Dienstag, 31. Dezember 2013

Ein viktorianisches Neujahrsfest

Es ist Silvester, der Abend vor Neujahr und ich nehme an viele von euch haben genau wie ich heute Abend etwas vor. Ob es Bleigießen und Knallbonbons mit Freunden ist oder ein großes Feuerwerk oder eine Tour durch Kneipen oder Clubs, ich hoffe, ihr alle habt viel Spaß und rutscht gut ins neue Jahr. Auch im viktorianischen England wurde das neue Jahr durch eine große Feier und gewisse Bräuche eingeleitet, die teilweise bis heute nachreichen. Und, wie die meisten Leser wahrscheinlich schon ahnen, einiges davon haben wir Queen Victoria selbst zu verdanken.

Silvester selbst wird bereits gefeiert, seit unter Julius Cäsar die Kalender angepasst wurden, als man den Jahresbeginn vom 1. März auf den 1. Januar verlegte. Der Monat Januar ist sogar nach dem Gott Janus benannt, der zwei Gesichter hat und mit einem in die Zukunft schaut und mit einem in die Vergangenheit. Genau wie heute gab es großen Krach zu Neujahr: Man wollte böse Geister verjagen, indem man so laut war wie möglich und Symbole des alten Jahres zerstörte. Die Feuerfeste, mit denen dies bewerkstelligt werden sollte, gehen auf alte germanische Bräuche zurück. Natürlich versuchten die Christen zuerst die Ausschweifungen und Feierlichkeiten zu unterbinden, später wurden die Bräuche einfach in den Glauben miteingebunden.


Die Bezeichnung "Silvester" stammt aus der frühen Renaissance. 1582, mit der Umstellung auf den gregorianischen Kalender, verlegte man das Ende des Jahres vom 24. Dezember auf den 31., den Todestag des Papstes Silvester, dem Ersten. Jetzt wundert ihr euch vielleicht kurz: Begann nicht schon seit Julius Cäsar das Jahr auf den 1. Januar? Ja, tatsächlich. Im Mittelalter gab es allerdings einen kurzen Zeitabschnitt, in dem man den Jahresbeginn auf den 25. Dezember legte, um an Christi Geburt zu erinnern. Eine Zeit lang wurde der Neujahrstag auch am 25. März, der Verkündung des Herrn, gefeiert. Papst Gregor der Dreizehnte bestimmte dann, dass der Neujahrstag wieder am 1. Januar stattfinden sollte. Die Bezeichnung Silvester hat also gar nichts mit dem neuen Jahr zu tun. Übersetzt bedeutet sie einfach "Waldmensch". In der englischsprachigen Welt kennt man die Bezeichnung Silvester übrigens nur bedingt für den New Year's Eve und auch die Viktorianer sprachen nicht davon. Die viktorianischen Silvesterbräuche stammen übrigens großteils aus Schottland. Queen Victoria war ein großer Fan von Schottland und seinen Bräuchen und machte das Land und seine Kultur bei der englischen Bevölkerung beliebt.

Der 31. Dezember - Schottische Bräuche und Geschenke

In Schottland feierte man am Vorabend des neuen Jahres Hogmanay, ein Fest, das in Schottland wichtiger war, als das Weihnachtsfest. Das liegt daran, das Weihnachten als katholisches Fest galt und Schottland seit der Reformation protestantisch geprägt war. Ein Hogmanay-Brauch, den die Viktorianer übernahmen, war das Geschenke bringen. Man glaubte, dass der erste Mensch, der nach Mitternacht das Haus betrat, mit seinen Geschenken die Ereignisse im neuen Jahr vorhersagte. Dunkelhaarige Menschen brachten Glück, während Blondinen als Unglücksbringer betrachtet wurden. Es passierte sogar, dass blonde Menschen mit ihren Geschenken nicht ins Haus gelassen wurden, bis eine dunkelhaarige Person kam, man wollte nicht riskieren, dass das nächste Jahr von Unglück gezeichnet sein würde. Angesehene Geschenke waren übrigens Zitrusfrüchte und Nüsse, Handschuhe, Geld, Neujahrsbrot und Whiskey.Geschenke machten sich übrigens sogar bereits die Römer am letzten Abend des alten Jahres: Sie schenkten sich heilige Äste, die Glück bringen sollten.

Die Zukunft vorhersagen tat man auch, indem man darauf achtete, was man um Mitternacht tat. Denn womit auch immer man beschäftigt war sagte voraus, was das neue Jahr bringen würde. Der Brauch den Partner um Mitternacht zu küssen stammt aus dieser Zeit, denn so versprach man sich eine lange, glückliche Ehe. Die Viktorianer mochten es an sich gern, am Neujahrsabend die Zukunft vorauszusagen: Wenn wir heute Bleigießen spielen, lasen die Menschen damals aus Teesätzen oder lasen sich zufällige Passagen aus der Bibel vor, aus denen dann Schicksal und Zukunft gedeutet wurden. Genau wie heute gab es Symbole, die für Glück und ein gutes neues Jahr standen, wie das Hufeisen, aber auch das Steuer eines Segelschiffes, Schweine und Wünschelruten.

