Sonntag, 14. Oktober 2012

Le Moulin Rouge - Die Geschichte der roten Mühle

La Goulue - Henri Toulouse-Lautrec, 1891
Das berühmte Moulin Rouge. Kaum jemand kennt es nicht. Kaum jemand denkt nicht an die berüchtigte rote Mühle auf dem Dach, die Besucher anlockt, kaum jemand fällt nicht der Can-Can ein oder der Film mit Nicole Kidman in der Hauptrolle. Doch was genau war das Moulin Rouge eigentlich wirklich, damals in der Belle Époque? Wer ging dort hin und was gab es zu erleben in der roten Mühle?

Gelegen ist das Moulin Rouge damals wie heute auf dem berüchtigten Boulevard Clichy im Rotlichtviertel Pigalle, das an das ehemalige Künstlerviertel Montmartre angrenzt, doch heute ist das Cabaret ein ganz anderer Ort als damals. Deshalb möchte ich euch heute einen kleinen Einblick hinter die Kulissen des Moulin Rouge der Belle Époque und seine Entwicklung geben.


Das Moulin Rouge zwischen Cabaret und Zirkus 

Im Oktober 1889 öffnet das Moulin Rouge mit einem ganz besonderen Ziel seinen Pforten: Joseph Oller und Charles Zidler wollen den Reichsten der Reichen von Paris Zerstreuung bieten und sie beeindrucken, ihnen aber gleichzeitig die Chance bieten, sich unter das gemeine Volk zu mischen und einfach Spaß zu haben. Das ehemalige Moulin Rouge dürfte ein gutes Beispiel für die goldene Dekadenz der Belle Époque sein: Im Garten, der von dutzenden bunten Lampions erleuchtet war, stand eine riesige Elefantenfigur und auch ansonsten ließen es sich Oller und Zidler nicht nehmen, das Kabarett so extravagant wie möglich zu gestalten. Durch neue Bautechniken lassen sich die Bühnenbilder schnell wechseln und der Innenraum lässt sich ohne große Verzögerungen von der Bühne in einen Tanzsaal verwandeln. Immer wieder gibt es feuchtfröhliche Champagnerabende, an denen die Besucher mit den leicht bekleideten Tänzerin tanzen können, die einen ganz neuen Tanz vorführen: Den Can-Can, bei dem die Beine fliegen und die Unterröcke sichtbar werden.

Das Besondere am Moulin Rouge aber ist sein Klientel: Vom einfachen Arbeiter über die Wäscherfrau, den Künstler und Bohemien, respektable Bürger aus der Mittelschicht und den Pariser Aristokraten ist jeder vertreten und man feiert gemeinsam, um zumindest für einen Abend die gesellschaftlichen Unterschiede hinter sich zu lassen. Einer der ansässigen Künstler, Henri de Toulouse-Lautrec, beginnt bald seine heute berühmten Moulin-Rouge-Bilder zu malen. Er malt nicht nur die Besucher und die Showeinlagen, sondern auch die beliebtesten Tänzerinnen des Moulin Rouge wie Jane Avril oder die Königin von Montmartre Louise Weber, die als La Goulue bekannt wurde. La Goulue bedeutet „Die Gierige“ und spielt darauf an, dass Louise den Männern, mit denen sie während ihrer Show flirtete, die Getränke ausgetrunken haben soll. Die ersten Jahre des Moulin Rouge lassen sich irgendwo zwischen dekadentem Cabaret mit Zirkus einordnen mit aufwendig in Szene gesetzten Vorstellungen und Tänzen. Aus dieser Zeit sind heute besonders die wilden, durchaus erotischen Tänze im Gedächtnis geblieben, doch auch Komiker traten im Moulin Rouge auf oder Sänger. Das Programm war vielfältig und deckte ganz verschiedene Interessenfelder ab.

