Montag, 6. August 2012

Mode 1870: Die Tournüre & der Weg in die Belle Époque

Nachmittagskleid, ca. 1870, Merlot-
Larcheveque, Metropolitan  Museum
of Art
, Geschenk von Mrs. Harold  Farnham
Fultz, in Gedenken an Florence
Lane Lovell (1950) 
Die 1870er sind nicht weniger turbulent, als die vorangegangene Dekade. 1871 sorgt der Französisch-Preußische Krieg für das Zusammenbrechen des zweiten französischen Kaiserreiches und die Gründung der dritten französischen Republik und des deutschen Kaiserreiches. Noch immer erholt sich die USA vom verherenden Bürgerkrieg und erlebt den Beginn des Gilded Age. Großbritannien vergrößert sein Imperium durch Krieg, Unterdrückung und Gewalt. Alexander Graham Bell erfindet das Telefon und Thomas Edison die Glühbirne und den ersten Phonographen, ein Gerät zum Abspielen aufgenommener Musik. Die 1870er sind ein Jahrzehnt voller Neuerungen, Erfindungen und Neuzusammensetzungen von kulturellen und gesellschaftlichen Idealen. Und natürlich schlägt sich auch das in der Mode wieder.

Die Tournüre : Die neue Form der Frau

Die 1870er bedeuten, was die Modegeschichte angeht, einen signifikanten Einschnitt. Wo sich die Mode in den vorangegangenen vierzig Jahren zwar durchaus verändert, aber das bloß langsam und kontinuierlich, geschieht um das Jahr 1870 herum etwas, dass neuen Wind in die Mode bringt. Nicht nur entwickeln sich in den vorangegangenen 1860er Jahren in Paris die ersten Designer und Modehäuser, die als Pariser Mode die erste Haute Couture vorgeben, auch nimmt die Bewegung Artistic Dress, die mit mittelalterlich inspirierten, locker sitzenden Kleidern gegen Krinoline und Korsett protestiert, großen Einfluss auf die Mode. Die Mode entwickelt sich plötzlich rasend schnell in nicht vorhergesehene Richtungen. Die Tournürenmode aber nimmt ihren Anfang bereits im vorangegangenen Jahrzehnt. Die Fülle der Röcke flachte bereits in den 1860ern vorn ab und verlagerte sich nach hinten, ein Trend, der in den 1870ern weiterläuft und durch die neue, schmale Silhouette, betont durch eng sitzende Kleider, akzentuiert wird. 

Die Tournüre löst die Krinoline ab. Auch bei der Tournüre handelt es sich um ein käfigartiges Gestell, das um die Hüften getragen wird, und einerseits dafür sorgt, dass die Fülle der Röcke erreicht wird, andererseits aber auch notwendig ist, um die schweren Stoffmassen zu tragen und die Taille der Trägerin zu entlasten. Die große Fläche, die diese Tournürenmode bot, wurde genutzt und mit allerlei Stofflagen, Schleifen, Bändern, Rüschen, Volants und Raffungen verziert. Die Tournürenmode ist eine direkte Rückbesinnung auf die Robe Polonaise des achtzehnten Jahrhunderts. Notwendig war ein Unterrock, meist gerüscht oder mit Volants besetzt, der unter der langen Schleppe hervorschaute. Allerdings gab es Tricks, um die zusätzliche Stofflage zu vermeiden: Falsche Unterröcke konnten geschickt an das Kleid gesteckt werden und das Vorhandensein eines modisch verzierten Unterrocks imitieren. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahrzehnten ist die Mode der 1870er Jahre ungewöhnlich eng und körperbetont, was ihr an dem rotgoldenen Stück oben gut erkennen könnt. Auch schön zu sehen ist die Opulenz der 1870er, die sich durch das gesamte fin de siècle ziehen wird: Aufwendig gearbeitete Stickereien, Drucke und Verziehrungen, aufgenähte Pailletten und Perlen und allerlei mehr. Die Kleider der 1870er Jahre sind immer einen zweiten Blick wert. 

Die späteren 1870er Jahre verzichten allerdings auf die ausladende Tournürenmode und setzen auf sehr enge Kleider, die erst auf Höhe der Knie an Fülle gewinnen. Getragen werden diese Kleider mit einem sehr langen, eng geschnittenen Mieder. Auch die Ärmel der Kleider sind meist sehr eng geschnitten. Wie in den vorangegangenen Jahrzehnten sind Tageskleider hochgeschlossen, der Ausschnitt rutscht jedoch trotzdem ein Stück nach unten und ist oft quadratisch und mit Rüschen oder Spitze verziert, zu bewundern an dem Stück oben. Abendkleider hatten nach wie vor einen tieferen Ausschnitt und kurze Ärmel. Eine Mode, die wir heute oft mit dem viktorianischen Zeitalter in Verbindung bringen, ist das um den Hals geknotete Samtband, welches in den 1870er Jahren in Mode kam. 