In größeren Städten wie London traf man sich am Neujahrsabend auf großen Plätzen, um zusammen wild zu feiern und zu singen. Angeblich gab man es sogar auf, die Kirchenglocken von St. Paul's um Mitternacht zu läuten, weil die Menschen so laut waren, dass sie eh niemand gehört hätte. Es gehört allerdings bereits im neunzehnten Jahrhundert zum Brauchtum das alte Jahr mit Glockenläuten zu verabschieden und das neue Jahr einzuläuten - daher kommt wohl auch der Begriff einläuten selbst. Es wurden traditionelle Neujahrslieder gesungen, jedoch aber zu fortschreitender Stunde auch obszöne Lieder aus Music Halls und Burlesquen, die gerade in Mode waren - die Hits des Jahres also. Anstatt eines Feuerwerks sah man sich oft jedoch die beleuchtete Uhr an und wartete gespannt darauf, dass beide Zeiger auf die Zwölf rückten. Man wartete die letzten Minuten still auf den Jahreswechsel um danach so viel Lärm zu machen wie möglich, sich gegenseitig ein schönes neues Jahr zu wünschen und  zu feiern. Die große Feier fand aber vor Mitternacht statt und war bald nach Einläuten des neuen Jahres beendet.

Der 1. Januar - Neujahrsbesuche und Karten

Doch der eigentliche Feiertag war gar nicht der Abend vor Neujahr, obwohl sich viele Familien an die Bräuche hielten und ihren Spaß hatten. Viel eher nutzte man den ersten Januar um das neue Jahr zu begrüßen. Viele Familien öffneten am ersten Tag des neuen Jahres Besuchern ihr Haus. Während die Damen und Kinder zu Hause blieben und Besucher empfingen, machten sich die Herren ihrerseits auf den Weg, anderen Familien Besuche abzustatten und die Neujahrsglückwünsche der Familie zu überbringen. Dieser Brauch führte so weit, dass in den Zeitungen geschrieben wurde, welche Häuser in der Stadt für Besucher offen standen und oft nutzten Junggesellen die Chance um junge Damen zu besuchen. An sich war es Brauch, dass junge, allein stehende Männer in einem Schlitten herum fuhren und alle anderen Junggesellen einsammelten, denen sie begegneten. Wie alles wurde dieser Brauch gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein regelrechter Wettbewerb: Die jungen Männer schlossen Wetten ab, wer die meisten Häuser besuchen konnte und die jungen Damen sammelten Visitenkarten und gaben damit an, wer die meisten bekommen hatte.

Trinkfeste fanden natürlich auch statt. Genau wie heute war Silvester schon damals eine Gelegenheit sich gnadenlos zu betrinken. Bloß eben nicht am Abend, sondern am nächsten Tag, im Laufe der Besuchsrunden. Um 1890 hatte man es so weit getrieben, dass der Brauch immer weiter in Verruf geriet, da man ständig mehr oder weniger fremde, betrunkene Männer in der guten Stube sitzen hatte, die sich sicherlich auch nicht immer tadellos benahmen. Bald starb die Tradition der offenen Häuser ganz aus und man lud bloß noch enge Freunde und Familie zu sich ein oder besuchte sie im Gegenzug, wie es die meisten Familien bis heute tun. Am Abend gab es in der gehobenen Gesellschaft oft Galas, Dinners oder Bälle. Der Wandel, das neue Jahr mit einer großen Party am 31. Dezember zu feiern und nicht mehr am 1. Januar, vollzog sich im Verlauf der 1920er Jahre, als Nachtclubs und Tanzpartys gesellschaftlich akzeptierter wurden und in Mode kamen. Natürlich schickte man sich auch Neujahrskarten, die winterliche Szenen zeigten, die oben genannten Glückssymbole oder Kinder in feierlicher Kleidung. Die Karte oben stammt natürlich aus dem edwardianischen Zeitalter, ist dieses Jahr genau 100 Jahre alt und läutete 1913 Weihnachten und das Jahr 1914 ein.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern dieses Blogs verspätet ein schönes Weihnachtsfest und, was heute natürlich viel wichtiger ist, einen schönen Neujahrsabend. Habt viel Spaß, feiert schön und kommt gut im Jahr 2014 an. Ich nehme mir für das neue Jahr vor, das Gaiety Girl mindestens einmal die Woche mit neuen Artikeln zu füttern und hoffe, dass ihr mir ein weiteres Jahr lang erhalten bleibt.

Selbst nachlesen?

Aveni, Anthony: The Book of the Year. A Brief History of Our Seasonal Holidays. 2003.

Brunner, Borgna: A History of the New Year

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