Das kriminelle Kind - Armut, Kindheit & Industrielle Revolution

Artful Dodger und die anderen Kinderkriminellen - George
Cruikshank, ca. 1837, Illustration für "Oliver Twist" von
Charles Dickens, erschienen 1837 bis 1839 im Magazin
Bentley's Miscellany 
Früher, als ich das Gaiety Girl noch nicht mit so viel Hingabe betrieben habe wie heute, als es sogar noch ganz anders hieß, war ich als Artful Kate im Internet unterwegs. Dieser Spitzname war natürlich angelehnt an den Artful Dodger, aus Charles Dickens’ berühmtesten Roman „Oliver Twist“. Der Artful Dodger, ein junger arroganter Taschendieb, der die abgelegte Kleidung eines Gentleman trägt, wurde nach der Veröffentlichung von „Oliver Twist“ zum Innbegriff des viktorianischen Kinderkriminellen. 

Ein Bild, das sich bis heute hält. Und sicherlich mag es sie gegeben haben, die viktorianischen Kinder, die Pfeife rauchten, Alkohol tranken und von ihren Diebeszügen prahlten. Doch an der Tagesordnung waren sie nicht. Heute möchte ich euch ein trauriges Thema nahe bringen, dass aber wichtig ist, wenn man das frühe viktorianische England von allen Seiten kennenlernen möchte. Armut und Kinderkriminalität wurden in den 1830ern und 1840ern ein Thema, das auch in den feineren Haushalten auf den Tisch kam. Wie es zu dieser neuen Sichtbarkeit kam und was ausgerechnet Charles Dickens damit zu tun hat, erfahrt ihr heute. 

Der Social Novel - Mit Oliver Twist in die Londoner Slums 

„Oliver Twist“ ist ein sogenannter Social Novel, ein Gesellschaftsroman, der in einem Milieu spielt, vor dessen Existenz die Menschen des gehobenen Bürgertums und des Adels immer die Augen verschlossen haben. Elend und Armut in den Londoner Slums waren ein Thema, mit dem sich Bourgeoisie und Adel nur ungern beschäftigt haben. Armut galt als selbstverschuldet. Wer arm war, der arbeitete nicht richtig oder trank zu viel oder war ein schlechter Mensch. Er gehörte ins Armenhaus, wo die Armen wie Gefangene gehalten wurden und für Essen und Unterkunft schwer arbeiten mussten. Erst mit der neuen Welle von Gesellschaftsromanen und Sozialreporten, wie denen des englischen Journalisten und Advokaten für soziale Reformen Henry Mayhew, die zu Beginn des viktorianischen Zeitalters Licht ins Dunkle brachten, begannen die Menschen umzudenken. Dass strikte Klassengrenzen und so gut wie gar keine Aufstiegsmöglichkeiten für die andauernde Armut sorgten, dass Menschen, die arm geboren waren kaum eine Chance bekamen, sich aus dieser Situation zu befreien, das waren Erkenntnisse, die der in Saus und Braus lebenden Oberschicht erst nahegebracht werden mussten.

Dass das Elend existierte, war den reichen Menschen im frühen viktorianischen Zeitalter bewusst. Man darf es sich nicht so vorstellen, als wüsste die reiche Dame nicht, wie es den ärmeren Menschen ergeht. Slums und Armenviertel Londons waren kein abgeschottetes Gebiet, sondern befanden sich meist in den Hinterstraßen der besseren Viertel, sozusagen Tür an Tür mit den reichen Menschen. Die Menschen wussten sehr gut, wie Armut aussah. Das Problem waren eher die oben erwähnten Stigmata den armen Menschen gegenüber. Dazu gehörte auch der Glaube, dass ein in Armut geborenes Kind von vorn herein verloren war. Sein Umfeld prägte es, sodass es kriminell wurde und für die Gesellschaft keinen Wert mehr hatte. Dass die Menschen nicht aus Bosheit stahlen, sondern aus Leid, das war ein Gedanke, den sich die Bourgeoisie und der Adel kaum richtig vorstellen konnten. Sie sahen as Leid auf den Straßen, doch sie waren so aufgewachsen, dass sie gar nicht in der Lage waren, sich vorzustellen, was es bedeutete kein Geld zu haben, keine Arbeit finden zu können, ohne Bedienstete auskommen zu müssen oder mehrere Tage ohne Essen auszufristen. Auch die Menschen aus den gehobenen Klassen waren nicht gemein oder herzlos. Sie waren in eine Ignoranz hineingeboren, die ohne Anstoß nicht angezweifelt werden konnte.

