Donnerstag, 23. August 2012

Gothic Fiction, Teil I: Die Anfänge

Illustration zu "Udolphos Geheimnisse",
französische Ausgabe, 1798
Gothic Fiction. Der Anfang unserer modernen Horrorliteratur. Wo kommt sie her und welchen Zweck hatte sie für die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts? Um die Faszination der Menschen in der Belle Époque für Mord, Horror und Grusel zu erklären, muss ich weiter ausholen und ganz am Anfang beginnen: Im achtzehnten Jahrhundert. Der Beginn der Schauerliteratur geht Hand in Hand mit der Aufklärung und der neugotischen Architektur. Wie es dazu kam, dass ausgerechnet aus der Aufklärung heraus der Aberglaube seinen Weg in die Populärliteratur fand, möchte ich in den beiden nächsten Artikeln klären. Wir beginnen im Jahr 1764, dem Geburtsjahr von Grusel- und Horrorliteratur, und arbeiten uns dann chronologisch voran, bis wir bei unserem modernen Horror angekommen sind.

Strawberry Hill : Das Schloss an der Themse

Als allererste echte Gothic Fiction gilt „Das Schloss von Otranto“ aus der Feder des englischen Politikers Horace Walpole. Sie erschien im Jahr 1764 und markiert die Geburtsstunde der Horrorliteratur. Was aber macht „Das Schloss von Otranto“ so besonders und was hat Horace Walpole dazu bewegt, diesen Roman zu dieser Zeit zu schreiben? Wir befinden uns schließlich in der Blütezeit der Aufklärung. Jeder Aberglaube wird verdammt und das rationale Denken und der Naturalismus werden als neue Ideale betrachtet. In diese turbulente Zeit fällt die Frage nach dem Sinn der Literatur. Gilt auch für sie, dass sie die Natur so realistisch wie möglich abbilden muss, oder hat Literatur einen anderen Zweck? Hier deutet sich der große Konflikt der Ära an: Rationaler Naturalismus gegen verklärte Romantik. Eine Debatte, die bis ins neunzehnte Jahrhundert andauern wird.

„Das Schloss von Otranto“ ist ganz klar eine romantische Geschichte. Eine Schauergeschichte, die von einem tyrannischen Schlossherren handelt, der seinen Sohn durch einen tragischen Unfall verliert und beginnt, selbst um die Braut des jungen Mannes zu werben. Noch spuken keine modernen Fabelwesen durch die Schauerliteratur, doch die wegweisenden Elemente sind bereits vorhanden: Düsterromantisch erzählt Walpole die Geschichte vom Herren von Otranto, Manfred, der nach dem skurrilen Tod seines Sohnes Angst bekommt, eine alte Prophezeiung, nachdem das Schloss Otranto den Besitz der Familie eines Tages verlassen wird, könnte sich bewahrheiten. Es ist auch die Geschichte der schönen Isabella, der Braut von Manfreds Sohn, die versucht, dem Tyrann zu entkommen. Alle Elemente der Schauergeschichte sind vorhanden: Der Spuk in Form einer alten Prophezeiung und der merkwürdigen Ereignisse im Schloss, das Monster in Form der sich auftuenden menschlichen Abgründe und nicht zuletzt das alte, unheimliche Gemäuer, in dem Gemälde umherwandern und andere völlig unmögliche Dinge geschehen. Was "Das Schloss von Otranto" zu besonders ist Walpoles Verbindung der neuen realistischen Literatur mit absurden übernatürlichen Ereignissen. Er lässt echte Menschen realistisch auf Vorkommnisse reagieren, die in der wahren Welt nicht möglich sind, wie es vor ihm noch keiner getan hat. „Das Schloss von Otranto“ wird ein Überraschungserfolg und ebnet den Weg für das Genre Schauerliteratur. 

Zeitgleich ließ Walpole sich das Schloss Strawberry Hill an der Themse errichten. Er war ein Bewunderer des gotischen Baustils des Mittelalters, ein Umstand, der sich auch im Schloss Otranto im Roman niederschlägt. Strawberry Hill mit seinen verwinkelten Ecken und Türmen, versteckten Treppen, Zimmern und Gängen wirkte nicht nur wie ein Spukschloss aus der Gothic Fiction, sondern inspirierte auch viele weitere englische Architekten. In ganz Europa entstanden Schlösser und Villen im neugotischen Stil. Die Gothic Revival des achtzehnten Jahrhunderts, das Wiederaufleben lassen der mittelalterlichen Baukunst, nimmt ihren Lauf. "Gothic", das ist bald nicht mehr bloß ein Literaturgenre, sondern ein Trend, der sich überall im alltäglichen Leben niederschlägt. Da Walpole diesen Baustil so eng mit seiner romantischen Schauergeschichte verknüpft hatte, übernahmen auch andere begeisterte Autoren, die am Genre Schauerliteratur gefallen gefunden hatten, den gotischen Stil in ihre Erzählungen. Die englische Genrebezeichnung, Gothic Fiction, allein macht diese Verbindung unmissverständlich deutlich. Wenn wir an Gruselgeschichten denken, fallen uns bis heute alte Schlösser und Herrenhäuser ein, was natürlich auf die Entstehung des Genres im Jahr 1764 zurückzuführen ist.

