Sonntag, 28. Oktober 2012

Der viktorianische Mann - Idealbild & gesellschaftliche Bedeutung

Portrait des Malers Pere Ysern - Marià
Pidelaserra, 1900, Öl auf Leinwand, 62,6 x
50,5 cm, Museu Nacional d'Art de Catalunya,
Barcelona 
Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel zum gesellschaftlichen Bild der Frau in der Belle Époque verfasst und euch das Frauenbild, sowie die Rolle der Frau in der Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts nähergebracht. Während ich es besonders vor dem modernen Kontext von Ungleichheit und Frauenrechten wichtig finde, sich mit weiblicher Geschichte zu beschäftigen, kann man diese und im weiteren Sinne die Belle Époque als Ära jedoch nicht verstehen, wenn man sich nicht auch mit der Geschichte des Mannes auseinandersetzt. Denn während den Herren der Belle Époque die Welt um einiges weiter offen stand, als den Damen, gab es auch für sie bestimmte Rollenbilder und Verpflichtungen, die es zu erfüllen gab. Um diese soll es heute gehen.

Während das Idealbild eines Mannes im Mittelalter noch Mut und ritterliche Tugend voraussetzte und der Mann im achtzehnten Jahrhundert noch genau wie die Frau Schminke, langes Haar und bunte Kleidung trägt, ändert sich das Bild des idealen Mannes im neunzehnten Jahrhundert stark. An sich ist hier zu erwähnen, dass die Unterscheidung zwischen Mann und Frau, die uns bis heute nachhängt, im frühen neunzehnten Jahrhundert die strenge Definierung erhält, die Männer und Frauen in zwei Räume teilt: Dem Mann gehört der öffentliche Raum, der Frau der private, häusliche Raum. Verlassen werden darf der zugeteilte Raum nur selten und Berührungspunkte gibt es wenige.  Dieses Ideal entstand durch die neue Idee, dass Frauen zwar das körperlich schwächere Geschlecht seien, aber auch das moralisch gefestigtere. Denn, und auch das ist ein wichtiger Punkt, wenn man über Männlichkeit im viktorianischen Zeitalter sprechen möchte: Männlichkeit hatte eine ganz andere Bedeutung, als heute.

Das Biest im Mann

Männlichkeit im neunzehnten Jahrhundert hatte zwei Konnotationen. Zum einen wäre da das Verständnis von Männlichkeit als etwas Ungeschliffenes, Bestialisches, das laut gesellschaftlichem Konsens jedem Mann innewohnte. Diese wird im englischen Sprachraum als masculinity bezeichnet, die geschlechtliche Männlichkeit. Die eigentliche Männlichkeit bestand darin, dieses Bestialische unter Kontrolle zu haben, es nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Das ist die manliness und diese ist gesellschaftlich konstruiert. Und das zeichnete den respektablen, kultivierten Mann des neunzehnten Jahrhunderts aus: Man glaubte, dass die lauten, ungehobelten Männer der Arbeiterschicht versagten, indem sie ihre bestialische Seite frei zeigten. Der respektable Mann hingegen kontrollierte sich, hielt seine Triebe unter Verschluss und unterdrückte sie. Hier lässt sich auch sehr schön das gestörte Verhältnis der Menschen im neunzehnten Jahrhundert zur eigenen Sexualität ablesen: Die natürlichen Empfindungen und sexuellen Begierden waren Teil des Bestialischen, das so oft wie möglich zu unterdrücken war. Sie waren etwas Böses und wer nachgab, der war nicht männlich, da er nicht willensstark genug war, das Wilde zu unterbinden. Männer, die viel tranken, ihre Pflichten vernachlässigten oder als Verführer bekannt waren, galten daher als unmännlich und wurden gesellschaftlich weniger angesehen. 

