Apokalypse 1910 - Der Halley'sche Komet kommt

Deutsche Postkarte, 1910
Quelle
Heute soll die Welt untergehen, davon habt ihr sicherlich alle gehört. Ich selbst glaube, wir müssen keine Angst vor dem Weltuntergang haben. Nicht nur, weil die Theorien selbst kaum haltbar sind, sondern auch, weil es nicht die erste Medienpanik dieser Art ist. Die Weltgeschichte ist voll davon. Schon zum Jahreswechsel 1899 auf 1900 gab es große Aufregung: Ein Jahrhundertwechsel stand bevor und zwar nicht irgendeiner. Das neunzehnte Jahrhundert, hundert Jahre voller Aufregung, Errungenschaften und Reformen neigte sich seinem Ende zu und man sah sich einer ungewissen Zukunft entgegen. Nicht nur rede ich von wissenschaftlichen Theorien zum Ende der Welt, die es durchaus gab, viel eher wurde der Zusammenbruch der zivilisierten westlichen Welt befürchtet, eine soziale Apokalypse, die viele durch den Moralverfall der 1890er Jahre schon eingeleitet sahen. 

Was würden die nächsten hundert Jahre bringen? Die Menschen der Belle Époque konnten sich kaum weiteren Fortschritt vorstellen. Hatte man zuvor relativ lang auf demselben Erkenntnisstand stagniert, brachten besonders die letzten Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts neue Erkenntnisse, die die Welt revolutionierten: Freud veröffentlichte seine Theorien zum Unterbewussten des Menschen, Maschinen wie der Phonograph und handliche Kameras erschienen auf dem Markt und machten möglich, was man zehn Jahre zuvor noch für unmöglich gehalten hatte, die ersten Automobile lösten langsam die von Pferden gezogenen Kutschen ab, Frauen begannen ihre Rechte einzufordern und besonders auf dem Kontinent kam es zu anarchistischen Terroranschlägen gegen die Klassengesellschaft, Regierungen gerieten ins Wanken und die sozialen Ordnungen, die man so lang gekannt hatte, brachen Stück für Stück auseinander und ließen große klaffende Lücken zurück, von denen man sich nicht vorstellen konnte, mit was sie gefüllt werden würden.

Fin de Siècle - Fin du Monde?

Die Welt befand sich im Umbruch - und die reiche Oberschicht der Belle Époque feierte rauschende Feste, wie wir sie uns heute gar nicht mehr vorstellen können. Prunk, Dekadenz und ein nie endender Hunger auf Luxus und verschwenderischen Reichtum zeichneten diese Menschen aus, während die Kluft zur armen Arbeiterklasse immer breiter und tiefer wurde. Besonders die künstlerische Avantgarde, jedoch auch andere Mitglieder aus gehobenen Kreisen, ahnten es: Man stand einem Untergang bevor, der all das kaputt machen würde. Die viktorianische Kultur würde nicht mehr allzu lang bestehen. Und mit diesem Bewusstsein im Hinterkopf feierte man. So gesehen war das gesamte fin de siècle ein einziger Tanz ins Ungewisse, in eine Zukunft, die entweder weiteren Fortschritt beachte, oder sehr dunkel war. Und dann kam das Ende des Jahres 1899 und die ersten Stimmen wurden laut. Was würde in der Nacht zum 1. Januar 1900 geschehen? War es nun so weit? War man zu weit gegangen und hatte größere Mächte erzürnt? Doch im Gegensatz zu einem Ereignis, das 10 Jahre später statt fand, verlief der Jahreswechsel ins zwanzigste Jahrhundert relativ ruhig. Man feierte einfach weiter, die "fröhliche Apokalypse", wie Hermann Buch diese Zeit im Kontext der Wiener Moderne nannte, nahm ihren Lauf. Man schwankte zwischen dem schönen Leben und den größten Freuden und wusste gleichzeitig, dass man in einen Zusammenbruch schlitterte. Rauschende, goldene Partys wurden abgelöst von Langeweile und Gleichgültigkeit, nichts war mehr gut genug, und am Ende stand unausweichlich ein Ende mit knall. 

Der Weltuntergang hingegen wurde jedoch erst im Jahr 1910 vermutet. Wie viele wissen, ist für heute, den 21. Dezember 2012, der Untergang der Welt vorausgesagt. Und nicht, wie oft zuvor, von religiösen Fanatikern, sondern von Wissenschaftlern, die den Mayakalender interpretiert und gleichzeitig Anzeichen dafür in seltenen astronomischen Phänomenen erkannt haben wollen. Viele Menschen sind deshalb nervös, wie sie es seit dem vorausgesagten Zusammenbruch im Jahr 2000 nicht mehr waren. Denn die Apokalypse, die für heute vorausgesagt ist, scheint Hand und Fuß zu haben. Zwar gibt es starke Gegenstimmen, die darauf hinweisen, dass diese Phänomene keinen Einfluss auf die Erde haben werden und viele der wissenschaftlichen Zahlen stammen aus dem Internet und sind wahrscheinlich ausgedacht, aber trotzdem beschäftigt die Menschen dieses Datum und die damit verbundene Angst. Als Historikerin beobachte ich dieses Phänomen recht gelassen und mit einer gewissen Faszination: Die Muster ändern sich nie. Dieselben Abläufe gab es zum Jahreswechsel 1999 auf 2000 und zum Jahreswechsel 1899 auf 1900. Und es gab sie im Mai 1910. 

