Montag, 4. März 2013

Mode 1900: Vom Stundenglas zur schlanken Figur

Abendkleid von Beer, 1900, Metropolitan 
Museum of Art, Brooklyn Museum Costume 
Collection, Geschenk des Brooklyn Museum, 
Gabe von Edith Gardiner (1926)
Und schon ist es soweit: Dies ist der vorletzte Teil meiner Reihe zur Damenmode des langen neunzehnten Jahrhunderts und der Belle Époque. Gleichzeitig ist es sicherlich einer der Spannendsten. Denn bereits in den 1890er Jahren kommt Bewegung in die Modewelt. Die Frauenbewegung, um genau zu sein. Der Einfluss von Politik und Gesellschaft auf Damenmode ist immer gegeben, aber selten so prägnant, wie in den 1900er Jahren, ein Umstand, den ihr sicherlich gleich selbst bemerken werdet. Die 1900er an sich sind ein bewegter Zeitabschnitt: Mit dem Tod der Königin Victoria im Jahr 1901 wird die edwardianische Ära eingeleitet, eine neue, modernere Zeit, aber auch die Zeit von Krise, Krieg und Umwälzungen. Auf dem englischen Thron sitzt mittlerweile Victorias Sohn Edward, in seiner Jugend bekannt als Nichtsnutz, aber mittlerweile zum verantwortungsvollen, kompetenten König gereift.

In den USA erschüttern einige Katastrophen die Gesellschaft: In Kalifornien bebt 1906 die Erde und das gerade erst aufgeblühte San Francisco wird vom Beben und dem anschließenden Brand großflächig zerstört. 1901 wird William McKinley, der US-Präsident von einem Anarchisten erschossen. Auch in Europa gibt es weitere Anschläge durch Anarchisten, eine Bewegung, die bereits in den 1890ern zur Bedrohung geworden war und für eine Gesellschaft ohne Regierung und Klassenunterschiede tötete. Doch auch in der Forschung und Wissenschaft tut sich zwischen 1900 und 1909 einiges: Albert Einstein stellt seine berühmte Relativitätstheorie vor, Marie Curie entdeckt die Radioaktivität. Der Heimphonograph wird beliebt und macht es möglich, dass die Menschen nun daheim Musik genießen können, die Kodak-Brownie-Kamera ist die erste Handkamera, die schnelle Schnappschüsse möglich macht – Die Photographie wird günstig, das Radio wird erfunden, Unterhaltung ist mittlerweile kein Privileg der oberen Schichten mehr. Das erste Zeppelin hebt ab, die Arbeiten am berühmten Panamakanal beginnen. Die Welt ist im Umschwung und das geht auch an der Damenmode nicht spurlos vorbei.

Die moderne Frau

Das Gibson Girl, das seinen Auftritt bereits in den 1890ern hatte, ist weiterhin ein beliebtes Ideal, dem besonders junge amerikanische Frauen nacheifern. Obwohl das Gibson Girl selbst als Modetrend und neues Ideal keinesfalls als Befürworterin der Frauenbewegung zu verstehen ist, drückt es doch den neuen Zeitgeist aus: Die Zeiten der Frau als gehorsame, stille Begleiterin des Mannes sind vorbei. Die neue Frau ist stolz und selbstbewusst und drückt das auch in ihrer Kleidung aus. Oben könnt ihr ein Abendkleid sehen, das um die Jahrhundertwende herum in Paris entstanden ist. Geschaffen vom deutschstämmigen Designer Gustave Beer drückt das Stück aus mit Strass besetzter Seide aus, was der Höhepunkt der Belle Époque für die Mode bedeutete: Exquisite Stoffe und Muster, feine Spitze, aufwendig gearbeitete, elegante Pariser Mode, die den Reichtum und die Eleganz der Trägerin voll unterstreicht und hervorhebt. Die Belle Époque ist auf ihrem kulturellen Höhepunkt und schillert – die Mode schillert genauso.

Die Stundenglasfigur bleibt weiterhin in Mode, erhält nun aber durch einen neuen Korsetttyp eine S-Form: Die Brust wird nach vorn gedrückt und der Rücken gebeugt, eine Unterstreichung der neuen Idealfigur. Die schmale Taille, akzentuiert durch breite Hüften und durch um die Taille gebundene Schärpen, bleiben modern, doch dazu kommt nun ein voller Busen, der nicht nur von außen durch mehrere Lagen Rüschen und Stofflagen betont werden konnte, sondern sogar vorgetäuscht: Frauen mit weniger Oberweite trugen unter der Kleidung eine Art Polster, das den Busen voller wirken lassen sollte. Dieser Stil wurde bald scherzhaft als „Taubenbrust“-Stil bezeichnet, da er an aufgeplusterte Vogelbrüste erinnerte.

Breite Hüften, schmale Taille und großer Busen wurden durch hoch aufgetürmte Haarmassen und den langen schlanken Hals zum typischen Gibson-Stil abgerundet. Auch, was den Hals betraf, gab es Hilfsmittel. Wer nämlich denkt die hochgeschlossenen Krägen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wären ein Ausdruck von Prüderie, liegt falsch. Der hohe Kragen lässt den Hals länger und schmaler wirken und war an Tageskleidern sehr beliebt. Abendkleider hingegen haben oft, wie ihr am Beispiel oben sehen könnt, sehr tief sitzende Ausschnitte. Die Mode des frühen edwardianischen Zeitalters konnte nicht extravagant genug sein: Tages- sowie Abendkleider verfügten über lange Schleppen, Hüte waren groß und breitkrempig und geschmückt mit allerlei Schleifen, Bändern, Stoffblumen, Federn und teilweise sogar ausgestopften Vögeln, das Haar konnte nicht lang und voluminös genug ausfallen. Eleganz und Dekadenz der Belle Époque prägen die Pariser Mode ganz gewaltig.

