Mittwoch, 29. August 2012

Ein Abend in der Music Hall

George Leyburn auf dem Titelblatt zu
"Champagne Charlie", Alfred Concanen,
1867
In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt sich in Großbritannien eine neue Art der Unterhaltungskultur: Die Music Hall. Sie ist eine Weiterentwicklung des britischen Public House, kurz Pub, in dem ab dem frühen neunzehnten Jahrhundert kleine Theaterstücke, Tänze oder Musik aufgeführt wurden, während die Gäste etwas essen oder trinken konnten. Der Entstehungsort der Music Hall soll der Grecian Saloon in London gewesen sein, in dem viele Berühmtheiten des frühen neunzehnten Jahrhunderts ihr Debüt feierten. 

Die Music Hall selbst aber geht einen Schritt weiter: Sie ist aufgebaut wie ein Theater, groß und protzig, doch anstatt der bekannten Theatersitze sind im Auditorium Tische und Stühle aufgestellt. Während es im Theater nicht erlaubt war, durfte in der Music Hall während der Vorstellung Alkohol getrunken, geraucht und gegessen werden. Als erste richtige Music Hall nach diesem Vorbild gilt die Canterbury Hall, die 1852 im Herzen von London entstand. Der Besitzer, Charles Morton, ließ Canterbury Hall im Jahr 1854 umbauen und die Hall erreichte eine nie zuvor gekannte Größe. Sie zog Besucher aus allen Gesellschaftsklassen an und bald wuchsen überall in London Kopien aus dem Boden. 

Was geschieht in der Music Hall?

Die Music Hall ist im Gegensatz zum Public House auf groß aufgezogene Varietéshows ausgelegt. Sie hat eine ausladende Bühne und hohe Decken und erinnert tatsächlich oft an die opulente Gestaltung eines Theaters: Samtvorhänge, Deckenmalereien, Galerien und Kronleuchter konnte man in der Music Hall besondern, doch neben der Funktion als Dinnerclub unterscheidet sich die Music Hall auch in ihrer Show stark vom herkömmlichen Theater. Zu Beginn richteten sich die Etablissements an den jungen Mann aus dem unteren Bürgertum, der sein Gehalt vertrinken und vielleicht ein Mädchen kennenlernen wollte. Die Music Hall legte ihren Ruf als Etablissement für die unteren Gesellschaftschichten niemals komplett ab, bemühte sich jedoch sehr auch ein anderes Klientel anzulocken. Bald besuchten auch das gehobene Bürgertum und der Adel die Music Halls, doch meist vermischten die Schichten sich nicht zu sehr: Gegen einen höheren Aufpreis bekam man natürlich auch einen besseren Tisch und meist feierten die Besucher natürlich unter sich. 

Gegen 1870 galt die Music Hall als respektabel, doch da das Publikum noch immer etwas ungehobelt daherkommen konnte und die Lieder meist fröhlich und anzüglich waren, riet man besonders jungen respektablen Damen, sich von den Music Halls fernzuhalten. Die Darbietung in den Music Halls wandelte sich im Laufe der Zeit, wurde immer aufregender und opulenter. Zu Beginn des fin de siècles befand sich die Music Hall auf ihrem Höhepunkt. An einem Abend konnte man alles sehen, was das Herz begehrte: Gesangsdarbietungen von neuen Künstlern, aber auch berühmten Sängern und Sängerinnen, wenn man die richtige Music Hall aufsuchte, Akrobaten, Zirkustiere, Schauspielstücke und Zauberkünstler traten nacheinander auf. Das Trapez war ein beliebter Bestandteil der Show. Die Akrobaten schwangen sich am Trapez über die Köpfe der Menschen hinweg, was für viel Aufregung und gute Unterhaltung sorgte. Bald hatte sich die viktorianische Music Hall zum Sprungbrett für Künstler auf dem Weg nach oben etabliert. Während zu Beginn der Music Hall Zeit noch beliebte Volkslieder gesungen wurden, die jeder mitsingen konnte, wurden nun Liedermacher engagiert, um für bestimmte Darsteller eigene Lieder zu schreiben, die bald selbst zu beliebten, bekannten Schlagern wurden. 

Zur Mitte der 1880er Jahre hin waren die Music Halls bereits opulente Veranstaltungsorte für beste Abendunterhaltung. Um eine Music Hall führen zu dürfen, brauchte es allerdings eine Lizenz, die auch entzogen werden konnte, falls es in der Music Hall zu wild zuging. Trotzdem verlor die Music Hall ihren anzüglichen Charakter niemals ganz. Auch Travestien und Burlesquen wurden hier aufgeführt, in denen Frauen in Strumpfhosen und kurzen Kostümen zu sehen waren, und die Tänzerinnen im Chorus waren meist auch bloß spärlich bekleidet. Dass die Music Hall außerdem ein beliebter Pick-Up-Ort für weibliche, sowie männliche Prostituierte war, war allgemein bekannt. Erst gegen 1910 begannen die Music Halls wirklich respektabel zu werden - bald durfte in ihnen nicht mehr getrunken werden und die Darstellerinnen trugen akzeptablere Kostüme. Die großen Music Halls der Epoche sind der London Pavillion, das Alhambra, das Empire, das Tivoli und natürlich die Strand Music Hall, die später zum berühmten Gaietytheater wurde und diesem Blog seinen Namen gibt. 

