Freitag, 24. August 2012

Gothic Fiction, Teil II: Der viktorianische Schauerroman

Illustration zu "Carmilla" von Joseph Sheridan Le Fanu,
D.H. Friston, 1872, In: The Dark Blue
Gestern habe ich mich mit den Anfängen des Schauerromans beschäftigt. Ein Literaturgenre entstanden aus einer Antibewegung gegen die nüchtern rationalen Ideale der Aufklärung. Ich habe dabei festgestellt, dass die klassische Gothic Fiction des ausgehenden achtzehnten und beginnenden neunzehnten Jahrhunderts düsterrromantisch war und sich von raffiniert unheimlichen Schauerromanen hin zu blutigem Horror entwickelt hat. Um 1820 herum war erst einmal Schluss mit der Gothic Fiction. Sie wurde abgelöst durch den romantischen historischen Roman, der verklärte Geschichten über das Mittelalter in die Salons brachte, und den Entwicklungsroman im Stile von Jane Austen. Doch für immer war die Gothic Fiction natürlich nicht verschwunden. 

Penny Dreadful : Die Geheimnisse von London und andere Schauerromane

Ihren Platz in der gehobenen Gesellschaft hatten die Schauerromane verloren, doch als seichte Literatur verschwanden sie nie ganz und erfreuten sich zu Beginn des viktorianischen Zeitalters großer Beliebtheit als sogenannte Penny Dreadfuls: Diese heißen so, weil sie für einen einzigen Penny zu haben waren. Der Schauerroman wird zum Groschenroman, zur Unterhaltung ohne großen literarischen Anspruch. Die Penny Dreadfuls sind meist kurze, sensationslüsterne Geschichten voller Blut und Schrecken, die im Stil von modernen Heftromanen funktionieren. Es gibt lange Reihen, die aus verschiedenen Geschichten bestehen und von verschiedenen Autoren verfasst werden. Eine solche Reihe, die die Zukunft der Gothic Fiction stark bestimmt hat, ist "The Mysteries of London". Die Reihe wurde 1844 von W.M. Reynolds begonnen und erzählte in typischer Schauerromanmanier vom Leben und den Gräueln in der Londoner Unterschicht. Die Geschichten erschienen einmal die Woche und bestanden aus acht dicht bedruckten Seiten und einem Titelblatt. Als die Reihe beliebter wurde, wurde damit begonnen die wöchentlich erschienen Kapitel in Stoff zu binden und als richtige Bücher herauszugeben. 

Heute erinnert sich kaum noch jemand an "The Mysteries of London", doch zu Beginn des viktorianischen Zeitalters war die Reihe sehr beliebt. Sie beeinflusste, wie Schauerliteratur funktionierte, immens und behandelte oft dieselben Themen, wie die etablierte Salonliteratur, die von der Kritik gelobt wurde, jedoch auf reißerischere, weniger anspruchsvolle Art. Zu Beginn der viktorianischen Ära waren das großteils durch die industrielle Revolution ausgelöste Konflikte. Urbaner Wachstum, Armut und Verbrechen rückten in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die Penny Dreadfuls blieben bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert beliebt, können aber trotzdem als Übergangszeit zwischen den Schauerromanen der Aufklärung und frühen Romantik und denen des viktorianischen Zeitalters verstanden werden. Es dauerte jedoch auch nicht mehr lang, bis die Gothic Fiction ihren Weg zurück in die feinen Salons antrat. Die frühviktorianischen Autoren arbeiteten mit der Essenz der Schauerliteratur, wie sie zum Beispiel von einer Ann Radcliffe geschrieben wurde. Sie ließen das blutige, grausige Genre hinter sich, und kehrten zu stimmungsvollen Schauergeschichten zurück, die sich viel mehr mit dem Bösen im Menschen selbst beschäftigte, als mit übernatürlichen Ereignissen. Wahnsinn, Mord, Gewalt, menschliche Abgründe traten an die Stelle von Teufeln, Geistern und Vampiren. 

