Geisterfotografie - Das Geschäft mit Tod und Trauer

Moses A. Dow mit dem Geist von
Mabel Warren
Foto: William H. Mumler
In den 1860er Jahren arbeitet ein gewisser William H. Mumler in Boston bei einem Juwelier als Graveur. In seiner Freizeit fotografiert er. Eines Nachmittages entwickelt er ein Selbstportrait, als er bemerkt, dass er nicht allein auf dem Bild ist. Im Hintergrund lungert ein weißer Schemen herum - das Abbild seines vor bereits zwölf Jahren verstorbenen Cousins. Mumler braucht nicht lang um zu verstehen, was passiert ist: Die Platte, die er für sein Portrait benutzt hat, ist doppelt belichtet worden. Eine völlig einleuchtende Erklärung, doch Mumler ahnt, dass nicht alle Menschen so viel über Fotografie wissen, wie er selbst.

Er entdeckt eine Marktlücke. William kündigt seine Arbeit, beginnt als Medium zu arbeiten und fertigt bald für gut zahlende Kunden, die ein letztes Bild ihrer verstorbenen Lieben wollen, Geistportraits an. Amerika trauert noch um die Opfer des Bürgerkrieges, der erst einige Monate zurückliegt, und in diese Trauer hinein trifft William H. Mumler mit seinen Geisterfotografien. Er fotografiert sogar Mary Todd Lincoln, die Frau des verstorbenen US-Präsidenten Abraham Lincoln, mit dem Geist ihres Mannes. In einer Zeit, in der ganz Amerika und Europa dem Kult um Medien, Geisterseher, Okkultismus und Séancen verfallen sind, schafft es William H. Mumler mit seinen Fotografien zu Ruhm und Geld.

Die Lügen des William H. Mumler

Wir sprechen von einer Zeit, in der die Fotografie noch etwas sehr Neues war. Wie sie funktionierte verstanden meist bloß Fotografen selbst und um Fotograf zu sein brauchte es Bildung und Geld. Man brauchte eine teure Kamera, eine Dunkelkammer und allerlei Zubehör und natürlich das nötige Wissen, um Fotografien anfertigen und entwickeln zu können. Für die meisten Menschen war Fotografieren, das detailgetreue Abbilden einer Person oder eines Gegenstandes, an sich wie Magie und es war längst nicht so leicht wie heute ein Bild zu manipulieren. Die Fotografie galt als genaues Abbild, das nicht durch das Auge des Künstlers verändert war, und zeigte genau das, was da war. Dass es trotzdem möglich war ein Bild zu manipulieren, obwohl das spezielles Wissen, Können und Talent brauchte, zeigt der Fall William H. Mumler.

Denn natürlich handelte es sich bei Mumlers Bildern nicht wirklich um Fotografien von Toten. Seine Fotografien hatten schon immer Kritiker, überall in Amerika und Europa, die durchschaut hatten, dass William den Menschen das Geld aus der Tasche zog und, dass er die Trauer der Menschen ausnutzte um Profit zu machen. William H. Mumler ließ seine Kunden glauben, dass die verlorenen Geliebten trotz des Todes als Geister weiterlebten, ein Gedanke, der nicht nur dem christlichen Bild vom Leben nach dem Tod entsprach, sondern auch den durchaus wissenschaftlich betrachteten neueren Strömungen und Untersuchungen zu Spiritismus und Geistern, die in dieser Zeit aufkamen - Zwei Dinge, die sich durchaus aneinander rieben und nicht gut zusammen auskommen wollten. Doch genau wie es viele Menschen gab, die durch Trauer, Glauben und Aberglauben daran glauben wollten, was Mumler tat, gab es realistischer denkende Menschen, die an ihm zweifelten.

Es dauerte gar nicht lange, bis William H. Mumlers Lügen aufgedeckt wurden. Doch es geschah aus Zufall: Man sah Menschen, die auf Mumlers Bildern als Geister auftraten, quicklebendig durch Boston und New York schlendern - schließlich führten die Menschen, die Mumler als Geister posieren ließ, auch ein Leben außerhalb des Betrugs. Zudem gab es Vorwürfe, Mumler sei bei seinen Kunden eingebrochen um Fotos der Verstorbenen für seine Geisterportraits zu stehlen. 1869 wurde William H. Mumler vor Gericht gestellt und wegen Betrugs angeklagt. Seine Schuld sollte bewiesen werden, indem ganz offen gezeigt wurde, wie eine Geisterfotografie erstellt wurde. Mumler wurde trotzdem freigesprochen, doch seine Karriere hatte einen gewaltigen Knick bekommen und er starb bereits in den 1880ern völlig verarmt.

Doppelte Belichtung - Die Tricks der Geisterfotografen

Doch wie hat William H. Mumler nun genau seine Fotografien hergestellt? Eigentlich war es, selbst für die damalige Zeit, relativ einfach: Man nahm eine Fotoplatte, die bereits kurz belichtet wurde, und benutzte diese für das Portrait. Die erste Belichtung wurde genutzt um den Geist abzubilden. Man belichtete die Platte bloß kurz, damit die Person nicht richtig abgebildet wurde sondern bloß als weißer Schemen erschien. Manchmal lief die Person, die den Geist mimte, auch einfach vor der Kamera herum, um den Geisterschemen zusätzlich zu verwischen. Für das eigentliche Portrait belichtete man die Platte erneut, aber diesmal natürlich richtig, damit der Kunde selbst deutlich und unverwackelt zu sehen war. Für jemanden, der mit Belichtungszeiten und den Funktionen einer Kamera nicht vertraut war, war das Erscheinen der Geister auf den Bildern natürlich wie Magie. Und da die Fotografie als genaue Abbildung der Wirklichkeit galt, glaubte man natürlich, dass auch die Geister echt waren.

