Resurrection Men - Von Grabräubern und Körperdieben

Zeitgenössische Zeichnung der Resurrection Men, frühes
neunzehntes Jahrhundert
Halloween ist vorbei und eigentlich wollte ich dieses unheimliche Thema noch vor dem großen Fest der Gespenster und Geister vorstellen, doch leider habe ich das nicht geschafft. Doch noch haben wir November, es ist kalt und grau draußen und genau die richtige Stimmung, um die etwas gruseligeren Facetten des neunzehnten Jahrhunderts zu beleuchten.

Heute geht es um ein Thema, von dem viele noch nie gehört haben, das aber ein großer Bestandteil des Lebens im frühen neunzehnten Jahrhundert war: Die Body Snatchers. Dazu muss man zu Beginn eines sagen, denn es kommt immer wieder das Gerücht auf, Gräber im Käfig, die man in Großbritannien hin und wieder sehen kann, sollten die Lebenden vor den Toten bewahren, indem sie Vampire daran hindern, ihr Grab zu verlassen. Doch es ist genau anders herum! Die Mortsafes, Käfige aus robustem Eisen, die über die Gräber gestülpt wurden, sollten viel eher die Toten vor den Lebenden schützenden. Aber dazu gleich noch mehr. Jetzt möchte ich erst einmal ganz von vorn beginnen.

Nachts auf dem Friedhof - Body Snatchers und das Geschäft mit den Toten

Vor dem Anatomy Act, der 1832 erlassen wurde, war es bloß erlaubt die Körper von zum Tode verurteilten Verbrechern zu sezieren. Allerdings galt das auch nicht für alle hingerichteten Verbrecher, sondern bloß für solche, die bei ihrer Verurteilung ausdrücklich zum Tode und zur Obduktion verurteilt wurden. Diese Verbrecher waren meist Menschen, die sich sehr schlimmen Verbrechen schuldig gemacht hatten, denn die Körper Verstorbener aufzuschneiden und zu untersuchen galt als massive Störung der Totenruhe. Nun gab es jedoch auch vor 1832 bereits Universitäten und Anatomieschulen, deren Studenten Anatomie lernen mussten und damals wie heute wurde das oft an richtigen Toten gelehrt. Mit den rund 50 Leichen, die von den Gerichten jährlich zur Obduktion freigegeben wurden, kamen die vielen Anatomieschulen in Großbritannien aber natürlich nicht aus - es wurden mindestens zehn Mal so viele gebraucht.

Und hier kommen die Resurrection Men ins Spiel. Diese Bezeichnung ist recht makaber, denn sie bedeutet nichts anderes als "Wiederauferstehungsmänner" oder auch "Auferstehungsmacher" und ein anderer, nüchternerer Begriff ist Body Snatchers - Körperdiebe. Während Leichenfledderei ein großes Verbrechen war, war Grabschändung im georgianischen Großbritannien bloß ein kleineres Vergehen und wurde meist ignoriert oder bloß mit einer Geldstrafe oder kurzen Gefängnisaufenthalten bestraft. Daher war es für die Body Snatchers kein allzu großes Risiko nachts auf den Friedhof zu schleichen und die Leichen gerade erst Verstorbener auszugraben - und für hohe Summen an Ärzte, Anatomieschulen und Universitäten zu verkaufen. Oft fragten die Käufer nicht nach, woher die Leichen stammten und selbst die Autoritäten wie Gericht und Wachmänner drückten oft ein Auge zu, schließlich geschah es im Namen der Wissenschaft. Anatomiekenntnisse waren damals natürlich noch nicht so eine Selbstverständlichkeit wie heute und die Forschung an den gestohlenen Körpern konnte große Durchbrüche und neue Erkenntnisse bedeuten.