Die Sozialreporte und Gesellschaftsromane versuchten nun, den wohlhabenden Menschen vor Augen zu führen, was sich in den Armenvierteln und Slums abspielte: Die Menschen lebten mit zu vielen anderen Menschen auf zu geringem Platz, Bildung war noch kein Recht, auf das jeder Mensch Anspruch hatte und wer Arbeit finden konnte, der schuftete meist mehr als zwölf Stunden am Tag unter menschenunwürdigen und gesundheitsschädlichen Zuständen in den neuen Fabriken, Dampfwäschereien oder Nähstuben. Die industrielle Revolution, die in den 1830ern noch ihren Lauf nahm, hatte neue Maschinen gebracht, schnellere Arbeitsweisen und einen großen wirtschaftlichen Fortschritt bedeutet. Doch sie ist es auch, die dafür sorgt, dass der Spalt zwischen arm und reich nicht nur in Großbritannien immer weiter aufklafft: Die Bourgeoisie wird zu Fabrikbesitzern, wird wohlhabender und angesehener und steigt immer weiter auf, während die Arbeiterschicht zu Fabrikarbeitern wird, abhängig vom Gutdünken der Leiter der Fabrik, ohne Chancen auf Aufstieg. Ohne Arbeiterrechte und soziale Reformen war das Motto in diesen Fabriken: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Die Industrielle Revolution - Fluch oder Segen?

Wurde man krank und konnte einen Tag nicht zur Arbeit erscheinen, war man seinen Job los. Trödelte man an der Maschine, weil es einem nicht gut ging, konnte man einfach so herausgeworfen werden und erhielt meist nicht einmal den Lohn für die bereits geleistete Arbeit. Besonders Frauen, die schwanger wurden, wurden meist ohne Rücksicht auf die Straße gesetzt und durch andere Frauen ersetzt, die ohne Einschränkungen die Arbeit verrichten konnten. Es ist wahr: Die Industrielle Revolution machte es Menschen aus dem unteren Bürgertum möglich, aufzusteigen und sie schuf neue Arbeitsplätze. Auf lange Sicht verbesserte sie die Zustände der Menschen sicherlich. Doch sie festigte auch die scharfe Grenze zwischen Arbeitertum und Bürgertum und für alle, die unter dem Strich lebten, bedeutete sie zwar eine feste Anstellung und ein geregeltes Einkommen – aber auch vierzehn Stunden Arbeit pro Tag, die Gefahr, die Anstellung wegen kleiner Fehler zu verlieren und die völlige Ausbeutung durch Industrielle für sehr wenig Lohn. Viele Menschen argumentieren, dass niemand gezwungen worden sei in den Mühlen und Fabriken zu arbeiten und, dass die Menschen froh waren, dort arbeiten zu dürfen. Das ist wahr. Aber man muss sich immer vor Augen halten, was die Alternative zur menschenunwürdigen Arbeit in der Fabrik gewesen wäre: Ein Leben als arbeitsloser Bettler. 

Es gibt Historiker, die argumentieren, dass die industrielle Revolution ohne die Gesetze, die später Arbeitszeit und Löhne reguliert haben, die Armut komplett hätte auslöschen können, aber da kann ich nur den Kopf schütteln. Fabrikarbeiter waren trotzdem arm. Fabrikbesitzer bezahlten so niedrige Löhne, wie es möglich war. Arbeiter verdienten gerade genug, um ihre Familien durch die Woche zu bringen – wenn jedes Mitglied der Familie, auch die Kinder, nebenbei eigener Arbeit nachging. Gesetze, die angemessene Löhne festlegen und bestimmen, wie viel Arbeitszeit am Tag menschenwürdig ist, haben das Leben der Arbeiter lebenswert gemacht. Natürlich kann man argumentieren, dass es weniger Armut gibt, wenn alle armen Menschen für ein paar Pennys am Tag vierzehn Stunden an der Maschine stehen,  doch solche Meinungen kann meiner Meinung nach nur jemand vertreten, der sich nicht vorstellen kann, wie gesundheitsschädigend es ist, mehr als zwölf Stunden pro Tag für einen Hungerlohn in einer Fabrik zu arbeiten. Ganz ähnliche Denkweisen, wie Adel und Bourgeoisie sie im frühen neunzehnten Jahrhundert hatten also. Hier lässt sich auch gut ablesen, dass wir heute über die Einstellungen zur Armut noch immer nicht völlig hinweggekommen sind. Natürlich bedeutet die Industrielle Revolution für viele Menschen eine Verbesserung der Lebensumstände. Sie hat allerdings auch durchaus dunkle Schattenseiten, die nicht verschwiegen werden dürfen. 

