Donnerstag, 11. Oktober 2012

Extravaganza! - Die viktorianische Burlesque

Werbeplakat für eine amerikanische
Burlesquetruppe, 1898, H.C. Miner
Litho. Co. 
Burlesque - hört man dieses Wort, hat man vielleicht den Film mit Christina Aguilera von 2010 im Kopf. Wenn nicht, verbindet man mit dem Wort vielleicht eher das, worum es in dem Film geht: Einen Striptanz mit komödiantischen Einlagen, bei dem sich die Tänzerinnen lasziv langsam aus ihren aufwendigen Kostümen schälen, manchmal mit Gesangseinlagen verbunden. Die moderne Burlesque ist mehr Striptease als Comedy und auf die 1920er Jahre zurückzuführen, was man sehr oft noch am Flair und an den Kostümen bemerkt. Doch, spricht man von den viktorianischen Wurzeln dieser Shows, ist die Burlesque etwas völlig anderes. Nämlich eine Parodie auf beliebte Stücke der Ära - oder aber gar auf einflussreiche Menschen der Zeit. 

Zurückzuführen ist das Prinzip der Burlesque bis ins sechzehnte Jahrhundert. Der sehr berühmte Einschub in Shakespeares "Sommernachtstraum", in dem die Handwerker die Geschichte von Pyramus und Thisbe aufführen, gilt als frühe Burlesque: Shakespeare zieht etwas ins Lächerliche, das für die Menschen damals etwas Erhabenes, Romantisches hatte. Die Geschichte von Pyramus und Thisbe stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert, gilt als klassische Literatur und hat einen tragischen, pathetischen Charakter. Shakespeare aber macht etwas Lustiges aus dem Stoff, indem die Handwerker den Mythos völlig dilettantisch aufführen. Ungefähr so funktioniert die Burlesque auch noch in den darauf folgenden Jahrhunderten. Vorausgesetzt wird natürlich, dass der Leser oder Zuschauer sich mit dem Stoff, der parodiert wird, auskennt. So gesehen waren die frühen Burlesquen als Unterhaltung der Oberschicht vorgesehen oder gar als gesellschaftliche Kritik an sozialen Umständen.

Der Witz des Skandals

Das Wort Burlesque selbst  stammt vom italienischen Wort "burla" ab, das "Schalk" bedeuten kann, oder gar "lachhaft". Bei der Burlesque handelt es sich also um etwas Komisches, etwas, dass sich über etwas anderes lustig macht und es ins Lächerliche zieht. Meistens nahm man sich beliebte Dramen, Opern oder Ballette vor und schrieb sie um, bis man eine Komödie daraus gemacht hatte, die mit scharfzüngigen Dialogen oder durch das Aufführen auf der Bühne zum Lachen brachte. Die viktorianische Burlesque, die in London ab den 1830er Jahren immer beliebter wurde, ging noch einen Schritt weiter. Sie wurde auf leicht anzügliche Weise gespielt, in knappen Kostümen, und enthielt viele zweideutige Witze und Anspielungen. Sie blieb jedoch immer respektabel: Die frühe viktorianische Burlesque sollte alle Gesellschaftsklassen unterhalten können, zielte jedoch vordergründig auf die gehobene Mittelklasse ab, die sich mit den parodierten Stoffen auskannte. Etwas Verruchtes war die Burlesque zu diesem Zeitpunkt also noch nicht. Die viktorianische Burlesque macht sich gern über den theatralischen Pathos der Originalstücke lustig oder, wenn es sich um antike oder klassische Stoffe handelt, die Handlungen und Konventionen, die für die Viktorianer absurd gewirkt haben müssen.

Burlesquen sind aber auch durchaus für ihren dumpfen Humor bekannt und sicherlich konnte auch ein Hafenarbeiter, der mit dem Originalstoff nicht vertraut war, über die plumpen Witze und Darstellungen lachen. Burlesquen waren ein sehr grober Spaß, der aufwendig inszeniert war: Opulente Tanzeinlagen, Gesang, aufwendige, historische anmutende Kostüme mussten dazu gehören. Die Burlesque, aus diesem Grund im späten neunzehnten Jahrhundert auch als "Extravaganza" bekannt, wurde meist als eine Art frühes Musical aufgeführt. Die Burlesque war bunt, laut und riskant, es gab aufwendige Effekte und sorgsam choreografierte Tanzeinlagen. Die Musik wurde entweder für das Stück geschrieben, oder man textete die Lieder auf momentan beliebte Lieder aus den Music Halls und Revues und Operetten. Die Lieder sollten eingängig sein, ein Kontrast zu den komplizierten Stücken aus den großen Opern, die parodiert wurden. Ein weiterer Beiname der Burlesque war "Travestie", was nicht im heutigen Wortsinn verstanden werden darf. Eine Travestie wurde aufgeführt, wenn die Männerrollen von Frauen in engen oder knappen Kostümen gespielt wurden. Bis in die 1890er Jahre waren Burlesquen in London sehr beliebt und entwickelten sich von kleinen Sketchen zu richtigen Theaterstücken, die den ganzen Abend füllen konnten.

