1919 in einem Sanatorium starb, da er anscheinend eine psychische Störung entwickelt hatte. Ob es sich bei dem "polnischen Juden Kosminski", der in den Aufzeichnungen zum "Jack the Ripper"-Fall erwähnt wird, aber wirklich um diesen Aaron Kosminski handelt bleibt ungeklärt, denn einige biographische Fakten passen nicht zueinander. 

"Naming Jack the Ripper" -
Russell Edwards, 2014
So wird Aaron Kosminksi während seiner Zeit im Sanatorium als harmlos beschrieben und er soll auch kaum Englisch gesprochen haben - die Briefe können demnach nicht von ihm stammen und es ist auch fraglich, ob er seine Opfer hätte ansprechen und in dunkle Ecken locken können, ohne Englisch zu verstehen. 2014 tauchte nun Russell Edwards in der Medienlandschaft auf. Er hatte ein altes Tuch gekauft, das angeblich dem vierten Opfer des Mörders, Catherine Eddowes, gehört hat und blutverschmiert am Tatort gefunden wurde. Dort soll es ein Polizist mitgenommen und seiner Frau geschenkt haben, die das Tuch eines Mordopfers aber nicht haben wollte und auf dem Dachboden verschwinden ließ, wo es von ihren Nachfahren entdeckt und 2001 versteigert wurde. Laut Edwards lässt sich auf dem Schultertuch neben der DNA Catherine Eddowes' auch die des Mörders finden. Er verglich die DNA mit der von noch lebenden Verwandten der Verdächtigen im Fall "Jack the Ripper" und erhielt einen Treffer zwischen der DNA auf dem Tuch und der von Verwandten Aaron Kosminskis. 

Für Russel Edwards war absolut klar, dass er herausgefunden hatte, wer Jack the Ripper war. Den genauen Prozess der Untersuchungen und der Analyse der DNA beschreibt er in seinem 2014 erschienenen Buch "Naming Jack the Ripper". Natürlich erscheint seine Theorie erst einmal überzeugend: Gegen DNA-Analysen auf alten Beweisstücken lässt sich doch kaum etwas einwenden, oder? Aber wir sollten im Gedächtnis behalten, dass es dubiose DNA-Analysen waren, die den Verdacht damals auf den deutschen Maler Walter Sickert lenkten, ein Verdacht, der heute zu Recht als weit hergeholt und unhaltbar gilt. Nun trifft es also Aaron Kosminski und das zufällig in einer Zeit, in der Großbritannien sehr große Probleme mit Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus hat. Dass Jack the Ripper ein eingewanderter Jude gewesen sein soll, sorgte im Herbst 2014 leider für einige ausländerfeindliche Berichte, selbst in großen Zeitungen. Und dann sind da natürlich all die Bedenken, die dagegen sprechen, dass Edwards die Identität Jack the Rippers tatsächlich geklärt hat. Zu erst einmal muss man sich fragen, ob das Tuch denn wirklich Catherine Eddowes gehört hat. Das Schultertuch soll sehr prächtig sein, aus feinem Stoff - viel zu teuer für eine obdachlose Prostituierte wie Catherine. Dazu gibt es keinerlei Beweis dafür, dass sich das Tuch wirklich am Tatort befunden hat. 

Catherines am Tatort entdeckte Besitztümer und ihre Kleidung sind in den Akten zum Mord aufgelistet, doch vom Schultertuch wird dort nicht berichtet. Der einzige "Beweis" dafür, dass das Tuch Catherine Eddowes gehörte sind die mündlichen Überlieferungen innerhalb der Familie des Polizeibeamten, der das Tuch angeblich am Tatort eingesteckt hat. In den letzten 125 Jahren ist das Tuch außerdem durch so viele Hände gegangen, dass - selbst wenn es Catherine gehört haben sollte - nicht genau gesagt werden kann, welche DNA aus dem Jahr 1888 stammt und welche neuer ist. Selbst Nachfahren von Catherine haben das Tuch schon mehrmals in der Hand gehabt, was erklären würde, wie ihre DNA auf das Tuch gekommen ist. Etwas, das auch in Betracht gezogen werden muss ist, dass es sich bei der DNA-Analyse um eine mitochondriale Analyse handelte. 

Mitochondriale DNA ist nicht einzigartig und es ist gut möglich, dass die Nachfahren von Aaron Kominski dasselbe mitochondriale Profil haben, wie eine der Personen, die das Tuch in der Hand hatten ohne, dass sie verwandt sind oder, dass Aaron Kosminski jemals in die Nähe des Schultertuchs gekommen ist. (x) Ihr seht also: Es kann durchaus sein, dass Russell Edwards' Theorie stimmt. Es gibt aber genug Lücken in der Beweisführung, dass wir nach wie vor nicht genau sagen können, wer Jack the Ripper wirklich war. Edwards' Theorie ist interessant und eine neue Herangehensweise an den Fall, aber gleichzeitig ist sie eben bloß das: Eine Theorie, wie viele Theorien davor, deren Beweise nicht aussagekräftiger sind, als die, die davor kamen. Das soll aber nicht heißen, dass wir Edwards' Theorie vernachlässigen sollten. Sein Buch ist sicherlich sehr lesenswert und wer weiß, vielleicht hat er ja trotz allem sogar Recht? Am Ende finde ich seine Herangehensweise sehr spannend und ich hoffe, dass das Tuch vielleicht noch einmal genauer untersucht wird, sofern das überhaupt möglich ist. 125 Jahre sind eine lange Zeit, in der Leute versucht haben, die Blutflecken aus dem Tuch zu waschen und dergleichen. Wer zum Schultertuch noch ein wenig mehr lesen möchte, sollte sich diesen Artikel ansehen: Shrouded in Mystery: Stephen White, Amos Simpson and "Catherine Eddowes' Shawl"

Selbst nachlesen?

Eine tolle, übersichtliche Internetseite voller Informationen und Theorien zu Jack the Ripper, den Opfern und Verdächtigen. Wer sich für den Fall interessiert, sollte hier unbedingt vorbeischauen.

Begg, Paul et al.: The Jack the Ripper A - Z. 1991.

Clark, Robert & Hutchinson, Philip: The London of Jack the Ripper. Then and Now. 2013.

Harris, Melvin: Jack the Ripper. The Bloody Truth. 1987.

Sugden, Phillip: The Complete History of Jack the Ripper. 1995.

Warwick, Alexandra: Jack the Ripper. Media, Culture, History. 2007.

Zum Fall Jack the Ripper gibt es Literatur wie Sand am Meer, doch ein Großteil davon ist sehr reißerisch verfasst, fällt auf alte Mythen herein oder stellt aberwitzige, unhaltbare Theorien auf. Deshalb habe ich euch ein paar Werke herausgesucht, die von Experten empfohlen werden und den Fall sehr nüchtern und auf Basis historischer Fakten beleuchten. 

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