Die Suffragetten - Votes For Women

Anne Kenney & Christabel Pankhurst,
Women's Social and Political Union, 1908
Die Suffragettenbewegung des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts gilt als erster, wirklich erfolgreicher Vorstoß im Kampf um Frauenrechte. Auch in den Jahrhunderten zuvor hatte es immer wieder Vereinigungen und einzelne Aktivistinnen gegeben, die gegen die gesellschaftlichen Ungleichheiten vorgingen, doch erst die Suffragetten ebneten den Weg für etwas Größeres, Nachhaltigeres:

Sie erkämpften das Wahlrecht für die Frau. Wie es immer passiert, wenn eine unterdrückte Gruppe ihre Rechte einfordert, beginnen die Menschen, die bisher Macht über diese Gruppe ausgeübt haben, mit dem Gegenschlag. Bis heute wird das Wort "Suffragette" mit etwas Negativem verbunden, mit grundlos aggressiven Frauen - ein Bild, das die Gegner der Bewegung zeichnen wollten und das bis heute auf Frauen angewendet wird, die soziale Ungleichheiten bekämpfen.

Das Wort selbst aber, Suffragette, leitet sich aber bloß vom Wort "suffrage" ab - Wahlrecht. Die Suffragette ist eine Wahlrechtlerin, eine Frau, die nicht länger einsieht, dass Männer ein Mitsprache- und Meinungsrecht in politischen Angelegenheiten haben, Frauen aber nicht. Im engeren Kreis ist die Suffragette außerdem ein Mitglied der Women's Social and Political Union aus Manchester. Auf der Fotografie aus dem Jahr 1908 könnt ihr zwei der prominentesten Mitglieder sehen, Anne Kenney und Christabel Pankhurst, Tochter der Wortführerin Emmeline Pankhurst. Bei den Suffragetten handelte es sich meist um Frauen aus der Oberschicht: Gebildet, intelligent und intellektuell und ausgestattet mit großem Wissen über die politische Situation - nicht jedoch mit dem Recht, selbst politische Entscheidungen zu treffen.

Der Kampf der Suffragetten 

Der Ruf der frühen Feministinnen ruht meist von den durchaus krassen Mitteln her, mit denen die Frauenrechtlerinnen sich Gehör verschafften. Ein anderer Ausweg blieb ihnen jedoch meist nicht. Sie hatten feststellen müssen, dass Flugblätter und Ansprachen beim Großteil der Bevölkerung auf taube Ohren stießen und, dass sie bloß Spott für ihr Anliegen ernteten. Sie ahnten, dass sie zu härteren Mitteln greifen mussten, wenn sie ihrem Ziel näherkommen wollten. Gegen 1912 begannen die Suffragetten das zu tun, was ihnen die Männer ihrer Gesellschaft jahrzehntelang vorgelebt hatten: Bekam man durch gutes Zureden nicht was man wollte, musste man Krieg führen. Emmeline Pankhurst, die wohl berühmteste Suffragette, wies immer wieder darauf hin, dass die Suffragetten eigentlich bloß taten, was Männer jahrhundertelang bereits getan hatten: Für die eigenen Rechte einstehen und kämpfen, sich nicht abspeisen und unterwerfen lassen. Trotzdem galten die Suffragetten im öffentlichen Diskurs als aggressiv und irrational, als Frauen, die ihren Platz in der Gesellschaft vergessen hätten und am Zerfall der Moral Schuld waren. Es regnete Spott und Anschuldigungen, doch die Suffragetten gaben nicht auf.