Der Aufstieg der Ann Radcliffe

Nach Walpole verlor die Schauerliteratur ihren neu gewonnenen sozialen Stand rasch wieder. Die ersten subtilen übernatürlichen Elemente waren in den Geschichten aufgetaucht und die Schauerliteratur wurde als Rückkehr zum Aberglauben und mit den neuen aufklärerischen Idealen nicht vereinbar verteufelt. Es wurde befürchtet, dass leichtgläubige Leser die geschickt eingebundenen übernatürlichen Vorkommnisse als möglich ansehen könnten. Wo sie in "Das Schloss von Otranto" noch völlig absurd dahergekommen waren, banden Autoren wie Clara Reeve ("The Old English Baron, 1778) sie viel "realistischer" ein. Man befürchtete, die Leser könnten ihre alte Angst vor dem Übernatürlichen in den Romanen bestätigt sehen. Erst Ann Radcliffe konnte der Schauerliteratur dabei helfen, dieses Stigma hinter sich zu lassen. Ihre blumigen Beschreibungen und ihre raffinierte Technik, etwas erst so aussehen zu lassen, als hätte es übernatürliche Hintergründe, es aber dann ganz rational aufzuklären, machten die Schauerliteratur salonfähig, denn mit dieser Herangehensweise bediente sie genau die Ideale, die dem neuen Zeitgeist entsprachen: Hinter jedem vermeintlichen Spuk steckte eine rationale Erklärung. 

Ann Radcliffe schuf eine Mischung aus nüchterner Aufklärungsliteratur und romantisch düsterer Schauerliteratur. Von ihr stammt auch die Basis, auf dem Byron später seinen ikonischen Byron’schen Helden aufbaute: Der düstere, morallose, ewig leidende Antiheld. Doch obwohl Ann Radcliffe der Schauerliteratur zurück in die feine Gesellschaft verhalf, wurde sie von vielen Lesern noch immer als Schund angesehen. Das lag nicht zuletzt daran, dass es viele Trittbrettfahrer gab, die ähnliche Geschichten mit viel weniger Raffinesse und weniger gutem Stil vertrieben. Von Ann Radcliffe stammt übrigens eine Beobachtung, die bis heute standhält: Ann Radcliffe sah sich selbst als Vertreterin des „Terrors“: Ihre Romane verursachten ein stimulierendes Gefühl von Angst bei ihren Lesern, indem sie die Leser durch gekonnte Beschreibungen dazu brachte, sich das Böse selbst vorzustellen, während neue Gothic Fiction in ihren Augen auf „Horror“ setzte: Belastende Angst, hervorgerufen durch blutig beschriebene Gräueltaten. Dass die Schauerliteratur gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts immer weiter in Richtung des „Horrors“ verlief, soll dafür gesorgt haben, dass Ann Radcliffe mit dem Schreiben aufgehört hat.

Trotzdem hat Ann Radcliffe den blumig romantischen Stil der Schauerliteratur geprägt. Ihr Roman „Udolphos Geheimnisse“ aus dem Jahr 1796 wurde ein großer Erfolg. Er handelt von der jungen Französin Emily, die nach dem Tod ihres Vaters gezwungen wird, bei ihrer Tante und deren grausamen Ehemann auf dem Schloss Udolpho in Italien zu leben. Hier geschehen viele unheimliche Dinge, die das Schloss zu einem typischen Schauerromanschloss machen. Gleichzeitig aber ist "Udolphos Geheimnisse" eine Liebesgeschichte, denn Emily wünscht sich nichts mehr als den jungen Valancourt wiederzusehen, den sie liebt, aber aus den Augen verloren hat. Der bekanntere Roman von Jane Austen, „Die Abtei von Northanger“ ist übrigens eine Parodie auf „Udolphos Geheimnisse“, in der Jane Austen die Geflogenheiten und Genrekonventionen der Schauerliteratur auf liebevolle Weise aufs Korn nimmt. Geschrieben hat Austen den Roman bereits 1798, also kurz nach dem Erscheinen von „Udolphos Geheimnisse“, veröffentlicht wurde er jedoch erst knapp zwanzig Jahre später. In „Die Abtei von Northanger“ lässt Jane Austen ihre Heldin Catherine, die sich nach eigener Aussage überhaupt nicht zur Romanheldin eignet, leben, als wäre das Leben tatsächlich eine Schauergeschichte, angefüllt von Intrigen, Missverständnissen, Abgründen und Gefahren. 

