Donnerstag, 24. Oktober 2013

Was ist dran am britischen Akzent?

Aus: "Historical Atlas" von
William R. Sheperd, 1926
Der britische Akzent, so könnte man heutzutage glauben, ist ein Mysterium: Viele Menschen lieben ihn, schwärmen davon, wie er klingt und schauen britische Fernsehsendungen im Original, um ihn hören zu können. Doch eines beachten die wenigsten und das ist: Es gibt keinen britischen Akzent. Zu den britischen Inseln gehören mehrere Teile: England, Schottland, Wales und Nord- und Südirland. Und nicht nur hat jedes Land seinen ganz eigenen Akzent, nein, jede Region in jedem Land hat eigene Sprechweisen und Besonderheiten. Jemand aus dem Süden Englands spricht ganz anders, als jemand aus dem Norden Englands und das gilt für alle Regionen der britischen Inseln.

Herkunft und Konnotation - Was der Akzent über jemanden aussagt

Dass ein Amerikaner ganz anders spricht, als ein Brite wissen dahingehend die meisten. Doch natürlich gelten die verschiedenen Akzente in verschiedenen Regionen auch auf dem amerikanischen Kontinent. Am besten zu Vergleichen ist es wohl, wenn man es mit der deutschen Sprache vergleicht: Es gibt Hochdeutsch, das jedoch kaum jemand so klar spricht, wie es in Schulen gelehrt wird. Etwas Ähnliches wie Hochdeutsch gibt es auch in Großbritannien: Die Received Pronounciation. Diese RP hört man oft im Radio und im Fernsehen, doch eigentlich spricht niemand wirklich so, außer vielleicht der Queen. In Amerika gibt es den General American Accent. Genau wie Hochdeutsch und RP ist das der Akzent von Fernseh- und Radiomoderatoren, kein Akzent, den die Bevölkerung wirklich spricht.


Davon ab gibt es im deutschsprachigen Raum nicht nur regionale Unterschiede wie den norddeutschen Dialekt, das Hessische oder den bayrischen Dialekt, sondern auch eine große Zahl an kleineren Sprechweisen, die manchmal nur in einzelnen Städten gesprochen werden: Berlinerisch oder Kölsch zum Beispiel. In England unterscheidet man zum Beispiel zwischen Estuary English, das entlang der Themse gesprochen wird, Yorkshire-Englisch oder aber auch verschiedenen Stadtakzenten, zum Beispiel dem Londoner Cockney-Akzent. In den USA gibt es unter anderem den Südstaatenakzent, den Akzent der New Yorker und der Bostoner und den weit verbreiteten Midwestern Accent. An Akzenten wird jedoch nicht nur festgemacht, woher jemand stammt. Oft haften verschiedenen Akzenten und Dialekten auch Eigenschaften an, die der Sprecher angeblich hat. So wird in England oft davon ausgegangen, dass ein Cockney-Sprecher ein eher rauer, ärmerer Zeitgenosse ist, während jemand, der RP spricht als wohlhabend und kultiviert gilt. In Deutschland gibt es das natürlich auch, wenn jemand sächselt wird oft unberechtigter Weise angenommen, er müsse vom Land kommen und sich etwas trottelig anstellen. Dass diese Klischees oft nicht zutreffen, muss ich an dieser Stelle hoffentlich nicht extra erwähnen.

Rrrrrr - Rhotische und nichtrothische Akzente

Heute soll es trotz der langen Einleitung um den "britischen" Akzent gehen oder das, was viele dafür halten. Wenn jemand vom britischen Akzent spricht, meint er sehr oft die südenglischen Sprechweisen, die sich alle recht ähnlich anhören: Estuary English, Londoner Englisch, Cockney und natürlich RP, Queen's English. Was beim südenglischen Akzent oft auffällt, ist die Nicht-Rhotizität: Man spricht das R nur in bestimmten Buchstabenkonstellationen mit und meistens fällt es völlig weg. Aus "car" wird "caah", aus "clever" schnell "clevah". Gleichzeitig werden Vokale sehr hart und deutlich gesprochen. In "can't" oder "bath" zum Beispiel wird das a sehr breit gesprochen, während es im amerikanischen Englisch oft zum gedehnten "ä" wird. Der General American Accent ist außerdem rhotisch: Das r wird gerollt und immer mitgesprochen. Bei Wörtern wie "car" und "clever" hört man das r am Ende sehr deutlich.

Wieso erzähle ich euch das jetzt alles? Es ist einfach: Der "britische" Akzent, der eigentlich ein RP-Akzent ist (was man, wenn man es weiß, auch immer so benennen sollte, es gibt einfach keinen britischen Akzent), wird als urbritisch betrachtet, genau wie Tee und Scones. Aber auch genau wie Tee, ist er nicht so alt und ehrwürdig, wie man meinen mag. Wir sehen in Filmen, die im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert spielen, sehr oft Schauspieler, die einen klaren RP-Akzent sprechen, aber das ist falsch. Der so urenglische Akzent ist kaum einmal zweihundert Jahre alt und hat lang gebraucht, um in seiner heutigen Form überhaupt als existent wahrgenommen zu werden. Ich wollte das erst nicht glauben, also habe ich recherchiert und etwas herausgefunden, was Leser dieses Blogs vielleicht ein bisschen schmunzeln lässt: Der "britische" Akzent ist großteils eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts.