Bald war das Moulin Rouge weltberühmt. Die Bilder und Plakate, die der bereits bekannte Henri de Toulouse-Lautrec im neuen Stil des Japonismus entwarf, halfen dem Moulin Rouge bekannt zu werden, doch es war die einzigartige Atmosphäre zwischen Extravaganz, Bohème und Pariser Leichtigkeit, die das Moulin Rouge so anziehend machte. Selbst der englische Prince of Wales ließ sich auf einer Reise nach Paris einen Tisch reservieren. Trotz der leicht bekleideten Tänzerinnen und der ausschweifenden Tanzabende behielt das Moulin Rouge immer einen guten Ruf: Denn obwohl es im Film von Baz Luhrmann anders dargestellt wird, war das Moulin Rouge niemals ein Bordell. Es gab ein paar Skandale, wenn nackte Frauen auf der Bühne tanzten, doch diese waren bloß Tänzerinnen und Schauspielerinnen, keine Prostituierten. Was die Tänzerinnen privat taten, ging Oller und Zidler nichts an, doch das Moulin Rouge selbst war bloß ein Cabaret, ein Theater und eine Tanzhalle. Das Moulin Rouge lockte mit seinem leichtlebigen Flair Arme wie Reiche an und ist einer der vielen Marker auf dem Weg in das Paris, wie wir es kennen.

Denn erst nach den Unruhen der 1870er Jahre wird Paris das romantische Paris von heute. 1889 entstehen der Eiffelturm und das Moulin Rouge, die großen Weltausstellungen bringen Menschen aus aller Herren Länder in die Stadt. Die Belle Époque ist eingeläutet. Und das Moulin Rouge mit seinen dekadenten Shows macht Montmartre und ganz Paris in den Augen von Briten, Amerikanern und anderen westlichen Menschen zum Sündenpfuhl schlecht hin – allerdings auf glamouröse, ansprechende Weise. Ihr seht also, Paris’ Ruf als Stadt von Liebe und Leidenschaft geht zurück in die Belle Époque und wird im Moulin Rouge geboren, wo in den ersten zehn Jahren getanzt wurde, extravagante Stücke aufgeführt wurden und es einmal im Jahr einen Karneval zu feiern gab. Nicht immer ging dieser gut aus. Im Jahr 1893 wurde nach dem Bal de Quat’z’Arts, bei dem sie und einige andere Mädchen nackt aufgetreten waren, die Königin der Bohème verhaftet: Das Künstlermodel Sarah Brown. Wie ihr richtiger Name lautete und was nach der Verhandlung mit ihr passierte gibt bis heute viel Stoff für Diskussionen, doch ihre Verhaftung löste Studentenrevolten in Paris aus.

Das Moulin Rouge zwischen Operette und Eleganz 

Als Charles Zidler im Jahr 1897 stirbt, schließt das Moulin Rouge zum ersten Mal in seiner fast zehnjährigen Geschichte die Türen. Im Jahr 1902 kommt es dann zu einer grundlegenden Richtungsänderung des berühmten Nachtclubs: Wohin will das Moulin Rouge in Zukunft? Édouard Niermans, der wohl berühmteste französische Architekt der Belle Époque nimmt sich dem Moulin Rouge an und unterzieht es einer grundlegenden Renovierung, die Anfang des Jahres 1903 abgeschlossen ist. Das Moulin Rouge soll keine gewöhnliche Tanzhalle mehr sein. Was im Jahr 1889 noch neu und ungewöhnlich war, wurde bald in ganz Europa kopiert und nachgeahmt, bis das Moulin Rouge bloß noch einer von vielen Clubs war. Das Moulin Rouge geht einen gewagten Schritt: Es wird zum Konzert- und Opernhaus für die Pariser Oberschicht, nur noch zugänglich für die Reichsten der Reichen unter den Parisern und Touristen. Skandale bleiben jedoch trotzdem nicht aus: Im Jahr 1907 tritt Sidonie-Gabrielle Colette im Moulin Rouge auf.

Heute kennen wir die berühmte Colette als gefeierte Schriftstellerin, damals konnte sie vom Schreiben nicht leben und arbeitete in verschiedenen Tanzhallen in Paris. Im Moulin Rouge kommt es, während der Aufführung der Show „le rêve d’Egypte“, zu Küssen zwischen Colette und Mathilde de Morny, mit der Colette im wahren Leben liiert war. Es kommt zum Skandal und die Show wird verboten, doch auch für das Privatleben der beiden Frauen hat der Zwischenfall große Bedeutung: Colette und Mathilde können nicht mehr zusammenleben. Colette verlässt die Bühnen der Tanzhallen und veröffentlicht im Jahr 1920 ihren berühmtesten Roman „Cheri“, der ihr zu einem großen Karrieresprung verhilft. Das Moulin Rouge mit seinen Operetten und Konzerten jedoch bleibt bis zum Beginn des ersten Weltkriegs ein Treffpunkt für die Oberschicht von Paris. Dann jedoch geschieht es: Im Frühjahr 1915 bricht ein Feuer aus und zerstört das Moulin Rouge fast komplett.

