Winter in der Belle Époque III - Das Weihnachtslied

Glade Jul - Viggo Johansen, 1891, Öl auf Leinwand, 127,2 x
158,5 cm, Hirschsprungske Samling, Kopenhagen
Wer kennt sie nicht? Die Weihnachtslieder, die schon im späten November im Radio und in den Kaufhäusern gespielt werden, auf den Weihnachtsmärkten und manchmal auch daheim. Wenn es um Weihnachtslieder geht, ist heute für jeden etwas dabei: Die klassischen Aufnahmen alter Weihnachtslieder, gesungen von Chören oder Opernstimmen, finden genauso viel Gehör wie die Interpretationen von Popstars oder deren eigens für Weinachten geschriebene Lieder. 

Meine beiden Lieblingsalben für die Weihnachtszeit sind übrigens „A Midwinter Night’s Dream“ von Loreena McKennitt und „Midwinter Graces“ von Tori Amos. Falls ihr Lieblingsmusik habt, die ihr gern zu Weihnachten hört, schreibt mir ruhig in den Kommentaren davon, aber jetzt soll es um die Weihnachtslieder in der Belle Époque gehen. Die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts liebten Musik, doch vor der Erfindung des Phonographen im späten neunzehnten Jahrhundert blieben ihnen zwei Möglichkeiten, wenn sie Musik hören wollten: Sie konnten in die Oper gehen, oder sie konnten selbst musizieren. Besonders junge Frauen aus gutem Hause spielten oft ein Instrument und unterhielten die Familie. Auch zu Weihnachten war Musik ein wichtiger Bestandteil der Festlichkeiten und besonders in Großbritannien gibt es eine Tradition, die nicht nur mehrere Jahrhunderte überlebt hat, sondern auch heute noch sehr beliebt ist: Das Caroling. Doch auch in Frankreich, Deutschland und dem Rest Europas sang man zu Weihnachten Lieder und um die soll es jetzt gehen. 

Adeste Fidelis - Die Geschichte des Weihnachtsliedes

Die Weihnachtslieder, die bis heute bekannt und beliebt sind, entstanden aus einer langen Tradition, die bereits im späten römischen Reich beginnt. Hier wurden im Gebet latinische Hymnen gesungen, deren Texte oder Melodien im frühen Mittelalter in die Mitternachtsmessen aufgenommen wurden, die in der Weihnachtszeit feststanden. Daheim sangen die Menschen damals aber noch keine Weihnachtslieder. Im 13. Jahrhundert setzte es sich in Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Liedern jedoch durch, die lateinischen Hymnen in der Muttersprache zu singen. In den 1420er Jahren entstand aus dieser Tradition in England das berühmte "Caroling", auf das ich später noch eingehen werde. Es ist wichtig zu wissen, dass diese frühen Weihnachtslieder, die nicht mehr Latein waren, nicht in den Kirchen gesungen wurden. In Deutschland wird Martin Luther als Schöpfer des modernen Weinachtsliedes verstanden, denn er verband die nicht in Latein gesungenen Lieder nun wieder mit einem kirchlichen Kontext. Während der Reformation übersetzte Martin Luther einige der lateinischen Lieder ins Deutsche. Im Zug seiner Bibelübersetzung und seiner Bemühen, die Messe auf Deutsch abzuhalten, erscheint es nur logisch, dass er auch die Hymnen und Sequenzen der Weihnachtszeit auf Deutsch singen lassen wollte.

Bereits im 12. Jahrhundert begannen einige Mönche in Paris damit, die alten Texte auf die Melodien von im Volk bekannten und beliebten Liedern zu singen, um die Lieder zu verbreiten, und etwas ähnliches machte auch Martin Luther: Er übersetzte die lateinischen Hymnen, damit sich der Text an die kirchliche Liturgie anschloss, übernahm aber Melodien von beliebten Volksliedern. So soll er das heute sehr beliebte Weihnachtslied "Vom Himmel hoch, da komm ich her" im Jahr 1535 auf die Melodie eines Spielmannsliedes gedichtet haben. Die neue reformatorische Bewegung begrüßte fröhliche Musik sehr, da diese einen Gegensatz zu den strengen Hymnen des katholischen Glaubens darstellte, weshalb die neuen Weihnachtslieder Martin Luthers in Übersetzung auch außerhalb von Deutschland gefallen fanden. So machte er die Weihnachtslieder in den Ländern, in denen die Reformation gegriffen hatte, innerhalb und außerhalb des Gottesdienstes bekannt. In Deutschland dauerte es allerdings noch bis ins 18. Jahrhundert, bis Weihnachtslieder tatsächlich zum Weihnachtsfest in den Salons und Stuben der Menschen gesungen wurden. Ein schönes Beispiel für so ein Weihnachtslied, das im 18. und 19. Jahrhundert in die ganze Welt ausbricht, ist "Adeste Fidelis". Es wurde um 1750 herum als lateinisches Kirchenlied komponiert, fand jedoch zur Hochzeit der viktorianischen Ära als "O Come All Ye Faithful" auch außerhalb der Kirchen Gehör und ist auch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts als "Herbei, oh ihr Gläub'gen" bekannt geworden. 

