Zwischen Pflicht und Freude - Eine viktorianische Jugend

Alice Roosevelt Longworth mit
achtzehn Jahren, ca. 1902
Foto: Frances Benjamin Johnston
Die 1950er Jahre sind die Geburt des Teenagers. Der Beginn von Jugendkultur und der Jugend an sich, das erfährt man, wenn man sich ein wenig mit der Thematik auseinandersetzt. Aber was ist eigentlich mit den jungen Leuten, die vor dem großen Umbruch nach dem zweiten Weltkrieg zwischen 12 und 20 Jahren alt waren? Gab es den „viktorianischen Teenager“? Und wenn nicht, welche Stellung hatte ein junger Mensch innerhalb der viktorianischen Gesellschaft? 

Dieser interessanten Frage möchte ich heute nachgehen, nachdem mich eine Leserin auf das Thema gebracht hat. Wie kann man sich eine viktorianische Sechzehnjährige vorstellen, einen Jungen von achtzehn Jahren im späten neunzehnten Jahrhundert? Viele Menschen scheinen davon auszugehen, dass der Viktorianer an sich mit knapp 16 Jahren den Sprung vom Kind zum Erwachsenen macht, ohne weichen Übergang. Ganz richtig ist das aber nicht. Die Jugendkultur an sich mag noch über fünfzig Jahre auf sich warten lassen, doch der Jugendliche selbst, den gibt es natürlich schon.

Every Girl’s Duty – Die viktorianische Debütantin 

Besonders für junge Mädchen war der Übergang vom Kind zur erwachsenen Frau eine Art Initiationsritus, dem viel Bedeutung beigelegt wurde. Im Alter zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren wurden Mädchen der höheren Klassen in die Gesellschaft eingeführt. Das bedeutet eigentlich nichts weiter, dass sie nun auf dem Heiratsmarkt zu haben waren, war aber mit viel mehr verbunden: Das Mädchen musste nun die Pflichten einer viktorianischen Frau wahrnehmen. Dazu gehörte nicht nur die Suche nach einem geeigneten Ehemann, sondern auch das Erproben der Fähigkeiten, die sie von Kindesbeinen an gelernt hatte und die eine viktorianische Frau haben musste. Der Haushalt musste geführt werden und das bedeutet innerhalb der oberen Schichten nicht Hausputz und Bügeln, sondern das Überwachen der Dienerschaft, das Führen des Haushaltsbuches, der Finanzen und das Kümmern um den sozialen Stand der Familie. War ein Mädchen erst einmal in die Gesellschaft eingeführt, wurden Bälle und andere soziale Veranstaltungen besucht und auch selbst organisiert und ausgetragen, denn zu den Aufgaben der Frau gehörte es, das soziale Ansehen der Familie zu wahren.

Doch auch vor dieser Einführung in die Gesellschaft, die meist mit einem großen Ball zu Ehren der jungen Dame einherging, aber auch still und leise passieren konnte, wurde eine Sechzehnjährige nicht behandelt, wie eine Zwölfjährige. Schon in der Kleidung schlägt sich das nieder: Während ein junges Mädchen, das noch nicht in die Gesellschaft eingeführt war, durchaus noch verspielte Kinderkleider in hellen Farben getragen hat, gibt es hier doch Unterschiede zu beachten. Denn der Rock der Kleider wurde von Jahr zu Jahr länger. Hierzu gab es in Frauenzeitschriften und Handbüchern genaue Angaben und Regeln, wie lang der Rock eines Mädchens in welchem Alter sein durfte oder musste. Während ein Mädchen von zwölf Jahren durchaus einen Rock tragen durfte, der bloß knapp über das Knie reichte, war der Rock einer Sechzehnjährigen mindestens knöchellang. Zum Ensemble wurden schwarze Strümpfe getragen, die bei jungen Mädchen natürlich ruhig noch hervorschauen durften. Sobald das Mädchen aber zur Gesellschaft gehörte, trug sie die neuste Mode, natürlich mit bodenlangem Rock, vernünftig geschnürter Taille und allem, was dazu gehörte. Ein anderer Marker ist das Haar: Junge Mädchen tragen das Haar offen oder Flechtezöpfen frisiert, während das für eine junge Frau unschicklich ist: Sie trägt ihr Haar nach der Mode hochgesteckt. 