Die dunkle Seite des Menschen in der Gothic Fiction

Stark beeinflusst durch die Schauerromane und -szenarien des Lord Byron und seines Kreises wurden auch die Brontëschwestern, die der Schauerliteratur allerdings erneut einen frischen Anstrich gaben. In ihren Figuren Heathcliff ("Sturmhöhe" von Emily Brontë) und Rochester ("Jane Eyre" von Charlotte Brontë) lebt der Byron'sche Held erneut auf, doch die Schwestern gehen noch einen Schritt weiter: Sie thematisieren die Abgründe dieser Männer, sie schaffen Unwohlsein und Grusel aus sehr realen Problematiken, ohne, dass es übernatürliche Vorkommnisse braucht. Viel eher wird auf eine düstere, melancholische Stimmung gesetzt, auf tragische Liebesgeschichten und das, was Ann Radcliffe als Terror im Gegensatz zum Horror formuliert hat: Grusel, der angeregt durch Beschreibungen und Geschehnisse aus dem Leser selbst herauskommt und nicht durch Gewalt und Blut provoziert wird. 1847 erscheint Emily Brontës "Sturmhöhe". Der Roman spielt auf den Mooren von Yorkshire und handelt von der durch gesellschaftliche Zwänge gescheiterten Liebe zwischen Catherine Earnshaw und dem verwaisten Heathcliff, die beide Figuren kaputt macht. Hier ruht der Terror in den Figuren selbst, in den Grausamkeiten von Cathy und Heathcliff, unterstrichen durch die schaurige Atmosphäre auf dem Moor.

Auch Emilys Schwester Charlotte Brontë prägt das Genre mit ihrem Roman "Jane Eyre". Auch hier ist es der dunkle Teil der menschlichen Psyche im Zusammenspiel mit typischen Schauerromanelementen, die den Leser fasziniert und gruselt. Hier vollzieht sich ein großer Wandel innerhalb der Gothic Fiction. Charlotte und Emily Brontë nutzen die Erzählungen von unheimlichen Mooren, Spuk, Intrigen und Geheimnissen als Basis für Kritik an der Gesellschaft ihrer Zeit. Die typische Heldin eines Schauerromans bricht immer ein Stück weit aus der Rolle, die ihr die Gesellschaft zuweist, aus. Das blieb den damaligen Lesern natürlich auch nicht verborgen. Die "Sturmhöhe" wurde für ihren komplexen Umgang mit menschlicher Grausamkeit und psychischen Problemen stark kritisiert, "Jane Eyre" geriet trotz des starken Moralempfindens der Titelheldin wegen der Kritik am Frauenbild und an der Kirche in den Fokus. Erst heute zählen beide Romane als Meisterwerke.

American Gothic

Während in Europa leise, düstere Töne angeschlagen wurden, schreib sich in Amerika ein Romantiker an die Spitze. Edgar Allan Poe konzentriert sich in seinen Geschichten stark auf das Innenleben seiner Figuren, begleitet ihren Weg in den Wahnsinn und löst so in seinen Lesern das Gefühl von Terror und Angst aus. Edgar Allan Poes amerikanische Gothic Fiction ist stark inspiriert von den deutschen Schauerromanen, die ich in Teil I erwähnt habe. Die eigentlichen Marker des Genres Gothic Fiction lässt er außer Acht, um den Terror der Seele darzustellen. Poe gilt als Bewunderer der frühen Gothicautorin Ann Radcliffe, ein Einfluss, der deutlich spürbar ist. Poe wiederrum ist ein großer Einfluss für die vielen Gothicautoren, die folgten. Noch heute stützen sich viele Horrorautoren auf seine Techniken oder nehmen sich seine Geschichten und Gedichte als Inspiration für eigene Werke vor, so zum Beispiel das Gedicht "Der Rabe" und die Erzählung "Der Untergang des Hauses Usher". 

Fin de Siècle Horror

Weitere Wegbereiter ins Fin de Siècle, das den entgültigen Aufstieg der Gothic Fiction bedeutet, sind Elizabeth Gaskell und Joseph Sheridan Le Fanu. Le Fanu legt 1868 seinen Roman "Onkel Silas" vor, der stark inspiriert von frühromantischen Schauerromanen daherkommt, macht sich aber vier Jahre später einen Namen. Er veröffentlicht die Erzählung "Carmilla". Carmilla handelt von der jungen Laura, die zusammen mit ihrem Vater auf einem abgelegenen Schloss lebt. Sie bekommen Besuch von der mysteriösen Carmilla, die bald zu Lauras bester Freundin wird. Doch Carmilla hat keine guten Absichten. "Carmilla" erschien zwanzig Jahre vor Bram Stokers "Dracula" und hat den berühmtesten Vampirroman aller Zeiten maßgeblich beeinflusst. Auch ist "Carmilla" als Ursprung der vielen homoerotischen Vampirromane zu verstehen, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen, denn Carmilla hat deutliches romantisches Interesse an Laura. 

