Montag, 28. Januar 2013

Mode 1890: Von Puffärmeln und Gibson Girls

Abendkleid, House of Worth, ca. 1897,
Metropolitan Museum of Art, Brooklyn
Museum Costume Collection, Geschenk
des Brooklyn Museum, Gabe der Prinzessin
Viggo mit Erlaubnis von Mrs Hewitt (1931)
Die neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts haben zwei Beinamen: Einmal die gay nineties, die fröhlichen Neunziger. Der zweite Beiname lautet naughty nineties, freche Neunziger. Beide Spitznamen für das turbulente Jahrzehnt ergeben sich aus den lockerer werdenden viktorianischen Moralvorstellungen, den daraus resultierenden rauschenden Festen, der immer weiter voranschreitenden Emanzipation der Frau und natürlich der großen Moralpanik des fin de siècle. 

Besonders ältere Viktorianer sahen ihre Gesellschaft auf den Untergang zuschlittern , nachdem immer wieder Dinge Schlagzeilen gemacht hatten, die nicht in das viktorianische Weltbild passen wollten: Frauenrechtlerinnen, homosexuelle Männer, lockere Moral und das offene Ansprechen und Behandeln sexueller Themen vornweg. Die sich rapide verändernde Gesellschaft des letzten Jahrzehnts des neunzehnten Jahrhundert machte einigen Menschen Angst, während sie für andere neue Freiheiten bereithielt, doch auch im Weltgeschehen tat sich etwas.

Paris wird in den 1890ern nach der Dreyfusaffäre immer wieder von Terroranschlägen erschüttert. Französische Anarchisten stehen für einen regierungslosen Staat ohne Klassengrenzen ein, indem sie Bomben zünden und Menschen töten. Auch im Rest Europas greifen erneut Protest und Revolution aller Art um sich und rüttelt die Gesellschaft auf. In den USA beginnen die „Indian Wars“, während den Native Americans auf grausame Weise ihr Land genommen wird. Doch auch der Fortschritt macht große Schritte: Die ersten Automobile werden hergestellt und verkauft, der erste Dieselmotor erblickt in Frankreich das Licht der Welt, das erste funktionsfähige Fluggerät entsteht und fliegt in Preußen, das Röntgenverfahren wird entwickelt und das Kinetoskop entsteht, mit dem man erste Filme abspielen konnte. Die berühmten Lumièrebrüder entwickeln den Cinematographen. In den Buchhandlungen erscheint Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ und bloß einige Jahre darauf wird Oscar Wilde im Skandal des Jahrzehnts wegen seiner Beziehung zu Lord Alfred Douglas verurteilt. In H.G. Wells’ „Zeitmaschine“ und „Krieg der Welten“ drückt sich der Forschergeist der Epoche aus, während mit „Dracula“ von Bram Stoker der wohl berühmteste Vampirroman der Welt erscheint. Auch Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes tritt in den 1890ern zum ersten Mal auf.

Schlichte Eleganz

Die neue Gesellschaftsordnung, die langsam aber sicher alte viktorianische Ideale ablöst, geht natürlich auch an der Damenmode des Jahrzehnts nicht spurlos vorbei. Seht ihr euch oben das Abendkleid aus dem Jahr 1897 an, fällt als erstes die drastisch veränderte Silhouette der Frau auf. Noch ist die Tournüre nicht ganz ein Relikt der Vergangenheit, denn auch in den 1890ern trägt man noch kleine Polster, die das Kleid hinten voller erscheinen lassen sollen, doch die Zeiten von Krinoline und Tournüre sind gezählt. Ganz ohne schweres Gestell fallen Röcke nun glockenförmig in einer natürlicheren Bewegung als zuvor. Doch die Stundenglasfigur, der starke Kontrast zwischen Hüften und Taille, ist noch immer in Mode: Die Taille wird weiterhin durch das Korsett eingeschnürt und mit Bändern oder Schärpen betont, die Röcke fallen in weiter A-Form. Beides könnt ihr an dem Stück aus rosafarbener Seide gut sehen: Die A-förmigen Röcke und die schmale, durch das Jäckchen betonte Taille sind die Marker der Pariser Mode zwischen 1890 und 1895. Wie das Abendkleid beweist, sind sie jedoch auch in den späteren Jahren des Jahrzehnts durchaus beliebt.

