Donnerstag, 27. September 2012

Das Schönheitsideal der Belle Époque II: Herren

Porträt des Henri Moser, 1900
Foto: Eugène Pirou 
Die Belle Époque ist eine Zeit gesellschaftlicher Umwälzungen, die auch vor dem Männerbild nicht haltmacht und die Schönheitsideale durchaus umkrempelt. Das männliche Schönheitsideal der viktorianischen Jahre und der Belle Époque ist recht komplex und lässt sich nicht allzu einfach auffächern, doch ich möchte es heute versuchen. Es gibt große Unterschiede zwischen den Schichten und keinen genauen Konsens darüber, wie genau der Mann am besten aussieht. 

Im frühen viktorianischen Zeitalter macht ein Held die Runde, der viele Menschen wegen seiner Unkonventionalität faszinierte: Der byronsche Held. Benannt nach seinem Erfinder, Lord George Gordon Byron, im frühen neunzehnten Jahrhundert, tritt dieser Held besonders in der im viktorianischen Zeitalter beliebten Schauerliteratur auf: Er ist düster, nachdenklich und hat ein dunkles Geheimnis, er ist ein Hedonist und gibt wenig auf die Konventionen seiner Zeit. 

Das Ideal in Literatur und Wirklichkeit 

Dieses literarische Monster interessierte besonders die Bourgeoisie, die doch nach strikten gesellschaftlichen Regeln lebte. In der Mitte des Jahrhunderts wurden, wohl in Anlehnung an diesen literarischen Heldentypen, absichtlich zerzaustes Haar oder unordentlich in die Hose gesteckte Hemden beliebt, natürlich aber nur in Maßen und im Rahmen des Respektablen. Der Man als wildes Biest, voller unterschwelliger Aggressivität, faszinierte die Menschen der Mittelschicht, sicherlich, weil er einen Ausbruch aus den steifen gesellschaftlichen Regeln darstellte. Hier muss allerdings unterschieden werden zwischen einer Idealvorstellung und dem, was der Mann wirklich sein sollte und durfte. Denn ein Mr. Rochester, wie ihn Charlotte Brontë in ihrem Meisterwerk „Jane Eyre“ schreibt, ist interessant und attraktiv auf den Seiten eines Romans, aber nicht der ideale Mann, Ehemann und Gesellschafter im wahren Leben. Gab es sie, die modisch byronschen Helden, im wahren Leben? Ich muss an die Bohemiens des neunzehnten Jahrhunderts denken, die verlotterten Lebenskünstler, die alle bourgeoisen Ideale ablehnten und in Armut, aber in Freiheit lebten, doch der Idealtyp war der Bohemien bei Weitem nicht. Was also möchte man sehen im und am viktorianischen Mann? 

Im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts besinnen sich die Menschen auf hellenistische Ideale und die „griechische Schönheit“ wird wiederentdeckt. Dabei geht es allerdings bei Weitem nicht um Adonis und Apollo, nicht bloß um schöne Körper, sondern um die Balance zwischen einem schönen Äußeren und einem schönen Geist. Intelligenz und Intellekt spielten eine große Rolle und wurden als attraktiv angesehen, jedoch umso mehr die Beherrschung des eigenen Geistes. Der Mann an sich galt als wild und unbeherrscht, doch im Gegensatz zum byronschen Helden, der seine wilde Aggressivität und Sexualität nach außen treten ließ, gelang es dem schönen, respektablen Mann des späten neunzehnten Jahrhunderts seinen Geist zu kontrollieren und zu kultivieren. Diese Beherrschung des eigenen Seins rundete das schöne Äußere und die Intelligenz erst ab. Im wahren Leben also war die Bestie, der byronsche Held, keinesfalls ein anzustrebendes Ideal. Viel eher konnte sich körperliche Schönheit nur ausdrücken, wenn der Mann zur Selbstreflexion bereit war und einen hohen moralischen Standard verfolgte. 

