Freitag, 24. Januar 2014

Ernst Ludwig Kirchner - Ein Künstler im Wandel der Zeit

Kirchner, Selbstportrait 1919
Ein Künstler, der mir immer sehr am Herzen lag, ist Ernst Ludwig Kirchner, ein deutscher Expressionist. Weshalb? Weil sein Leben sehr gut den gesellschaftlichen Umschwung und das Lebensgefühl des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts widerspiegelt. Weil ich jemand bin, den tragische Geschichten und Biographien nicht kalt lassen. Weil mich neben der Kultur und der Politik des fin de siècles und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts immer auch die Menschen interessieren, die diese Zeit zu dem gemacht haben, was sie letztendlich war. Und das kann man von Ernst Ludwig Kirchner durchaus behaupten. Aber lest selbst. 

Zwischen Großstadt, Kunst und Expressionismus 

Ernst Ludwig Kirchner wurde im Mai 1880 als Sohn eines Chemikers und Professors in Aschaffenburg geboren. Kirchners Mutter war eine Nachkommin der Hugenotten, etwas, dass ihm sein Leben lang wichtig war und Einfluss auf seine Arbeiten hatte. Seine Eltern standen Kirchners künstlerischen Ambitionen niemals im Weg, doch sie bestanden darauf, dass er trotzdem eine vernünftige Ausbildung machte. Er machte 1901 sein Abitur und studierte daraufhin Architektur, doch Architekt würde er nie werden. Kirchner gilt als Autodidakt und 1905 schuf er zusammen mit seinem Studienfreund Fritz Bleyl, sowie Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel in Dresden die Künstlergemeinschaft Die Brücke. Bald darauf fanden andere namenhafte Künstler an der Gemeinschaft Interesse. Unter anderem Emil Nolde und Max Pechstein. 


Das Anliegen der passend benannten Brücke war es, eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft zu schlagen. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts veränderten sich Welt und Gesellschaft Schlag auf Schlag und die Brücke wollte nicht nur fort vom traditionellen, realistischen Stil des neunzehnten Jahrhunderts, sie versuchte auch mit der neuen Kunst zu provozieren und die Zukunft einzuleiten. Kirchner war Impressionist, bevor er sich durch die Zusammenarbeit mit der Brücke dem Expressionismus zuwandte. Beliebte Motive waren unter anderem Akte und das Varieté, Nachtszenen und Großstadtbilder. Kirchner lebte für die pulsierende Großstadt und das schnelle, sich immer verändernde Leben. Die Arbeit der Brücke gilt heute als großer Einfluss auf die Entwicklung des Expressionismus und der Kunst im frühen zwanzigsten Jahrhundert. 

Potsdamer Platz, 1914
Kirchner arbeitete in einem Atelier, das in früheren Zeiten eine Metzgerei gewesen war und das von seinen Kollegen als das Atelier eines echten Bohemiens beschrieben wurde, unordentlich und romantisch, nicht organisiert oder der Arbeitsplatz eines wohlhabenden Studenten. Als Antwort auf die moralischen Zwänge seiner Zeit war Kirchners Atelier ein Ort, an dem man ungezwungen nackt herumlaufen konnte und Sexualität kein Tabuthema war. Meist arbeitete die Brücke hier, ganz spontan, mit Modellen von der Straße und nicht mit professionellen Künstlermodellen. Ein beliebtes Motiv der Mitglieder war der weibliche Akt, wobei es ihnen wichtig war Frauenkörper ohne die Verformungen durch das Korsett oder andere modische Zwänge der alten Gesellschaft zu zeigen, die bloß langsam Platz für etwas Neues machen wollte. Die erste Ausstellung erfolgte 1906. 

1911 zog Kirchner von Dresden nach Berlin, da seine Kunst in Dresden kaum Anklang fand, etwas, dass sich auch in Berlin nicht allzu bald ändern sollte. Berlin hingegen veränderte Kirchner. Seine eh schon lebendigen Bilder wurden ruppiger und düsterer, spiegelten nun die Metropole Berlin wieder mit allem was dazu gehörte. Nicht nur die glänzenden Lichter und bunten Bilder von Nachtclubs und Varietés waren nun wichtig, auch die Prostitution in Berlin und die weniger anziehenden Seiten der großen Stadt. 1913 löste sich die Brücke auf, nachdem Ernst Ludwig die Geduld seiner Kollegen mit seinem Drang zur Selbstdarstellung dermaßen überstrapazierte, dass es zum Streit kam. Aus dieser Zeit stammen die wohl berühmtesten Bilder Kirchners: Die Großstadtbilder und die im Kontrast dazu bunteren, ruhigeren Küstenbilder, die in seinen Sommern auf Fehmarn entstanden.