Abendkleid, 1893, Metroplitan Museumof Art,
Brooklyn Museum Costume
Collection, Gabe des Brooklyn
Museum, Geschenk von Edwin A.
Neugass (1959)
Zu Beginn des Jahrzehnts kamen Puffärmel in Mode, die in der Regel unterhalb des Ellbogens eng zusammenliefen, aber im Schulterbereich zwischen 1890 und der Mitte der Dekade immer ausladender wurden. Das hellbraune Dinnerkleid, das ihr auf dem Bild rechts sehen könnt, hat typische Ärmel für ein modernes Kleid der frühen 1890er. Diese übertriebenen Puffärmel erschaffen einen weiteren Kontrast zur schmalen Taille und unterstreichen die kurvige Figur, die im Verlauf der viktorianischen Jahre zwar maßgebliche Änderungen erfuhr, aber in ihren Grundzügen immer in Mode blieb. 

Sicherlich fällt euch noch ein Unterschied zu den Kleidern der vorangegangenen Dekade auf: Die 1890er werden schlichter, wenn auch nicht bescheidener. Der Eindruck entsteht wohl vorderrangig durch das Fehlen der pompösen Tournüre. Besonders die Röcke des Jahrzehnts wirken schlicht im Vergleich zu den überladenen Kleidern der vorangegangenen Jahre. Filigrane aufgedruckte Muster wie bei dem Abendkleid oben, oder einfache, wenn auch geschmackvolle Stickereien und Aufnäher aus Strass oder Metall wie bei dem braunen Dinnerkleid sind beliebt und geben dem Jahrzehnt eine elegante, geschmackvolle Damenmode, die weniger durch Fülle und Menge glänzt, sondern eher durch die sorgfältige Verarbeitung und die kleinen Details. 

Die Puffärmel treten vereinzelt bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auf, werden jedoch in den letzten Jahren der 1890er durch eng anliegende Ärmel abgelöst. Kleine Stoffkrausen oder Pölsterchen wie bei dem rosafarbenen Abendkleid blieben allerdings recht modern. Die Röcke der späten 1890er verlieren ihre A-Form und werden tulpenförmig. Bis zum Knie liegen sie eng an und werden dann weiter, eine Form, die durch die sehr lange Schleppe betont wird. Die späten 1890er sehen auch die Geburt des Gibson Girls, das erst in Amerika und dann auch in Europa zum neuen Ideal junger Frauen wird. Das grüne Abendkleid unten links, übrigens eins meiner liebsten Kleider überhaupt, ist ein typisches Gibson-Girl-Kleid mit seinem tiefen Ausschnitt und dem goldenen Lamé, das durch die grüne Seide schimmert. Auch ärmellose Kleider trugen Gibson Girls gern: Ihre Kleider waren schlicht, aber sehr elegant und natürlich ein wenig anrüchig, ohne aber unanständig zu sein, denn das Gibson Girl war eine moderne, selbstbewusste Frau, was sich in seiner Mode widerspiegeln sollte. Das Haar trug man dazu toupiert und durch Polster und Schwämmchen fülliger gemacht zu einem ausladenden Knoten auf dem Kopf aufgetürmt. Die Gibson-Girl-Frisur ist viel weniger streng und natürlicher, als die Haarmoden der vorigen Jahre, was sich mit den gesellschaftlichen Umschwüngen gut in Einklang bringen lässt.