Waren sie bisher auf friedliche Weise nicht aufgefallen, rückten sie sich jetzt gewalttätig ins Licht der Öffentlichkeit: Sie ketteten sich an Zäune, warfen Steine durch die Fenster bekannter Suffragettengegner, zündeten Briefkästen an und setzten hier und da sogar Bomben ein. Das Ziel war nicht, Menschen zu schaden, sondern zu zeigen, dass man sich nicht länger abspeisen ließ. Die Gegner der Bewegung nahmen jedoch genau dieses Verhalten als Stütze für ihre Argumente. Sie stellten die Suffragetten, und gleichzeitig alle Frauen, als irrational und zu emotional hin. Frauen dürften das Wahlrecht auf keinen Fall erhalten, denn sie handelten unüberlegt und unbedacht. Dahinter steckt nicht Unwissen oder echte Überzeugung von dieser Tatsache, wie oft behauptet wird, sondern Kalkül. Das männliche Privileg, die Macht über die Frau, war in Gefahr geraten und alle Mittel waren Recht, um es wieder zu sichern. Dass den Gegnern der Suffragetten nicht aufgefallen sein soll, dass die Handlungen, die sie "unüberlegt" und zu "emotional" nannten, genau die Art von Handlungen waren, mit denen Männer in der gesamten Geschichte der Menschheit ihre Ziele verfolgt hatten - und dafür gefeiert wurden - halte ich für unwahrscheinlich.

Bis heute gilt der Fall der Emily Davison als "Beweis" für die unüberlegt handelnde Frau, die sich für ihren Zweck umbringt. Hier haben die Sufragettengegner des frühen zwanzigsten Jahrhunderts alle Arbeit geleistet. Alle Indizien weisen darauf hin, dass Emilys Tod ein Unfall war, doch bis heute wird sie als militante, aggressive Frau gezeigt, die sich am Ende für den Zweck das Leben genommen hat. Viel wahrscheinlicher ist, dass Emily, die beim Epsom Derby 1913 vom Rennpferd des Königs zu Tode getrampelt wurde, sich nicht mit Absicht unter die Hufe des Pferdes geworfen hat, sondern einen Banner der Partei Women's Social and Political Union am Zeug des Pferdes anbringen wollte, damit das Pferd des Königs, wenn es ins Ziel läuft, Werbung für die Bewegung machte. Obwohl sich viele Leute schon damals sicher waren, dass Emilys Tod ein Unfall war, bauschten die Gegner der Bewegung ihn zum Beweis dafür auf, dass Frauen - generell alle Frauen, nicht bloß Emily - emotional unzulänglich seien und deshalb nicht das Wahlrecht erhalten dürften.

Ungefähr 1000 Suffragetten gerieten für ihre Vergehen im Namen des Kampfes für Frauenrechte in Gefangenschaft. Die Misshandlung der Frauen im Gefängnis ist ein sehr komplexes Feld, das einhergeht mit Missbrauch und gewalttätiger Zwangsernährung, die körperliche und seelische Schäden hinterließ. Die militante Sufraggettenbewegung ab 1909 kann eigentlich als Revolution gegen ein politisches System verstanden werden, dass es Frauen untersagte, vollwertige Mitglieder der edwardianischen Gesellschaft zu werden. Mit Beginn des ersten Weltkriegs im Jahr 1914 verlagerte sich der Schwerpunkt der Suffragetten. Sie erarbeiteten sich durch ihren Einsatz für den Krieg das Wohlwollen der Öffentlichkeit. Auch auf anderem Wege verhalf der Krieg den Frauen zum Wahlrecht: Sie führten ohne zu Murren die traditionell männlichen Arbeiten aus, die liegen geblieben waren, da die meisten Männer in den Krieg gezogen waren, und bewiesen tatkräftig, dass sie dazu tatsächlich in der Lage waren. Im Jahr 1918 erhielten alle Frauen über dem Alter von 30 Jahren das Wahlrecht - gerecht ist das immer noch nicht, denn Männer durften bereits mit 21 Jahren wählen, doch es war ein Anfang. Im selben Jahr noch wurde es Frauen erlaubt, sich ins Parlament wählen zu lassen und zehn Jahre später durften Frauen endlich unter denselben Umständen wählen, wie Männer.

Das große Umdenken?