Junge Mädchen oder Debütantinnen – das sind Mädchen, die ihre erste Saison als in die Gesellschaft eingeführte Damen verbringen – erkennt man auf alten Fotografien übrigens recht gut. Jugendliche sind schließlich zu jeder Zeit Jugendliche und besonders in den extravaganten Ballkleidern der Erwachsenen sehen die meisten recht kindlich und verloren aus. Ich gehe davon aus, dass die Einführung in die Gesellschaft für junge Viktorianerinnen durchaus ein aufregendes Erlebnis war und auch etwas, das Herbeigesehnt und groß gefeiert wurde. So ähnlich, wie heute der achtzehnte Geburtstag vielleicht. Trotzdem muss die neue Mode erst einmal ungewohnt gewesen sein, wenn auch viele Mädchen sicherlich stolz auf die schönen neuen Kleider und Frisuren gewesen sein werden. In den Tagebüchern viktorianischer Mädchen zwischen vierzehn und sechzehn ist immer wieder davon zu lesen, wie stolz sie auf das erste echte Korsett sind und wie sehr einige Mädchen unter ihren Müttern leiden, die das Übungskorsett so eng schnüren, dass es schmerzt, damit das Mädchen mit schmaler Teile in die Gesellschaft eingeführt werden kann, was bis ungefähr 1900 die Heiratschancen erhöht. 

Eine ganz tolle Quelle sind die Aufzeichnungen der Alice Catherine Miles, Tochter eines angehenden Barons, die in den späten 1860er Jahren als Siebzehnjährige ihre erste Saison in der Londoner Gesellschaft erlebte. Eine viktorianische Debütantin stellen sich die meisten als naives Mädchen vor, das nicht weiß, was auf es zukommt, doch Alice beweist, dass viktorianische Mädchen sehr wohl wussten, was von ihnen erwartet wurde. Alice hatte von klein auf gelernt, dass es ihre Pflicht war gut zu heiraten, doch sie hatte das Spiel, wie zweifellos viele andere Mädchen auch, durchschaut. Alice war bitter, weil sie zwar als hübschestes Mädchen weit und breit galt, aber trotzdem in ihrer ersten Saison keinen Mann fand: Da sich der „Wert“ des Mädchens als Braut von Saison zu Saison minderte, war dies natürlich der Albtraum jeder Mutter. Alice wusste allerdings, woran es lag: Ihr Vater hatte noch keinen Titel und auch junge Männer suchten sich ihre Frauen nach Status, Reichtum und Ansehen aus. Liebe war ein viktorianisches Ideal, doch Liebeshochzeiten waren trotzdem selten. Alice heiratete schließlich im Alter von zwanzig Jahren, einige Jahre nach ihrer Einführung in die Gesellschaft. Ihre Erlebnisse als viktorianische Debütantin sind in „Every Girl’s Duty“ festgehalten. Wie Alice erging es sicher vielen Mädchen: Die anfängliche Begeisterung über das neue Erwachsensein wich langsam einer herben Enttäuschung darüber, was es wirklich zu bedeuten hatte. 

Carousing – Das Zechen und der Ernst des Lebens

Auch Jungenmoden funktionierten ähnlich wie Mädchenmoden: Mit jedem Jahr, das der Junge älter wurde, glich seine Kleidung ein wenig mehr der der erwachsenen Männer, bis man im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren langsam begann Erwachsenenanzüge zu tragen. Für Jungen passiert der Übertritt ins Erwachsenenalter ganz ohne große Feierlichkeit und Aufsehen, ist dafür aber auch mit viel mehr Freiheiten verbunden. In der Regel besuchten junge Männer aus besseren Familien bis ungefähr zum achtzehnten Lebensjahr Eliteinternate, wo sie eine umfassende Ausbildung erhielten, bevor sie nach Hause zurückkehrten. Für junge Männer aus der Mittelschicht begann nun der Ernst des Lebens: Es musste Arbeit gefunden und ein eigener Haushalt etabliert werden, bevor man daran denken konnte, sich nach einer Ehefrau umzusehen. Doch besonders für junge Herren aus der Oberschicht ist dieser „Ernst des Lebens“ eher ein Vorwand. Wer studierte, tat das ab einer bestimmten sozialen Stellung eher der Form wegen, nicht, weil jemals ein Beruf ausgeführt werden sollte: Besonders der Adel musste schließlich nicht arbeiten.