Neue Welt und alte Sprechweisen

Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts sprach man in England noch einen Akzent, der dem heutigen General American Accent mit seiner platten Aussprache, den "äs" und dem rhotischen r sehr nahe gewesen sein muss. Genau sagen kann man das leider nicht, denn natürlich gibt es aus dieser Zeit keine Aufnahmen, allerdings haben wir aber Werke von zeitgenössischen Linguisten überliefert, die die Aussprache bestimmter Wörter notiert haben. Aber was passierte zu Beginn des langen neunzehnten Jahrhunderts noch? 1776 kämpften sich die britischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas von der britischen Regierung frei und gründeten einen eigenen, unabhängigen Staat, die Vereinigten Staaten von Amerika. Das ist wichtig: Denn bis zu diesem Zeitpunkt galt besonders England mit seinen Gesellschaftsmustern und der Art zu sprechen als Vorbild für die neue Welt. Mit dem Bruch jedoch wollte man natürlich auf keinen Fall mehr machen, was das unterdrückende, herrschsüchtige England vorgab. Und daran muss man denken, wenn man wissen möchte, wieso amerikanisches Englisch heute so anders klingt, als Englisches.

Um 1800 vollzog sich in England eine Entwicklung, die ihresgleichen sucht. Im Süden des Landes, besonders in den großen Städten, wollten sich besonders der Adel und das höhere Bürgertum vom unteren Bürgertum abgrenzen. Bisher waren die Standesgrenzen sehr klar gewesen, doch nun verschwommen sie langsam, indem das mittlere und untere Bürgertum im Verlauf der Industriellen Revolution zu mehr Reichtum und Ansehen gelangten. Und was tat man nun, um sich von diesen Neureichen abzugrenzen? Man überlegte sich eine neue, zivilisiertere Art zu sprechen. So entstand die Received Pronounciation, die sehr vornehm, klar und elegant klingen sollte. Vor ungefähr 1780 hat auf der ganzen Welt niemand gesprochen, wie die Radiomoderatoren und Fernsehreporter der BBC, deren Akzent heutzutage für viele Menschen das "typisch britische" verkörpert. Der neue Sprachtrend verbreitete sich schnell in England: Er war relativ einfach zu erlernen und jeder, der etwas auf sich hielt, wollte natürlich die moderne, feine Sprechweise beherrschen um zu zeigen, wie kultiviert und wohlhabend man war.

Dafür wurden extra Schulen eingerichtet und Lehrbücher verfasst und natürlich erreichte der neue Akzent auch die kleineren Dörfer und breitete sich über das nächste Jahrhundert bis an Englands Grenzen aus. Noch heute kann man regelrecht mitverfolgen, wie sich die englischen Akzente verändern, je weiter man vom Süden in den Norden kommt. In vielen ruraleren Gegenden im Norden oder Südwesten Englands ist der Akzent sogar noch rhotisch und besonders ältere Menschen sprechen einen viel stärker rhotischen Akzent, als jüngere Menschen. Heute wird in England, das leider immer noch sehr klassistisch ist, ein rhotischer, undeutlicher Akzent oft mit Bauern, Trampeln und Hinterweltlern in Verbindung gebracht, während ein klarer, knapper Akzent, der der RP ähnelt, als kultiviert und weltoffen gilt - genau, wie es sich die höher gestellten Erfinder des Akzents um 1800 gedacht haben. Hier erklärt sich übrigens auch, weshalb Schottland, Wales und Irland in großen Teilen so komplett anders klingen, als Engländer. Die meisten Gegenden hier haben ihre alten rhotischen Akzente einfach beibehalten. Hierbei handelt es sich natürlich auch um Dialekte und Akzente, die sich über tausende von Jahren entwickelt haben und entwickeln. Sprache ist sehr dynamisch und man darf nicht glauben, dass sie auch in Irland im Jahr 1800 genauso klang wie heute, obwohl sich manche Sprechweisen drastischer entwickeln und andere weniger schnell.