Oben rechts könnt ihr eins der wohl berühmtesten Gemälde Kirchners sehen, den "Potsdamer Platz" aus dem Jahr 1914. Es zeigt zwei Halbweltdamen, die mitten in der Nacht auf dem Potsdamer Platz in Berlin auf Freier warten. Das Bild ist mit 200 x 150 cm sehr groß und wirkt durch die grellen, kränklich anmutenden Farben sehr intensiv, wenn man direkt davorsteht. Eine der Damen trägt schwarz und einen Schleier vor dem Gesicht, typische Trauerkleidung der Epoche, was sich damit erklären lässt, dass sich wohlhabendere Prostituierte tatsächlich oft als Witwen gekleidet haben, um in der Nacht allein auf die Straße gehen zu können, ohne zu sehr aufzufallen oder befremdlich zu wirken. Das Gemälde hat etwas sehr Hektisches und auch Unheilvolles, was es wohl zu Kirchners ausdrucksvollstem Gemälde macht: Das chaotische Berliner Nachtleben in einer Zeit, in der bereits der Erste Weltkrieg in der Luft liegt. 

Betrachtet man Kirchners Bilder aus dieser Zeit, fällt einem natürlich sofort der Unterschied zu traditionellen, realistischen Bildern der Jahrzehnte davor auf. Durch scharfe Linien, verzehrte Formen und meist ungemischte, grelle Farben grenzten sich die Expressionisten bewusst von traditionellem Naturalismus ab. Holzschnittformen und eine aufgelöste Perspektive lösten die realistische Darstellung von Motiven ab. Man wollte nicht mehr bloß schöne Motive malen, man wollte mit seiner Kunst etwas aussagen und eine Plattform für die neue Gesellschaft schaffen, die langsam die Ideale und Regeln des neunzehnten Jahrhunderts ablöste. Es ging nicht mehr darum, etwas so naturgetreu wie möglich abzubilden. Im Expressionismus ging es darum, Atmosphäre einzufangen, zu zeigen, wie sich etwas anfühlt, nicht bloß, wie es aussieht. Kirchners Großstadtbilder sind also seine auf Leinwand gebannte, subjektive Wahrnehmung von Berlin als wachsender Großstadt zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Dass der Expressionismus aneckte, skandalös war und zuerst nicht gut aufgenommen wurde, muss wohl kaum dazu gesagt werden. 

Zirkusreiterin, 1913
Der Krieg und die Davos-Zeit 

Mit dem ersten Weltkrieg jedoch gab es einen Bruch im Leben Ernst Ludwig Kirchners. Wie viele junge Männer damals meldete er sich freiwillig als Soldat. Das hatte nichts mit Blutlust zu tun, sondern wie bei vielen damals viel eher damit, dass der erste Weltkrieg etwas Neues war. Einen solchen Krieg hatte man noch nie erlebt und den potentiellen Soldaten wurden falsche Vorstellungen von Patriotismus und Heldentum gemacht, die die neuen Gräuel auf dem Schlachtfeld (etwa durch neue Waffen, die es zuvor nicht gegeben hatte) wie Zuckerguss überzogen. Ernst Ludwig Kirchner hielt den Krieg bloß einige Monate aus, bevor er nach einem Nervenzusammenbruch beurlaubt wurde und als gebrochener Mann zurückkehrte. Darauf folgten eine Morphinsucht, ein Aufenthalt in einem Sanatorium und die Abwendung vom schillernden Großstadtleben, vom bunten Varieté und von den aufregenden, lebendigen Straßen Berlins.

Die "Zirkusreiterin", die ihr oben links sehen könnt, stammt von 1913 und damit aus der Zeit Ernst Ludwigs Schaffens vor dem Krieg. Sie ist eines der ersten Gemälde, in denen Kirchner sich mit Varieté und Zirkus auseinandersetzt, zwei Themengebieten, die ihn sehr fasziniert haben. Die Varieté- und Straßenszenen sind bis heute die beiden Gemäldetypen, für die Kircher am Bekanntesten ist. 1917 zog er in die Nähe von Davos, in die Schweiz. Durch eine Lähmung glaubte er, das Malen aufgeben zu müssen, obwohl er in dieser Zeit durch seine älteren Werke endlich die Bekanntheit erfuhr, die er sich immer gewünscht hatte. Nun suchte er die Ruhe der Schweizer Landschaften anstatt das aufregende Stadtleben. Neben seinen Landschaftsbildern entwarf er unter anderem Teppichmuster und sein Malstil wurde immer abstrakter und großflächiger, mit großen Kontrasten zwischen Licht und Schatten. Hier sieht man denke ich wirklich gut, was der Erste Weltkrieg aus den aufstrebenden Bohemiens der Jahrhundertwende gemacht hat. Der Krieg zerstörte nicht nur Ernst Ludwig Kirchner, sondern an sich den Glauben an den Fortschritt und das Schöne, Aufregende in der Welt.