Der ideale viktorianische Mann also hatte seine Triebe im Griff und benahm sich kultiviert. Er war der Kopf seiner Familie und bei ihm lag as Entscheidungsrecht. Während das natürlich durchaus ein Privileg ist, bringt es auch Pflichten mit sich: Der Mann musste dafür sorgen, dass es Kindern und Ehefrau gut ging. Stieß ihnen etwas zu oder wirkte die Frau unglücklich in ihrer Ehe, konnte das auf den Mann zurückfallen, der es versäumt hatte, auf die „schwachen“ Mitglieder seiner Familie Acht zu geben. Ein verheirateter Mann konnte daher nicht jeden Abend aus dem Haus gehen und Freunde treffen oder feiern, wenn er nicht wollte, dass die Gesellschaft über ihn tratschte. Aus derselben Richtung kommt seine Pflicht, tagsüber aus dem Haus zu gehen und zu arbeiten, um seine Familie zu ernähren. Hier greifen erneut die beiden Räume: Der öffentliche Raum, in dem der Mann sich tagsüber bewegt, ist der Raum, in dem er arbeitet und zeigt, dass er bereit und fähig ist, Geld für seine Familie zu dienen. Männer die nicht arbeiten gingen, Adelige zum Beispiel, wurden von der Gesellschaft deshalb tatsächlich verlacht, weil es als verweichlicht und unmännlich galt, den Tag im Haus oder mit Freizeitaktivitäten zu verbringen.

Von Sport und von Verstand 

Desweiteren hatte der Mann stark und nüchtern zu sein. Er war patriotisch und stand hinter seiner Regierung und seinem Land, war bereit, es im Notfall mit dem eigenen Leben zu schützen. Neu im späten viktorianischen Zeitalter war auch das Zusammenführen von Sport und Verstand: Sport wurde neuerdings als gesund angesehen und wurde respektablen Männern empfohlen, da nur in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohnen konnte. Besonders auf teuren Jungenschulen wurde Sport ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt: Jungen, die gute Sportler waren, bekamen zum Beispiel größere Chancen sich akademisch weiterzuentwickeln, als Jungen, die weniger gut im Sport waren oder lieber andere Dinge taten. Ein weiterer Marker für Männlichkeit im neunzehnten Jahrhundert war die Bereitschaft, körperliche Auseinandersetzungen zu besiegeln. Die Kampfeslust und Aggressivität gehörte eigentlich zu den Dingen, die der respektable Mann zu unterdrücken hatte. Trotzdem war es ihm erlaubt und wurde sogar erwartet, dass er zumindest mutig genug war, um Auseinandersetzungen auch mit Gewalt aus der Welt zu schaffen. 

Hier haben die vielen Kriege des neunzehnten Jahrhunderts sicherlich zum Männerbild beigetragen. Besonders gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts sah man das britische Empire in großer Gefahr. Männer, die stark waren, sportlich, patriotisch und bereit, Gewalt anzuwenden, gaben natürlich bessere Soldaten ab. Dies gilt allerdings nicht nur in Großbritannien, sondern auch in anderen westlichen Staaten: Die Gesellschaft veränderte sich zunehmend und der erste Weltkrieg, obwohl er noch einige Jahre auf sich warten lassen würde, lag spürbar in der Luft. Die Menschen wussten, dass sie einer Auseinandersetzung bevorstanden, auch, wenn sie natürlich nicht wissen konnten, wie diese aussehen würde, und auch das hatte Einfluss auf das Männerbild der Ära. Eine weitere Sache, die ich kurz ansprechen möchte und sogar muss ist die männliche Sexualität im neunzehnten Jahrhundert. Hier gibt es nämlich einen großen Shift gegen Ende des Jahrhunderts, der uns bis heute nachhängt und nicht gut tut. Beide Einstellungen aber haben mit dem oben angesprochenen Männlichkeitsbild zu tun.

Der Wandel der männlichen Sexualität  

Zu Beginn des Jahrhunderts wurde der Mann als sexuelles Wesen angesehen, das sündigte und sich im Griff haben musste, um als respektabel zu gelten. Es war nicht gesellschaftlich akzeptiert, wenn Männer außereheliche Affären hatten, doch es war trotzdem natürlich einfacher für Männer, solche zu unterhalten: Ihnen gehörte schließlich der öffentliche Raum. Auch Männer sollten ihre Sexualität zügeln und ihr nicht nachgeben. Zu viel Geschlechtsverkehr oder Masturbation galt als sehr ungesund. Trotzdem stand jungen Männern das Recht offen, sich vor der Ehe die Hörner abzustoßen, wenn auch dies diskret zu geschehen hatte, ohne, dass jemand die genauen Umstände herausfand oder darüber sprach. Diese sexuelle Freiheit, wenn auch eingeschränkt, hängt mit dem Bild des Mannes als sexuelles Wesen zusammen, das seine Triebe im Idealfall unterdrückte, aber hin und wieder ausleben musste. Im Laufe des Jahrhunderts machte dieses Bild eine gefährliche Wandlung durch.

