Das Schönheitsideal der Belle Époque I: Damen

Lillian Russell in "Lady Teazle",
1904
Wir heute leben in einer Kultur, die stark auf Äußerlichkeiten achtet und viele Menschen wünschen sich zurück in „einfachere Zeiten“, in denen das noch nicht so gewesen ist. Ob es solche Zeiten wirklich jemals gegeben hat, sei dahingestellt, doch das neunzehnte Jahrhundert ist keine solche Zeit. Die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts achteten wahrscheinlich noch viel mehr auf äußere Schönheit, als wir heute. Das neunzehnte Jahrhundert ist die Zeit, in der an Kleidung und Aussehen ablesbar war, welchem Stand man angehörte, was man besaß und welche Stellung man in der Gesellschaft innehatte. 

Die späten Viktorianer gingen sogar noch einen Schritt weiter: Am Aussehen der Person wollten sie die innersten Gedanke und Gefühle, die Charaktereigenschaften und Vorzüge eines Menschen erkennen können. Eine gefährliche Denkweise, über die ich an anderer Stelle noch berichten werde. Besonders, was die ideale Frau anging, hatten die Menschen in der Belle Époque ganz bestimmte Vorstellungen, die ich heute gern vorstellen möchte. Es sei aber erneut vorweg gesagt, dass auch hier nicht alle Menschen des neunzehnten Jahrhunderts über einen Kamm zu scheren sind. Ich spreche in diesen Artikeln über gesellschaftliche Konzepte, die weit verbreitet Anerkennung erfahren haben, aber auch viel Kritik. Außerdem sind es Konzepte, die erst in späterer Zeit untersucht und präzisiert wurden und die zwar in der Theorie anwendbar sind, in der Praxis aber durchaus Abweichungen zulassen. 

Grazie und Schönheit – Die Idealfigur des neunzehnten Jahrhunderts

Der Inbegriff von Grazie und weiblicher Schönheit im neunzehnten Jahrhundert waren sanfte, weiblich konnotierte Rundungen: Ein rundes, weiches Gesicht, runde Oberschenkel, Hüften und Arme. Als besonders schön angesehen wurde es, wenn eine Frau dazu kleine Hände und Füße besaß. Vielen Leuten hängt der Gedanke nach, dass „dick sein“ im viktorianischen Zeitalter als schön empfunden wurde, aber hier muss man einhaken und ein wenig tiefer gehen. Zuerst einmal muss man sich fragen, was man als „dick“ definieren möchte und was die Viktorianer als „zu dick“ definiert haben. Ich hoffe persönlich, dass ich einen Blog führe, der gänzlich ohne Diskriminierung auf Basis jeglicher Merkmale auskommt, weshalb ich hoffe, dass herauskommt, dass es nicht meine persönliche Meinung ist, wenn ich sage, dass die Viktorianer entgegen beliebter Misskonzeptionen durchaus ein „zu dick“ kannten. Die Königin Victoria selbst galt als junge Frau mit ihrer runden Figur und ihren 1,52 Metern Körpergröße in den Augen vieler Zeitgenossen als „zu dick“. Im Gegensatz dazu galt die amerikanische Schauspielerin Lillian Russell, oben abgebildet, im Amerika um die Jahrhundertwende als große Schönheit.

Der Knackpunkt dürfte hier die Verteilung des Gewichts auf den Körper sein und natürlich auch die Taille. Der Kontrast in der weiblichen Form wird schon sichtbar, wenn man sich die Rundungen und die gewünschten kleinen Füße anschaut, doch der viel größere Kontrast sind natürlich die schmale Taille und der flache Bauch. Kaum eine Frau verfügte von Natur aus über solch eine Figur, weshalb besonders zum Ende des Jahrhunderts hin, als die Stundenglasfigur nicht mehr durch Krinolinen- und Tournürenmode akzentuiert wurde, die dauerhafte Modifikation des Körpers durch das Korsett Vorraussetzung war, um die modische Figur zu erreichen. Hierzu gibt es allerlei Korsettmythen, die ich an anderer Stelle schon aufgeklärt habe. Ich möchte es hier aber doch noch einmal kurz zusammenfassen. Die schmale Taille erreichte man nicht, indem man das Korsett einfach anzog und eng schnürte. Damen trugen von Kindesbeinen an Korsett und fingen mit beginnendem Erwachsenenalter, ab knapp sechzehn Jahren also, an ihre Taille einzuschnüren und zu formen. Dies ist ein dauerhafter, langsamer Prozess, bei der das Korsett immer dann enger geschnürt wird, wenn sich der Körper an die neue Form gewöhnt hat. 

