Donnerstag, 9. August 2012

Eine viktorianische Hochzeit

Hochzeitskleid, Moyen, ca. 1880,
Metropolitan Museum of Art, Brooklyn
Museum Costume Collection, Gabe des
Brooklyn Museum, Geschenk von Mrs.
Edward Greenbaum (1968)
Es ist Juni. Der vierzehnte Juni 1880, der wichtigste Tag in Emma Arthurs’ Leben. Heute heiratet sie. Von ihrer Mutter hat Emma gelernt, dass es der Sinn und Zweck ihrer Erziehung ist, zu heiraten, und zwar innerhalb ihrer sozialen Klasse und gut. Einen anderen Lebenssinn hat eine junge Dame nicht. Ihre Aufgabe ist es, eine gute Ehefrau und Mutter zu werden, sich um das gesellschaftliche Ansehen ihrer Familie zu kümmern und der Engel des Hauses zu sein, der dafür sorgt, dass es ihrem Ehemann gut geht. 

Gleichzeitig jedoch kennt Emma natürlich die Geschichten von wahrer Liebe, von unendlichem Glück und der einen Person, der sie zeigen kann, wer sie wirklich ist. Emma hat Glück gehabt. Ihr Vater, ein wohl situierter Händler, hat davon abgesehen eine Heirat für sie zu organisieren und sie ihre eigene Wahl treffen lassen. Der Auserwählte ist Robert Beacham, der Emma auf einem Ball vorgestellt wurde. Seit bald einem Jahr sind sie jetzt bereits verlobt und Emma hat Robert sehr gern, kann es gar nicht abwarten seine Ehefrau zu werden. Seit Monaten plant sie mit ihrer Mutter und ihren Freundinnen den großen Tag. Heute ist es so weit.

Der richtige Zeitpunkt

Emma und Robert haben sich den Juni ausgesucht, den beliebtesten Monat zum Heiraten. Der Juni ist nach Juno benannt, der römischen Göttin der Ehe, und das Wetter ist schön, die Sonne scheint, der Sommer liegt in der Luft. Auch der April und die Wintermonate wären in Frage gekommen, bloß der Mai nicht. Emma und Robert wissen, dass es Unglück bringen soll, im Mai zu heiraten. Doch auch der Tag ist sehr wichtig. Der beste Tag zum Heiraten ist der Mittwoch, doch Emma hat sich den Montag ausgesucht, denn Paare, die an einem Montag heiraten, sollen von Gesundheit gesegnet sein. Pech bringen alle anderen Tage außer dem Dienstag. Der ungünstigste Tag zum heiraten ist der Samstag und der Sonntag, der Tag Gottes, ist natürlich völlig undenkbar. 

Das Hochzeitskleid

Bei ihrer Brautsteuer hat Emma sich große Mühe gegeben. Sie möchte in Weiß heiraten, wie Königin Victoria es im Jahr 1840 vorgemacht hat. Emmas Großmutter Alice erinnert sich an Zeiten, in denen kaum jemand in Weiß geheiratet hat. Bevor Victoria in Weiß vor den Traualtar getreten ist, galt Weiß als die Farbe, die Bräute trugen, die nichts in die Ehe mitbringen konnten. Keine gute Farbe also! Alice hat in Grün geheiratet, doch auch Braun war eine beliebte Farbe für das Hochzeitskleid. Heute gelten grüne, gelbe und rote Hochzeitskleider sogar als böses Omen für die Ehe, doch blau und rosa sind auch beliebt. Emmas Schwester hat in blau geheiratet. Sehr spät übrigens, mit vierundzwanzig Jahren. Beinahe wäre Jane zur alten Jungfer geworden. Etwas Schlimmeres kann Emma sich nicht vorstellen. Ein Leben lang den Eltern auf der Tasche liegen und niemals allein aus dem Haus gehen dürfen ist schlimm genug, doch was wäre der Sinn ihres Lebens, wenn sie niemals heiraten würde? Schließlich hat Emma gelernt, dass eine Frau, die nicht heiratet und keine Kinder kriegt, ein leeres, trostloses Leben führt. 

