Winter in der Belle Époque IV : Die Weihnachtskarte

Erste Weihnachtskarte - Sir Henry Cole & John Callcott Horsley, 1843
Vor dem Jahr 1843 war die Weihnachtskarte, wie wir sie heute kennen, noch völlig unbekannt. Zu Weinachten schrieben sich die Menschen lange Briefe, in denen sie den Familien, die ihnen nahe standen ein schönes Fest wünschten. Dem Erfinder Sir Henry Cole, der keine zehn Jahre später als Initiator der Great Exhibtion in London von 1851 in die Geschichte eingehen sollte, aber hatte eine Idee. Vor drei Jahren hatte er dabei geholfen die Penny Post in England zu verbreiten und erneut würde er das Postwesen revolutionieren. 

A Merry Christmas - Die erste Weihnachtskarte

Er entwickelte die allererste kommerziell verkaufte Weihnachtskarte und beauftragte den Maler und Illustrator John Callcott Horsley damit ein passendes Design zu erdenken. Das Bild zeigte eine große Familie beim Weihnachtsessen, eingerahmt von zwei weiteren Bildern, die arme Menschen zeigen, denen Essen und Kleidung gebracht wird. Das Bild erinnert an ein Triptychon, wie sie oft in Kirchen als Altarbilder vorkommen. Die Weihnachtskarte war ein voller Erfolg. Während eine der ersten Karten an Sir Henrys Großmutter ging, wurden noch im selben Jahr über 2000 handkolorierte Karten gedruckt, verkauft und verschickt. Links könnt ihr die Karte sehen. Besonders praktisch sind die leeren Felder, in denen man eintragen kann, von wem die Karte kommt und an wen sie gerichtet ist. Die fein hergestellten Karten von Sir Henry Cole waren zwar die erste kommerziell erfolgreiche Weihnachtskarte, aber bei weitem nicht für die gesamte Bevölkerung gedacht: Eine Karte kostete einen Shilling. Zum Vergleich: Die Wochenmiete eines einfachen Arbeiters kostete rund fünf Schilling. Zum Vergleich: Ein gewöhnlicher Arbeiter verdiente höchstens 1 Pfund in der Woche, also knapp 20 Schillinge. Die Weihnachtskarte war also sehr teuer. 

Die Motive der ersten Weihnachtskarten allerdings sind ganz anders, als wir es uns heute vorstellen: Meist zeigten sie nämlich Blumen oder schöne Landschaften und keine religiösen oder weihnachtlichen Motive. Die Karten sollten den Empfänger daran erinnern, dass bald der Frühling kommen würde. Auch Bilder von fröhlichen Kindern und Tieren waren sehr beliebt, sowie reich verzierte Karten mit Spitzenrand, glitzernden Motiven oder goldenen Einlagen. Ein weiterer, lustigerer Trend waren Weihnachtskarten mit schwarzhumorigen Witzen oder sogar gewagten und leicht vulgären Motiven. Diese Karten wurden sicherlich nur von Menschen verschickt, die an sich für ihren scherzhaften Charakter bekannt waren und flatterten bestimmt eher engen Freunden ins Haus, die den Spaß verstanden. Die lustigen oder anstößigen Karten waren recht günstig zu kaufen, während die beliebten Trickkarten sehr teuer waren: Sie verfügten über kleine mechanische Vorrichtungen oder Bildern, die sich beim Aufklappen aufstellten und einen 3D-Effekt erzeugten. Die meisten Karten enthielten bloß die typische Grußfloskel, doch manchmal findet man auch Karten mit kleinen Gedichten oder passenden Bibelversen. Typische Weihnachtsmotive kommen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auf. 

And A Happy New Year - Das Vermächtnis der Weihnachtskarte 

Französische Weihnachtskarte, ca. 1910
Quelle: The Graphics Fairy
Im Jahr 1873 begann die Firma Prang and Mayer Weihnachtskarten im neuen Farbdruck herzustellen, die sich auch ärmere Leute leisten und verschicken konnten. Im Jahr darauf brachten sie die Weihnachtskarte auch nach Amerika. Hier konnte die Firma über fünf Millionen Karten im Jahr verkaufen. Die Beliebtheit der Karten sorgte aber bald für günstigere Nachahmer und in den 1890ern endet die Ära der aufklappbaren Weihnachtskarte im Umschlag mit der Erfindung und kommerziellen Verbreitung der Postkarte. Die Weihnachtskarten der späten Belle Époque sind keine aufwendig hergestellten Karten mehr, sondern oft gedruckte Postkarten, die weihnachtliche Motive wie Schneelandschaften, geschmückte Tannenbäume oder Frauen in Winterkleidung zeigten, aber auch berühmte Schauspielerinnen oder einfach hübsche, weihnachtlich anmutende Frauenfiguren. 

So eine könnt ihr rechts bewundern: Diese Fotopostkarte aus Frankreich zeigt eine junge Frau in einem modisch geschnittenen Kleid, das so aber nicht auf der Straße getragen worden wäre, sondern eher die Funktion hat, eine romantische Stimmung zu schaffen. Sie hält einen Tannenzweig und ein Bündel Stechpalmenzweige, beides weihnachtliche Symbole. Im wilhelminischen Deutschland war die Weihnachtskarte zur selben Zeit übrigens gar nicht so beliebt. Viele deutsche Lithographen druckten Weihnachtskarten, die dann in anderen Ländern verkauft wurden, doch bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert verschickte man Wunschblätter: Gewöhnliche Briefe, die aber auf fein bedrucktem Papier verfasst waren: Manchmal war ein weihnachtliches Motiv aufgedruckt. Heute werden oft Weihnachtskarten mit Motiven aus dem neunzehnten Jahrhundert verschickt, weil das Sentimentale, Nostalgische dieser Karten den gemütlichen Charakter von Weihnachten noch unterstreicht. 

Hier endet dann auch pünktlich am Heiligen Abend unsere kleine Reise durch einen Winter in der Belle Époque. Ihr habt tolle winterliche Mode anprobiert, seid Schlittschuh gelaufen, habt mit den Carolers gesungen und ein paar Weihnachtskarten erhalten. Hoffentlich hat euch dieser kleine Exkurs in das winterliche neunzehnte Jahrhundert gefallen.Wir sehen uns im nächsten Jahr wieder, wenn es hier auf Gaiety Girl weitergeht, wie gewohnt. Ich hoffe, dass euer Weihnachtsfest glücklich und besinnlich wird und wünsche allen, die kein Weihnachten feiern, einen schönen Mittwinter. 

Selbst nachlesen?

Higgs, Michelle: Christmas Cards: From the 1840s to the 1940s. 1999. 

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