Montag, 25. November 2013

Ganz schön haarig - Von Zuckerpaste bis Gillette

Anzeige für Haar-
Entfernungsmittel, 1915
Eine Frage, die immer wieder aufkommt und anscheinend viele Leute beschäftigt, ist die Frage nach kosmetischer Haarentfernung im viktorianischen Zeitalter. Heutzutage ist es fast schon ein gesellschaftlicher Zwang Achsel- und Beinbehaarung als Frau zu entfernen. Wer es nicht tut, wird leider schief angesehen, obwohl es eigentlich jedem selbst überlassen sein sollte, was er mit seinem eigenen Körper macht. Aber Haarentfernung ist unserer Gesellschaft bereits so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es regelrecht erwartet wird. Doch war das immer so? Wenn man über Vorlieben und Praktiken in verschiedenen Epochen spricht, melden sich immer wieder Leute zu Wort, die behaupten, was Menschen attraktiv finden, hätte sich niemals geändert und Männer hätten schon immer schlanke, haarlose Frauen schön gefunden.

Dass das nicht wahr ist, wissen Leser dieses Blogs bereits aus anderen Artikeln zum viktorianischen Schönheitsideal. Was ganz wichtig ist, ist das man sich immer vor Augen hält, das Schönheitsideale und dergleichen nichts Angeborenes sind. Sie sind zum großen Teil persönlicher Geschmack, doch der ist stark beeinflusst von der Gesellschaft, in der man aufwächst und von deren Normen und Idealen man von klein auf beeinflusst wird. Zu behaupten, in allen Epochen hätte der Mensch dieselben Dinge schön gefunden, ist daher großer Unsinn. Gesellschaften verändern sich und Ideale sind nicht angeboren, sondern anerzogen. Und deshalb sieht das viktorianische Schönheitsideal von Frauen, so wie von Männern komplett anders aus, als unser Modernes. Wer das nachlesen möchte, muss bloß den Links folgen. Zu viktorianischem Make-Up und der viktorianischen Besessenheit von weiblichem Haar, gibt es im Zusammenhang auch noch diese beiden Artikel.

Kosmetik über die Jahrhunderte - Vom alten Ägypten bis in den Rokoko

Viele Verfechter der Theorie, dass Körperhaarentfernung keine moderne Erfindung ist, haben sogar ein wenig Recht: Die ersten Berichte über Haarentfernung gehen zurück zu den Ägyptern, doch obwohl oft das Gegenteil behauptet wird, ging es ihnen dabei nicht um Schönheit. Haupt- und Barthaar wurde nicht etwa entfernt, weil man gut aussehen wollte, sondern aus reinem Wunsch zu überleben. Haar war etwas, nach dem ein Gegner im Kampf greifen konnte. Hatte man keine Haare im Gesicht und auf dem Kopf, war man viel schlechter zu fassen zu bekommen und hatte einen großen Vorteil. Natürlich gab es jedoch noch keine Rasierer: Haar wurde entweder schmerzhaft abgeschabt oder mit einer zuckerhaltigen, klebrigen Paste entfernt, so ähnlich wie wir heute mit Wachsstreifen arbeiten. Aus dieser Bewegung heraus entstand in Ägypten ein Trend, der wie jeder Trend bald ein wenig aus dem Ruder lief: Männer wie Frauen entfernten ihre komplette Körperbehaarung, selbst das Haupthaar, weil man sich von haarigen Sklaven abgrenzen wollte. Haarentfernung war also nicht wie heute ein Schönheitsideal, sondern ein Statussymbol. Haarlos zu sein wurde nicht als besonders schön empfunden, sondern war ein Symbol dafür, wie reich man war.

Auch bei den Römern galt ein haarloser Körper als Symbol von hohem Status und Reichtum. Nicht, weil man es besonders schön fand, sondern, weil es viel Zeit und Geld bedeutete, wenn man sich den Aufwand einer Haarentfernung leisten konnte. Ohne Rasierer war es sehr kompliziert, Körperbehaarung zu entfernen. Neben Zuckerpaste gab es bereits erste Enthaarungscremes, jedoch wurden die Haare meist tatsächlich abgerieben, indem man mit Faden oder Stoff so lang an der Körperstelle herumrieb, bis alle Haare ausgerissen waren. Das erfordert Zeit und Geduld, die nur wohlhabende Menschen aufbringen konnten. Sklaven, arme Menschen und dergleichen hatten die Zeit einfach nicht, weil sie arbeiten mussten und ihnen fehlte auch das Geld sich die Mittelchen leisten zu können. Das ist übrigens der Grund, weshalb wir bis heute enthaarte Körper mit Schönheit, Zivilisation und Klasse in Verbindung bringen und zum Beispiel haarige Beine und Gesichter mit Rauheit und einem klobigen Charakter. Es ist auch nachgewiesen, dass die Männer anderer antiker Kulturen ihre Bärte mit Hilfe von Steinschabern oder Rasiermessern mit Stein- oder Bronzeklingen entfernten. Doch auch das wird einen praktischen Grund gehabt haben und keinen kosmetischen.