Der amerikanische Akzent

Erst während der viktorianischen Jahre schlug dieser Umschwung jedoch richtig durch und zwischen 1830 und 1900 veränderten sich die Sprechweisen vieler Menschen in England enorm. Jedoch konnte man in vielen ländlichen Gegenden bis 1950 noch den alten, rhotischen Akzent hören: Die große Verbreitung des typisch "britischen" Akzentes erfolgte erst, als sich in jedem Haushalt Radio und Fernseher befanden und man die Nachrichtensprecher mit ihrer Received Pronounciation tag ein, tag aus hörte und begann, sich von ihnen beeinflussen zu lassen. Was hat das alles nun mit dem General American Accent und der amerikanischen Art zu sprechen zu tun? Der Sprachwechsel in England vollzog sich ungefähr zur selben Zeit, wie die Unabhängigkeitskriege und -Erklärung der Amerikaner. Amerika stand in großen Teilen kaum noch in Verbindung zu England und machte den neuen Sprachtrend einfach nicht mit. In Amerika entwickelten sich daraufhin eigene Akzente, die durch die Sprecharten der vielen Einwanderer entwickelt wurden, die aber in großen Teilen viel näher am ursprünglichen britischen Akzent liegen, als die RP. Ein interessanter Fall ist hier die Ostküste der USA, die deutlich "britischer" klingt, als der Rest der Staaten. Das liegt einfach daran, dass die Ostküste viel stärker unter britischem Einfluss stand, auch noch nach der Revolution, und den neuen Sprachtrend daher mitmachte. So hört man in New York und Bosten auch heute noch eigene, non-rhotische Akzente, die ein wenig "britisch" klingen.

Während der neue Akzent durch England schwappte, geschah in Amerika jedoch noch eine weitere Entwicklung: Zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hin, verlagerte sich der wirtschaftliche Fokus von der Ostküste auf den mittleren Westen. Plötzlich war egal, was die Reichen und Schönen an der Ostküste machten und wie sie sprachen, sie waren nicht mehr das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Staaten und somit nicht mehr "Trendsetter". Das Wirtschaftsbürgertum im mittleren Westen war die neue führende Klasse und die sprach großteils den alten, rhotischen Akzent, der sich langsam zu dem entwickelte, was heute der General American Accent ist. Tatsächlich klingen viele Akzente im amerikanischen Mittelwesten bis heute sehr stark wie der General American Accent-  und ungefähr so klang man wohl auch in England bis knapp 1770-1830. Eine der vielen Ausnahmen ist zum Beispiel der sehr breite, klangvolle Südstaatenakzent, der ganz anders klingt, als die meisten anderen amerikanischen Akzente. Dieser hat sich im neunzehnten Jahrhundert durch den großen französischen Einfluss auf die Gegend entwickelt. Auch deutsche Einwanderer entlang des Mississippis hatten Einfluss auf die Sprechweise der Südstaaten.

Was ich auch noch sehr interessant und erwähnenswert finde ist, dass es entlang der US-Küste kleinere Inselgemeinden gibt, die durch ihre abgeschottete Lage sprachlich kaum beeinflusst wurden. Der Akzent, der hier gesprochen wird, soll tatsächlich am nähsten an das alte britische Englisch herankommen. Australien hingegen, das im neunzehnten Jahrhundert durch britische Strafgefangene, aber auch durch wohlhabende Auswanderer besiedelt wurde, spricht eine interessante Variation des neuen nicht-rothischen RP-Akzentes: Zwar ist auch Australien eine abgeschottete Inselgemeinschaft, stand und steht aber unter großem Einfluss Englands, was natürlich erklärt, wieso der neue Sprachtrend auch hier angekommen ist, sich aber natürlich eigenständig entwickelt hat. Zu sagen ist auf jeden Fall, dass Sprache sehr dynamisch ist und sich innerhalb weniger Jahrzehnte stark verändern und weiterentwickeln kann, was man in vielen britischen, amerikanischen, aber auch anderen Sprechweisen auf der ganzen Welt hören kann. Sprachen und Dialekte beeinflussen sich gegenseitig stark und schnell, wie zum Beispiel in den amerikanischen Südstaaten. Wie schnell und wie stark sich ein Dialekt verändert, kommt immer darauf an, wie sehr die Gemeinschaft von außen hin beeinflusst wird.

Abschließend ist zu sagen, dass ich Dialekt- und auch Sprachwandel für etwas sehr Interessantes und auch Schönes halte, das gesellschaftlichen Wandel gut widerspiegelt. Einen künstlich herbeigeführten Sprachwandel wie im Fall der britischen Received Pronounciation, die mit völliger Absicht die alte Sprechweise ablösen sollte, ist sicherlich weniger häufig zu beobachten, wie natürlicher Sprachwandel durch Entwicklung und Beeinflussung von außen. Ich hoffe, ein paar Sprachenthusiasten unter euch fanden diesen kleinen Ausflug in die Sprachgeschichte interessant und vielleicht konnte ich sogar ein paar Leser ansprechen, die genauso anglophil sind, wie ich selbst und den typisch britischen Akzent immer für uralt hielten. Was ihr von diesem Artikel vielleicht mitnehmen solltet, ist die Unterscheidung zwischen verschiedenen britischen Akzenten: Viele Briten mögen es gar nicht, wenn man vom britischen Akzent spricht, und das ist auch verständlich, schließlich klingen sie teilweise sehr unterschiedlich und sind mit dem Stolz auf die eigene Herkunft und den Traditionen der verschiedenen Regionen verbunden. Falls euch solche sprachgeschichtlichen Exkurse interessieren, sagt Bescheid, ich habe noch so ein paar Themen zu Sprache und Dialekten, die ich gern umsetzen würde. 

Selbst nachlesen?

Algeo, John: The Cambridge History of the English Language. 2001.

Bragg, Melvyn: The Adventure of English. 2004. 

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