Während junge Frauen vor der Hochzeit jedoch behütet und abgeschottet lebten und am besten gar nicht aus dem Haus gingen, galt für junge Männer: Erst einmal die Hörner abstoßen. Viele Leute wissen das nicht und glauben, die Jungfräulichkeit vor der Ehe würde im viktorianischen Zeitalter für Mädchen und Jungen gelten, doch das ist ein Irrtum. Es ist nicht ungewöhnlich, dass junge Männer ab sechzehn Jahren Abends ausgehen um zu feiern und mit jungen Frauen zu schlafen, die auf ihren Ruf nicht achten müssen, unter anderem auch mit Prostituierten. Natürlich durfte man den gesellschaftlichen Ruf der Familie nicht mit allzu dollen Eskapaden ins Wanken bringen, doch das „Hörner abstoßen“ galt als Stufe im Leben eines jungen Mannes auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Er sollte sich ausleben, bevor er verantwortungsvoll wurde, einen Haushalt gründete und sich nach einer geeigneten Ehefrau umsah. Dieses scharfe Trennen zwischen den Geschlechtern ist ohne Frage eine schreiende Ungerechtigkeit und dürfte auch den ein oder anderen sozialen Missstand der viktorianischen Jahre erklären.

Geheiratet wurde als Mann in der feinen Gesellschaft in der Regel mit Anfang bis Mitte 20 oder sogar noch später. Hier blieben Männern einige Freiheiten offen. Natürlich kann man an dieser Stelle auf die Pflichten der Männer hinweisen. Als arbeitender Mann hatte man ordentlich jeden Morgen zur Arbeit aus dem Haus zu gehen, seinen Ruf aufrecht zu erhalten, ein anständiges Leben zu führen. Das sollte aber nicht darüber wegtäuschen, dass auch ein verheirateter, arbeitender Mann im Gegenzug zu seiner Gattin, die bei der Hochzeit meist deutlich jünger war, zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, tun und lassen durfte, wie ihm beliebte. Männer durften abends ausgehen, Damen nur in Begleitung des Ehemanns. Ehebruch und Affären waren natürlich auch für einen Mann das Ende des gesellschaftlichen Ansehens, wenn es herauskam, doch war es für eine viktorianische Frau deutlich schwerer einen Ehebruch zu beweisen und anzuklagen, als für den Mann, wenn die Dame eine Affäre pflegte. Diese kleinen Ungerechtigkeiten sind es, die das Erwachsenenleben der Viktorianer prägten. Jungen und Mädchen wurde vorgemacht, dass mit dem Erwachsenenalter das richtige Leben beginnt. Für Jungen mag das stimmen, doch Mädchen verließen den goldenen Käfig auch als erwachsene Frauen nur, wenn sie den Mut und die nötigen Mittel hatten, aus den starren gesellschaftlichen Konventionen auszubrechen.

Selbst nachlesen?

Miles, Alice Catherine: Every Girl's Duty. The Diary of a Victorian Debutante. 

Kommentare

  1. Ich finde deinen Blog ganz fantastisch!
    Dieses Thema interessiert mich so sehr und da ich gerade versuche einen Roman über ein Mädchen im England des 19. Jahrhunderts zu schreiben versuche, ist deine Seite wirklich ein Seegen.
    Vorallem was die Mode der Zeit angeht hast du mir wirklich weiter geholfen :)

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  2. Vielen lieben Dank. :-) Viel Glück mit deinem Roman!

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  3. Wow, ich habe schon so lange nach vernünftigen Informationen über diese Zeit gesucht, da auch ich einen Roman über eine englische Adelsfamilie des 19. Jahrhunderts schreiben möchte, und hier ist wirklich genau das, was ich gesucht habe. Vielen vielen Dank dafür, du hast mir wirklich geholfen! Aber eine Frage hätte ich noch: Welche Berufswege haben adelige Jungen eingeschlagen? Wwar der Beruf Soldat noch angesehen oder wurde er eher von den unteren Gesellschaftsschichten verübt?
    Über eine Antwort würde ich mich mehr als freuen, liebe Grüße, Romina (:

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    1. Erst mal vielen Dank. Es freut mich immer besonders, wenn Autoren hier landen und ich ihnen helfen kann, weil ich selbst schreibe. :-)

      Zu deiner Frage: Adelige Jungen haben im großen und ganzen oft den Beruf "reicher Sohn" und manchmal natürlich auch "Erbe" gehabt. ;) Über das Zeitalter hinweg wurde es als besonders männlich angesehen, wenn der Mann zum Arbeiten aus dem Haus ging, weshalb ganz oft Adelige und besonders junge adelige Männer kritisiert wurden: Die haben einfach nicht gearbeitet und sich auf dem Geld ausgeruht, was besonders im gehobenen Bürgertum nicht gut ankam und oft für Spott und diesen bestimmten dekadenten Ruf gesorgt hat. Es gibt ja das Gerücht, dass der älteste Sohn immer alles geerbt hat, aber das ist so nicht wahr: Meistens (!) bekam der älteste Sohn das Anwesen, doch jedes Kind (auch Frauen konnten erben) erbten einen Anteil des Vermögens, der oft groß genug war, um weiterhin von Beruf "Adeliger mit Geld" zu sein.