Eine Aussage, die mich immer wieder sehr stört ist, dass man den Frauen das Wahlrecht gegeben hätte. Das klingt danach, als hätte man das Frauenwahlrecht ohne Widerstand eingeführt, wenn die Wahrheit ist, dass sich die Frauen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts das Wahlrecht hart erkämpfen und erarbeiten mussten. Niemand hat es ihnen einfach überlassen - stattdessen wurde der Kampf um das Frauenwahlrecht belächelt, gewaltsam erwidert und verspottet. Und mit denselben Argumenten, die damals benutzt wurden um die Suffragetten lächerlich zu machen, begegnen viele Menschen heute modernen Feministinnen. Heute würde niemand mehr sagen, dass eine Frau weniger Recht darauf hat als eigenständige Person angesehen zu werden und ihre Regierung wählen zu dürfen, als ein Mann, doch mit denselben Argumenten, mit denen die Menschen den Frauen diese Rechte damals streitig machen wollten, wird heute Frauen begegnet, die sich für gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit einsetzen oder andere soziale Ungleichheiten bekämpfen, die auch im Jahr 2012 noch immer bestehen. 

Unsere moderne Gesellschaft mag bereits weit gekommen sein, doch das bedeutet nicht, dass wir am Ziel sind. Besonders auf dem Gebiet der Intersektionalität, das von den Suffragetten arg vernachlässigt wurde, muss noch viel getan werden, doch es gibt auch immer noch soziale Ungleichheiten, die alle Frauen betreffen. Es reicht nicht, und das ist ein Punkt, der mir persönlich sehr wichtig ist, sich über die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit zu empören, wenn man nicht bereit ist, den Ungerechtigkeiten, die heute noch bestehen, ins Auge zu sehen. Dass Sexismus und Gewalt gegen Frauen noch immer an der Tagesordnung sind und von vielen Menschen als normal und unproblematisch betrachtet werden, ist schlimm und sollte von keinem Menschen einfach so hingenommen werden. 

Selbst nachlesen?

Atkinson, Diane: The Purple, White and Green. Suffragettes in London 1904 - 1914. 1992.

Liddington, Jill & Norris, Hill: One Hand Tied Behind Us. The Rise of the Women's Suffrage Movement. 2000.

Kommentare

  1. Vielen Dank für diese Erinnerung!
    Auch wenn ich zugeben muss das ich bisher eher wenig über die Geschichte des Feminismus wusste (natürlich kannte ich einige Eckdaten, aber da ich generell die These vertrete dass mensch nur in der Gegenwart kämpfen kann, habe ich mich damit nicht allzu viel befasst), freue ich mich immer über eine Aufarbeitung.
    Besonders die Erinnerung an diese Kämpfe und den Aufruf weiter zu kämpfen, die Erinnerung an diese mutigen Frauen nicht mit Füßen zu treten finde ich wichtig.
    Wir sind einen langen Weg gegangen und haben viel erreicht, aber wenn wir uns jetzt auf diesen Erfolgen ausruhen stehen wir bald wieder am Herd- und ob wir dann ein Korsett oder Jeans tragen wird auch keinen Unterschied machen.
    Und genau das ist auch eine interessant Frage:
    Wann wird die Kleidung zum Zwang?
    Ist es, aus feministischer Sicht okay, Korsett und Reifrock zu tragen, obwohl diese ja grade zu Sinnbilder der Männerherrschaft sind? Oder können sie in der heutigen Zeit, unterpolstert mit genügend Argumenten vielleicht sogar feministisch sein?

    Ich selber bin nicht nur viktorian Goth sondern vor allem auch Feministin, das sind also serh große Themen für mich.
    Innerhalb der Szene mag es selbstverständlich sein, da wir die Frau als "stärkeres" Geschlecht sehen. Liegt wohl ganz einfach daran das man als Goth kreativ sein muss- und es ist nun einmal in vielen Studien erwiesen das kreative Frauen meistens durchsetzungsfähiger sind als andere. während kreative Männer stärker zur Introvertiertheit und "typisch weiblichen Gefülsduseleien" neigen.
    Gleichzeitig hat sich dadurch eine Mode durchgesetz die in gewisser weise als Gegenteil der Flapper angesehen werden kann, aber auf das selbe hinauswill: Statt Frauen in sogenannter Männerkleidung, Männer in sogenannter Frauenkleidung--- du weißt schon: lange Haare, Herrenröcke, teilweise auch Absätze und Männerkorsetts.
    Aber außerhalb dieser wird es schwer, wie macht man klar das Selbstbestimmung auch heißt, Kleidung anzuziehen die an und für sich nicht der eigenen Überzeugung entspricht?