Das mittelalterliche und frühneuzeitliche Europa machte diesen Trend übrigens nicht mit. Bis ins späte sechzehnte Jahrhundert galt Körperbehaarung für europäischen Adel, sowie die ärmere Bevölkerung als völlig normal und machte keinerlei Aussage über sozialen Stand und Reichtum. Die erste Haarentfernung in Europa galt dann auch nicht Bein-, Achsel- oder Schambehaarung, sondern den Augenbrauen. Im späten Tudor-England war eine hohe noble Stirn modern und um diesen Look zu kreieren wurden oft die Augenbrauen entfernt. Manche Frauen gingen sogar so weit und versetzten den Haaransatz künstlich nach hinten, damit die Stirn noch länger wirkte. Mehr tat sich jedoch in diese Richtung nicht und der Trend hielt sich auch nicht allzu lange. Erst in den 1760ern wurde in Frankreich der erste Rasierer erfunden, der die Gefahr von Schnitten eindämmte und das Gesicht nicht aufkratzte. In einer Zeit, in der jede Wunde eine Gefahr darstellen konnte, da sie sich entzünden und sogar Wundbrand auslösen konnte, riskierte natürlich niemand, der sich keine gute medizinische Versorgung leisten konnte, sich beim Rasieren zu schneiden und am Ende für ein haarloses Gesicht an einer Entzündung zu sterben.

Die Kunst von der Renaissance bis in den Rokoko zeigt meistens Frauen, aber auch viele Männer, oft ohne jegliche Körperbehaarung, was jedoch nicht darauf zurückzuführen ist, dass die Menschen ihre Körperbehaarung entfernt haben. Das war keinesfalls der Fall. Viel eher wird besonders Schambehaarung auf Aktgemälden nicht gezeigt, weil es zu nah an der Realität war: Schaut man sich pornographische Karikaturen und Zeichnungen aus der Zeit an, wird man feststellen, dass Körperbehaarung dort sehr wohl dargestellt wird. In der Kunst galt jedoch zu viel Realitätsnähe und realistische Nacktheit als skandalös, weil es den menschlichen Körper so darstellte, wie er wirklich war. Man findet in der Kunst an sich kaum eine realistische Abbildung eines nackten Körpers, das geht in dieselbe Richtung: Künstlerische Nacktheit war in Ordnung, solang diese Nacktheit der Realität fern blieb. Das Fehlen von Körperbehaarung in der Kunst ist also keineswegs eine Quelle für Schönheitsideale der Zeit, sondern viel eher für Schamempfinden und den Anspruch an die Kunst, nicht die Realität abzubilden.

Safety Razors und Schnurrbärte - Die viktorianischen Jahre

Über die nächsten Jahrzehnte wurden immer weitere sichere Rasierer entwickelt, doch lange Zeit blieb eine gründliche, sichere Rasur etwas für wohlhabende Männer - wir sprechen hier nach wie vor bloß von Männern, weibliche Haarentfernung kommt erst viel später. Denkt man an die Viktorianer, stellt man sich die Herren sehr oft mit Schnurrbart vor. Aber zu Beginn der Ära, wie in den Jahrzehnten davor, galt Gesichtsbehaarung als unzivilisiert und ein Mann von Stand leistete sich eine Rasur. Bloß Freidenker, Künstler und auch Revolutionäre, die am Rand der Gesellschaft standen, trugen den Schnurrbart bereits, doch die frühviktorianische Gesellschaft konnte darin noch nichts Schönes erkennen. Der Trend zum Schnurrbart entwickelte sich erst in den 1860er Jahren und es ist nicht ganz klar, woher er kam. Angeblich stammt er aus der Zeit des Krimkrieges, als man als Brite besonders männlich wirken wollte: Ein gepflegter Schnurrbart schien genau der richtige Weg dieses neue, männliche Image nach außen hin zu zeigen.

