Bartitsu - Mit Schirm, Stock und Fäusten

Porträt von Edward Barton-Wright, Montage
von Bartitsu-Kämpfern, ca. 1900
Bartitsu. Was ist denn das? Zugegeben, das Wort und die dazugehörige Kampfsportart sind heute weitesgehend vergessen. Das bedeutet aber nicht, dass die Bedeutung von Bartitsu deshalb gemindert würde. Der ein oder andere kennt das Wort vielleicht aus den Sherlock-Holmes-Romanen von Sir Arthur Conan Doyle oder hat es hier oder da mal aufgeschnappt. Lasst euch gesagt sein: Hinter dem abgefahrenen Namen verbirgt sich nicht etwa eine weitere Idee von Conan Doyle, sondern eine echte viktorianische Kampfsportart.

Selbstverteidigung mit dem Spazierstock

1898 kehrte der Brite Edward Barton-Wright aus Japan zurück, wo er drei Jahre lang gelebt hatte, und kündigte an, eine neue Art der Selbstverteidigung unter die Menschen bringen zu wollen. Angeblich hatte Barton-Wright sich immer wieder zum Test seiner neuen Kampfsportart Straßenganoven gestellt und seine Techniken, die die besten Techniken aus anderen Sportarten wie Boxen und Fechten , sowie einiger japanischer Kampfsportarten, vereinten, verbessert, bevor er seine Selbstverteidigung in allen Formen offiziell vorstellte. Die Bezeichnung, Bartitsu ist, wie man sich denken kann, eine Zusammensetzung aus dem Nachnamen Barton und Jujitsu, das Bartitsu stark beeinflusst hat.

Bartitsu war relativ kurzlebig und wurde ungefähr von 1898 bis 1902 praktiziert, war in London allerdings sehr beliebt. Es war bekannt als eine Mischung aus asiatischen Kampfsportarten, Stockkampf, französischem Savate und britischem Boxen. Bartitsu war eine Kampfsportart, die mit Händen und Füßen betrieben wurde. Jedoch auch ganz viktorianische Utensilien wie Regenschirme, Sonnenschirme und Gehstöcke wurden eingebunden, wie ihr auf dem Bild sehen könnt. Nicht nur gab es eine eigene Schule, in der man Bartitsu lernen konnte, dazu kam, dass Barton-Wright überall in London kleine Shows organisierte, in denen in spektakulären Schaukämpfen die neue Sportart vorgeführt wurde. Die sportbegeisterten späten Viktorianer nahmen Bartitsu natürlich mit Freude an und es wurde ein offizieller Bartitsu-Club gegründet, für den man sich bewerben musste. Barton-Wright fasste seinen Sport in drei Punkten zusammen: Erst einmal sollte man das Gleichgewicht des Gegners zerstören, ihn dann überraschen, bevor er Zeit hat seine Stärke zu sammeln, um ihm dann, falls es nötig sein sollte, die Gliedmaßen auszurenken. Beim Bartitsu kam es nicht auf Stärke an, sondern viel eher auf Geschwindigkeit und List, weshalb es den Kämpfern möglich war, auch viel stärkere, größere Gegner außer Gefecht zu setzen.

Sherlock Holmes, Jujutsu und Nachhall 

Die große Beliebtheit des Bartitsu lässt sich natürlich nicht nur auf den Wunsch der späten Viktorianer, sich selbst verteidigen zu können, zurückführen. Auch der Japonismus, der gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts von Europa Besitz ergreift, dürfte eine große Rolle gespielt haben. Allerdings interessierte sich auch Japan selbst für die neue europäische Kampfsportart: Nachdem Barton-Wright Jigoro Kano, den Erfinder des Kodokan Judo, geschrieben hatte, reisten mehrere  berühmte japanische Kampfsportler nach London, um im Bartitsu-Club zu unterrichten. Auch europäische Kampfsportmeister, die unter anderem Fechter oder Wrestler waren, kamen nach London, um sich dem Bartitsu-Club als Ausbilder anzuschließen, so beliebt und angesehen war Bartitsu um die Jahrhundertwende herum. Interessant ist, dass Bartitsu eine der ersten europäischen Kampfsportarten ist, die auch Frauen ganz ohne gesellschaftliche Hindernisse ausführen und erlernen durften. Es gab sogar eigens von anderen Frauen unterrichtete Bartitsu-Kurse extra für Damen, in denen sie lernten ihre persönlichen Gegenstände, wie den Sonnenschirm, zum Kämpfen einzusetzen oder wie man im langen Rock am besten kämpfte.

Da die Gebühren zu hoch waren, musste der Bartitsu-Club 1902 bereits wieder seine Pforten schließen. Abgelöst wurde das Bartitsu vom Jujutsu, das durch den Bartitsu-Club bekannt geworden war. Viele der Lehrer des Bartitsu-Clubs eröffneten deshalb nach Schließung des Clubs eigene Kampfsportschulen in London. Heute erinnert man sich bloß durch die Erwähnung in Sherlock Holmes an die Kampfsportart, die die erste Fusion von asiatischen und europäischen Kampfsportarten war. Heute gibt es, wie mir ein Kommentator berichtet hat, durchaus noch begeisterte Bartitsu-Kämpfer, auch in Deutschland, doch so allseits bekannt und geliebt wie um 1900 ist der Sport nicht mehr. Jedoch: Vor ein paar Wochen sagte mir jemand, dass sie es immer albern fände, wenn Viktorianer in Filmen oder Romanen mit ihren Stöcken und Sonnenschirmen kämpfen. Nun wisst ihr, dass es nicht nur gut möglich ist, dass Viktorianer genau das tatsächlich getan haben, sondern ein historischer Fakt. Und das ist längst nicht alles. Auch Boxen war zur Zeit der Viktorianer ein großer, beliebter Sport, aber das ist natürlich eine andere Geschichte, die ich euch demnächst erzählen möchte.

Selbst nachlesen?


Barton-Wright, Edward: Self-Defence with a Walking Stick. 1901.

1 Kommentar

  1. Es ist mitnichten so, dass Bartitsu völlig in Vergessenheit geraten wäre. Im Zuge des aktuellen HEMA-Trends ("Historical european martial arts" wird Bartitsu schon seit Jahren wiederbelebt. Auch in Deutschland gibt es ein, zwei Schulen, in denen Bartitsu unterrichtet wird.

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