Freizeitkleidung : Ein kultureller Wandel

Neben dem Teekleid, einem lose sitzenden Kleid, das ohne Korsett und Tournüre im Haus getragen werden konnte, brachte das Artistic Dress auch noch weitere Wandel mit sich. So entstanden vernünftige Freizeitkleider für Damen, wie das Seekleid: Ein weites, einfach gehaltenes Kleid aus meist hellen, dünnen Stoffen, das im Sommer im Seeurlaub getragen werden konnte, meist abgerundet durch ein Strohhütchen. Im Gegensatz zum Teekleid wurde das Seekleid jedoch sehr wohl mit Korsett und Tournüre getragen. Diese neuen Freizeitmoden galten als recht gewagt und ein wenig skurril. Die ersten Trägerinnen gehörten der Avantgarde an, Künstler- und Intellektuellenkreisen, die auf natürlich wirkende, harmonische Mode setzten, bevor die neuen Kleider allmählich auch in die Kleiderschränke der feinen Damen einzogen. 

Gesellschaftlicher Wandel und Mode

Auch was Frisuren und Haarstile angeht, tat sich in den 1870ern einiges. Die Form der Frau hatte sich grundlegend verändert, was natürlich nach Haarstilen rief, die zu der neuen Mode passten. Die typische Frisur der letzten fünfzig Jahre – der Knoten am Hinterkopf mit Seitenscheitel – verschwand fast schlagartig komplett aus der Mode. Stattdessen wurde zu Locken gebranntes Haar modern, auf dem Kopf zu einem Knoten aufgetürmt oder lose zusammengesteckt als Lockenpracht getragen. Auch dieser neue Hang zu weniger konservativen, unordentlich wirkenden Haarstilen dürfte auf das Artistic Dress zurückzuführen sein, dessen Vorreiterinnen ihr Haar lang, lockig und wild flatternd trugen. Und noch eine Neuheit sorgte für Aufsehen: Der Pony! Ein kurzer, lockiger Pony wurde ab ungefähr 1875 höchst modern. Allerdings gab es Tricks, um einen Pony tragen zu können, ohne das Haar abschneiden zu müssen. Die opulenten, oft hoch aufgetürmten Lockenfrisuren besonders der späten 1870er Jahre basieren auf Haarteilen, die mit Nadeln und Kämmen ins Echthaar gesteckt werden, um das Haar voluminöser wirken zu lassen.

Abendkleid, 1873, A. Corbay, Metropolitan
Museum of Art
Geschenk von Mrs. James
G. Flockhart (1968)
Die 1870er sehen auch den Rückzug der Haube aus der Mode. Das hat damit zu tun, dass die neuen, aufwendigen und hoch aufgetürmten Frisuren das Tragen einer Haube gar nicht mehr erlaubten. An ihre Stelle traten kleine Hütchen, die mit Nadeln auf dem Kopf festgestellt wurden, manchmal ein wenig schief, um das gewollt sorglos frisierte Haar zu unterstreichen. Der kleine Schleier am Hut, den wir heute oft mit der Mode der viktorianischen Zeit in Verbindung bringen, entsteht zu dieser Zeit. Jacken und Capes werden entweder über die Tournüre gebreitet, oder haben einen Schlitz, sodass die reich verzierte Tournüre hervorschauen kann. 

Die Mode der 1870er Jahre ist viel komplexer, aufwendiger und opulenter als alles, was das viktorianische Zeitalter zuvor gesehen hatte und markiert nicht nur den Aufschwung der Pariser Mode zur Haute Couture und das Einsetzen einer langsam voranschreitenden Lockerung der strengen viktoriansichen Etikette, sondern generell den kulturellen Wandel, den die westliche Welt zu Beginn der Dekade erwährt: In den USA beginnt nach dem Bürgerkrieg das Gilded Age, die Gründung des deutschen Kaiserreichs stiftet Optimismus, Frankreich wird erneut zur Republik, nachdem der Kaiser abgesetzt wurde und erlebt den Beginn der Belle Époque. Die Welt ist in Aufruhr und durch die Fortschritte in Wissenschaft, Technik und Gesellschaft entsteht der goldene Optimismus, der die letzten Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts kennzeichnet und einen starken Kontrast zu den vorangegangenen Jahrzehnten markiert. Ein gesellschaftlicher Ruck, der auch vor der Mode nicht Halt macht. 

Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Steele, Valerie: Paris Fashion. A Cultural History. 1988.

1 Kommentar:

  1. Wirklich wundervoll! Die Mode dieser Zeit ist auch meine liebste! Danke für den Beitrag!!

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