Emmas Hochzeitskleid gefällt sogar übrigens ihrer Großmutter Alice, obwohl es weiß ist. Während ihre Mutter noch in einem Kleid aus Seide und Tüll, mit Krinoline und ausladenden Röcken geheiratet und einen Gazeschleier getragen hat, ist Emmas Kleid natürlich nach der neusten Mode geschnitten. Über der Tournüre trägt sie ein reichverziertes Seidenkleid mit einer langen Schleppe und einem Spitzenschleier. Die Halskette und die Ohrringe sind das Verlobungsgeschenk von Robert. Und natürlich hat sie etwas Altes bei sich, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues, wie es Tradition ist. In ihrem Schuh liegt Sixpence, der ihrer Ehe Glück und Reichtum bringen soll. Emma ist bereit. 

Die Zeremonie

Robert trägt natürlich schwarz, alles andere wäre undenkbar, cremefarbene Handschuhe und einen glänzenden Zylinder. Im Knopfloch des Jacketts steckt eine Blume. Emmas Brautjungfern mussten auch in Weiß erscheinen und tragen Bänder und Blumen im Haar, während die kleinen Schwestern Blumen streuen. Ihr jüngster Bruder, Henry, trägt die Schleppe. Alle anderen Gäste erscheinen in guten Tageskleidern. Feierliche Garderobe ist nicht gewünscht, sie ist dem Brautpaar vorbehalten. Im Gesetz steht, das bloß morgens geheiratet werden darf, und so finden sich alle Gäste um elf Uhr in der Kirche ein. Emma hat sich dagegen entschieden zuhause zu heiraten, wie es ihre Mutter getan hat. Emmas Verlobungsring war auffällig und sehr hübsch, ein goldenes Band, in den mehrere Edelsteine eingesetzt waren, die Roberts Namen buchstabierten. Eheringe aber sollten schlicht sein. Robert steckt Emma einen simplen goldenen Ring an den Finger. Er selbst wird keinen Ehering tragen, wie es Tradition ist. 

Nach der Zeremonie unterschreibt Emma im Kirchenbuch zum letzten Mal als Emma Arthurs. Sobald sie über die Schwelle tritt, ist sie Emma Beacham. An Roberts Arm tritt sie über den Platz vor der Kirche und sieht nur geradeaus – nicht nach links oder rechts, das bringt Unglück. Eine Kutsche, von weißen Pferden gezogen, wartet auf sie und Robert. Sie bringt sie zum Haus von Roberts Eltern, wo eine kleine Feier zu Ehren des Brautpaares abgehalten wird. Als Großmutter Alice und Emmas Mutter geheiratet haben, galt es noch als Frevel der Braut zur Hochzeit zu gratulieren – schließlich galt es als Ehre als Frau diesen besonderen Mann heiraten zu dürfen. Doch die Zeiten ändern sich, Emma merkt es jeden Tag aufs Neue, und alle Gäste gratulieren Emma herzlich, zuerst natürlich die Eltern von Bräutigam und Braut. Gegessen wird auf einem solchen Empfang im Stehen und es gibt traditionellen Hochzeitskuchen: Früchtekuchen mit vielen Verzierungen. Gegessen wird dieser allerdings nicht, sondern nach altem Brauch bis zum fünfundzwanzigsten Hochzeitstag aufgehoben! 

Die Flitterwochen

Nach der Feier ziehen Emma und Robert sich zurück, um sich umzukleiden. Sie legen ihre Reisekleidung an, denn jetzt beginnen die Flitterwochen. Robert reist mit Emma nach Italien. Der einzige, der das Ziel des Paares wissen darf, ist der Trauzeuge, Roberts Freund aus Schultagen, Edward. Edward begleitet das Paar in der Kutsche mit den weißen Pferden zum Bahnhof. Als die Kutsche davonfährt, werfen die Gäste der Kutsche Slipper hinterher. Ein Schuh landet in der Kutsche. Emma freut sich, denn das bringt Glück. Niemand sonst darf erfahren, wo Robert und Emma hinfahren, denn das bringt Unglück, und auch Edward musste versprechen, niemandem etwas zu sagen. Emma und Robert bleiben zwei Wochen in Italien, bevor sie nach London zurückkehren. Hier trägt Robert Emma über die Schwelle in das neue Stadthaus, in dem sie von nun an zusammen leben werden. 

Selbst nachlesen?

Hoppe, Michelle J.: The Victorian Wedding. 1997.

Phegley, Jennifer: Courtship and Marriage in Victorian England. 2011.

Kommentare:

  1. Hallo, mein Kompliment zu deinem Blog, der ist ja mal echt ein wunderhübsches und informatives Exemplar! Vor allem für viktorianisch völlig Unwissende wie mich ;)

    Schöne Grüße,
    Alessandra

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  2. Oh danke. Freut mich, dass es dir gefällt. :-)

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