Neue Frau, neue Mode 

Doch nicht nur in Abendkleidern spiegelt sich das neue Frauenbild wider. Frauen betrieben nun Sport und brauchten hierzu praktische Fahrradkleider, Reitkleider, Tenniskleider und dergleichen. Auch die Schwimmkleidung der Damen revolutionierte sich in den 1890ern drastisch. Diese neuen Sportkostüme orientierten sich stark an der modernen Form der Mode, was die Form von Oberteil und Rock betraf, waren aber bemerkenswert simpel gehalten und praktisch genug, um den Sport darin auch wirklich ausführen zu können. Hier wirkt die Frauenbewegung des späten neunzehnten Jahrhunderts, die sich nicht nur dafür einsetzte, dass Frauen endlich auch erlaubt war, Sport zu treiben, sondern auch für gesündere, weniger unpraktische Mode für Frauen. Dies schlägt sich natürlich auch stark in der neuen Form der Pariser Mode wieder, die nun ohne sperrige Gestelle und viel Stoff auskommt. Darüber hinaus war es jungen Frauen aus angesehenen Familien des Bürgertums mittlerweile erlaubt arbeiten zu gehen und eigenes Geld zu verdienen. Als Verkäuferinnen in angesehenen Modegeschäften trugen sie meist schlichte, aber modische Uniformen, während sie als Sekretärinnen natürlich Mode brauchten, die seriös und praktisch war.

Abendkleid von Doucet, ca. 1899,
Metropolitan Museum of Art, Brooklyn
Museum Costume Collection, Gabe des
Brooklyn Museum, Geschenk von Mrs.
Daniel M. McKeaon & Robert Houget
Jr. (1965)
Diese neue Kleidung für die arbeitende Frau, Sekretärin, Lehrerin oder gar Journalistin, war stark an die Kleidung der Männer angelehnt: Es gab eine modisch geschnittene, meist weiße Bluse mit Hemdkragen und Knopfleiste, angelehnt an Männerhemden, einen modisch geschnittenen, robusten Rock und ein dazu passendes Jäckchen, das natürlich auch am momentan modernen Schnitt für Herrensakkos orientiert war. 

Während diese Blusen bei Frauen der Arbeiterklasse schlicht und funktional gehalten waren, trugen junge arbeitende Frauen aus dem angesehenen Bürgertum sie natürlich ein wenig stärker verziert, mit Strass oder Schleifen. Diese Arbeiterinnen-Mode suchte sich bald einen Weg in die Pariser Mode und so trugen auch bald wohlhabende Damen, die gar nicht arbeiten gingen, auf der Straße edle, elegante Variationen des Kostüms. Ein weiterer Durchbruch auf dem Weg zur modernen Mode ist das Teekleid: Es existiert zwar schon ein wenig länger, kann in den 1890ern aber erstmals außerhalb des Hauses getragen werden. Das verspielte, lose sitzende Kleid, unter dem man das Korsett bloß lose geschnürt trug, avancierte zur beliebten Sommermode. 

Abschließend ist zu sagen, dass die 1890er außerdem den Beginn der Massenproduktion von Mode sehen, die sich in den 1900ern durchsetzen wird. In den späteren Jahren der Dekade eröffnen die ersten Warenhäuser, die auch edle „ready-made“ Kleider für wohlhabende Damen anbieten. Zuvor hatte man sich seine Kleider nach den eigenen Wünschen vom Schneider anfertigen lassen. Nun konnte man sie im Warenhaus „von der Stange“ kaufen, oder in Modehäuser wie das House of Worth gehen, wo man sich die Entwürfe der ersten Modedesigner an den Verkäuferinnen ansehen konnte, bevor man entschied, ob man ein Kleid kaufen wollte. Auch das ist ein revolutionärer Schritt in Richtung Zukunft, da diese Neuerung elegante, exquisite Mode, die zuvor dem oberen Bürgertum und dem Adel vorbehalten war, nun auch für das untere Bürgertum erschwinglich machte. Der moderne Modemarkt, auf dem sich fast jeder schöne, moderne Kleidung kaufen kann, war entstanden. 

Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996. 

Cunningham, Patricia: Dress and Popular Culture. 1991.

Nunn, Joan: Fashion in Costume, 1200–2000. 2000.

Steele, Valerie: Paris Fashion. A Cultural History. 1998.

Kommentare:

  1. Ich kann das Bild von der Zeichnung leider nicht finden :/

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  2. Das liegt daran, dass ich es raus genommen, aber den Text nicht angepasst habe. Ich räume gerade das Blog auf und bearbeite die Posts ein bisschen. Das sollte ich wohl gründlicher machen. :x Danke für die Anmerkung.

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