Die Body Snatchers gingen trotzdem sehr flink und vorsichtig vor: Im georgianischen Großbritannien waren Gräber oft nicht besonders tief, also grub man am Kopfende eines Grabes, bis man den Sarg erreicht hatte, brach ihn auf und zog den Toten mit einem Seil aus seinem Grab. Gräber wurden selten ganz ausgehoben, das hätte viel zu lang gedauert und konnte Entdeckung bedeuten. Kleidung und Schmuck wurden eigentlich immer zurückgelassen, denn besonders wertvolle Grabbeilagen mitzunehmen, hätte Diebstahl bedeutet und dieser wurde weitaus strenger gefahndet, als das Stehlen der Körper. Manchmal wurde auch ein Tunnel gegraben, durch den der Sarg mit einem Seil gezogen wurde. Bei dieser Methode konnte hinterher nicht festgestellt werden, dass Grabräuber am Werk gewesen waren, da das Grab selbst unberührt schien und man den Tunnel schnell wieder soweit zuschütten konnte, das er etwas abseits vom Grab nicht bemerkt wurde. Besonders in den USA war es auch Gang und Gäbe sich als trauernder Verwandter auszugeben und die Toten bei der Andacht noch vor der Bestattung aus den Särgen zu stehlen und durch Gewichte zu ersetzen, sodass bei der Bestattung niemand bemerkte, dass der Sarg eigentlich leer war.

Mortsafes und andere Schutzmechanismen 

Natürlich wollte niemand, dass der gerade verstorbene Verwandte von Body Snatchers ausgegraben und in die Medizin verkauft wurde: Einen Körper zu sezieren galt als Leichenfledderei, massive Ruhestörung des Toten und sehr unehrenvoll, weshalb dazu bloß Menschen verurteilt wurden, die ein schlimmes Verbrechen begangen hatten. Um der Schändung der Gräber entgegen zu wirken entwickelten sich mehrere Arten, die Gräber zu schützen: Die einfachste war wohl, das Grab immer im Auge zu behalten. 

Mortsafes auf einem Friedhof in Fife, Schottland
Copyright: Martyn Gorman (Creative Commons)
Friedhöfe bekamen extra Wachtürme, von denen aus Friedhofswächter alle Gräber im Auge hatten und bemerkten, wenn jemand kam und versuchte, einen kürzlich Verstorbenen auszugraben. Doch es ging noch viel weiter: Die oben erwähnten Mortsafes bedeckten bald jedes Grab in den großen Universitätsstädten, in denen Körperklau natürlich viel verbreiteter war, als in kleineren Orten. Dabei handelt es sich um einen Eisenkäfig, der über der Grabplatte befestigt wird und es unmöglich macht, das Grab zu öffnen. Viele dieser Mortsafes wurden später wieder entfernt, doch besonders in Edinburgh gibt es noch einige erhaltene Grabkäfige. Sollte euch irgendwann in Großbritannien einmal solch ein Grab begegnen, wisst ihr jetzt, was es damit auf sich hat.

Der Glauben, Mortsafes seien ein Schutz vor Wiedergängern, Zombies und Vampiren ist weit verbreitet aber vollkommener Unsinn. Hinter den Mortsafes stand kein Aberglaube, sondern die sehr echte Bedrohung durch Resurrection Men. Falls euch irgendwann mal jemand erzählen will, ein Grab sei eingekäfigt wurden, um vor Vampiren zu schützen, könnt ihr dieses Gerücht jetzt aufklären. Reiche Leute konnten sich Mausoleen leisten, oder ihre Toten gleich in Eisensärgen beerdigen, die die Grabräuber nicht aufbrechen konnten, doch ärmere Leute konnten das natürlich nicht bezahlen. Daher gab es sogar richtige Mortsafe-Vereinigungen, deren Mitglieder alle zusammenlegten um ein paar Mortsafes zu kaufen. Starb ein Angehöriger, wurde der Mortsafe solange benutzt, bis der Körper lang genug in der Erde gelegen hatte, um für die Body Snatcher und die Medizinstudenten nicht mehr von Interesse zu sein. Dann wurde er wieder abgebaut und über dem Grab des nächsten Verstorbenen aufgebaut.

Es gab jedoch noch ein paar andere Tricks, um sich vor Grabräubern zu schützen, wie mir ein Stadtführer in London erzählte: Manche Tote wurden einfach falsch herum bestattet, sodass die Grabräuber, wenn sie am Kopfende gruben, bloß auf das leere Sargende oder die Füße des Toten stießen und den Körper nicht aus dem Grab ziehen konnten. Manche Familien installierten sogar Selbstschussanlagen (schaut hier) in den Gräbern, die ausgelöst wurden, wenn der Sarg aufgebrochen wurde. Daran seht ihr sicherlich, wie allgegenwärtig die Gefahr war, dass ein Toter von Body Snatchers gestohlen wurde, und zu welchen Maßnahmen die Menschen greifen mussten, um ihre verstorbenen Verwandten davor zu bewahren.

