Montag, 6. Mai 2013

Kunst am Körper und die Viktorianer

Mrs Steven Wagner, 1907
Ich denke seit geraumer Zeit darüber nach, mir ein Schwalbentattoo machen zu lassen. Ich habe nun sogar meinen Termin schon und bald geht es los. Viele Leute finden Tattoos hässlich und betrachten sie als Verschandelung des eigenen Körpers und bringen sie oft mit einer gewissen Wildheit in Verbindung. Allerdings, Überraschung, gehörten die Viktorianer nicht zu den Leuten, die in Tattoos bloß Rebellion und Schande sahen, sondern durchaus eine Kunst.

Wer hätte das gedacht? Doch natürlich war das nicht immer so. Vor 1862, also bereits in der Mitte des viktorianischen Zeitalters, galten Tattoos auch für die Viktorianer als etwas, dass bloß Gefangene, zwielichtige Gestalten und raue Seemänner zur Schau trugen. Also Gesellschaftsklassen, mit denen man sich als wohlhabender Mensch nicht identifizieren wollte. Meine Schwalbe zum Beispiel, die ja heute nach wie vor ein sehr beliebtes Motiv ist, stand ursprünglich für eine bestimmte Zahl zurückgelegter Seemeilen, ein Symbol, das von vielen Seeleuten verstanden und getragen wurde. Je mehr Seemeilen, desto mehr Schwalben. Doch in den höheren Kreisen war das natürlich gar nicht gern gesehen.

Adel und Tinte

Doch dann geschah es: Königin Victoria schickte ihren Sohn Edward, damals ein extravaganter Achtzehnjähriger, der es sich mit seinen Eltern lange verscherzt hatte, auf Lehrreise nach Jerusalem, wo der sich prompt ein Jerusalemkreuz als religiöses Statement stechen ließ. Ob die Königin erfreut darüber war, kann ich euch nicht sagen, obwohl gemunkelt wird, dass sie selbst ein kleines Tattoo gehabt haben soll, doch die englische Aristokratie war Feuer und Flamme, denn was der Thronfolger machte, das musste doch modern sein! Und bald brach ein richtiger Trend um Tätowierungen aus. Auch Edwards Söhne, darunter ein weiterer zukünftiger König von England, ließen sich in den 1880ern tätowieren und viele englische Adelige folgten ihrem Beispiel: König George V. zum Beispiel hatte einen Drachen auf dem Oberarm, den er in Japan hatte stechen lassen. Doch auch in Amerika und Großbritannien gab es bald Tätowierer, die sich auf ihr Handwerk verstanden und bereits um 1840 gab es richtige Tattoostudios.

Ein weiterer Adeliger mit Tattoo war niemand geringeres als Zar Nikolai II. von Russland, der Vater von Anastasia. Er hatte seines um 1890 auf einer Asienreise bekommen und es wird gesagt, dass er noch mehr gehabt haben soll. Mit Sicherheit sagen lässt sich das aber nicht, denn natürlich zeigten die Viktorianer ihre Tattoos nicht offen herum, schließlich galt es immer noch als unschicklich seinen Körper so vorzuzeigen. Allerdings soll es in Herrenclubs durchaus dazu gekommen sein, dass man die Hemden auszog um zu zeigen, was man tätowiert hatte. Das Tätowieren war um die Jahrhundertwende, ähnlich wie für die Seemänner der Zeit, von denen über 90 Prozent tätowiert gewesen sein sollen, eher eine Art Ritus: Als Andenken an eine Reise in ein fernes Land und durchaus auch als Statussymbol ließ man sich tätowieren. Und glaubt nicht, dass diese Adeligen Schwalben, Anker, Jungfrauen oder Seemonster auf ihrer Haut getragen hätten wie die Seemänner. Eher waren es traditionelle Symbole, die an das Land, in denen die Tattoos entstanden, erinnern sollten und vielleicht galt es als eine Art Ehre als Ausländer ein solches Symbol tragen zu dürfen. Vielleicht war es für einige aber auch Spieltrieb: Einige exzentrische Dandys sahen Tattoos als ästhetische Kunst am eigenen Körper an, wie wir es heute auch noch tun.