Coventry Carol - Von Haus zu Haus in Großbritannien

Die Geschichte des britischen Christmas Carol beginnt wie bereits erwähnt im frühen fünfzehnten Jahrhundert. Das Carol ist eine ganz eigene Art von Weihnachtslied, das einen traditionellen Bezug voraussetzt. Die ersten englischen Carols sollen aus der Feder des englischen Priesters John Awdlay stammen und das berühmte Caroling, das noch heute in Großbritannien und den USA beliebt ist, entstand: Als "wassailers" gingen die Menschen von Haus zu Haus und sangen die neuen Christmas Carols. Das Wassailing selbst ist allerdings schon viel älter und soll tatsächlich schon aus der Zeit vor der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066 betrieben worden sein. Heute ist das Caroling eine schöne, harmlose Tätigkeit: Chöre ziehen durch die Straßen und singen Lieder wie "God Rest Ye Merry, Gentlemen" oder "We Wish You A Merry Christmas". Doch im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit hatte das Caroling auch eine andere Komponente: Oft verschafften sich die Wassailers auf recht rüde Weise Zutritt in die Häuser wohlhabender Menschen und verlangten Speise und Trank, ohne die sie nicht gehen wollten. Das berühmte "We WishYou A Merry Christmas" geht auf diese Tradition zurück und erinnert mit Zeilen wie "We won't go until we get some" (gemeint ist "figgy pudding", ein Weihnachtsessen) an den durchaus wilden Charakter der Tradition. Doch auch in England liegt die Blütezeit des Carols woanders: Im neunzehnten Jahrhundert nämlich. 

Cantique de Noël - Die Belle Époque

Wie regelmäßige Leser meines Blogs bereits wissen, ist das neunzehnte Jahrhundert mit seinen vielen Sozialreformen und seinen immer lockerer werdenden gesellschaftlichen Ordnungen ein großer Wendepunkt in der Geschichte vieler gesellschaftlicher Traditionen. So auch hier. Es mag einerseits an den neuen Verbreitungsmöglichkeiten gelegen haben, durch die Weihnachtslieder viel schneller in die Welt hinausgelangen konnten als zuvor, andererseits aber an der neuen Einstellung zu christlichen Feiertagen: Weihnachten war noch immer vorrangig ein religiöses Fest, doch das neunzehnte Jahrhundert rückte die Familie in den Mittelpunkt, das gemütliche Beisammensein an Weihnachten und die Freude am Fest. Ab 1830 erschienen in England die ersten Liederbücher, die Musik und Text beliebter Carols wie "Good King Wenceslas" oder "It Came Upon A Midnight Clear" enthielten. Diese heute sehr berühmten Lieder sind oft traditionellen Ursprungs, doch die Texte sind im viktorianischen Zeitalter entstanden. Auch ältere Lieder aus dem siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert wurden im neunzehnten Jahrhundert erstmals in Liederbücher gesammelt und zum Kauf angeboten. Nun konnte die Familie daheim in der Stube selbst Weihnachtslieder spielen und singen. Einige dieser Lieder haben es im Laufe der Zeit auch in kirchliche Gesangsbücher geschafft.

In Deutschland ist natürlich eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. So entstand "Stille Nacht, heilige Nacht", das wohl berühmteste Weihnachtslied schlechthin, im neunzehnten Jahrhundert und wurde im Jahr 1818 zum ersten Mal gespielt. Auch "O Tannenbaum" ist ein sehr beliebtes Lied neueren Datums: 1824 wurde das Lied von Ernst Anschütz zum Weihnachtslied umgeschrieben. Zuvor war es ein Liebeslied aus dem siebzehnten Jahrhundert. Die Belle Époque jedoch war es, die in Deutschland, wie in England den Charakter des Weihnachtsliedes als besinnliches Lied, das die Familie zum Weihnachtsfest daheim singt, festigte. Das wird einerseits wie bereits erwähnt mit der Verbreitung von Notenblättern zusammenhängen, die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts zum ersten Mal günstig zu kaufen waren. Andererseits liegt hier aber sicherlich auch ein Grund im Aufstieg der Populärmusik im neunzehnten Jahrhundert: Um die Lieder, die man als Notenblätter verkaufen wollte, beliebt zu machen, arbeiteten die Anbieter fest mit bestimmten Sängern und Interpreten zusammen, die auftraten und die Lieder vortrugen: Die Geburt des modernen Musikstars. Hierzu werde ich euch aber bald noch in einem eigenen Artikel etwas erzählen. Ein weiterer Punkt dürfte der neue, familienorientierte Aspekt des Weihnachtsfestes sein, den es zuvor so nicht gegeben hat. 

Selbst nachlesen?

 Miles, Clement: Christmas customs and traditions. 1976. 

Weber-Kellermann, Ingeborg: Das Weihnachtsfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit. 1978. 

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