The West Port Murders - Burke und Hare

Gegen Ende der georgianischen Ära galt Edinburgh als Zentrum der Anatomielehre und viele Studenten kamen in die Stadt, um Medizin zu studieren. Einer der besten Dozenten im Jahr 1828 war Dr. Robert Knox, der im Zeitraum von knapp 10 Monaten ganze sechzehn Leichen von den Body Snatchers William Burke und William Hare erstand. Knox behauptete hinterher natürlich, nicht gewusst zu haben, auf welche Art und Weise die beiden Männer zu den Toten gekommen waren, doch das ist bis heute umstritten. Fakt ist, dass Knox sicherlich dankbar war für die Toten, denn er zahlte gut. Für manche Körper bekamen Burke und Hare mehr als £ 10, ein Vermögen im georgianischen Großbritannien (Heute ungefähr £ 1000). Doch Burke und Hare waren bei Weitem nicht bloß Grabräuber, obwohl ihre Verbrechen demselben Umstand verschuldet waren, wie die der Body Snatchers: Dem einfachen Geld, das man mit Toten machen konnte. Nein, Burke und Hare gelten bis heute als zwei der berüchtigsten Serienmörder der britischen Geschichte. Doch wie kam es dazu?

William Hares Frau Margaret, die bei vielen der Morde eingeweiht war, betrieb ein kleines Mietshaus in Edinburgh, in dem eines Nachts ein alter Mieter eines natürlichen Todes starb. Hare und sein bester Freund Burke nutzten die Chance und verkauften den Toten an einen Assistenten von Robert Knox. William Hare sagte später aus, er fände das nur gerecht, da der Tote ihm und seiner Frau £ 4 Miete schuldig geblieben war. Hare und Burke sollen sich daraufhin, angelockt von dem guten Geschäft, als einfache Resurrection Men versucht haben, was ihnen allerdings zu riskant war. Kurz darauf geschah im Mietshaus der erste Mord an einem kränklichen Mieter. Burke und Hare entwickelten eine eigene Mordmethode, bei der nach außen hin nicht zu erkennen war, dass das Opfer ermordet worden war, die bis heute als "burking" bekannt ist. Daraufhin lockten die beiden Männer, Margaret und William Burkes Geliebte Helen McDougal immer wieder neue Opfer in das Mietshaus, deren Leichen sie später verkauften.

Zeitgenössische Zeichnung von Burke und Hare
Allerdings ging dieses grausige Geschäft nicht allzu lange gut. Nach dem Mord an einem geistig behinderten Jungen, der in Edinburgh wie ein bunter Hund bekannt war, und weiteren Opfern, die von den Medizinstudenten erkannt wurden, lag bereits ein Verdacht auf Burke, Hare und den beiden Frauen. Kurz darauf entdeckte eine weitere Mieterin die Leiche des letzten Opfers unter einem Bett im Mietshaus und verständigte die Polizei.

In den darauffolgenden Prozessen gaben sich Hare und Burke gegenseitig die Schuld an den Morden, keiner wollte zugeben überhaupt ein Mörder zu sein, doch Burke wurde als intelligent und sehr labil eingeschätzt, während Hare als brutaler, dummer Schläger eingeschätzt wurde. Am Ende beschloss das Gericht sehr zur Entrüstung der Bevölkerung, die beiden Frauen und William Hare gehen zu lassen. Burke wurde zum Tode und natürlich auch zur Obduktion verurteilt. Sein Skelett wird bis heute im Anatomy Museum in Edinburgh ausgestellt. Robert Knox, der stark verdächtigt wurde von den Morden gewusst zu haben, wurde nicht einmal angeklagt, geriet durch die Vorfälle jedoch stark in Verruf. Diese Mordreihe gilt bis heute als eine der aufsehenerregendsten Kriminalfälle in der britischen Geschichte.