    Würde mich sehr über eine Antwort freuen und liebe Grüße,
    Amy

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    1. Danke für den ausführlichen Kommentar erstmal. :-) Ich finde es sehr wichtig, die Geschichte einer Sache zu kennen, wenn man in der Gegenwart etwas bewirken möchte. Das alles mag 100 Jahre her sein, aber was wir heute haben, baut natürlich auf den Ereignissen auf und ich bin der Meinung, wenn man etwas durch und durch verstehen möchte, muss man wissen, woher es überhaupt kommt und welche Entwicklungen schon passiert sind.

      Was die Kleidung angeht: Ich denke, das ist schwer zu sagen. Selbst zur Hochzeit des Korsetts wurde keine Frau wirklich gezwungen, es zu tragen. Natürlich, soziale Zwänge gab es immer und lange Zeit war auch Frauenmode von Männern gemacht. Das Bild der Krinoline als Käfig kam ja nicht einfach irgendwie auf, es wurden bereits in den 1860ern Parallelen zwischen der Unbeweglichkeit in Korsett und Krinoline und der Unbeweglichkeit der Frau in der viktorianischen Gesellschaft gezogen. Und der Kampf gegen die unpraktischen Moden war laut und ging keinesfalls einfach über die Bühne. Darüber habe ich auch vor ein paar Monaten erst gebloggt: http://the-gaiety-girl.blogspot.de/2013/07/anti-fashion-mode-und-frauenbewegung.html

      Was wir den Damen damals definitiv voraus haben, ist die Kraft selbst zu entscheiden. Wer damals als Dame von Welt kein Korsett trug, konnte sich langsam von seinem gesellschaftlichen Ruf verabschieden. Es stand jeder Frau offen, der Mode nicht zu folgen, doch jede Abweichung hatte gesellschaftliche Konsequenzen, die manchmal harsch sein konnten. Heute kann ich entscheiden, ob ich weibliche Kleidung, Röcke, enge Oberteile oder Schmuck trage, oder eher weitere Hosen und Sweatshirts und das wird kaum eine Auswirkung darauf haben, inwieweit meine Umgebung mich als Person anerkennt (obwohl Kleidung auch heute noch viel zu wichtig genommen wird und bei vielen Menschen ein Bild von der Person entstehen lässt, ohne, dass man die Person überhaupt kennt).

      Aber ich denke, der große Unterschied zu früher ist diese Entscheidungsfreiheit. Ich kann zu Korsett ja oder nein sagen und das ist dann meine eigene Entscheidung. Würde ich um 1890 leben, könnte ich zum Korsett nur theoretisch nein sagen. Niemand würde mich zwingen, es zu tragen (es sei denn, ich lebe noch bei meiner modebewussten, strikten Mutter, aber das ist etwas anderes), aber die Wahrnehmung der anderen Menschen von mir würde dadurch so stark verändert werden, dass allein das mich zwingen kann, das Korsett zu tragen, obwohl ich eigentlich nicht will.

      Von meiner Warte aus, ist alles feministisch, was passiert, weil eine Frau sich bewusst und willensstark dafür entscheidet. Selbst, wenn das ein Korsett ist. Selbst, wenn das die Rolle der Hausfrau und Mutter ist. Wenn eine Frau das will und sich von niemandem in diese Entscheidung reinreden lässt, dann ist das ein feministischer Schritt. Das gilt auch für period clothing wie Reifröcke und das Korsett. Darüber wollte ich sogar nochmal bloggen, ich arbeite an einem Post zu viktorianischer Mode heute und reanactment. :)

      Ich bin sehr für ein Aufheben der Grenzen bei der Kleidungswahl. Wenn man sich bewusst macht, das Frauen erst seit etwas über 60 Jahren Hosen tragen dürfen, ohne dass es jemanden groß stört (Zu Zeiten meiner Oma in den 40er und 50er Jahren war es bereits möglich, wurde aber noch überhaupt nicht gern gesehen), wird man wohl drauf kommen müssen, dass es noch ein weiter Weg ist, aber man merkt auch: Es ist möglich. Hoffen wir mal, dass wir in den nächsten Jahren vorwärts gehen und nicht rückwärts.

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