Viele Quellen zu diesem Thema gibt es nicht, denn alles, was mit nackter Haut zu tun hatte, wurde von den Viktorianern bloß unter dem Tisch gehandelt und nicht dokumentiert und festgehalten. Das ist sehr schade, doch hin und wieder findet man Fotos und Zeichnungen von stark tätowierten Viktorianern. Leute wie die Zirkus- und Varietéarbeiterin Mrs Steven Wagner, eine voll tätowierte Frau, die ihr auf der Fotografie oben sehen könnt, muss man da aber ganz klar von Adeligen und wohlhabenden Menschen unterscheiden: Für reiche Menschen waren Tattoos meist bloß ein Trend und sich von japanischen Meistern tätowieren zu lassen war natürlich obendrein auch wieder einmal ein Beweis, dass man sich das überhaupt leisten konnte. Kaum ein wohlhabender Viktorianer wird ähnliche Ganzkörpertattoos zur Schau gestellt haben, wie Mrs Wagner. Doch während in den 1890ern die Oberklasse ganz wild auf Tattoos war, angeblich war einer von fünf Adeligen tätowiert, galt es in den unteren Schichten wie berichtet bereits lange zuvor als schick.

Tattoos als Symbol

Captain Cook brachte bereits 1769 den Tattootrend mit in die unteren Schichten von England, nachdem er Länder besucht hatte, in denen Tätowierungen Gang und Gebe waren. In der britischen Armee waren Tattoos sehr gern gesehen und eine Zeit lang musste jeder das Wappen seines Regiments als Tattoo tragen. Erstens stärkte das das Gemeinschaftsgefühl innerhalb des Regiments und zweitens war es so leichter gefallene Soldaten zu identifizieren. Tom Riley, der wohl größte Tätowierer des neunzehnten Jahrhunderts, begann als Armeetätowierer, bevor er die Armee verließ und ein Studio in London eröffnete, um reiche Adelige zu tätowieren. Sein Cousin erfand zu Beginn der 1890er übrigens die elektrische Tattoonadel, die das Tätowieren einfacher, weniger schmerzhaft und hygienischer machte. Seemänner ließen sich Tattoos ab den 1700ern als Souvenir von den Orten, zu denen sie gereist waren, stechen. Ein Drache zum Beispiel zierte oft einen Matrosen, der in China gedient hatte, der Anker galt als Symbol für jemanden, der den Atlantik durchkreuzt hatte. Doch auch als weniger regional begrenzte Symbole dienten Tattoos: Die Schwalbe symbolisierte an sich Freiheit und wie weit jemand gereist war, der Nordstern war ein beliebtes Symbol, da nach dem Aberglauben der Seemänner jemand, der den Nordstern trug, niemals verloren gehen könnte.

Nackte Frauen, die heute nach wie vor als das seemännische Tattoo schlechthin gehandelt wurden, gab es übrigens aus einem sehr unseemännischen Grund so oft: Es war verboten, obszöne Tattoos zu tragen, wenn man in die britische Marine wollte und so ließen sich Männer, die nicht eingezogen werden wollten, einfach eine nackte Frau stechen und schon waren sie für den Dienst auf See nicht mehr geeignet. Es soll vorgekommen sein, dass ein Mann seine Meinung geändert hat und doch in die Marine wollte. Geschah das, beauftragte man einfach einen Tätowierer, der nackten Frau ein Kleid anzuziehen und schon konnte man doch noch Dienst auf See leisten. Autoren und andere Interessierte sollten aber aufpassen: Dieser Trend bezieht sich nämlich kurioserweise bloß auf England und später auf Amerika. In anderen Teilen Europas, Frankreich zum Beispiel, galten Tattoos immer als obszön und Verbrechern vorbehalten.

Frauen und Tattoos

Olive Oatman, circa 1857
Nun habe ich hier die ganze Zeit bloß von Männern gesprochen, doch natürlich gab es auch Frauen mit Tattoos. Das ist überraschend, wenn man das Frauenbild der 1800er betrachtet, doch es war keine Seltenheit. Auch reichen Frauen gefiel der Trend sich tätowieren zu lassen. So hatte zum Beispiel Jennie Churchill, die berühmte Mutter des berühmten Winston Churchill, ein Schlangentattoo um das Handgelenk. Doch natürlich waren die Tätowierungen reicher Damen nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Jennie Churchill trug oft auffällige Armbänder, um das Tattoo in der Öffentlichkeit zu verstecken.