Geht man diesen Prozess langsam und geduldig an, ist er weder mit Schmerzen, noch mit gesundheitlichen Schäden verbunden. Die Dame, die ihres Korsetts wegen nicht atmen kann, erstickt oder sich die Rippen bricht, ist ein Mythos, der im Normalfall nicht eingetreten ist. Atemnot kann entstehen, wenn eine Frau für den langwierigen Prozess des Taillentrainings zu ungeduldig war und das Korsett zu schnell zu eng schnürte. Die berühmte Wespentaille des fin de siècle ist übrigens, auch, wenn viele Leute etwas anderes glauben, auch kein alltäglicher Modetrend gewesen. Eine Taille von bloß 45 Zentimetern, wie sie das amerikanische Modell Camille Clifford gehabt haben soll, war keinesfalls Vorraussetzung oder als normal und schön angesehen. Frauen, die ihre Taille so stark reduzierten oder gar ihre Töchter dazu zwangen, galten als Modeopfer und wurden als albern und affektiert empfunden. Im Normalfall reduzierte eine Frau ihre Taille bloß um ein paar Zentimeter, um den gewünschten Kontrasteffekt zum runden Busen und den runden Hüften zu erreichen. Lillian Russells Taille umfasste im Korsett 61 Zentimeter und galt als ideale Taille. 

Gaynor Rowlands als "Salomé", 1905
Aber, wie ich bereits erwähnte, gab es durchaus auch ein „zu dick“. Als Lillian Russell zum Beispiel im Alter von 26 Jahren rund 20 Kilogramm zunahm, berichteten die Zeitungen genau wie heute, sie wäre plump geworden. Ich denke, ein richtiges Idealgewicht kann man für das neunzehnte Jahrhundert auch nicht bestimmen. Frauen waren generell kleiner als heute, rund 1,60 Meter groß im Durchschnitt, und es ist wahrscheinlich, dass eher das Augenmaß bestimmte, wer ideal aussah und wer „zu dick“ oder „zu dünn“ war und nicht die Waage. 

Ideal war eine sanfte, weiche weibliche Form, mit der Führsorge, Wärme und Reinheit verbunden wurde, jedoch auch fragile Eleganz und Schwäche. Eine Frau, die „zu dick“ aussah hatte mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen. Freude am Essen wurde als Indiz auf einen ausgeprägten Sexualtrieb gewertet, weshalb eine Frau, die „zu dick“ aussah, gleichzeitig als unmoralisch und unrein gewertet werden konnte. War eine Frau aber „zu dünn“ unterstellten die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts ihr Anfälligkeit für Krankheiten und eine unerwünschte Art von Schwäche: Die, die dazu führt, dass die Frau keine gesunden Kinder zur Welt bringen kann. Ein Klischee, das übrigens immer wieder aufkommt besagt, dass Damen sich, um eine noch schmalere Taille zu erreichen, die untersten Rippen entfernen ließen. Dies stimmt nicht. Operationen waren im neunzehnten Jahrhundert oft lebensgefährlich. Schauspielerin Gaynor Rowlands verstarb nach einer notwendigen Blinddarmoperation im Alter von nur 23 Jahren. Dieses Risiko wäre keine Dame im Namen der Schönheit eingegangen. 