Besonders die Kinderarbeit ist hier ein Faktor, über den viele Menschen, die diese Meinung vertreten, gern hinweggehen. Arme Familien schickten ihre Kinder nicht zur Arbeit, weil sie gierig waren, sondern, weil es notwendig war, wenn man die ganze Familie ohne Hunger durch die Woche bringen wollte. Um das plastisch darzustellen: Eins der oben angesprochenen Gesetze von 1847 legte fest, dass Kinder „nur“ zehn Stunden pro Tag arbeiten durften. Erst 1874 wurde ein Gesetz erlassen, nachdem Kinder unter zehn Jahren gar nicht in Fabriken arbeiten durften. Und jetzt gibt es Menschen, die diese Gesetze dafür verantwortlich machen, dass es heute immer noch Armut gibt. Meine Frage ist aber, wie die Lösung aussieht, auf die diese Denkweise hinsteuert. Sollen Kinder unter zehn Jahren etwa mehr als zehn Stunden am Tag hart in einer Fabrik arbeiten? Ist das der moralisch richtige Weg, um die Armut zu bekämpfen? Wir müssen uns auch vor Augen halten, wie viele Kinder während ihrer Arbeitszeit ums Leben kamen. In Fabriken wurden sie, weil sie so klein waren, unter und zwischen die Maschinen geschickt, was oft zu Unfällen führte. Auch in den Schächten der Kohleminen, wo sie Wägen schoben und durch die engen Gänge kriechen mussten, oder in den Kaminschächten der Häuser der wohlhabenden Menschen starben viele Kinder. 

Kinderkriminalität - Leinendiebstahl und Charles Dickens 

Wir haben es also mit Kindern zu tun, die in diese Welt hineingeboren werden. Sie müssen hart arbeiten und sehr früh erwachsen werden, um in dieser Welt zu bestehen. Kaum eines dieser Kinder wird nicht ein Geschwisterchen an Krankheit oder Hunger verloren haben, vielleicht sogar die Eltern. Hier kommen dann die Kriminellen ins Spiel. Oft köderten sie arme Kinder, indem sie hübsche nette Mädchen vorschickten, die den Kindern ein neues Zuhause, ausreichend zu Essen und Arbeit versprachen. Manchmal schickten sie auch andere Kinder, um das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Für die Kinder tat sich nun ein augenscheinlicher Ausweg aus der Armut auf. Doch das Ziel dieser Menschen war es, die Kinder auszubilden und auf Diebeszüge zu schicken. Besonders beliebt war der Leinendiebstahl: Die Kinder kletterten über die Mauern in die Gärten der reichen Häuser, was aus den oben genannten Verhältnissen nicht schwer war. Oft begannen die Slums hinter den hohen Hecken und Mauern der reicheren Häuser. Die Kinder stahlen dann die Wäsche von der Leine. Mutigere Kinder luchsten reichen Damen und Herren auf der Straße die Taschentücher ab. Dann wurden die Initialen aus den Stoffen gelöst und die Leinen bei Pfandleihern für gutes Geld versetzt. 