Der Niedergang der Music Hall

Eingeleitet wurde das Ende der Music Hall mit dem sogenannten "Music-Hall-Krieg" von 1907. Zwei Wochen lang stritten Liedermacher und Künstler um mehr Anerkennung und eine angemessene Bezahlung für ihre Arbeit. Der Streik mündete darin, dass die neuen Copyrightgesetze auch auf Musikstücke angewendet wurden, setzte der Industrie jedoch stark zu. Music Halls waren mittlerweile zu einem groß aufgezogenen Unternehmen geworden. Einzelne Besitzer besaßen ganze Ketten von Music Halls nicht nur in London, sondern auch in anderen Städten in Großbritannien und bald auch in Amerika. Der Erlöß aus den Music Halls floß also großteils in dieselben Taschen, während Darsteller, Liedermacher und Mitarbeiter nicht anständig bezahlt wurden. Um die Jahrhundertwende mussten immer mehr Music Halls schließen, da sie durch die neuen Musicaltheater verdrängt wurden. Im ersten Weltkrieg spielte die Music Hall allerdings eine große Rolle: Die Interpreten sangen kriegsverherrlichende und patriotische Lieder, um die jungen Männer im Publikum zu begeistern und dazu zu motivieren, sich rekrutieren zu lassen. Nach dem Krieg war es jedoch entgültig vorbei mit der Faszination Music Hall. Die beliebten Lieder konnte man mittlerweile im Radio hören und das Kino war eine preiswerte Alternative zum Theater geworden. 

Wie funktioniert ein Lied für die Music Hall?

Marie Lloyd im Kostüm, Postkarte,
ca. 1890, The Hana Studios Ltd.
Quelle: National Portrait Gallery
Das typische Lied für die Music Hall ist immer gleich aufgebaut. Es ist schwungvoll und wird von einer einfachen Melodie begleitet, die sich auch betrunkene Gäste schnell merken können. Während die Strophen meist von den Interpreten auf der Bühne allein gesungen wurden, wurde der Rephrain oft genug wiederholt, dass das Publikum ihn bald mitsingen konnte. Beliebt waren zweideutige Texte, die zwar das für die Menschen der Epoche Unaussprechliche nicht frei heraus sagten, aber durch Wortspiele oder Symboliken geschickt andeuteten und für viele Lacher sorgten. Die sehr berühmte Music-Hall-Interpretin Marie Lloyd, die ihren großen Durchbruch im Jahr 1886 in der Falstaff Music Hall mit dem Music-Hall-Klassiker "The Boy I Love is Up in the Gallery" feierte, war besonders bekannt für ihre Inuendos. Marie trieb es so weit, dass sie ihre Lieder einmal vor einer Jury vortragen musste, die entscheiden sollte, ob die Music Hall bei derart unmoralischem Liedgut eine Lizenzerneuerung erhalten sollte. 

Eines ihrer Lieder hieß "What Did She Know About Railways?" und handelte von einem naiven Mädchen, das zum ersten Mal allein mit dem Zug fährt, angereichert mit allerelei Doppeldeutigkeiten. Eine Zeile lautete "She never had her ticket punched before", damit ihr euch ein Bild von den typischen Texten eines Liedes in der Music Hall machen könnt. Marie Lloyd durfte allerdings nicht auftreten, als im Jahr 1912 die Königsfamilie in die Music Hall kam. Sie selbst stand allerdings hinter ihren Texten und sagte, dass die Leute schließlich nicht in die Music Hall gingen, um Lieder der Heilsarmee zu hören, was sicherlich der Wahrheit entsprach. Auch beliebt waren allerdings Nonsenstexte oder sehr alberne Texte. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Theater oder der Oper lag der Fokus der Music Hall auf der Arbeiterklasse und dem unteren Bürgertum und viele Lieder erzählten mit viel Ironie und Witz vom einfachen Leben in der großen Stadt. Gleichzeitig gab es jedoch auch Lieder über die Liebe - oder den Alkohol, der in der Music Hall schließlich in Strömen floss. 

Einer der berühmtesten Music-Hall-Hits handelt vom Champagner: "Champagne Charlie", 1867 von Alfred Lee und George Leybourne geschrieben und von George Leybourne in der Sun Music Hall uraufgeführt. Das Lied, das von der Liebe zum teuren Champagner handelt, wurde so beliebt, dass George Leybourne unter dem Künstlernamen "Champagne Charlie" Fuß fassen konnte. Wie Leybourne als Champagne Charlie aufgetreten ist, könnt ihr anhand des oben abgebildeten Titelblattes der Notenblätter gut sehen: Mit einer Flasche Moet et Chandon in der Hand und in edler Kleidung sang er das schwungvolle Lied. Das Lied ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Ikonen der Music Hall zu Stars wurden, mit denen eigene Lieder verbunden wurden, im Gegensatz zu Opernsängern oder anderen Darstellern der Zeit, die ihre Musik nicht selbst schrieben oder eigens auf den Leib geschrieben bekamen. Auch interessant ist sicherlich, dass die Stars der Music Hall allesamt aus den unteren Gesellschaftsschichten stammten und kaum respektabel waren. Für talentierte, aber in die Armut geborene Menschen war die Music Hall, ähnlich wie Varieté, Burlesque und weniger respektable Theaterhäuser nicht nur ein Weg der Armut zu entkommen, sondern dabei auch noch berühmt zu werden. 

Selbst nachlesen?

Bailey, Peter: Music Hall. The Business of Pleasure. 1986. 

Braton, J.S.: Music Hall. Performance and Style. 1986.

Earl, John: British Theatres and Music Halls. 2005. 

Farson, Daniel: Marie Lloyd and Music Hall. 1972.

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