Mittwoch, 13. März 2013

William Terriss - "Der Tod ist der Anfang der Unendlichkeit"

William Terris, in "The Bells of
Haslemere", 1887
Eine berühmte Londoner Legende besagt, dass in der U-Bahnstation Covent Garden ein Gespenst umgeht. Viele Leute wollen diesen Geist gesehen haben, nicht bloß in der Station, sondern auch im nahen Adelphi Theater. Immer wieder behaupten Londoner und Touristen den Herren zu sehen und selbst der History Channel hat schon von ihm berichtet. Viele wollen ihn sogar erkannt haben: William Terriss soll es sein, der in der U-Bahn spukt. Doch wer war der Mann, der heute eine beliebte Spukgeschichte ist?

Der verwegene Charmeur

Geboren wurde William Terriss am 20. Februar 1847 als William Charles James Lewin in London. Er war der Sohn eines Anwalts und laut seinen Schulfreunden nicht besonders am Unterrichtsstoff interessiert. Schon als Kind soll er lieber auf Bäume geklettert sein und noch als Erwachsener hielt er sich gern draußen auf. Er wurde als sportlicher und aufgeweckter Jugendlicher beschrieben und versuchte sich zuerst in mehreren verschiedenen Berufen im Ausland - unter anderem als Teebauer in Bengalen -, bevor er um 1870 zum ersten Mal in London die Bühne betrat. Er nahm seinen Bühnennamen an und wurde sehr bald einer der beliebtesten britischen Schauspieler. Seine Rollen waren vielfältig, doch beliebt war er für seine Shakespeare-Darstellungen und für verwegene, abenteuerliche Rollen wie Robin Hood. 1880 trat er dem Ensemble des berühmten Henry Irving bei. Nebenbei spielte er vorwiegend im Adelphi Theater, das für seine Dramen berühmt war.


1870 heiratete er Isabelle Lewis und aus der Ehe ging eine Tochter hervor: Ellaline Terriss, die später eine berühmte edwardianische Schauspielerin wurde. Obwohl er bereits große Bühnenerfolge gefeiert hatte, konnte William die weite Welt doch noch nicht aufgeben. Er reiste zusammen mit Isabelle herum, unter anderem nach Südamerika oder die USA, wo er unter anderem Schafe und Pferde züchtete. Immer wieder packte William die Abenteuerlust, die er niemals ganz verlieren sollte. Sein gutes Aussehen und elegantes Auftreten machten ihn jedoch auf Londons Bühnen sehr beliebt.  1885 traf er auf die vierzehn Jahre jüngere Schauspielerin Jessie Millward. Zusammen mit Jessie feiert er große Erfolge und bald sind die beiden als eingespieltes Liebespaar bekannt. Die beiden wurden auch im wahren Leben ein Paar und tourten zusammen durch Amerika und Europa. Bekannt als "Breezy Bill" machte er sich als verwegener Abenteurer einen Namen, doch William Terriss war vor allem ein sehr gutherziger Mann: Eines Abends erreichte er das Theater klitschnass und es stellte sich erst später heraus, dass er in die Themse gesprungen war, um einen kleinen Jungen zu retten. Doch diese Gutherzigkeit wurde ihm bald zum Verhängnis.

Mord im Adelphi-Theater

William Terriss hatte dem jungen Schauspieler Richard Archer Prince mehr als einmal aus der Patsche geholfen. Richard war alkoholabhängig und bekam kaum noch Rollen, doch William setzte sich für ihn ein und lieh ihm sogar Geld. Als Prince entlassen wurde, gab William Terriss ihn trotzdem nicht auf, schickte ihm weiterhin Geld und hörte sich nach Rollen für ihn um. Doch Princes Alkkoholsucht und seine unstabile psychische Kondition holten den jungen Mann bald ein: Am Abend des 16. Dezembers 1897 fing er Terriss außerhalb des Adelphi Theaters ab und stach ihn nieder. Wie es oft so ist, wurde der eh schon berühmte Terriss nach seinem Tod noch berühmter. Die Londoner Gesellschaft wollte alles über den Fall wissen, doch der Prozess gegen Prince ließ für viele zu wünschen übrig. Er wurde bloß in eine Anstalt eingewiesen, in der er 1936 starb. Die Empörung darüber, dass ein Mörder - noch dazu der Mörder eines geliebten Schauspielers - so einfach davon kam, war für viele ein Skandal. Henry Irving, der zu einem guten Freund von Terriss geworden war, äußerte den Verdacht, dass Prince bloß davon kam, weil William Terriss bloß ein Schauspieler gewesen war und man Schauspieler um 1900 zwar feierte, aber gleichzeitig nicht besonders hoch ansah.