Trotzdem müssen trotz eines schönen Schnurrbartes Kinn und Wangen rasiert werden. Und das wurde mit dem Durchbruch auf dem Markt für Sicherheitsrasierer endlich möglich. King Camp Gillette entwickelte einen Rasierer, mit dem eine schnelle, gründliche und vor allem sichere Rasur möglich wurde. Dieser Rasierer war sehr günstig zu haben, weshalb ihn sich nun sogar Arbeiter leisten konnten und so wurde der Trend zum rasierten Gesicht auch in den weniger wohlhabenden Schichten durchgesetzt. K.C. Gillette ist natürlich der Gründer von Gillette, der Firma, die bis heute Rasierer aller Arten vertreibt. Mit dem neuen Rasierer, der in den 1890ern auf den Markt kam, endete auch der Schnurrbarttrend langsam. Das hat jedoch alles nichts mit Körperhaarentfernung von Frauen zu tun. Das liegt daran, dass das im viktorianischen Zeitalter immer noch nicht gemacht wurde. Schon allein, weil die langen Röcke und Ärmel Bein- und Achselbehaarung versteckten und die Menschen damals, Frauen wie Männer, Körperbehaarung nicht als abstoßend empfanden.

Doch das geht noch viel weiter. Körperbehaarung, besonders Schambehaarung, galt bis ins viktorianische Zeitalter sogar als erotisch. Ich hatte euch ja schon erzählt, dass Schambehaarung in der Pornographie von Renaissance und Barock eine große Rolle spielte, doch in der viktorianischen nimmt das Ganze noch einmal größere Ausmaße an: In vielen pornographischen Schriften und Zeichnungen wird Körperbehaarung als anregend und schön empfunden und auch so beschrieben. Aber auch im alltäglichen Leben spielte besonders die sehr private Schambehaarung eine große Rolle. Denn - jetzt kommt es - sie wurde unter anderem von Verliebten als Vertrauensbeweis und Zeichen von Zuneigung verschenkt. Ja. Man hat im viktorianischen Zeitalter tatsächlich Schambehaarung verschenkt. Einige Männer trugen diese ganz besonderen Haarlocken sogar als Glücksbringer am Hut. Da möchte man als erste Reaktion das Gesicht verziehen, aber auf den zweiten Blick wundere zumindest ich mich gar nicht: Meine Viktorianer eben. Und irgendwo ergibt es ja auch Sinn. Besonders Schambehaarung ist etwas, das im viktorianischen Zeitalter nur der oder die Angetraute zu sehen bekommt, also etwas sehr Intimes und Privates.

Die Edwardianer - Ärmellose Kleider und ein neuer Trend

Während Körperbehaarung bis ins späte viktorianische Zeitalter also noch als anregend, privat und erotisch galt, entstand um 1915 herum ein neuer Trend in Amerika: Ärmellose Kleider kamen in Mode. Ihr könnt oben die Anzeige sehen, die eine junge Frau in einem solchen Kleid zeigt und wie unschwer zu erkennen ist, ist ihre Achsel enthaart. Dahinter steckt ein Werbecoup, wie man ihn sich besser nicht vorstellen kann und es ist auch ein wunderschönes Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Normen Schönheitsideale verzerren und verändern können. 1915 kam nämlich noch etwas auf den Markt: Der Damenrasierer. Man begann also theoretisch von heute auf morgen Frauen einzureden, dass ihre Achselbehaarung schändlich und hässlich sei, obwohl sie ein paar Jahre zuvor noch als erotisch gegolten hatte. Falls ihr euch die Anzeige oben durchlest, wird dort von "störendem Körperhaar" gesprochen, als wäre es im Jahr 1915 bereits allgemeiner Konsens gewesen, dass Körperbehaarung hässlich ist. In Wahrheit aber ist diese Anzeige die erste öffentliche Quelle, in der diese Meinung vertreten wird.

Von Werbeplakaten strahlten jetzt Mädchen mit rasierten Achseln hinunter, Schauspielerinnen und Tänzerinnen entfernten ihre Achselbehaarung und nach und nach begannen die Damen zum neuen Damenrasierer zu greifen, man wollte ja schließlich die neuen ärmellosen Kleider tragen können ohne sich schämen zu müssen. Und jetzt schaut mal auf die Jahreszahl: 1915. Das ist Mitten im Ersten Weltkrieg und es wird vermutet, dass sich Rasiererhersteller hier mit der Modeindustrie zusammengetan haben. Man hat begonnen an Frauen zu verkaufen, weil die Männer im Krieg waren, logischerweise keine Rasierer gekauft haben und die Einnahmen zurückgingen. Und das steckt hinter rasierten Achseln.