Das Konzept der Männlichkeit

Hinzu kommt das komplexe Konzept der Männlichkeit, das die Viktorianer erstellen und das ich an anderer Stelle noch genauer erläutern werde. Der viktorianische Mann war „männlich“: Das bedeutete zum einen eben diese Kontrolle des eigenen Geistes, zum anderen aber eine vernünftige Nüchternheit und Bescheidenheit, die sich auch in der Mode widerspiegelte. Herrenmode wurde funktional und beherrscht, wie sie es in noch keinem Jahrhundert zuvor gewesen war. Anzüge hatten dunkle Farben oder waren im Sommer hellgrau oder weiß, das Haar wurde kurz und gebändigt getragen, Gesichtsbehaarung, die in der Belle Époque aus der Mode kam, musste gepflegt und bescheiden aussehen. Der Mann wollte nach außen den starken Beschützer ausstrahlen, den vernünftig denkenden, moralisch standhaften, gepflegten Herren. Und hier vereinen sich die oben angesprochenen Konzepte zum männlichen Schönheitsideal des späten neunzehnten Jahrhunderts. Der bourgeoise Mann war zum ersten Mal darauf bedacht, maskulin, ordentlich und stark zu wirken und seine körperliche Schönheit wurde abgerundet durch einen kontrollierten, wachen Geist. Im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts driften Schönheitsideale für Männer und Frauen stark auseinander, wie es noch im achtzehnten Jahrhundert und frühen neunzehnten Jahrhundert keineswegs der Fall gewesen ist. 

Langes Haar, betonte Taillen oder bunte, auffällige Mode wurden für die Viktorianer zum Zeichen von Verweichlichung und Schöngeistigkeit und sorgte oft für Spott. Die Dandys des neunzehnten Jahrhunderts nutzten dieses Stigma um ihre Ablehnung der bourgeoisen Werte Ausdruck zu verleihen, doch auch darüber möchte ich noch an anderer Stelle berichten. Die junge Dame der Belle Époque aber sucht sich ihren Heiratskandidaten sicherlich danach aus, ob er gepflegt wird, vernünftig, wie jemand, der ihre spätere Familie unterstützen kann. Mit Männlichkeit wurde besonders in der Belle Époque übrigens auch Sport verbunden: Ein gesunder, schöner Geist konnte nur in einem gesunden Körper wohnen und Sport galt als gesund. Wenn ein Mann zu dick war, symbolisierte das, dass er seinen Geist nicht kontrollieren konnte. Dann galt er als unmännlich und nicht schön. Die dunklen Anzüge, steifen Kragen und kurzen, ordentlich frisierten Haare des Mannes in der Belle Époque gehen alle auf diese Idealvorstellungen zurück und halten sich auch nach dem Ende der Belle Époque noch eine ganze Zeit lang. Gegenmoden jedoch gab es zu jeder Zeit. In der Belle Époque sind das die Bohemiens und Dandys, über die ihr jedoch bald mehr erfahren werdet.

Oben könnt ihr an dem Portrait Monsieur Henri Moser gut erkennen, wie sich dieses Ideal dann in der Wirklichkeit widerspiegelte. Moser steht kerzengrade und adrett da, ist ordentlich und formal gekleidet. Er trägt sein Haar ordentlich frisiert und die Gesichtsbehaarung ist gepflegt zurückgeschnitten. Leider lässt sich zum männlichen Schönheitsideal der Belle Époque nicht viel mehr sagen. Das Thema Männlichkeit im neunzehnten Jahrhundert ist komplex und noch nicht vollständig erschlossen. Inwieweit die konzipierte ideale Männlichkeit, von der man lesen kann, das Leben der Menschen des neunzehnten Jahrhunderts beeinflusst hat und wie bewusst sie sich über die neuen Muster, Ideale und Konzepte waren, ist nicht vollständig ersichtlich. Ganz klar ist, dass nicht jeder Mann sich dem neuen Ideal unterwarf und inwieweit es überhaupt einen gesellschaftlichen Konsens zum Thema neue Männlichkeit gab, oder ob es sich eher um ein vages Bewusstsein handelte, dass sich immer mehr verfestigte, lässt sich schwer sagen. Auf jeden Fall fließen hier neue moralische Vorstellungen, die Wiederentdeckung alter griechischer Ideale und das Auseinandersetzen mit der menschlichen Psyche zu einem Konzept zusammen, das uns auch heute noch beschäftigt.

Selbst nachlesen?

Mangan, James Anthony & Walvin, James: Manliness and Morality. Middle-class Masculinity in Britain and America, 1800–1940. 1991.

Sussman, Herbert: Victorian Masculinities. Manhood and Masculine Poetics in Early Victorian Literature and Art. 2008.

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