Die sportliche Frau

Einen Bruch gibt es ungefähr in der Mitte der Dekade, als Pariser Modehäuser eine neue Idealfigur vorstellen: Die Hüften schmaler, die Brust flacher, die Taille breiter. Um diese neue, weniger kurvige Figur zu akzentuieren wurden die Röcke kürzer, reichten bloß noch bis zum Knöchel, und die Schleppe verschwand. Ich sage es gleich dazu: Hier hat 1905 natürlich kein abrupter Wechsel stattgefunden, sondern ein langsames Ablösen des alten Ideals. Besonders in Abendkleidern der späten 1900er ist der lange Rock mit Schleppe immer noch deutlich vertreten, während man den Wandel weg vom vollen Busen und der schmalen Taille durchaus deutlich sehen kann. Am Beispiel rechts lässt sich zum Beispiel die breitere, höher angesetzte Taille, die auch die Mode der 1910er noch stark beeinträchtigen würde, und die weniger betonte Brust gut erkennen. Aber wie ist es zu diesem neuen Ideal gekommen, nachdem das Stundenglas bald siebzig Jahre in Mode gewesen war?

Dinnerkleid, 1908, House of Worth,
Metropolitan Museum of Art,
Brooklyn Museum Costume
Collection, Geschenk des Brooklyn
Museum, Gabe von Mrs. Harry T.
Peters (1962)
Um 1900 herum, dank mehrerer sozialer Bewegungen, wurde es Frauen endlich möglich, ohne gesellschaftliche Hindernisse Sport zu treiben. Und wie es mit solchen Dingen öfter ist, wurde die neue sportliche Frau, die aus dem Haus ging, Rad fuhr und sich körperlich betätigte sehr bald ein neues Ideal. Die sportliche Figur, schlank, ohne ausgeprägte Kurven oder die noch einige Jahre zuvor beliebten Rundungen, entwickelte sich zum neuen Ideal, das sich in der Mode widerspiegelte. Das bedeutet natürlich nicht, dass nun all die Frauen, die mit ihrer volleren Figur jahrelang im Trend gewesen waren, plötzlich stark abnahmen. Diese Trends sind als schleichender Wandel zu verstehen und die 1900er und 1910er dürften eine Periode gewesen sein, in dem kein Körpertyp dem anderen als überlegen angesehen wurde. Leider hielt sich das nicht, den spätestens in den 1920er Jahren hatten Frauen dünn und knabenhaft zu sein, die vollere Figur war endgültig in Missgunst gefallen. Die neue Mode erinnert nicht zufällig an den Empirestil, der bereits zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts beliebt war: Auch in den 1900ern wollte man fort vom Künstlichen und zurück zu einer natürlicheren Figur.

Das Kleid oben rechts stammt aus dem Hause Worth, das in den 1890er Jahren noch die Anlaufstelle für Mode in Paris schlechthin war. Am Schicksal des Hauses Worth, das berühmt war für seine filigranen, verspielten, aufwendigen Stile, lässt sich gut erkennen, was in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg geschah: Die Haute Couture ging in Massenproduktion, schöne Mode soll für alle Klassen erschwinglich werden, die teuren, handgeschneiderten Kleider von Worth oder Beer sind nicht mehr gefragt. Durch den neuen Trend wird auch Sportkleidung für Frauen praktischer und inspirierte das Kostüm, das als Alternative zur filigranen Pariser Nachmittagsmode beliebt wurde. Das Kostüm war revolutionär. Nicht nur, weil es über praktische einfache Röcke, dazu passende Jacken und Blusen verfügte und im Gegensatz zur Pariser Mode schlicht und praktisch wirkte. Auch sind die Kostüme den Anzügen der Männer nachempfunden und werden nicht mehr von Modehäusern hergestellt, sondern von Herrenschneidern. Sie bedeuten einen Befreiungsschlag für die Dame der 1900er: Sie kann sich frei bewegen, Fahrrad fahren und Sport treiben, Auto fahren und arbeiten gehen.

Als letztes Jahrzehnt der Belle Époque werde ich euch bald noch die 1910er vorstellen und einen Ausblick auf den Ersten Weltkrieg und die Wilden Zwanziger geben, die Modeentwicklungen bereit halten, für die um 1900 der Grundstein gelegt wurde. Ich hoffe, ihr seid bereits gespannt auf das letzte Kapitel Belle-Époque-Mode. Danach geht es natürlich auch mit den Herren endlich weiter, denn auch die Herrenmode macht bemerkenswerte Veränderungen durch, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Steele, Valerie: Paris Fashion. A Cultural History. 1988.

Kommentare:

  1. Mal wieder ein wunderbarer und sehr informativer Artikel! Danke Kati für die Mühe, die du dir machst, ich lerne unglaublich viel durch dein Blog :-) Liebe Grüße!

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  2. Aw, danke. :-) Es macht aber auch echt Spaß, dieses Blog. Und, wenn mir selbst was gerade nicht einfällt, kann ich einfach bei mir selbst nachgucken. ;-)

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