Im Licht des Kometen

Im Jahr 1910 sagte Garrett P. Serviss, ein Autor und Astrologe, voraus, dass sehr bald ein "toter Stern" die Erde zerstören würde. Ein toter Stern, das war damals die Bezeichnung für schwarze Löcher, die entstehen, wenn ein Planet stirbt und explodiert. Heute wissen wir: Serviss könnte Recht gehabt haben: Entstünde in der Nähe ein schwarzes Loch von ausreichenden Ausmaßen, könnte dieses Szenario tatsächlich eintreten. Doch in unserer Galaxie existiert kein schwarzes Loch, dass der Erde gefährlich werden könnte, das wissen wir heute. 1910 lösten seine Ideen jedoch Entsetzen aus. Und es kam noch schlimmer: Am 19. Mai 1910 durchquerte die Erde den Schweif des Halleyschen Kometen. Man hatte kurz zuvor entdeckt, dass der Komet Blausäure enthielt. Zwar wusste man bereits, das diese den Menschen nicht gefährlich werden konnte, doch vergleichbar ist das mit unserer Angst heute: Eigentlich wissen wir doch, dass eigentlich nichts passieren kann und trotzdem sind alle nervös. Im Mai 1910 deckte man sich als Schutz vor dem Kometen mit Gasmasken und andere Schutzvorrichtungen ein, wie zum Beispiel Tabletten, die gegen das Gift des Kometen immun machen sollten. Besonders in den USA wurden Gottesdienste abgehalten, um für das Bestehen der Erde zu beten: Eine Gemeinde versuchte sogar, eine Jungfrau zu opfern, um das Unglück abzuwenden.

Aber auch Postkarten machten die Runde. Postkarten waren in der späten Belle Époque eine neue Erfindung und unheimlich beliebt und nun gab es aus aller Herren Länder Postkarten zum Ereignis. ie Die deutsche Postkarte oben rechts, die mit einem tragisch-romantischen Gedicht versehen natürlich alle Verliebten ansprach, ist ein sehr gutes Beispiel für den Zeitgeist der späten Belle Époque. Tragisch morbide Romantik war im Trend und das Ende der Welt wurde gleichzeitig als erschreckende Aussicht angesehen, aber auch als dramatisch-romantisches Ereignis, das man gesehen haben musste. Auf der Postkarte steht: "Im wunderschönen Monat Mai, da geht die Welt in Scherben. So sei es denn, wir lieben uns, und woll'n zusammen sterben." Besseren Ausdruck könnte ich dem Zeitgeist der Belle Époque mit Erklärungen nicht geben. Aber viel beliebter noch waren Postkarten, die sich über die Angst und Leichtgläubigkeit der Menschen lustig machten, mit Karikaturen und lustigen Sprüchen. Das Passieren des Halley'schen Kometen war ein Medienereignis sondergleichen. Doch welcher Hintergrund steht eigentlich dahinter? 

Dass der Komet kam, war natürlich keine Fiktion. Der Halley'sche Komet passiert die Erde alle 76 Jahre und kam uns 1910 tatsächlich näher als zuvor. Und es ist tatsächlich so, dass die Erde eine große Katastrophe erwarten würde, würde ein Komet wie der nach Edmond Halley benannte Komet tatsächlich einschlagen. Bereits ein Komet von 50 cm Durchmesser könnte eine Stadt wie London zerstören. Der Halley'sche Komet hat einen Durchmesser von über 10 Kilometern. Welchen Schaden er anrichten könnte, könnt ihr euch nun sicherlich vorstellen. Das Auftauchen des Halley'schen Kometen sorgte 1910 zu einer ähnlichen Stimmung wie heute der Maya-Kalender. Zeitungen berichteten über die ersten Sichtungen, die Geschichte und den Verlauf des hellen Kometen, durch dessen Schweif die Erde reisen würde. Neben der Massenpanik, die einerseits dazu führte, dass Menschen ihre Häuser abdichteten und die oben genannten Schutzartikel kauften, gab es jedoch bei vielen auch eine Vorfreude auf die vorrausgesagte Apokalypse: Hotels hielten auf ihren Dächern Halley-Partys ab und man konnte sogar kleine Fanartikel kaufen, zum Beispiel Krawattennadeln oder Zigarrenboxen mit dem Gesicht von Edmund Halley darauf. Auch gab es Spielkarten und sogar Schulhefte, mit Abbildungen des Kometen darauf. 

Auf den großen Halley-Partys taten die Menschen das, was das fin de siècle ausmacht: Sie feierten ihre persönliche Apokalypse und stießen auf den Untergang der Welt und ihrer westlichen Zivilisation an. Die Welt ging nicht unter in diesen sechs Stunden auf der Reise durch den Kometenschweif - doch der befürchtete Zusammenbruch kam tatsächlich. 1912 sank mit der Titanic der Glaube an Wissenschaft und Fortschritt, 1914 machte der erste Weltkrieg dem bunten Treiben ein Ende - er ist auch das Ende der glorreichen Belle Époque und das Ereignis, das dunklere Zeiten einläutete. Übrigens: Der berühmte Autor Mark Twain wurde 1835 im Schatten des Kometen geboren und starb 1910 ein paar Tage nachdem Halleys Komet die Erde erneut besuchte - genau, wie er es sich gewünscht hatte.

Selbst nachlesen?

Lancester-Brown, P.: Halley & His Comet. 1985. 

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