William H. Mumler mag die Geisterfotografie entdeckt haben, doch er blieb bei Weitem nicht der einzige, der mit gefälschten Geisterbildern zu Geld und Ruhm gelangte. Zwischen den 1860ern und dem frühen zwanzigsten Jahrhundert verdienten in ganz Europa und Amerika unzählige Fotografen ihr Geld damit, angebliche Geisterfotografien anzufertigen. Die Geisterfotografie hing bis in die 20er Jahre sehr stark mit dem Kult um Spiritismus und Medien, die angeblich zu Geistern sprechen konnten, zusammen und viele Geisterfotografien zeigen angebliche Medien, umringt von weißlich durchscheinenden Geistern. Das war natürlich die beste Werbung, um die Kunden in die Salons der Medien zu locken. Doch nicht nur Spiritisten und Trauernde glaubten an die Geisterfotografie. Auch sehr berühmte Menschen verteidigten die Praxis bis zum Schluss. Einer von ihnen ist kein geringerer als Sir Arthur Conan Doyle, der Autor der Sherlock-Holmes-Geschichten.

The Haunted Lane, 1899
Foto: Melander & Bro., gestellte Geisterfotografie, in einem
Studio aufgenommen 
Seine Abhandlung zu dem Thema, The Case for Spirit Photography, von 1922 ist als Quelle auf jeden Fall sehr lesenswert. Ich hatte aus der Bibliothek sogar eine Originalausgabe, in der viele alte Geisterfotografien enthalten waren. Conan Doyle verlor im ersten Weltkrieg, der nach dem amerikanischen Bürgerkrieg aus ähnlichen Gründen die zweite Glanzzeit der Geisterfotografie war, seinen Sohn und glaubte fest, dass das Foto, auf dem er mit dem Geist seines Sohnes zu sehen war, echt sei. Hier haben wir auch schon den Grund, weshalb so viele Menschen an die Echtheit der Bilder geglaubt haben: Sie gaben ihnen Hoffnung, dass ihre verstorbenen Verwandten doch noch irgendwie "da" waren, dass es ihnen gut ging und sie in ihrer Nähe waren.

Das Geschäft mit dem Tod

Man merkt also: Geisterfotografie, genau wie der Medienkult an sich, stützen sich stark darauf in Zeiten von Trauer und Aufruhr, wie Kriegen, Epidemien und dergleichen, die Trauer der Menschen auszunutzen. Wenn man bedenkt, wie sehr Trauer und Schmerz die eigene Weltsicht verzerren kann, ist es kein Wunder, dass die Rechnung aufging, besonders in einer Zeit, in der nicht jeder über die technischen Mittel Bescheid wusste. Wenn man über den viktorianischen und edwardianischen Hang zum Morbiden spricht oder liest, darf man nämlich eins nicht vergessen: Im Gegensatz zu heute, wo der Tod uns weit weg erscheint und etwas Abstraktes geworden ist, mit dem die meisten Menschen kaum in Berührung kommen, war er noch vor einigen Jahrzehnten und besonders um die Jahrhundertwende etwas, das jeden Tag, immer und überall spürbar war. Kriege, Krankheiten, Unfälle... er lauerte überall und jeder, von der reichen Gesellschaftsdame bis zum Arbeiter am Existenzminimum, beschäftigte sich intensiv mit dem Thema. Der Tod war allgegenwärtig und akzeptiert, nicht verdrängt und fortgeschoben wie heute.

Noch eines darf man nicht vergessen: Während wir heute von unseren Freunden und Familien Unmengen von Fotos auf den Rechnern und Handys haben, hatten selbst wohlhabende Familien nur selten Bilder von den ihnen nahe stehenden Menschen. Eine Geisterfotografie, die es möglich machte, die Person auch nach dem Tod noch einmal zu sehen - und sei es bloß als weißer Schemen - war da sehr verlockend. Und so betrachtet waren Geisterfotos auch eine Sensation: Das Bild oben ist keine von den Portraitaufnahmen, auf denen Trauernde mit ihren geliebten Verstorbenen zu sehen sind. Es ist eindeutig gestellt und wohl das bildliche Äquivalent zu den damals aus ähnlichen Gründen sehr beliebten Gruselromanen. Keine Erinnerung an Verstorbene, eher etwas, das diesen wohligen Schauer auslösen sollte, den wir heute auch noch kennen, wenn wir Gruselfilme sehen oder Gruselromane lesen. Geisterfotografien gehörten besonders in Amerika zum Alltag, obwohl wir heute nicht mehr allzu viel davon hören und natürlich waren sie, genau wie Medien und teure, aufwendige Bestattungen, ein Geschäft mit dem Tod. Man nutzte die Trauer, die Unwissenheit und auch die Sensationslust der Menschen aus um sich selbst zu bereichern und darüber hinaus stellen sie wohl die ersten, im großen Stil angefertigten Fotomanipulationen dar.

Selbst nachlesen? 

Kaplan, Louis: The Strange Case of William Mumler, Spirit Photographer. 2008.
                  
Conan Doyle, Arthur: The Case for Spirit Photography. 1922.

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