Die Hochzeit der Gothic Fiction bleibt allerdings das fin de siècle, die Jahrzehnte rund um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert. Das fin de siècle markiert den allmälichen Untergang der viktorianischen Gesellschaft und geht einher mit der Angst der Menschen vor dem Verfall ihrer Sitten und Moralvorstellungen, ein scharfer Konflikt, der in den Schauerromanen der Epoche erörtert wird. Das fin de siècle ist geprägt durch pessimistische Dekadenz und die Wiederentdeckung des Todes. Doch im Gegensatz zu früheren Epochen, in denen Angst vor dem Tod und der Wertlosigkeit des menschlichen Lebens im Fokus stand, verstehen sich die Menschen des fin de siècle als Bezwinger des Todes, da sie den Umstand, überhaupt gelebt zu haben, als etwas Kostbares verstehen. Aus diesem Verlust der Angst vor dem Tod heraus entsteht entgültig die Ästhetik des Todes, die sich in den düsterromantischen Schauerromanen der letzten hundert Jahre bereits deutlich angekündigt hatte. Das fin de siècle bringt bis heute beliebte Schauerromane hervor, die sich mit der Angst vor der Zukunft, dem Zerfall der viktorianischen Moral, aber auch mit der Kritik an eben dieser stark auseinandersetzen. 

Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" von 1890 seziert unter dem Deckmantel von Horrorelementen die Zweischneidigkeit der viktorianischen Gesellschaft. Robert Louis Stevenson veröffentlich 1888 "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" thematisiert das viktorianische Verständnis von Gut und Böse und den Konflikt zwischen dem nach außen getragenen Image und der wahren Person dahinter, die durch gesellschaftliche Normen unterdrückt wird. Bram Stokers "Dracula" von 1897, maßgeblich beeinflusst durch die beiden großen Vampirgeschichten "Carmilla" und John Polidoris "Der Vampyr" spielt mit der in der viktorianischen Gesellschaft weit verbreiteten Angst vor der Zerstörung der viktorianischen Moral von außen, während "Das Phantom der Oper" von Gaston Leroux von 1910 sich ebenfalls mit dem Verständnis von Gut und Böse und gesellschaftlichen Normen auseinandersetzt. Die Gothic Fiction des fin de siècle ist düster-dekadent wie die Epoche selbst und setzt sich stark mit den Ängsten und Lebensumständen ihrer Menschen auseinander. 

Das viktorianische Vermächtnis

Die Schauerliteratur hat seit ihren Anfängen im Jahr 1764 viele Veränderungen erfahren. Vom subtil-romantischen Gruselroman über den blutigen Horrorschocker, die Heftromanreihe rund um die Gräuel und Leiden der Londoner Unterschicht zu düster erzählter Gesellschaftskritik und schlussendlich zu dekadentem Grusel, der sich mit den Normen und Idealen einer Epoche auseinandersetzt, die auf ihren eigenen Untergang zufeiert. Schockierend waren nun eher die Abgründe der menschlichen Seele, als detailreich beschriebene Gewalt. Blut und körperliche Gewalt wurden abgelöst und manchmal erweitert um seelische Gewalt, Geschichten von Grausamkeit und dem Verfall des menschlichen Bewusstseins. Sie sind der Beginn unserer modernen Horrorliteratur, die viele dieser Elemente weiterhin verwendet und immer wieder neu erfindet. Das Spukhaus oder Spukschloss, Friedhöfe und Moore sind weiterhin beliebte Schauplätze und auch die Abgründe des menschlichen Bewusstseins sorgen immer noch für Gänsehaut. Doch auch der Byron'sche Held erfreut sich neuer Beliebtheit und tritt häufig in romantischer Phantastik für Jugendliche auf. 

Selbst nachlesen?

Clery, E.J.: The Rise of Supernatural Fiction. 1995.

Gilbert, Sandra & Gubar, Susan: The Madwoman in the Attic. The Woman Writer and the Nineteenth-Century Literary Imagination. 1979.

Wisker, Gina: Horror Fiction: An Introduction. 2005.

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