Freitag, 3. Januar 2014

Die Chōshū-Fünf - Neues Wissen für Japan

Die Chōshū -Fünf, 1863
Heute soll es um die Chōshū-Fünf gehen, die 1863 in London für etwas Wirbel gesorgt haben. Itō Shunsuke, Inoue Monta, Yamao Yōzō, Endō Kinsuke und Nomura Yakichi gelten bis heute in Großbritannien und Japan als richtige Helden, da sie viel aufs Spiel gesetzt haben, um in London studieren zu können und mit ihrem neuen Wissen dazu beigetragen haben, Japan zu modernisieren und zu bereichern.

Inoue und Itō wurden später sogar zu zwei der wichtigsten Männer Japans. Weshalb es für diese fünf jungen Männer so schwer war, im Ausland zu studieren und weshalb das so wichtig für die Geschichte Japans ist, werde ich gleich erläutern. Es ist eine spannende Geschichte, die trotz der Feierlichkeiten letztes Jahr in England und Japan zumindest hierzulande kaum bekannt ist.

Chōshū Han und Sakoku - Japans Politik in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts

Chōshū war während der Edo-Zeit (1600-1868) ein Lehen in Japan, ungefähr dort, wo heute die Präfektur Yamaguchi liegt. Aufgrund ihrer Geschichte waren die Lehnsherren, aus dem Klan der Mōri, dem Tokugawa-Shogunat gegenüber wenig freundlich eingestellt. Das Tokugawa-Shogunat war für mehr als zwei Jahrhunderte die Regierungsform in Japan. Edo ist bloß ein anderer Name für die Epoche des Shogunats, da die Shogune, die allesamt dem Klan der Tokugawa angehören, aus der Stadt Edo heraus regierten. Die Edo-Zeit und die Tokugawa-Zeit sind also bloß zwei verschiedene Namen für denselben Zeitraum, der in der japanischen Geschichte auch als Vorabend der Moderne betrachtet wird. Das Tokugawa-Shogunat gilt als letzte feudale Militärregierung Japans und funktioniert ähnlich wie andere feudale Systeme: Ganz oben standen die adeligen Daimyo, dann kam die Kriegerkaste der Samurai und ganz unten standen Händler, Handwerker, Farmer und andere Berufe. Dieses System funktionierte nicht für alle Beteiligten gut und es kam oft zu kleinen Aufständen und Unzufriedenheit, doch wirklich angezweifelt wurde es nicht.


Die Mōri sind genau wie die Tokugawa ein alter Klan von Daimyos, die vor der Edo-Periode viele Regionen in Japan bewohnten, unter anderem die Region Aki. Dies änderte sich jedoch mit der Schlacht von Sekigahara, bei der viele Soldaten durch Bestechung und Verrat von der Seite der Mōri auf die Seite der Tokugawa wechselten. Die Mōri mussten Aki verlassen und wurden nach Chōshū umgesiedelt. Natürlich wurde die Vertreibung von dem Land, das die Mōri seit Jahrhunderten bewohnten, als großer Verrat aufgefasst, weshalb Chōshū sehr bald als Brutstätte für allerlei Anti-Shogunat-Aktivismus bekannt wurde. Es soll sogar schon sehr früh Pläne gegeben haben, dass Shogunat zu zerschlagen.

Aus dieser Gegend stammten also die Chōshū-Fünf, die 1863 Japan verließen, um in London zu studieren. Was ist daran nun so Besonders? Hier kommt Sakoku ins Spiel. Sakoku, was soviel bedeutet wie "Land in Ketten" war Japans Außenpolitik zur Zeit des Shogunats. Kurz gesagt besagte es, dass kein Fremder Japan betreten durfte und kein Japaner aus Japan ausreisen durfte. Auf beides stand die Todesstrafe. Im Jahr 1853 wurde diese Sperre zumindest einseitig aufgehoben: Japan öffnete sich den Möglichkeiten, die der Handel mit westlichen Ländern bot. Doch ausreisen durfte man immer noch nicht. Die Chōshū-Fünf haben trotzdem einen Weg aus Japan heraus gefunden, um in England zu studieren. Wie sie das geschafft haben? Die Geschichte wirkt wie aus einem alten Abenteuerroman, ist aber wahr und bewundernswert mutig.