Das Moulin Rouge und Mistinguett 

Bereits im Jahr 1907 hatte Mistinguett, geboren als Jeanne Florentine Bourgeois, zum ersten Mal auf der Bühne des Moulin Rouge gestanden. Mistinguett stammte aus der untersten Arbeiterschicht, ihre Mutter war Näherin, Jeanne ging als Blumenmädchen durch die Restaurants der Stadt, um ein wenig Geld zu verdienen. Dabei sang sie bereits, um auf sich aufmerksam zu machen. Jeanne galt unter ihren Zeitgenossen als nicht besonders hübsch, aber als sehr talentierte Sängerin und Tänzerin, was ihr bald Auftritte im Casino de Paris, dem Folie Bergère und anderen berühmten Pariser Varietés einbrachte. Unter anderem dem Moulin Rouge. Ihre Ausstrahlung und ihr Charme, der durchaus auch ihrer Herkunft aus der Arbeiterschicht zugeschrieben wurde, machten sie bald zur höchst bezahltesten Unterhalterin der Welt. Mistinguett ist einzigartig in ihrer Art: Sie singt schief und sie strahlt das Flair der Pariser Slums aus. Jean Cocteau sagte nach ihrem Tod im Jahr 1956, sie hätte die Stimme einer Straßenverkäuferin gehabt und den Parisern aus den Herzen gesprochen. Im Jahr 1916 nimmt Mistinguett „Mon Homme“ auf, das Lied, das längst zu ihrem Markenzeichen geworden ist.

Der Star des Moulin Rouge wird Mistinguett im Jahr 1921, als Francis Salabert das Varieté übernimmt und im Stil der Zeit wieder aufbauen lässt. Das Moulin Rouge wird zum Ballsaal, ein neuer Tanzpalast, in dem wieder Can-Can getanzt wird und elegante, wenn auch extravagante Shows und Revues die Menschen unterhalten. Mistinguett, bereits vor dem großen Brand sehr beliebt, bleibt der gefeierte Star des Moulin Rouge bis sie sich im Jahr 1929 zur Ruhe setzt. Die Tage des Moulin Rouge als Tanzhalle sind endgültig gezählt. Es wird zum modernen Nachtclub der 1930er Jahre umgebaut, in dem amerikanische Stars auftreten und die Pariser Gesellschaft unterhalten. Im zweiten Weltkrieg, während der Besetzung der Stadt durch die Deutschen, wird das Moulin Rouge wie viele andere Varietés seiner Art, als Versammlungsort für die deutschen Truppen genutzt. Hier können sie sich Shows ansehen und Prostituierte treffen. Die berühmte Edith Piaf tritt hier für die Deutschen auf, was sie in den Augen vieler Pariser zu einer Verräterin macht. Doch auch nach dem Krieg ist Edith Piaf noch im Moulin Rouge zu sehen.

Erst in den 1950er Jahren wird das Moulin Rouge das, was es heute ist. Das Dekor, das an die alten Belle-Époque-Dekors angelehnt ist und bis heute das Moulin Rouge schmückt, entsteht und der Can-Can wird wieder getanzt, neue französische Stars treten auf und die Gäste können während der Show ein edles Dinner genießen. Die 1960er sehen das Moulin Rouge zu zeitgenössischer Extravaganz zurückkehren: Es wird vergrößert, Aquarien werden installiert und ein Unterwasserballett einstudiert, das die Menschen fasziniert. Unterwasserballett gibt es im Moulin Rouge bis heute zu sehen. Seit 1963 beginnen übrigens alle Titel der Shows mit dem Buchstaben F. Seit 1999 wird im Moulin Rouge „Féerie“ aufgeführt. Heute ist das Moulin Rouge zum großen Teil eine Touristenattraktion mit einer bombastischen Show, die den Can-Can natürlich nach wie vor einbindet und der langen Geschichte des Moulin Rouge als Varieté zunickt. Noch immer gibt es nackte Tänzerinnen zu sehen, doch heute ist das Moulin Rouge ein auf Hochglanz poliertes Spektakel. Das Flair von Skandal, Zirkusatmosphäre und der Hauch von gesellschaftlicher Revolution, den die Bohemiens in den 1890ern mitbrachten, sind längst verflogen.

Selbst nachlesen?

Crépineau, Jacques & Pessis, Jacques: Le Moulin Rouge. 2002. 

Habas, Jacques: Les secrets du Moulin Rouge. 2010. 

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