In der Schweiz besiegte Kirchner seine Sucht, galt jedoch trotzdem weiterhin als komplizierter Zeitgenosse. Er war misstrauisch und hatte ein hohes Geltungsbedürfnis, konnte mit Kritik nicht umgehen und litt außerdem unter den Depressionen seiner Lebensgefährtin, Erna Schilling, die trotz ihrer eigenen Krankheit eine große Rolle dabei spielte, Kirchners Bilder zu vertreiben und bekannt zu machen. Der Krieg hatte Ernst Ludwig Kirchner verändert: Er konnte sich mit dem jungen Mann von damals, der zur Brücke gehört hatte und Expressionist gewesen war, nicht mehr identifizieren und wollte mit dieser Zeit auch nicht mehr in Zusammenhang gebracht werden. Wie viele junge Männer dieser Jahre hatte Kirchner seinen Glauben an den Fortschritt der Gesellschaft und die schillernde große Stadt durch den Krieg verloren. 

Kirchners Fall war besiegelt durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in den späten 1930er Jahren. Sie betrachteten seine Malerei durch die verzerrten Formen und Farben als "entartet" und schlossen ihn aus der Preußischen Akademie der Künste aus. Seine Bilder wurden aus den Museen geholt, beschlagnahmt und ihr Sinn als Ausdruck des Lebensgefühls einer neuen, glänzenden Zeit wurde verkannt und als falsch und krank betrachtet. Kirchner, dessen Glaube an eine vielversprechende Zukunft und Bedürfnis nach Anerkennung nun vollends zerstört waren, nahm sich 1938 das Leben. Als Motiv gelten seine große Enttäuschung über den Umgang mit seiner Kunst und seine zurückkehrende Morphinsucht. Er wurde kurz darauf auf dem Waldfriedhof in Frauenkirch beerdigt. Erna Schilling lebte noch bis zu ihrem Tod 1945 in ihrem gemeinsamen Haus. 

Das Erbe des Ernst Ludwig Kirchner 

Heute werden Kirchners Werke, ganz besonders die Großstadtbilder und die Bilder von Fehmarn, als sehr wichtig für die Entwicklung der Kunst im frühen zwanzigsten Jahrhundert gewertet. Sie sind typisch für den neuen Expressionismus und die neuen Wege der Kunst zu dieser Zeit. Kirchners frühe Gemälde und seine Einstellung der Gesellschaft gegenüber können als Brücke zwischen der Gesellschaft des langen neunzehnten Jahrhunderts und der neuen Gesellschaft, vom Krieg unterbrochen und verändert, gesehen werden. Das gilt natürlich für die Arbeiten aller Mitglieder der Brücke, ihr Lebensgefühl und ihre Arbeitsmoral. 

Was ich persönlich interessant am Leben Ernst Ludwig Kirchners finde, ist der Bruch durch den ersten Weltkrieg. Weg vom schillernden Bohemien, der vom Berliner Nachtleben fasziniert ist, und hin zum kaputten Künstler, der die Ruhe und die Einsamkeit schweizer Dörfer sucht. Eine Entwicklung, die nicht nur Kirchner machte, sondern viele desillusionierte junge Männer nach 1918. Das ist wohl ein großes Merkmal der künstlerischen Szene um 1920. Was Gertrude Stein als "verlorene Generation" bezeichnete, als sie von den amerikanischen Künstlern im Nachkriegseuropa sprach, kann man wohl auch auf die europäischen Künstler selbst ausweiten: Vom Krieg und Zusammenbruch ihrer Gesellschaft desillusionierte Künstler, bitterer geworden und, im Falle von Kirchner, ganz andere Menschen als zuvor.

Selbst nachlesen?

Wolf, Norbert: Ernst Ludwig Kirchner. Am Abgrund der Zeit. 2003. 

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