135 Tage auf See und ein Studium in London

Die Studenten stammten allesamt aus Chōshū-Samurai-Familien und wurden vom Lehen ausgewählt, die Aufgabe nach England zu reisen, zu übernehmen. Sie verließen Japan verkleidet als englische Seemänner an Board eines Handelsschiffes der Jardine Matheson Company, dessen Kapitän, der Angst vor Entdeckung hatte, sie je 1000 Ryō zahlen mussten, damit er sie auf das Schiff ließ. In Shanghai wechselten sie auf ein Opiumschiff. Dann musste sich die Gruppe jedoch trennen, um die lange Reise nach London anzutreten. Itō und Inoue haben während der Überfahrt unter anderem auf einem Dampfschiff arbeiten müssen. Keiner der fünf Männer sprach gutes Englisch oder kannte sich mit westlichen Gebräuchen aus - was kein Wunder war, schließlich stammten sie aus einem Japan, in dem schon das Lesen von nicht-japanischer Literatur als Verbrechen galt, doch sie hatten sich vorgenommen in Europa genug zu lernen, um die japanische Gesellschaft zu verändern. Wie viele andere Japaner auch wollten sie die industrielle Revolution nach Japan bringen, um das in ihren Augen altmodische, auf Landwirtschaft und Handarbeit fixierte Gesellschaftsbild abzulösen und die japanische Wirtschaft anzukurbeln.

In London wurden die fünf von Alexander Williamson, dem Entdecker der Williamson-Ethersynthese, in Empfang genommen. Das University College London war für die damalige Zeit sehr fortschrittlich: Als einzige Universität nahm sie Studenten auf, ohne auf Herkunft, Hautfarbe oder Religion zu schauen. Alexander Williamson war an dieser Universität Leiter der Abteilung für Chemie, was dazu führte, dass die fünf japanischen Studenten sich für analytische Chemie bei Williamson persönlich einschrieben. Drei der Studenten lebten sogar zusammen mit Williamson und seiner Frau Catherine, die den Chōshū-Fünf Englisch beibrachte und die Grundlagen der britischen Gesellschaft, in deren Haus. Obwohl die fünf Studenten einen regelrechen Kulturschock erlitten haben müssen, schließlich wurden sie in eine Gesellschaft geworfen, die ihrer eigenen kaum ähnelte, hielten sie in der fremden Umgebung durch, lernten so viel sie konnten über britische Industrie und Wissenschaft, und trugen diese Informationen zurück nach Japan.

Die Zukunft der Chōshū-Fünf 

Im Jahr 1868 war es dann so weit: Das Shogunat konnte zerschlagen werden und wurde durch die Meiji-Restauration ersetzt, während der sich Japan von einem feudalen, isolierten System zu dem entwickelte, was es heute ist. In dieser Zeit wurde Itō unter dem Namen Itō Hirobumi zum Premierminister Japans. Er ist derjenige, der die japanische Verfassung schrieb. Die anderen Mitglieder der Chōshū-Fünf  schafften es zusammen mit ihm Japans Finanzsystem aufzubauen und mit Bergbau und einem eigenen Eisenbahnnetz die industrielle Revolution in Japan einzuläuten. Es kann gesagt werden, dass die Chōshū-Fünf durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit stark zu einer neuen Ära der japanischen Geschichte beigetragen haben. Auf ihren Taten und ihrem gesammelten Wissen basieren die japanische Forschung und das Öffnen Japans für fremde Industrie und Wissenschaft.

Auch die anderen Mitglieder der Chōshū-Fünf  und viele weitere japanische Studenten, die nach ihnen an der UCL in England studierten, konnten Führungspositionen in der neuen japanischen Regierung übernehmen. Inoue wurde Finanzminister, Yamao bekam die Chance in Schottland Ingenieurwissenschaften zu studieren und war an der Gründung des Imperial College of Engineering in Tokio beteiligt. Endō arbeitete während der Meiji-Zeit als Dolmetscher und sorgte als Leiter des Münzamts für eine einheitliche japanische Währung. Nomura wurde Präsident der Eisenbahngesellschaft. Ohne die Chōshū-Fünf und die weiteren japanischen Studenten, die nach ihnen nach England reisten um dort zu studieren, wäre die Modernisierung Japans sicherlich weniger reibungslos abgelaufen oder vielleicht sogar erst viel später geschehen. 

Deshalb wundert es mich, dass wir in Deutschland so wenig über die Chōshū-Fünf  hören und ihre Geschichte, die als Basis für das moderne Japan steht, kaum bekannt ist. Durch den Mut und den Wissensdurst dieser fünf Männer erst war es möglich, in Japan eine eigene Industrie aufzubauen und das Land zu dem modernen Japan zu machen, dass es heute ist. Nicht der Westen hat Japan aus der Krise geholfen, sondern Japan selbst hat sich geholfen, in dem es beschlossen hat, die Vorteile der westlichen Gesellschaften zu studieren und in die eigene Gesellschaft einzugliedern. Das finde ich ganz wichtig, denn es wird in der Schule und in den Medien oft falsch dargestellt. Deshalb ist die Geschichte der Chōshū-Fünf und ihr großer Einsatz für ihr Land, Japan, so wichtig, denn sie zeigt, wer wirklich hinter der Modernisierung Japans steht: Japan selbst.


Selbst nachlesen?

Leider konnte ich zu diesem Thema keinerlei deutsch- oder englischsprachige Literatur finden. Auf Japanisch und Chinesisch gibt es allerdings reichlich Fachliteratur.

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