Hinter unserem heutigen Schönheitsideal, Achselhaare hässlich zu finden und zu entfernen, steckt also tatsächlich nichts als ein cleverer Werbecoup von edwardianischen Modemachern. Das ist etwas ernüchternd, aber tatsächlich die Wahrheit. Und wenn etwas einmal Trend ist, wird es schnell zum gesellschaftlichen Muss. Allerdings ist diese Entwicklung sehr neu, viel neuer, als wir denken und als uns die Medien und unsere heutigen Gesellschaftsnormen einreden wollen: Bis in die 1940er war es nämlich überhaupt kaum Problem, wenn Frauen behaarte Achseln hatten. Das sieht man oft in alten Filmen, wenn Frauen, die durchaus als begehrenswert und schön dargestellt werden, Körperbehaarung haben und sich niemand daran stört. Erst in den letzten Jahrzehnten ist weibliche Achselbehaarung zum gesellschaftlichen Tabu geworden und gleichzeitig auch jegliche andere Art von Körperbehaarung. Es lässt sich also festhalten: Vor 1915 hat keine Frau in Europa und Amerika sich die Achseln rasiert. Und wirklich durchgeschlagen hat dieser Trend erst in den 40er und 50er Jahren. Auch die Entfernung von Bein- und Schambehaarung war vor knapp 1950 kein gesellschaftliches Muss und wurde so gut wie gar nicht praktiziert.

Ich berichte heute darüber, weil viele Menschen glauben, der Trend zum haarlosen Körper läge in der europäischen Geschichte verankert, was aber einfach nicht die Wahrheit ist. Das nächste Mal, wenn euch jemand erzählen will, Menschen hätten haarlose Körper schon immer schön gefunden, wisst ihr es jetzt besser. Genau genommen waren rasierte Achseln und Beine niemals ein Schönheitsideal, sondern bloß ein Trick von Firmen wie Gillette um ihre Produkte unter die Leute zu bringen und mehr Geld zu verdienen. Ich persönlich halte Haarentfernung,  besonders unter dem Gesichtspunkt, dass wir diesem Trend erst knapp 60 Jahre hinterherlaufen, für eine persönliche Entscheidung. Nur, weil ich es nicht schön finde, muss sich niemand für mich jegliche Körperbehaarung entfernen. Dass es in den Medien und eigentlich über all sonst seit einigen Jahrzehnten als Muss gilt, finde ich schade. Aber wie seht ihr das? Und dachtet ihr, dass dieser Kosmetiktrend schon länger bestand, als eigentlich der Fall ist? Was ist eure Meinung dazu?

Selbst nachlesen?

Adams, Russell B., Jr.: King C. Gillette. The Man and His Wonderful Shaving Device. 1978.

Hope, Christine: Caucasian Female Body Hair and American Culture. 1982.

Sherrow, Victoria: Encyclopedia of Hair. A Cultural History. 2006.

Kommentare:

  1. Die hochgeborenen Ägypter trugen zwar Perücken, aber das eigene Haupthaar hatte dennoch eine große Bedeutung.
    Im Papyrus Ebers und Papyrus Hearst sind mehrere Rezepte zum Haarwuchs und gegen das Ergrauen von Haaren überliefert. Westendorf vermutet wegen Anzahl und Anordnung der Rezepte, dass dem Ergrauen größere Aufmerksamkeit geschenkt worden sei.

    Ein Rezept für die Haarentfernung beinhaltete z.B. verbrannte Tierknochen, Fliegenkot, Fett, Sykomorensaft, Gummi und Melonensaft.

    Viele dieser Mittel waren Sympathiemittel (z.B. wird Haarausfall mit Mitteln u.a. aus Tierhaaren behandelt) oder magische Mittel; gerade bei den Haarwuchsmitteln war die Wirksamkeit wohl umstritten, da sich dort häufig Zusätze finden, die die Wirksamkeit belegen sollen.

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  2. Ich kenne mich mit dem alten Ägypten kaum aus, vielen Dank für die Ergänzung! :-)

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  3. Und ich kenne mich mit dem 19. Jh. leider kaum aus, dazu komme ich immer hierher ;-)

    Quelle war übrigens: Wolfhart Westendorf, "Erwachen der Heilkunst: Medizin im Alten Ägypten"

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