Circassian Beauty – Orientalismus und Schönheit 

Ich finde aber durchaus, dass man gut erkennen kann, dass diese Ideale nur in der Theorie so streng und unnachgiebig gewesen sein können. Nicht nur galt gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die sehr schlanke Elisabeth von Österreich als schönste Frau der Welt, auch gehörte Gaynor Rowlands, rechts abgebildet, zu den schönsten Frauen auf der englischen Bühne um 1900, obwohl sie durchaus mehr Rundungen hatte, als die Idealfigur vorsah. Ihr seht also, dass das viktorianische und frühedwardianische Schönheitsideal andere Formen der Schönheit nicht so konsequent ausschließt, wie man meinen könnte. Ein weiteres wichtiges Indiz weiblicher Schönheit war weiße, gesunde Haut. Hier greift zu einem ein Trend, der Jahrhunderte lang vorgehalten hat: Wer blasse Haut hat, der ist wohlhabend und angesehen genug, um seine Zeit im Haus verbringen zu können. Ein Statussymbol also. Hinzu kommt allerdings im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts ein weiterer Faktor, den man nicht unterschätzen darf. 

Im Zuge von Imperialismus und Kolonialismus kristallisiert sich langsam gefährlicher Rassismus heraus, nachdem weiße Menschen allen anderen Menschen überlegen seien. Weiße, gesunde Haut ist also ein Schönheitsideal, das durchaus auch auf dieses neue, imperialistische Denken zurückgreift. Hier muss noch ein weiterer Faktor erwähnt werden, von dem man weniger häufig hört: Der Orientalismus des neunzehnten Jahrhunderts. Hier kommen die Tscherkessinnen ins Spiel: Die Tscherkessen sind ein Volk, das bis zur Vertreibung durch Russland im Norden des Kaukasus angesiedelt war und dessen Frauen als Inbegriff weiblicher Schönheit galten. Doch nicht nur das: Die Tscherkessen an sich wurden als idealste Form der weißen Ethnien betrachtet, idolisiert und durchaus auch fetischisiert. Zurück geht das auf die Tscherkessen, die zu Zeiten des Osmanischen Reiches von der Küste des Kaukasus als Sklaven ins Osmanische Reich entführt worden waren. Im späten achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert wird dieser historische Umstand von vielen Künstlern romantisiert.

Die weiße, tscherkessische Frau, die im Harem im vorderen Osten lebt und mit ihrer hellen Haut und dem dicken dunklen Haar die schönste unter den Frauen dort ist, wird zum beliebten Motiv innerhalb des Orientalismus und Schönheitscremes und Haarfärbemittel für wohlhabende Viktorianerinnen werden damit beworben, der Frau die Schönheit einer Tscherkessin schenken zu können. Natürlich sollte klar sein, dass dieser fetischisierende Orientalismus sehr heikel und heute mit viel Vorsicht zu betrachten ist, doch er sorgte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dafür, dass besonders dunkle Haarfarben neben dem allseits beliebten Goldblond zu Trendhaarfarben wurden. Haut hatte also weich und weiß zu sein, aber auch Mittelchen, die eine gesunde Färbung in die Wangen zauberten und Sommersprossen entfernten wurden als „tscherkessische Mittel“ vertrieben. Dass besonders im englischen Sprachraum die weiße Hautfarbe immer noch als „caucasian“ beschrieben wird, geht übrigens auf diesen Orientalismus zurück, denn diese Bezeichnung entstand, nachdem man die Tscherkessen aus dem Norden des Kaukasus wie oben beschrieben zur „idealen Ethnie“ erkoren hatte.

Selbst nachlesen?

Steele, Valerie: Fashion and Eroticism. Ideals of Feminine Beauty from the Victorian Era Through the Jazz Age. 1985.

Frost, Linda: Never one nation. Freaks, savages, and whiteness in U.S. popular culture. 1850-1877.

Kommentare

  1. genau das was ich gesucht habe <3 thx

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  2. Der Text ist echt interessannt und hilft mir ungemein bei meinem Vortrag.<3

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