Wo der Mann in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch für seine Bestialität und seine sexuellen Triebe in Verantwortung gezogen wurde, bürgerte es sich im Verlauf der Belle Époque immer weiter ein, dass der Mann für seine Natur eigentlich nichts könne und die Frau darauf zu achten habe, dass sie seine dunkle, gefährliche Seite nicht durch Provokation erweckte. Auf gewisse Weise wurde es gesellschaftlich immer akzeptierter, dass der Mann nun einmal ein von Trieben gequältes Biest sei. Wurde eine Frau sexuell missbraucht oder von ihrem Mann geschlagen, dann lautete der Konsens meistens, dass sie irgendetwas getan haben musste, um diese Seite des Mannes zu wecken. Einer respektable Frau, die sich anständig benahm, konnte so etwas laut Expertenmeinung nicht geschehen. Ein gefährlicher Irrglaube, der uns heute noch nachhängt und für viel Leid sorgt und außerdem ein Freifahrtschein für viele Männer, die weniger respektabel waren, als sie nach außen hin taten. Weit bekannt war auch, dass viele Männer zu Prostituierten gingen, um ihre Triebe zu befriedigen. Dies war halbwegs akzeptiert, solang es diskret geschah. 

Leider steckten sich viele Männer bei den Prostituierten mit Geschlechtskrankheiten an und übertrugen diese auf ihre Ehefrauen, ein Problem, das im frühen neunzehnten Jahrhundert durchaus bekannt war. In den 1860er Jahren wurden daraufhin Gesetze erlassen, die es der Polizei erlaubten, Prostituierte von der Straße weg zu verhaften und auf Geschlechtskrankheiten zu prüfen. Hatte die Frau eine Geschlechtskrankheit, durfte sie auch gegen ihren Willen in ein Krankenhaus gebracht und behandelt werden. Dass erneut die viktorianische Frau ausbaden muss, was der Mann verbrochen hat, ist leider nicht verwunderlich: Es ist der viktorianische Mann, der die Notwendigkeit von Prostitution in Metropolen wie London und Paris stellt und die Geschlechtskrankheiten verbreitet, doch es sind mittellose Frauen, die entwürdigende Untersuchungen auf sich nehmen müssen und an den Krankheiten leiden. Diese Gesetzgebung, die die privilegierte Stellung des Mannes im neunzehnten Jahrhundert gut aufzeigt und die Doppelmoral entblößt, sorgte dafür, dass sich in England erste Frauenrechtlerinnen zusammenfanden, um gegen genau solche Behandlungen vorzugehen.

Abschließend ist zu sagen, dass der Mann im neunzehnten Jahrhundert deutlich privilegierter war, als die Frau, dass man jedoch nicht glauben darf, dass er deshalb ganz ohne Pflichten, Verantwortungen und Erwartungen davonkam. Besonders Männer, die aus dem Idealbild heraus fielen, hatten es schwer, den Anforderungen gerecht zu werden. So wurden besonders Künstler, die von zu Hause arbeiteten und nicht aus dem Haus gingen, als unmännlich und lachhaft angesehen, obwohl sie respektable Mitglieder der Gesellschaft waren. Was ich zum Schluss noch unbedingt erwähnen muss ist, dass das viktorianische Bild von Männlichkeit ein gesellschaftliches konstruiertes Konzept ist: Es ist von Menschen gemacht. Außerdem handelt es sich um ein Ideal: Es ist das, was von einer großen Mehrheit als richtig und anständig hochgehalten wurde. Trotzdem ist zu sagen, dass die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, Männer wie Frauen, genau wie heute die unterschiedlichen Schattierungen solcher Konzepte erkennen konnten, kritisch sein konnten und die ungerechten Muster erkennen konnten. Ein Idealbild greift niemals überall und nicht jedes Mitglied der betreffenden Gesellschaft glaubt an seine Richtigkeit. Das muss immer im Kopf behalten werden, wenn man sich mit gesellschaftlich konstruierten Idealen beschäftigt. 

Selbst nachlesen?

Mangan, James et al.: Manliness and Morality. Middle-class masculinity in Britain and America. 1800 - 1940. 1991.

Tozer, Malcolm: Manliness. The Evolution of a Victorian Ideal. 1978. 

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