Der Bericht der Miss Millward

Jessie Millward, die an dem Abend zusammen mit Terriss auf der Bühne stehen sollte, berichtete in den 1920ern in ihrem Buch "Myself and others" von dem Abend, an dem ihr Geliebter ermordet wurde. Inwieweit ihre dramatische Erzählung richtig ist, sei einmal dahingestellt, doch interessant zu lesen ist sie definitiv. Darin berichtet sie, wie sie Prince im Theater begegnete, kurz bevor William eintraf. Sie habe ihm Geld geben wollen, doch sein wütendes Gesicht jagte ihr Angst ein. Kurz darauf hörte sie Terriss ins Gebäude kommen und dann eine merkwürdige Stille. Als sie nachsehen kam, brach der Schauspieler zusammen. Was sich liest wie ein dramatischer Roman, wird zumindest auf der Wahrheit basieren, obwohl man natürlich nicht jedes Wort für bare Münze nehmen darf.

"I put my arms round him to support him, when we both fell to the ground on the bare boards at the foot of the staircase leading to our dressing-rooms. «Mr. Terriss has met with an accident!» I remember calling wildly. «Send for a doctor!» We seemed surrounded with people, doctors came running from Charing Cross Hospital, the world was full of whispers and I felt that all was hopeless. He was lying on my right arm, and I held his hand in my left hand. We were now alone. He opened his eyes, and faintly squeezed my hand. «Sis! Sis!» he whispered. And that was all. [...] As I gazed my last on my comrade, my friend, I thought of the last lines he spoke on the stage in «Secret Service» the night before his death: «... Until we meet again.» And then came into my mind those glorious lines: «Death is the beginning of eternity»."

Zu Deutsch: "Ich legte meine Arme um ihn um ihn zu stützen, als wir beide auf die nackten Dielenbretter am Fuße der Treppe, die zu unseren Garderoben führte, stürzten. «Mr. Terriss hatte einen Unfall!» Ich erinnere mich, dass ich wild schrie. «Holen Sie einen Arzt!» Wir schienen von Menschen umgeben, Ärzte kamen aus dem Charing-Cross-Krankenhaus herbei, die Welt war voller Flüstern und ich fühlte, dass alles hoffnungslos war. Er lag auf meinem rechten Arm und ich hielt seine Hand in meiner linken Hand. Wir waren jetzt allein. Er öffnete seine Augen und drückte schwach meine Hand. «Sis! Sis!», flüstere er. Und das war alles. [...] Als ich das letzte Mal meinen Kameraden betrachtete, meinen Freund, dachte ich an die letzten  Sätze, die er auf der Bühne in «Secret Service» am Abend vor seinem Tod gesprochen hatte: «... Bis wir uns wiedersehen.» Und dann kamen mir diese glorreichen Zeilen in den Kopf: «Der Tod ist der Anfang der Unendlichkeit.»"


Der Mythos William Terriss

Obwohl Terriss bereits zu Lebzeiten einer der beliebtesten Schauspieler Londons und ganz Großbritanniens war, entstand erst nach seinem Tod der Mythos, der bis heute um ihn besteht. Nicht nur wurde seine Ermordung in den Zeitungen hochgeschaukelt, auch kam am Abend vor dem Mord Frederick Lane, ein weiterer Schauspieler, ins Theater und berichtete von einem unheimlichen Traum, den er gehabt hatte: Er hatte geträumt William Terriss würde blutend auf den Stufen zu den Garderoben liegen, umringt von seinen Kollegen. Drei Zeugen gelobten, dass Lane die Geschichte wirklich vor dem Mord erzählt hatte und sie sich nicht später erst ausgedacht hatte. Ob es wahr ist, sei einmal dahingestellt. Heute spukt William Terriss also im Adelphi Theater und in der nahen U-Bahnstation Covent Garden. Zum ersten Mal wurde er 1955 von einem Fahrkartenkontrolleur gesehen. Er hätte einen Mann in guter Kleidung gesehen, der traurig in die Gegend geschaut hätte. Kurz darauf sichteten auch andere Menschen den Geist und identifizierten ihn als William Terriss. Viele Londoner kennen diese Geschichte und auch einige Touristen, doch kaum jemand hier weiß, wer William Terriss war. Das finde ich ein wenig schade.

Selbst nachlesen?

Millward, Jessie: Myself and Others. 1923.

Rowell, George: William Terriss and Richard Prince. Two Characters in an Adelphi Melodrama. 1987.

Silvestre, Ruth: Final Performance. A true Story of Love, Jealousy, Murder and Hypocrisy. 2009.

Smythe, Arthur J.: The Life of William Terriss. Actor. 1898.

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