      Das Militär... das ist natürlich immer noch eine ehrenvolle Aufgabe für einen Mann, besonders im patriotischen England des neunzehnten Jahrhunderts. Ich denke aber, ein Adeliger würde niemals als einfacher Fußsoldat anfangen, sondern von vorne rein seinem Status wegen höher gestellt sein. (Bis 1871 wurden hohe militärische Stellungen auch einfach gekauft.) Falls zu der Zeit, zu der dein Roman spielt gerade ein wichtiger Krieg ist, ist es übrigens sehr wahrscheinlich, dass die Männer kämpfen, das galt unter angesehenen Männern als Ehrensache.

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    2. Vielen Dank für die schnelle und überaus hilfreiche Antwort! Deine Seite ist wirklich wie ein Segen für mich, denn endlich spricht auch mal jemand über die Menschen und nicht immer nur über die Politik oder dergleichen.
      Und da du auch selber schreibst, ist das für mich eine noch größere Inspiration. (:
      Mein Roman spielt um das Jahr 1880 rum und handelt von einer Herzogsfamilie - ein Herzog mit seiner Ehefrau und deren sechs Kindern. Und wie du geschrieben hast, gehen die meisten Adeligen gar nicht erst arbeiten, doch welche Aufgaben würden dann dem Herzog zuteil? Gar keine?
      Es tut mir Leid, dass ich erneut eine Frage gestellt habe, doch ich hoffe, dass du noch einmal die Zeit und Lust findest, sie zu beantworten.

      Liebe Grüße!

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    3. Du, das muss ich selbst mal nachschauen. :-) Adelige haben sich oft in der Politik verdingt. Wenn du deinem Herzog eine Aufgabe geben willst, schau dir mal an, was er an politischem Engagement mitbringen könnte. Ansonsten muss ich mal gucken, ob und welche Aufgaben so ein Adeliger übernommen hat. Einige waren auch als engagierte Sportler bekannt. Eine große Aufgabe ist ja auch das soziale Ansehen. Das fällt zwar meistens der Dame des Hauses zu, sich darum zu kümmern, aber dein Herzog muss schon wissen, was in der Politik und in der Gesellschaft los ist, um bei Gesprächen nicht wie ein Idiot dazustehen. Er könnte auch beim Militär gewesen sein. Ein Herzog, also ein Duke, gehört ja zur Peerage, ist also ein sehr hoher Adelstitel, da hat er dann schon gewisse Verpflichtungen seinem Land gegenüber.

      Aber, wenn du dir mal historische Figuren mit dem Titel Duke anschaust, wirst du merken, dass die entweder sehr hochgestellte Politiker waren oder angesehen im Militär. So richtig gar nichts gemacht hat ein Duke auch nicht. Das hängt alles mit sozialen Erwartungen zusammen. Der Sohn, der den Titel erbt, wird dann ähnliche Wege gehen müssen, wie der Vater vor ihm. :-) Aber was ein Duke abseits von Militär und Politik noch gemacht haben könnte... da muss ich mal schauen.

      Falls du noch Fragen hast, stell sie einfach. Wenn ich es weiß, antworte ich gern.

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  4. Noch einmal vielen herzlichen Dank! :) Ich werde noch mal nach ein paar Dukes schauen und gucken, was die so gemacht haben. Aber Militär und Politik hört sich ja schonmal gut an. Also, wirklich vielen Dank, du glaubst gar nicht, wie viel du mich weiter gebracht hast mit meiner Story ! (;
    Ich hoffe auch wirklich, dass bald ein neuer Blog-Eintrag zu einem weiteren interessanten Thema der viktorianischen Zeit kommt, wo dann noch mehr Einzelheiten über das Leben im 19. Jahrhundert enthüllt werden. Würde mich sehr freuen etwas Neues zu lesen.
    Liebe Grüße.

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