Der Skandal um den Mönch

Was übrigens vermieden werden sollte ist eine Gleichsetzung der romantisch-düsteren Gothic Fiction mit den Schauerromanen aus dem deutschen Raum. In Deutschland führten E.T.A. Hoffmann und Christian Heinrich Spieß das Feld an, doch die Schauergeschichten aus Deutschland waren meist viel blutiger und gruseliger, als die aus England. Hier greift erneut Ann Radcliffes genreinterne Unterscheidung zwischen Terror und Horror. Doch natürlich beeinflussten sich beide Kulturen gegenseitig. So wurde Christian Heinrich Spieß’ Erzählung „Das Petermännchen“ von 1793 ins Englische übersetzt und inspirierte in England den erst zwanzigjährigen Jungautoren Mathew Gregory Lewis zu seinem 1796 erschienenem Roman „Der Mönch“. Mit „Der Mönch“ erlebte England eine ganz neue Form der Schauergeschichte und einen kleinen Literaturskandal. Denn Lewis machte nicht halt vor echten Geistererscheinungen, Folter und schwarzer Magie, Themen, die so zuvor noch nicht in der Literatur erforscht worden waren.

Viele Leser der Zeit waren schockiert von den Grausamkeiten, die Lewis im Roman beschreibt und auch die katholische Kirche schaltete sich in die Debatte ein. Sie fühlte sich aufs Korn genommen. Lewis brachte den Horror vollends nach England. Heute mag „Der Mönch“ mit modernem Horror keinesfalls mithalten können, doch für die Leser damals, die solch schaurigen Szenarien nicht kannten, kam der Roman als Schock. Manche hielten den jungen Lewis selbst für besessen, da er fähig war, sich solche Gewaltfantasien auszudenken, andere verstanden ihn als neuen Dante und verglichen "Der Mönch" mit der "Göttlichen Komödie", von Dante Alighieri im vierzehnten Jahrhundert verfasst. „Der Mönch“, ob gehasst oder geliebt, hat die englische Schauerliteratur stark beeinflusst. Es war ein kontroverses Werk, das geschockt hat, aber trotzdem von vielen Menschen gelesen wurde, weil sie wissen wollten, ob es tatsächlich so blasphemisch, grausam und unmoralisch war, wie behauptet wurde. Ähnliches passiert in der Literaturwelt heute immer noch.

Der Sieg der Romantik

Der Beginn des neunzehnten Jahrhunderts sieht die Abkehrung von den aufklärerischen Idealen und eine Hinwendung zur Romantik. Die Ära der Romantik ist eine Reaktion auf den Rationalismus, aber auch auf die voranschreitende industrielle Revolution und die großen Umstürze in Europa und Amerika. Die Romantik ist eine krasse Abwendung von den Idealen, die das vorangegangene Jahrhundert hochgehalten hat. Man wollte sich nicht weiter an den Idealen und Geschichten der Antike orientieren, sondern aus seiner eigenen Kultur schöpfen. Die Beschäftigung mit den Sagen und historischen Persönlichkeiten des europäischen Mittelalters, die daraus resultiert, erinnert einmal mehr an die Schauerromane und die Neugotik. Für die Entwicklung der englischen Gothic Fiction sind an dieser Stelle natürlich die Autoren und Poeten rund um den legendären George Gordon Byron zu nennen. Lord Byron gilt als führende Persönlichkeit innerhalb der romantischen Bewegung. Im Sommer 1816 hält er mit seinen Freunden eine Art Schreibwettbewerb in einer Vila am Genfer See ab. Zwei der bedeutensten Schauergeschichten der Epoche entstehen: Mary Shelley schreibt "Frankenstein", John Polidori schreibt "Der Vampyr" - den ersten Vampirroman überhaupt und den Grundstein für die Liebe zum Vampirgenre, die wir bis heute nicht überwunden haben.

Lord Byron selbst schreibt nicht nur, sein Charakter selbst wird zum Archetypus der Schauerliteratur. Sein ekzentrisches Auftreten, seine vielen sexuellen Abenteuer und sein düsteres Wesen, von einer seiner Bekannten als "verrückt, böse und gefährlich" bezeichnet, faszinierten seine Zeitgenossen so sehr, wie sie sie abstießen und Byron, sowie seine Figuren, die nicht selten ähnliche Eigenschaften aufwiesen, ging als Byron'scher Held in die Literaturgeschichte ein. Um das Jahr 1820 herum aber verlor die Schauerliteratur an Ansehen und Gewicht. Eine neue Literaturgattung hatte ihren Platz eingenommen: Die romantische historische Fiktion. Trotzdem ist dies nicht das Ende der Gothic Fiction und der Weg zu unserer modernen Grusel- und Horrorliteratur ist noch weit. Die zweite Phase der Schauerliteratur, eine Art literarische Gothic Revival also, werde ich beim nächsten Mal behandeln.

Selbst nachlesen?

Clery, E.J.: The Rise of Supernatural Fiction. 1995.

Davison, Carol Margaret: Gothic Literature. 1764 - 1824. 2009.

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