In Gegenden wie Saffron Hill in Camden, der auch in Charles Dickens’ „Oliver Twist“ eine große Rolle spielt, gab es viele solcher Pfandleiher, die genau wussten, woher die gute Ware kam. Die Straße Saffron Hill wurde bald dafür bekannt, dass angeblich aus jedem Fenster ein gestohlenes Taschentuch flatterte. Natürlich stahlen die Kinder als Taschendiebe aber auch Geldbörsen und Taschenuhren. Das war riskanter und man wurde das Diebesgut schwieriger los, weshalb der Leinendiebstahl bevorzugt wurde. Verbrecher bevorzugten Kinder für diese Arbeiten, weil sie kleiner und schneller waren und in großen Menschenmengen leichter verschwinden konnten. Außerdem kam ein erwischtes Kind viel leichter davon, als ein Erwachsener. Für die wohlhabende Oberschicht galten diese Kinder als von ihrer Umwelt verdorben, aber natürlich muss man sich vor Augen halten, weshalb die Kinder stahlen: Aus Hunger und Verzweiflung. Kaum ein Kind wird wie der Artful Dodger aus Spaß am Stehlen gestohlen haben. Für diese Kinder gab es zwei Wege: Entweder sie schlossen sich den Diebesbanden an, wo sie mit anderen Kindern zusammen waren, Essen und einen Schlafplatz bekamen, oder sie blieben allein und mittellos, verhungerten nicht selten auf der Straße. 

Sozialberichte und Gesellschaftsromane rüttelten die britische Bevölkerung in den 1830er Jahren auf. Bald wurde es sogar ein gesellschaftliches Muss an wohltätige Organisationen zu spenden, das einem einen guten Ruf unter der feinen Gesellschaft einbringen konnte. Doch natürlich verkam die Wohltätigkeit bald zu einem Weg das eigene, durch die Sozialberichte in Wallung gebrachte schlechte Gewissen zu beruhigen und half bloß wenig. Die Sozialreformen des langen neunzehnten Jahrhunderts aber waren auf den Weg gebracht. In den 1830ern traf es Kinder, die beim Stehlen erwischt wurden, jedoch oft immer noch hart, wenn der Bestohlene nicht von einer Anzeige abweichen wollte. In Großbritannien landete das Kind nicht für einen gestohlenen Laib Brot oder ein gestohlenes Taschentuch am Galgen, wie es in anderen westlichen Ländern noch bis weit in die Belle Époque hinein vorkommen konnte und auch in Großbritannien im vorangegangenen Jahrhundert noch üblich war. Kinder, die beim Stehlen erwischt wurden, konnten ohne viel Umsehen im Gefängnis enden oder mussten die harte Deportation in die Sträflingskolonien in Australien antreten. 

Die Artful Dodgers der frühen viktorianischen Jahre waren also meist keine pompösen, arroganten jungen Gentlemen, die mit viel Witz ihrer unehrlichen Arbeit nachgingen, sondern verzweifelte, heruntergekommene Kinder, denen kein anderer Ausweg mehr blieb. Die Bourgeoisie aber wollte das auch nach den neuen Gesellschaftsromanen noch nicht richtig wahrhaben. Wie Premierminister Benjamin Disraeli schon damals erkannte, lebten die verschiedenen Schichten der viktorianischen Gesellschaft wie zwei Nationen völlig aneinander vorbei, ohne Berührungspunkte und sich gegenseitig komplett fremd. Enthüllungsberichte, Gesellschaftsromane und politische Magazine sollten helfen, doch der Weg zur Sozialreform war beschwerlich und sehr, sehr lang. Natürlich muss auch hier wieder gesagt werden, dass ich „die wohlhabenden Viktorianer“ zwar generalisierend benutze, aber auch die Viktorianer nicht alle nach dem gesellschaftlichen Konsens gedacht haben. Es gab Adelige wie Bürgerliche, die sich stark für die Rechte von Arbeitern und Armen eingesetzt haben und es gab auch Arbeiter, die für ihre Sache eingetreten sind. Dass Schriftsteller wie Charles Dickens, der als Kind selbst in einer Fabrik arbeiten musste, mit ihren Romanen Adel und Bourgeoisie wachrütteln wollten, ist ein Anzeichen für das wachsende Bewusstsein für soziale Fragen im neunzehnten Jahrhundert. 

Selbst nachlesen?

Betensky, Carolyn: Feeling for the Poor. Bourgeois Compassion, Social Action, and the Victorian Novel. 2010. 

Mayhew, Henry: The London Underground in the Victorian Period. 2005.

1 Kommentar

  1. Hallo,
    ich würde gerne wissen aus welcher Literatur du diese Information entnommen hast?
    Ich schreibe gerade eine Hausarbeit über das Thema: Kinderausbeutung zur viktorianischen Zeit, wobei ich mich vorallem auf die Kinderkriminalität beziehe, sowie auf den Roman 'Oliver Twist' von Charles Dickens.
    Ich wäre Dir sehr verbunden, wenn du mir weiterhelfen könntest.

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