Filmtipp am Rande: Wer Horrorkomödien und schwarzen britischen Humor mag, kann sich den Film "Burke & Hare" von 2010 ansehen, mit Andy Serkis als William Hare und Simon Pegg als William Burke. Der Film basiert bloß lose auf den Ereignissen, ist aber nett gemacht und eher lustig als unheimlich, obwohl es schon die ein oder andere gruselige Szene gibt. Allerdings ist die Starbesetzung (neben Serkis und Pegg spielen Isla Fisher und einige bekannte britische Comedians mit) auch nicht zu verachten.

Der Anatomy Act von 1832

Wegen der hohen Anzahl an Grabraub in ganz Großbritannien und nicht zuletzt durch Burke und Hares Taten, die in anderen großen Städten imitiert wurden, wurde 1832 ein Gesetz erlassen, dass es jeder Familie erlaubte, Tote vor der Bestattung an die Anatomieschulen zu geben. Dieses neue Gesetz bereitete den Resurrection Men ein jähes Ende: Nun gab es ausreichend Körper für die Anatomiestunden und die Forschung und besonders nach den West-Port-Morden war man vorsichtiger geworden, Leichen zu kaufen. Schließlich konnte man nie wissen, ob der Jemand diese einfach ausgegraben oder am Ende sogar ermordet hatte.  Viele der Mortsafes wurden abgebaut, doch in London und ganz besonders in und um Edinburgh kann man heute noch welche sehen.

Das Body Snatching ist ein großer Teil der britischen Medizingeschichte, von dem jedoch viele überhaupt noch nie gehört haben, und obwohl es bereits fünf Jahre vor Beginn des viktorianischen Zeitalters so gut wie vorbei war, war mir das Thema zu wichtig, um es euch heute nicht vorzustellen. Ich hoffe, ich kann euch nächste Woche wieder ein etwas erfreulicheres Thema vorstellen, doch so kurz nach Halloween im grauen November ist ein bisschen Gruselstimmung vielleicht gar nicht verkehrt. Und nicht vergessen: Gräber im Käfig haben nichts mit Zombies und Vampiren zu tun, aber alles mit Grabräubern, Wiederauferstehungsmachern und Medizinstudenten.

Selbst nachlesen?

Bates, A. W.: The Anatomy of Robert Knox: Murder, Mad Science, and Medical Regulation. 2010.

Rosner, L.: The Anatomy Murders: Being the True and Spectacular History of Edinburgh's Notorious Burke and Hare and of the Man of Science Who Abetted Them in the Commission of Their Most Heinous Crimes. 2009.

Richardson, Ruth: Death, Dissection, and the Destitute. 1987.

Kommentare

  1. Das Thema ist mir schon zweimal literarisch umgesetzt begegnet.

    Das eine Buch fällt mir leider nicht mehr ein, das andere ist "Leichenraub" von Tess Gerritsen. Es spielt auf 2 Erzählebenen - Vergangenheit und Gegenwart - und thematisiert vor allem auch Kindbettfieber und Oliver Wendell Holmes. Er hat die revolutionäre Methode des Händewaschens eingeführt, vorher gingen die Ärzte im Extremfall von der Leichensektion in den Krankensaal und untersuchten die leidenden Schwangeren. Schlimm genug, dass man sich zwischen den Patienten nicht die Hände gewaschen hat, aber wenn man überlegt, dass gar nicht mal so selten diese Leichensiffe noch an ihren Fingern klebte (wenn auch nur in kleinen Teilen), wundert es fast schon, dass die Sterblichkeitsrate da nicht noch höher war.

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  2. Es gibt auf jeden Fall noch "Sawbones" von Catherine Johnson, aber ich habe es noch nicht gelesen. Ansonsten kenne ich selbst bloß den Film über Burke & Hare. Das Thema kommt hin und wieder mal am Rande vor, aber interessanterweise ganz oft auch viel zu spät,nämlich noch weit nach dem Anatomy Act 1832. Das Buch von Tess Gerritsen schaue ich mir mal an.

    Zu dem Händewaschen: Man muss den Leuten zu Gute halten, dass sie in einer Zeit lebten, in der sie noch nicht wussten, wie Krankheiten übertragen werden. Trotzdem wird einem ganz schlecht, wenn man überlegt, wie simpel Medizin noch vor hundert Jahren im Vergleich zu heute war. :x Guter Tipp für alle Zeitreisenden: Vor 1930 kein Krankenhaus aufsuchen. xD

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