So manche Gesellschaftsdame wird unter den langen Ärmeln der damaligen Mode, unter ihrem Schmuck oder kunstvoll geknoteten Seidenbändern Tättowierungen versteckt haben, die sie nur enge Freunde sehen lassen wollte. In Amerika setzte sich der Trend erst um 1900 durch, in Großbritannien aber war es bereits um 1880 kein Problem mehr, sich als reiche Dame tätowieren zu lassen. Der Tätowierer durfte aber natürlich kein Mann sein. Da sich die Dame teilweise entkleiden musste, musste eine Tätowiererin ins Haus der Dame kommen, um das Kunstwerk auf der Haut anzubringen.

Eine ganz andere Funktion hatten Tätowierungen allerdings für ärmere Frauen. Frauen, die im Zirkus arbeiteten oder als Varietékünstlerinnen, wie Mrs Wagner. Die erste vollständig tätowierte Frau soll Nora Hildebrandt gewesen sein: Sie trat als Tänzerin auf und zeigte den begeisterten, meist männlichen Zuschauern ihre tätowierten Beine. Nora forderte natürlich auf diese Weise durchaus Geschlechterrollen heraus, doch ihr Auftreten hatte auch eine rassistische Komponente: Sie behauptete nämlich, sie sei als Mädchen von Native Americans entführt wurden, die sie gezwungen hatten die Tattoos anfertigen zu lassen. In Wahrheit war Noras Vater Martin jedoch ein bekannter Tattookünstler. Die Geschichte hat Nora sich jedoch nicht einfach so ausgedacht: Im Jahr 1851 wurde die vierzehnjährige Olive Oatman tatsächlich von Native Americans entführt uns später an die Mohave verkauft. Als sie fünf Jahre später zurück in die weiße Gesellschaft kam, trug sie Tätowierungen am Kinn: Ein Zeichen dafür, dass die Mohave, die Olive gerettet hatten, sie als Stammes- und Familienmitglied betrachteten. Olives Geschichte sorgte für großen Wirbel in der amerikanischen Gesellschaft und dürfte der Auslöser für die vielen tätowierten Varietémädchen sein, die behaupteten ein ähnliches Schicksal erlebt zu haben.

Selbst nachlesen?

Margot Mifflin: Bodies of Subversion. A Secret History of Women and Tattoo. 2013.

Kommentare:

  1. Super interessanter Artikel. Danke Charlotte.
    Davon hatte ich noch nie gehört, dass Tattoos so in waren und sogar Brustpiercings! Eine Tattoowiererin um 1880 wäre mal eine interessante Figur für eine Geschichte. Da könnte ich meinem Prota glatt auch eins verpassen, es würde zu ihm passen.

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  2. Das mit den Tattoos wusste ich, aber über die Brustpiercings bin ich bei der Recherche gestolpert. Tattoos sind etwas, das man den Viktorianern gar nicht zugetraut hätte, oder? :-D

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  3. Eine kleine Anmerkung zu tätowierten Frauen: Kaiserin Elisabeth von Österreich "Sisi" hatte ein Tattoo. Laut Katrin Unterreiner, der ehem. wissenschaftlichen Leiterin der Kaiserappartments in der Hofburg, ließ sie sich Ende 1888 einen Anker auf die Schulter stechen. Allerdings heimlich auf einer Reise. Der Kaiser soll davon nicht begeistert gewesen sein... Quelle: Katrin Unterreiner "Die Habsburger", Styria Verlag

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    1. Ha, danke für den Hinweis! :D Da sieht man es doch mal wieder.

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  4. Dieser Artikel hat mein Herz grad zum hüpfen gebracht :) Vielen Dank dafür! Ich musste direkt meinem Freund ein paar Passsagen daraus vorlesen.

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    1. Das freut mich sehr. :-) Es ist aber auch ein tolles Thema. Ich will mal schauen, dass ich in Zukunft noch mehr über so unbekannte Trends des viktorianischen Zeitalters mache.

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