Burlesquen waren oft in Versform verfasst und voller kleiner Wortspiele, wie sie heute auch wieder modern sind. Das Gaiety Theatre im Londoner Westend war bis in die 1890er Jahre auf aufwendige Burlesquen spezialisiert. Ein Star des Theaters war Nellie Farren, die sehr oft in Männerrollen auftrat. Im fin de siècle entwickelte sich die Burlesque langsam weiter. Der grobe, flache Witz war nicht mehr beliebt, stattdessen schrieb man die ersten richtigen Musicals, die fröhliche, lockere Geschichten voller Witz erzählten, im Gegensatz zur Burlesque aber ernst genommen werden wollten. Im Gaiety Theatre standen nun anstatt der Frauen in engen Strumpfhosen die Gaiety Girls im Mittelpunkt: Immer respektabel gekleidete junge modische Damen. Wo die Burlesqueschauspielerin einen verruchten Ruf hat, ist das neue Gaiety Girl vollkommen respektabel: Es kann sogar in den Adel einheiraten. In den USA aber, wo die britisch-viktorianische Burlesque ab den 1840er Jahren Fuß fassen konnte, entwickelte sich das Theatergenre in eine ganz eigene Richtung: Die Schauspielerinnen, die in ihren Travestierollen ihre Beine herzeigten und sich dafür bezahlen ließen, auf der Bühne zu stehen und angestarrt zu werden, traten einen Diskurs zum Platz der Frau in der Gesellschaft los, der sich gewaschen hatte. 

Die amerikanische Burlesque

Tänzerin Alice Atherton, ca. 1890
Quelle: Charles H. McCaghy Collection
Obwohl die Burlesque eher als albern, als anzüglich galt, kamen besonders männliche Zuschauer oft eher in die Vorstellung um sich Beine und Hüften der Schauspielerinnen und Tänzerinnen anzusehen. Die Burlesque war auch in den USA als frivoler Spaß bekannt, eine gerade noch so respektable Abendbeschäftigung. Die Burlesque war nicht nur in Amerika die erste öffentliche, allgemein respektierte Veranstaltung, in denen Frauen auf der Bühne standen, die nicht anständig gekleidet waren. Zuvor hatte es solche Unterhaltung für Mitglieder der Oberschicht nicht gegeben.

Und so lustig, bunt und spaßig die viktorianische Burlesque ist, gilt sie auch als Geburt der Frau als Sexsymbol in der westlichen Welt. Zum ersten Mal war es der gehobenen Gesellschaft erlaubt leicht bekleidete Frauen unverhohlen anzustarren. Während diese Art der Unterhaltung in Großbritannien im fin de siècle aus der Mode kam, blühte sie in den USA auf: Hier konzentrierte man sich stark auf derbe Witze, für deren Verständnis kaum Intellekt nötig war, Kostüme, die die weibliche Form unterstrichen und sexuelle Anspielungen im Dialog und Tanz. Die Burlesque, die in den 1880er Jahren in den USA aufgeführt wurde, war nicht weiter Unterhaltung für die oberen Klassen, sondern widmete sich - aufgeführt in Clubs und Cabarets - großteils der Arbeiterschicht.

Auch in den USA verschwanden die Mädchen in kurzen Röcken und engen Strumpfhosen immer weiter von den Bühnen der angesehenen Theater und wurden mit ihrem starken Make-Up und den aufreizenden Kostümen zu Symbolen für die Halbwelt. Der Orientalismus, der im fin de siècle um sich greift, sorgt dafür, dass die Burlesquen mit "exotischem" Tanz verbunden wurden: Halbnackte Frauen führten nun für ein ganz anderes Klientel Bauchtanz auf. Der Wandel der Burlesque von der bloßen Parodie hin zum Striptease vollzog sich langsam und war eine Antwort auf die lockerer werdenden moralischen Vorstellungen der 1920er Jahre. Knappe Kostüme konnten die Gesellschaft nicht mehr schockieren, sie waren nicht mehr riskant, also begannen die Schauspielerinnen nach und nach, sich auf der Bühne auszuziehen, um der Burlesque ihren Charakter als riskantes, frivoles Spektakel wiederzugeben. In den 1930ern bestand eine Burlesque großteils aus Striptanz, unterstützt durch ein paar komödiantische Einlagen. Das, was in dem berühmten Film mit Christina Aguilera und Cher als Burlesque gezeigt wird, ist also Burlesque im Stil der 1920er und 1930er Jahre.

Das Ende der Burlesque kam langsam und setzte in den 1940ern ein. Es wurde immer akzeptierter, dass man leicht bekleidete und gar nackte Frauen im Theater und im Kino sehen konnte, die sich ausziehenden Burlesquemädchen waren einmal mehr nichts Riskantes, Schockierendes mehr, die Burlesque hatte ihren Reiz endgültig verloren. Unsere moderne Burlesque ist eine großteils nostalgische Bewegung, die die Burlesque zur Kunstform erhebt: Spektakuläre Kostüme und Tänze zeichnen die Neo-Burlesque aus, sowie viel Glamour, Klasse und ein Empfinden für die Ästhetik der zwanziger und dreißiger Jahre. Die moderne Burlesque ist meist weniger sexuell konnotiert, als sinnlich. Ästhetische Nacktheit steht im Mittelpunkt. Einige moderne Burlesquetänzerinnen nutzen die Tanzrichtung auch, um die sexuelle Objektifizierung der Frau oder soziale Tabus anzuprangern. Burlesque kann heute auch skurril sein oder gar makaber. Mit der ursprünglichen Burlesque des frühen viktorianischen Zeitalters und der Belle Époque, die eine manchmal etwas unanständige Parodie beliebter klassischer Opern und Theaterstücke war, hat die moderne Burlesque jedoch nur sehr wenig zu tun.

Selbst nachlesen?

Allen, Robert Clyde: Horrible Prettiness. Burlesque and American Culture. 1991.

Briggeman, Jane: Burlesque. A Living History. 2009. 

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